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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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Libertärer Kommunalismus 


Kriegstreiberdiskurs“ 


Chomsky-Interview 


Weltwärtschaftsgipfel 


Mannheim-Schönau 


„Drogenkrieg“ 


CHWARZER 


Lust und Freiheit 


13. Jg. 

3/92 

7.-DM 










Nacholympisches Editorial 

Barcelona, die heimliche Hauptstadt der 
Anarchisten aller Welt, stand im Zeichen 
von Olympia. "Die Jugend der Welt” war 
aber nicht zum erstenmal in Barcelona. 
Der Montjuich nicht zum ersten Mal 
"Sladionbcrg”. Arbeiter]ugcndlichc aus 
20 Ländern versammelten sich hier, um 
ab dem 18. Juli 1936 die Gegenspiele zur 
Berliner Nazishow zu bestreiten. 

Gegenspiele in jeder Hinsicht: kein 
Doping, keine dubiosen Trainer und 
Funktionäre, keine übertrainierten Mus- 
kclbcrge, kein Kindertumen, kein Spon¬ 
soring, kein Leistungsdenken, keine ein¬ 
seitig Sportart-gerccht-gezüchtclcn Kör¬ 
per. ... Sport sollte Spaß machen, sollte zu 
internationalen Freundschaften führen. 
Zweitausend kamen in Wanderschuhen 
und mit Campingausrüstung. Der deut¬ 
sche Anarchosyndikalist Augustin Souchy 
sollte eine der Eröffnungsreden halten, 
die Schweizerin Clara Thalmann hätte als 
28-jähriges Mitglied des schweizer Ar¬ 
beiter Tum- und Sportvereins (SATUS) 
an den Schwimmwcttbcwcrbcn tcilge- 
nommen und kein unerträglich daher- 
quaLschcnder Moderator hätte von einer 
M Schwimm-Oma” gesprochen. Es kam 
nicht dazu. Wie wir wissen putschten die 
Generäle gegen die Republik und viele 
Arbcitcrsportlcrlnncn sahen sich in den 
Milizen der CNT, UGT oder POUM 
wieder. 

Uns ist nicht bekannt, daß Antonio Sama- 
ranch, der "Philatelist” (laz) und Barcc- 
loncsc, irgendwann auf diese olympische 
Vergangenheit seiner Heimatstadt hinge¬ 
wiesen hätte. Im Gegenteil, sein Traum 
ging in Erfüllung," einmal in seinem 
Leben" die Olympiade nach Barcelona zu 
holen. Sic haben alle kein Gedächtnis, der 
chcmal ige Sportfunktionär Francos natür¬ 
lich erst recht nicht. Friedlich sitzen sic 
zusammen auf der Ehrentribüne: Sama- 
ranch. Fidel, Wcizäcker, Mandela usw. 
usf. Diesmal ist alles in bester Ordnung: 
Beweis, cs gibt keinen Boykott. Südafrika 
macht wieder mit, die Serben sind dabei 
und sogar der Daucrboykotlcur Kuba. 

1936 gab cs einen Boykott: Spanien 
war neben der Sowjetunion das einzige 
Land, das 1936 die Nazishow boykot¬ 
tierte. Ob Samaranch daran gedacht hat, 
daß der Begründer Jugoslawiens, Tito, 
unter den Arbcitcrsportlcm war, als er die 
Vertreter "Rest-Jugoslawiens" zu Einzel¬ 
starten! um funktionierte? 

Meist lassen die Medien keine Gclc- 
genheitaus, Bezüge hcrzustcllcn, diesmal 
nutzten die schönsten Parallelen nichts. 
Es blieb still um dieGcgcnolympiadc,die 
doch fast in derselben Woche eröffnet 
worden wäre, wie die diesjährige. Noch 
nicht einmal bei der als avantgardistisch 


bezeichnentcn Eröffnungsfeier kam je¬ 
mand in den Sinn, an die geplante Eröff¬ 
nungsfeier 1936 zu erinnern, auf der die 
Arbcitcrsportlcrlnncn eine aus Menschen 
geformte Friedenstaube Picassos darstel- 
len wollten. 

Die Idee der Gcgcnspielewurdc auf einer 
Konferenz des "Internationalen Komitees 
zur Wahrung des Olympischen Gedan¬ 
kens" in Paris entwickelt. Mitglieder die¬ 
ses Komitees waren u.v.a. die deutschen 
Schriftsteller Emst Toi ler, Heinrich Mann 
und Lion Fcuchtwangcr. Aufgegriffen hat 
diese Idee der spanische Arbeitersport- 
vercin unterseinem Vorsitzenden Andres 
Martin. Die Spiele sollten unter anderem 
ein "Massenmeeting gegen den Krieg" 
(Souchy) sein, an ihrer Stelle begann der 
spanische Bürgerkrieg. Einige Sportler¬ 
innen reisten mit einem französischen 
Schi ffsofort wieder ab (Clara Thal mann), 
die Mehrzahl blieb. 

Und ganz nebenbei: viele hatten sich 
über die Politik der französischen Volks¬ 
front während des Bürgerkriegs Illusio¬ 
nen oder falsche Hoffnungen gemacht, an 
der Frage der Olympiade hätten sie die 
taktische Politik früh fcstmachen können: 
die französische Volksfront nahm an bei¬ 
den Olympiaden teil , steckte allerdings 
wesentlich mehr Geld in das Berliner 
Unterfangen. 

Storni im Wasserglas 

Ein öffentlicher Protestaufruf (als Doku¬ 
men t am Ende dieser A usgabc abgedmck t) 
gegen die Redaktion des Schwarzen Fa¬ 
dens, initiiert von Jochen Schmück (Liber- 
tad-Verlag), Jochen Knoblauch (Ex- 
AurorA-VcrlagsausIicfcrung) und An¬ 
dreas Müller (Rundbrief Anarchismus¬ 
historiker) und unterschrieben von fast 
allen anarchistischen Verlagen und Initia¬ 
tiven Berlins - einschließlich der neuen 
Berlin-Auslieferung des SF-scheint auf 
ein gravierendes Fehl verhalten der Redak¬ 
tion hinzudeuten. Schon werden die Toten- 
glockcn für diese langjährige Zeitschrift 
geläutet: „vom politischen Selbstmord“ 
ist in dem Aufruf die Rede, eine unter¬ 
schreibende Gewaltfreie Aktionsgruppc 
aus Berlin spekuliert gar mit einer Boy¬ 
kottkampagne. Das große Wort vom poli¬ 
tischen Selbstmord wird im Protcstschrei¬ 
ben in bezug auf einen Redakteur, der 
zufällig das Gros der Post erledigt, sogar 
noch an einem Namen fcstgcmacht: 
n Wolf gang Ilaug (und wer auch immer 
noch die Redaktion des SF trägt) ist drauf 
unddran, einen solchen politischen Selbst¬ 
mord zu begehen Starker Tobak als 
Reaktion auf zwei Artikel, die eher zum 
Beiwerk der Ausgabe Nr.41 gehörten. 
Diskussionen, vor allem aktuellere, hät¬ 
ten sich eigentlich an anderen Artikeln 
entzünden müssen... 


Doch eines verschweigt der Protest¬ 
aufruf: den eigentlichen Ablehnungs¬ 
grund für die Kritiken am Artikel Arno 
Materbruggers und der Rezension Gregor 
Dills. Die Redaktion des SF stieß sich am 
Stil, an der persönlichen Herabwürdi¬ 
gung der Autoren , ohne den keiner der 
eingesandten Beiträge auskommen 
k° nrUc - Allein des halb lehnten wir diese 
Beiträgeab und di e Initiatoren des Protest- 
aufruf s wissen dies ganz gemp i Daß sic 
mit keinem Wort auf diese Tatsache ein- 
gehen, spricht für sich und sie müssen ihr 
Verhalten denjenigen gegenüber recht- 
fertigen, denen sie mit Halbinformationen 
Unterschriften entlockten. Wenn wir 
unsererseits im SF-42 diese Ablehnung 
öffentlich vor allem mit unseren Platz- 
problcmen begründet haben, rückten wir 
diesen zweiten Grund.aus (zugegebener¬ 
maßen falscher) Rücksichtnahme auf die 
Kritiker und aus unserer Absicht kein Öl 
ins Feuer zu gießen zu eindeutig in den 
Mittelpunkt. Wer zwischen den Zeilen 
lesen wollte, konnte zwar herauslesen, 
daß für uns der „Stil“ das Problem aus- 
machte. Ähnlich vorsichtig war dies auch 
in der zusammen fassenden Einleitung 
(vom 22.5.) der kopierten Materialien zu 
lesen, wenn von „schwachem Niveau“ ! 
die Rede war. 

Uns ist inzwischen klar, daß wir es den 
Kritikern recht leicht gemacht haben, vom 
eigentlichen Ablehnungsgrund abzulcn- 
kcn. Anstatt uns eine verbesserte sach- 
1 ichc Kritik anzubieten, starteten die Kri¬ 
tiker eine „ Solidarisier ungskampagne für 
eine offene Auseinandersetzung überden 
Beitrag Maierbruggers” ... - nun, diese 
Forderung hätten wir auch unterschreiben 
können! 

Bei all den Auseinandersetzungen ha¬ 
ben wir die Sclbstgercchtigkcit der Kriti¬ 
ker unterschätzt, die mit ihrer Vorgehens- 
wcisc Reaktionen anderer herausgefor¬ 
dert haben, zu denen wir leider nicht mehr 
moderat schweigen können. 

Was wirklich passiert ist und wie hier 
konstruiert wurde, darauf gehen wir am 
Ende dieser Ausgabe ausführlicher ein. 
Trotzdem halten wir fest: wir sind un¬ 
interessiert an solchen persönlich gefärb¬ 
ten Streitereien im SF und halten diese 
Seilen, die wir diesmal dafür zur Ver¬ 
fügung stellen müssen für Verschwen¬ 
dung. Es ist verlorener Platz für einen 
über alle Maßen aufgeblasenen Konflikt 
und cs bleibt eigentlich nur die Frage: 
welche Motive stecken eigentlich dahin¬ 
ter? 

Die SF-Redaktion: Wolfgang Ilaug, Fri 
Kamann, Peter Reichelt, AndiRies, Herby 
Sachs und Kai Twelbeck 






3 


Impressum: 

HERAUSGEBER: SF-Rcdaktion/Trotzdcm- 
V erlag 

V-LS.d.P: Herby Sachs, Moosweg 165, 5090 
Leverkusen; namentlich gezeichnete Beiträge 
stehen unter der Verantwortlichkeit der Ver¬ 
fasserinnen und geben nicht die Meinung der 
erausgeber oder gar des prcsscrcchtlich 
v crantwörtlichen wieder. 

Verlag, Satz, Vertrieb und ABOs: Trotzdem- 
crla ß’ Grafenau; Druck und Weilcrvcrarbci- 
lUn ß : Druckcoopcralive Karlsruhe. Gedruckt 
auf 100% Altpapier. 

Mitarbeit: Der SF versucht eine Mischung 
aus aktuellen politischen Ereignissen, anar- 
c istischcr Diskussion, Aktualisierung libcr- 
tarer Theorie, Aufarbeitung freiheitlicher 
cschichtc und Beiträgen, die sich mit Kul- 
^•kritik oder einer Kultur von unten befassen. 
—I2£csandte Ari ^cl sind erwünscht , speziell 
solche von Augenzeuginnen aktueller Ercig- 
nissc ’ c ’ nc analytische Aufarbeitung ver- 
SUc ^cn. Leute, die regelmäßig bestimmte 
* rem dsprachi ge Zeitschriften lesen, sollen uns 

lcs mitlcilcn imd uns Artikel zur Übersetzung 
^orschlagcn. Allgemein bevorzugen wir 
arnentlich oder von Gruppen gckcnnzcich- 
c o ei träge. Telefonische Vorabsprachc von 
oiträgcn ist sinnvoll; Photos, Grafiken etc. 
in erwünscht. Pseudonyme sind möglich, 
enn der Redaktion die Urheberinnen be¬ 
gannt sind. 

Neue Technologie”: Wer selbst oder über 
njs an IBM- (xlcr Apple Macintosh Compu- 

au r nsv mnU ’ kann (und soll! ) uns die Artikel 
Disketten zuschicken. Sie sollten 

bc h? Cm Tcxtvcrarbcil ungssystem Word 
arbeitet sein. Für uns würde cs erhebliche 

FnH° ll !i CrlCl . ChlC ^ lnßcn Leuten, 
dnn * 4 - akdon: Übercincn Abdruck cntschci- 
snn \? ,larbcilcr Innen der Redaktion; ein An- 
c i auf Veröffentlichung bestellt nicht, 
stell ° rarC ^ c ‘ bcn auch unsere Wunsch vor- 
den Un ^’ Ausnah ™™ können wir machen, in 
m wir gegen Vorabsprache z.B. die„Ancr- 
nn un g S | 1 ° n ^ rar c , ( Ry-aufwendige Interviews, 
bc zahlc^ ra ^^^ Cn c)dcr hüigcre Übersetzungen 

|achd rucke: von Texten und Photos sind 
cr wüns l C ^ Cnan ^ a b C und Belegexemplare 

tum* e * ex e m P1 a r e bleiben solange Eigen- 

„ i Cs ^ cr lags, bis sieden Gefangenen aus- 
an jgt sind . Eine “Zur-Habe-Nähme” ist 
J^mc Aushändigung! 

-rsc ei nungs weise: vicrteljülirlich. Ungc- 
^ ichncte Photos aus dem SF-Archiv. 
B e . 0r | nements S eb ühren:25-für4Nummern 
lc ^ dun ß im voraus. Mit der letzten bezahl¬ 
te 't Ummcrn erhalten Abonennten eine neue 
nie} mUn ^ (bc nächsten 4 Nummern; wer 
^achr* C j r ^ in ^ Cni wid ’ scb i ckc ims ei nc kurze 

o' n/c, nummcr:7.-DM 
s “ndcmummcr Arbeit: 5.-DM 
^ n Crnu uimer Feminismus : 6.-DM 
] 2 )^Nostalgie (SF Artikel aus Nr.O- 

orderabo; 60.-DM (8 Nummern) 
20°DM äCl<Cllen ^ abc Nummern nach Wahl): 

icdervcrkäufcrlnnenrabatt: 30 % 


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6,5 cm) 100.-; 1/4 Seite (8,5 x 13,5cm) 200.-; 
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DM. Beilagen: 30Ö.-DM. Dauerkunden erhal¬ 
len 30%.Rabatt!! 

Redaktions- und 
.ABOanschrift: 
Schwarzer Faden, 
Postfach 1159, 7043 Grafenau, 
Tel.: 07033-44273; 

Fax 07033-45264; 

ISSN: 0722-8988. 
Weiterer Redaktionskontakt: 
Herby Sachs, Moosweg 165, 
5090 Leverkusen 

Redaktionsschluß für N'r. 44(4/92): 5.11. 
Anzeigenschluß Nr.44 :1.1I. 

Inhalt NR.43 


Editorial 2 

Impressum 3 

Sachs: Weltwirtschaftsgipfel 4 

MA-Schönau . 7 

Verseck: Abschiebelager Ungarn 15 

Roma-Vertreibung (Rez.) 17 

Castoriadis: Autonome Gesellschaft 18 

Bookchin: Liberi. Kommunalismus 20 

Noam Chomsky-Interview 26 

Schönberger: Kriegstreiberdiskurs 34 

Kurzes 42 

Ries:"Drogenkrieg" 43 

Telegraph 51 

Leserbriefe 53 

Hug: US-Anarchisten (Rez.) 57 

Bücher 59 

M Wir protestieren!" 61 

Unterschriftenliste gegen den SF 62 

SF-Stellungnahme 63 

Maierbrugger-Kritik 70 

Timm-Leserbrief 74 

Dill-Antwort 75 


SF-Spendenliste: Wir danken allen Spen¬ 
derinnen, die uns immer wieder aufgcrundclc 
Beträge überweisen. Da einige auf Wunsch 
ungenannt bleiben wollten, haben wir die Praxis 
vorerst ausgcsctzl, Kürzel zu veröffentlichen. 
Falls gegenteilige Wünsche gc-äußerl werden, 
wollen wir damit fortfahren und die 
Spenderinnen bitten, uns mitzutcilen, wenn 
sic nicht veröffentlicht werden wollen. 



Monatliche Dauerspenden zur "Verbrei¬ 
tung von Chaos und Anarchie im vereinten 
Deutschland": 

F.-J.M., Dortmund 5.-; A.R., Paderborn 10.-; 
W.F., Berlin 10.-; T.P., Köln 10.-; E.T., Bre¬ 
men 10.-; R.M, 20.-; N.H., Nürnberg 25.-; 
T.D.L., Berlin 30.-; M.R., Frankfurt 25.-; T.A., 
Hersfeld 15.-; V.S.,20.-,H.W.M., Westerland 
20.-;^U.S., Bremen 15.-; 


Titelphoto+Rücktitel: 
Hacky Hagcmcycr/Transparcnt 
Herby S ac hs/Tran spare n t 
Umbruch-Bildarchiv 





Die herrschende Weltordnung 
stellt sich zur Schau 
oder Polizeistaat Deutschland 

v von Herby Sachs 


iAm Dienstagmorgen, dem zweiten Tag 
des Wellwinschaftsgipfel in München 
überstürzte sich die örtliche Presse mit 
Schlagzeilen wie “Jagdszenen aus der 
Residenz” (tz-München),”Gipfel brutal- 
Eine Schande für München”-”Der Tag 
der. Greifer” (az-Münchcn) oder “Fest¬ 
nahmen wegen Buh-Rufen”-”Ein bruta¬ 
ler Polizeieinsatz der Polizei empört 
Bürger und ausländische Beobacher”(az) 

Wer die Zeitungen in diesen Tagen 
aufschlug, konnte Bilder von Prügel Sze¬ 
nen in allen nur möglichen Variationen 
sehen. Vorder Presse sprach selbst Mün¬ 
chens Oberbürgermeister Ude (SPD) von 
“unglaublichen und beispiellosen 
Vorgängen...Dieser Ablauf ist eine 
Mischung von peinlich und martialisch”, 
oder der Korrespondent der Frankfurter 
Rundschau faßt das, was er in den letzten 
Tagen erleben mußte unter dem Motto 
“Ausnahmezustand” zusammen. 

Die Presse hatte ihre Bilder, ihren 
handfesten Skandal, 4000 Pressevertre¬ 
terinnen waren nicht umsonst in Mün¬ 
chen. Klar war schon im Vorfeld, daß an 
konkreten Ergebnissen über den Welt¬ 
wirtschaftsgipfel nicht viel zu berichten 
sein wird, außer vielleicht der Tatsache, 
daß Frau Mitterand knapp einem Attentat 
in Kurdistan entgangen ist, wobei von 
ihren zwei toten kurdischen Begleitern 
nicht gesprochen wird, dem aschfahlen 
Ehemann Mitterand, der gleichzeitig mit 
einem militanten Streik der LKW- Fahrer 
kämpfen mußte. 

Die andere Variante, die Klatsch und 
Tratsch Journaille konnte sich nicht so 
richtig entfalten. Das gefundene Fressen 
stand diesmal nicht auf dem Tisch in der 
Münchner Residenz, sondern fand tat¬ 
sächlich auf der Straße statt, auch für die 
Medien. Immerhin konnten die Medien 
so die 111 usion aufrechterhalten, daß wir in 
einer Demokratie leben, die sich über 
staatliche Übergriffe zu empören weiß. 

Die Empörung über die Ereignisse in 
München, die in den Tagen des WWG in 
München geäußert wurde, kam reichlich 
spät, denn die Übergriffe waren die kon¬ 
sequente Fortsetzng einer Kriminalisie¬ 
rungsstrategie, die schon seit Monaten 
versuchte, Kritik und Widerstand aller 
Art im Keim zu ersticken. 

So wurden mehrere inhaltliche Vorbe¬ 
reitungstreffen zum Weltwirtschaftsgipfcl 
in Nürnberg und München von baye¬ 
rischen Sondereeinsatzkommandos bru¬ 
tal aufgelöst. 

“Wir haben Freunde, 
ihr habt keine !” 

Trotz allem konnte dasMünchner Bündnis 
schließlich zu einem Gegenkongreß, einer 
Demonstration und Aktionstagen gegen 


den WWG einladcn. Der Gegenkongreß 
allerdings, zu dem mehr als 60 inter¬ 
nationale Rcfcrcntinnen aus aller Welt 
eingcladen worden waren, wurde von der 
Uni-Lcitung, und bestätigt durch zwei 
Instanzen des Verwaltungsgerichts mit 
Begründungen verboten, die an den 
Haaren herbeigezogen und das Papier nicht 
wert sind auf dem sie geschrieben stehen. 
Der Kongreß fand deshalb nicht wie 
geplant statt, sondern mußte in Kirchen¬ 
räume ausweichen, die über die ganze 
Stadt verteilt waren. 

Vorausgegangen waren heftige Aus¬ 
einandersetzungen in der Vorbereitungs¬ 
gruppe, ob nicht versucht werden sollte 
die Uni-Räumlichkeiten zu besetzen. Am 
Freitagabend, dem Beginn des Kon¬ 
gresses, fand dann mit knapp 2000 
Teilnehmerinnen eine Protestdiskussion 
vor den offen stehenden Türen der Uni¬ 
versität statt. Das Münchner Bündnis 
konnte sich nicht über die weitere 
Vorgehensweise einigen. Ergebnis des mit 


großen Worten geführten Palavers vor 
der offenstehenden Uni war Jedoch mehr 
als eine Schlappe. Eine schon vorher 
geplante, spontane Demonstration sollte 
gegen das Verbot der Räumlichkeiten 
protestieren. Die Konfrontation mit der 
S taatsmacht wurde so um ein paar S tunden 
verschoben, der Kongreß hingegen fand 
faktisch nicht statt Auch wenn da und 
dort, über die ganze Stadt verteilt, einige 
interessante Diskussionen über Rassismus, 
politische Gefangene und fünfhundert 
jährige Kolonisation in völlig überfüllten 
Kirchenräumen geführt worden sind, Fakt 
war, daß die Möglichkeit einer gemein- 
samen Kommunikation ,ein inhaltlicher 
Diskurs verhindert wurde. Der während 
des Abschlußplenums von einigen Red- 
rinnen herbeizitierte Erfolg des 
Kongresses war jedoch in Wirklichkeit 
ein politischer Bumerang. Daß die Defi¬ 
zite der gesamten Kampagne 92, die 
fehlende Schubkraftundpolitische Mobi¬ 
lisierung, die mangelnde Diskussionskul- 



Herby Sachs/Tran sparen t 










Ur *uncl politische Orientierung keinRevi- 
a der IWF-Wcltbanklagung hervor- 
nngen würde, war schon im Vorfeld 
^»iGnsichü ich. Aber die Tatsache, daß sich 
lc crluilinissc in diesem Land in den 


letzten 


Vicr Jahren ein wenig geändert 


a cn - w icgt viel schwerer als eine man- 
c ndc radikale Kritik an den vor- 
fehf tCn< ^ Cn Kampagnenaktivitäten. Es 
p 1 c * nc politische Kritik an der 
nar r SChafl ! ichcn Entwicklung und 
^ Ur lc ^ nicht zuletzt eine soziale 
Regung auf die sich die Anti-WWG 
^npngnc beziehen konnte, 
geh CinCf ^zweistündigen Auflaklkund- 
q Un S begann am zweiten Tag des 
d c CS T 8ipfclS dic Gr oßticmonstration auf 
* ar * cn platz. Schon bei der Demon- 
^Ur am ^ 0rta ^ von ^ cr Universität 
Hscl Uj<as Kirche zeigte sich das martia- 
heP 0 P °^ zc ' au fß c bot in München: bc- 
bild^ 10 Und sc ^ lwcr bewaffnete Greiftrupps 
t j nn CtCn ^P a bcre um die Dcmonslran- 
“U Cn Un d die berüchtigten bayrischen 

ProT rStÜlZUn8Skommandos “ (USK) 

Q^. V ° z ^ Crlcn immer wieder. Zahlreiche 
fühI| CaUS ^ S * Cn ’ ^frikaund Lalcinamerika 
. Cn s ^ c b an die Diktaturen in ihren 
^natländcrn erinnert. 
pl a J C 11 nur den Zugang zum Marien- 
te n J - dCm Kundgebungsort, kontrollicr- 
Wa r IC ^K-Einhcilcn, auch mittendrin 
Cn nc bcn immcrcrkcnnbarcn Polizei¬ 


spitzeln eine Fülle provozierender 
Beamter der Sondcrcinsatzkommandos. 

Trotzdem ließen sich 20000 Demon¬ 
stranten nicht daran hindern ihren Protest 
in die Öffentlichkeit zu tragen. Schon 
nach wenigen Metern jedoch wurde der 
Demonstrationszug von den Spalier lau¬ 
fenden Einsatztruppen aus allen Bundes¬ 
ländern behindert und aufgchaltcn. 
Einzelne wurden aus dem Demozug 
hcrausgezerrt, verprügelt und fcstge- 
nommen. Besonders brutal g ing dic Polizei 
dabei gegen den Frauen - und Lcsbenblock 
vor. DcranachronistischeZug mitseinem 
Wagen wurde herausgegriffen, eine dar¬ 
stellende Personen geschlagen und ver¬ 
haftet. Es gab Verletzte und 48 Verhaf¬ 
tungen. Trotz aller massiven Übergriffe 
gelang es den Demonstrantinnen ge¬ 
schlossen zum Ort der Abschlußkund¬ 
gebung zu gelangen. 

Höhepunkt der Polizcieskalation war 
dann das Vorgehen beim offiziellen Em- 
pfangderGipfeltcilnehmerdurch Kanzler 
Kohl auf dem Max-Joseph- Platz am 
Montagmorgen. Zwar war öffentlich zur 
“ Begrüßung “ der sieben Staatschefs am 
Rande des militärisch abgeschirmten 
Platzes eingeladen worden, doch sollten 
offensichtlich nur Jubelmassen zugelas¬ 
sen werden. Als jedoch dic Mehrheit der 
etwa 1500 Zuschauerinnen die vorfahren¬ 
den Regierungschefs mit Pfiffen, Buh- 


Rufen und Sprcchchörcn empfing, wur¬ 
den sie von hunderten uniformierten 
Schlägertrupps und Zollbeamten der 
Polizei vom Platz geknüppelt und in einer 
benachbarten Straße eingekesselt. Drei 
Stunden blieben einige hundert von ihnen 










SBi 




in derprallcn Sonne eingepfercht. Schlie߬ 
lich zerrten immer neu anrückende Greif¬ 
trupps die Festgehaltenen aus dem Kes¬ 
sel, wobei viele geschlagen ,an den Haa¬ 
ren gezogen, getreten, gefesselt und mi߬ 
handelt wurden. Es gab zahlreiche Ver¬ 
letzte und insgesamt 482 Verhaftungen. 

Um Bilder und Berichte über diese 
Vorgehensweise der Polizei zu verhin¬ 
dern, gingen einzelne USK’lcr gezielt 
gegen Journalistinnen vor. 

Obwohl die Polizei versuchte, die Fest¬ 
genommenen in Unterbindungsgewahr¬ 
sam zu nehmen, um sie bis zum Gipfel¬ 
ende in Haft zu halten, mußten alle am 
Abend freigelaissen werden. 

Trotz dieser Repressionsmaßnahmen 
gingen die Proteste gegen die Politik der 
Gipfelstaaten auch an den folgenden Tagen 
weiter, selbst wenn schon Stunden nach 
der massiven Kritik am Vorgehen der 
Polizei weitere Übergriffe der USK’ler 
fcstzustellen waren. 

Die Aktionstage waren viel eher “ 
winziges Sandkorn im System “, wie es 
im Aufruf zur Demonstration in München 
hieß, als vorher zu erwarten war. Gemes¬ 
sen an der Schwierigkeit oder auch Un¬ 
fähigkeit die momen tanc gescllschaftl iche 
Situation in ihrer Brisanz beschreiben und 


analysieren zu können, waren die Triller¬ 
pfeifen von München ein gigantischer 
Erfolg,selbst wenn vicleTcilnchmcrinncn 
stetig den Eindruck hatten sich auf dem 
Weg ins tiefschwarze Loch zu befinden. 
Der unheiligen Allianz aus rechtem 
Populismus, Polizeistaat und technokra¬ 
tischem Industriesystem wie er sich in 
Bayern zeigte, konnte immerhin mit Buh- 
Rufcn an den Karren gcpinkelt werden. 
Auf welcher Demonstration in der letzten 
Zeit finden sich 5-siclligc Zahlen von 
Teilnehmerinnen. Doch cs bleibt der bit¬ 
tere Nachgeschmack eines gnadenlosen 
Katz - und Maus Spiels. 



|1 Mk JSBL^ r Internationale wissenschaftlich« 
I ^ orres P° nc * em *urGeschichte 

" » «r ■ ^ der deutschen Arbeiterbewegung 


Im Aufträge der Historische*) Kommission ztii 
Berlin herausgegeben von Henryk SkrzypczaÜ 

Die IW K erscheine 1992 im 28. Jahrgang 
Heft 2/92 enthält: 

Lothar Macht an: Hans Rothfels und die An* 
länge der historischen Sozialpohtikforsehung 
in Deutschland 

Voi kl r Um.kich: Die frühe Opposition in der 
Hamburger Arbeiterbewegung 1914/15 

Ol KHAKI) Mi n i R: Der Bund prolet arisch -revolu- 
tionarer Schriftsteller in Wiesbaden. Inter¬ 
views mit ehemaligen Mitgliedern 

Ra in ir Le Kl-KT: Vergangenheitsbewältigung 
oder überwältigt uns die Vergangenheit? 

Außerdem: 

Verzeichnis laufender B : orschungs- und Publika¬ 
tionsvorhaben; Tagungsbericht; umfangreicher 
Rezensionsteil. 

Preise: Jahresabo (4 Hefte) DM 67,- plus DM 3,- 
Versamfkosten; Linzeiheft DM 20,-plus DM 1,50 
Versandkosten; Jahresabo für Studierende, an¬ 
dere Azubis, XDLer, Wehrdienstleistende und 
Arbeitslose DM 40,- plus DM 5,- Versandkosten; 1 
Linzeiheft DM 15,-plus DM 1,50 Versand kosten. 

Der Preis der noch lieferbaren älteren Hefte ein-, 
schließlich H. 4/1987 beträgt DM 5,- pro Heft 
hzw. DM 20,- pro Jahrgang zzgl. Versand kosten.! 

Bitte richten Sie Ihre Bestellungen an: 

1 WK-Redaktion, Kirchweg 33, W-1000 Berti n 38 
Telefon: 030/816001 41 oder 030/816001 0 
Telefax: 030/816 001 34 


Photo: Umbruch-Bildarchiv 











Dieser Text wurde geschrieben als 
Grundlage für eine Diskussion eini- 
ger Ludwigshafenerlnnen. 

Dr ist entstanden in unseren Diskus¬ 
sionen über die Angriffe auf die Asyl¬ 
bewerberinnen in Mannheim-Schönau 
Un d die Aktionen dagegen. Er hat nicht 
den Anspruch, ft den Rassismus” oder 
die staatliche Asyl - und Einwande- 
run gspolitik umfassend zu erklären. 
Dr soll aber dazu beitragen, die Icon- 
knete Situation besser zu verstehen, 
Um künftige Angriffe dieser Art akti - 
Vcr und effektiverbekämpfen zu kön- 
nen . Versteht diesen Text nicht als 
Q bgeschlossen und auch nicht als 
Produkt einer Partei oder einer poli- 
tlsc -h homogenen Gruppe. Versteht ihn 
a ls Aufruf zu diskutieren. 


Mit der Demonstration am 13.6. w 
*ur viele die “Affäre Schönau” gegessc 
Aber cs bleibt ein zwiespältiges Gcfül 
^* nc gewisse Erleichterung darüber, d; 

* c ^emo wider Erwarten nicht zusar 
^ngcknüppcll wurde und der “Sch 
naucr Mob” momentan (!) Ruhe git 
^mindest nicht mehr in großer Zahl v< 
Cm Flüchtlingslagcraufläuft. Diese E 
Cl chterung hat allerdings noch eine ai 
Crc Wurzel: viele waren unzufrieden m 
en Aktionen (mit ihrer politische 
u srichtung und ihrem praktischen Vei 
au 0> nicht zu übersehen wareine gewiss 
üische und praktische Hilflosigkc 
genüberdem-SchönauerM°b”,geg c r 
r dcrPolizei,gcgcnüberderstaatJichc 
n - °P a ganda....Untcrdcm Druck der Ereig 
m 1Ssc War cn wir und viele andere, die siel 
Bauchschmerzen beteiligten, einge 
^mmt zwischen den verschiedenen Strö 
^ Un gen des Antirassismus/-Antifaschis 
US ’ Xvy ischcn dem Konzept der “Straf 


expedition” (“Zerschlagt den deutschen 
Mob”), zwischen einer Flüchtlingspoli¬ 
tik, die sich nur aus einer moralischen 
Parteinahme für die Schwächeren speist 
und in der Konsequenz in die alternative 
Sozialarbeit mündet und zwischen einem 
Antirassismus, dessen praktisches Ziel die 
reibungslose Integration “der auslän¬ 
dischen Mitbürgerinnen” in die kapita¬ 
listische Gesellschaft ist, an der er offen¬ 
sichtlich keinerlei grundlegende Kritik hat 
Auf viele Leute, die handeln wollten, 
wirkte das taktierende Hickhack der ver¬ 
schiedenen Gruppen und Organisationen 
auf den Versammlungen abstoßend. In 
der Zerfahrenheit der meisten Aktionen 
und Demos konnte mensch sich nur schwer 
zurechtfinden, verstärkt dadurch, daß die 
konkreten Entscheidungen von einigen 
Wenigen hinter den Kulissen und für viele 
nichtnachvoIlziehbarstattfanden.Eswäre 
aber zu kurz gegriffen, die verschiedenen 
Bewegungen und Aktionen der letzten 
Wochen auf die IdeologiederFlugblätter 
und der Redebeiträge und auf die Ent¬ 
scheidungen der Wortführerlnnen zu 
reduzieren. Schließlich ist das, was heute 
in der Gesamtheit als antifaschistische/ 
an ^rassistische Bewegung erscheint keine 
homogene und kompakte Einheit Wir 
denken, daß diesubjektiven Beweggründe 
vieler Menschen, die sich an den Demos 
beteiligt haben, verschieden sind von 
dem, was letztlich der öffentliche Aus¬ 
druck war. Und darüber raus, daß diese 
BeweggründeoftmalspoIitischersind,ein 
höheres Maß der Kritik am Bestehenden 
beinhalten als das, was sich in den stereo¬ 
typen Anti-ismen äußert 
Ein paar Beispiele sollen dies verdeut¬ 
lichen: 

- diealte Frau,diesich lautstark milden 
hungerstreikenden Asylbewerberinnen 


auf der Breiten Straße solidarisierte, ist 
nicht einfach “gegen Rassismus” und “für 
gleiche Rechte”. Sie arbeitet in einer 
Schnellfresse; als sie sich den Arm gebro¬ 
chen hat, stellten sich die immigrierten 
Kolleginnen auf ihre Seite, gegen den 
Druck der Geschäftsleitung und einiger 
deutscher Kolleginnen. Ihre Solidarität 
speist sich nicht aus der “Moral der guten 
Menschen”, auch nicht aus dem Grund¬ 
gesetz, sondern explizit aus einer Erfah¬ 
rung des Konflikts mit der alltäglichen 
Ausbeutung. 

- der Punk, der die Nazis bekämpfen 
will, hat ganz materielle Gründe für seine 
Solidarität mit den Flüchtlingen; er ver¬ 
teidigt seine Verweigerung der kapita¬ 
listischen Normen, seine Kritik an der 
Verlogenheit dieser .Gesellschaft, letzt¬ 
lich eine ganze Lebensweise, die von den 
Nazis ebenso angegriffen wird wie die 

AsyIbewerberInnen...SoIidaritätistfürihn 

weit mehr, als eine Frage der Moral. 

- die Schülerin, die die Schnauze schon 
voll hat, bevor der sogenannte Emst des 
Lebens begonnen hat und die begreift, 
daß derselbe Staat, der die Flüchtlinge in 
die Lager sperrt, sie selbst letztendlich 
hinter die materiellen und immateriellen 
Mauern des “Emst des Lebens” sperren 
will. 

- letztlich basierte ein großer Teil der 
Demo am 13.6.. auf einer spontanen 
Mobilisierung; niemand weiß so genau, 
woher urplötzlich die vielen Leute ka¬ 
men. Zweierlei ist aber unbestreitbar: 

Erstens waren es sehr viele Menschen, 
die nicht zu den traditionellen Scenes der 
Linken, der Antifa und den Antirassis- 
mus-Zirkeln gehören. Es gehörte nach 
dem Gemetzel am Samstag vorher eine 
gehörige Portion Mut dazu, auf die Straße 
zu gehen. Ohne die Brutalität des Bullen- 




















§j l r 


'Stop' 


f?U£h8$ tt 

und Üßst 




In diesem Zusammenhang 
kritisieren wir einige Darstel¬ 
lungen in den Publikationen 
derIJnken. 


einsatzes gegen uns und die offensicht¬ 
liche Verharmlosung der Angriffe auf die 
Asylbewerberinnen durch die Presse, 
wären diese Menschen zwar nicht auf die 
Straße gegangen. Aber der Antrieb dazu 
resultiert sicherlich auch aus einer umfas¬ 
senderen Unzufriedenheit mit den Ver¬ 
hältnissen. 

Zweitens werden sich die meisten die¬ 
ser Menschen nicht am Punkt Antirassis- 
mus organisieren. Zum einen weil sich 
der Antirassismus/Antifaschismus allen¬ 
falls auf einen Bruchteil ihrer Realität, 
ihrer Konflikte in der Maloche, in ihren 
Beziehungen, in der Familie, in iWer 
Clique...bezieht, wenn überhaupt Zum 
anderen fehlt überhaupt die Bereitschaft 
sich zu in den traditionellen Formen poli¬ 
tisch zu organsieren. Es würde in diesem 
Rahmen zu weit führen, wieso unter den 
Jugendlichen und den Arbeiterinnen die¬ 
se Bereitschaft kaum da ist 

Wir denken, daß es sehr wichtig für ein 
zukünftiges Vorgehen ist, unsere Aktio¬ 
nen ohne Schönfärberei zu kritisieren, j 

So stimmen wir nicht mit “den Frank- 
furterlnnen” überein,dieaufeinem Rede¬ 
beitrag behaupteten,. t( wär hätten die 
Pressesperre durchbrochen” Vielmehr 
war es so, daß “unsere” Aktionen von der 
bürgerlichen Presse weitgehend in eine 
reaktionäre Propaganda eingebunden 
wurden, deren Kern etwa so aussah: 
Asyllager - Chaoten * Gewalt - Polizei- 
Ruhe. Die Taktik der Verantwortlichen, 
mit der Hetze gegen die “Chaoten, Ge wal t- 
täter und Politrocker” vom eigentlichen 
Konflikt auf der Schönau abzulenken, hat 
weitgehend funktioniert. Zweitens müs¬ 
sen wir uns eingestehn, daß (zumindest in 
der unmittelbaren Situation) nicht “wir” 
der Schutz für die Asylbewerberinnen 
waren, sondern die Polizei. Der “Schutz” 
war also eine - wenn auch wertvolle und 
solidarische - trotzdem weitgehend sym¬ 
bolische Geste. Ganz konkret ist es jetzt 
für jede/n einzelne/n Asylbewerberin im 
Alltag hundertmal gefährlicher als in den 
meisten Situationen der letzten Wochen. 
Es ist nicht auszuschließen, daß “das 
nächste Mal” die Bullen und der Staat 
eine andere politische Linie fahren und 
eben nicht da sind. In dieser Situation ist 
es nötig dem Mobdie Herrschaft über die 
Straße zu entziehen. Dazu ist es wichtig, 
den “Mob” sehr genau einschätzen zu 
können. Das duldet keine Verein¬ 
fachungen und Pauschalisierungen und 
Übertreibungen. I 












der zeitweilig mit drei Hundertschaften 
präsenten Polizeikräfte, konnten Angriffe 
nicht verhindert werden. Es wurden 
mehrere Scheiben des Wohnheims einge¬ 
worfen und cs gelang einer Gruppe von 
Faschisten, trotz der angeblichen ( Her¬ 
vorheb. von uns) Schutzmaßnahmen der 
Polizei, nachts ein Loch in den Zaun zu 
| schneiden und in das Gelände einzu- 

| dringen ” Diese Darstellung ist zumin- 

j dest mißverständlich: sie suggeriert eine 
I Situation, in der drei Hundertschaften 
I Bullen (!) die Lage nicht im Griff haben 
und damit eine Stärke, Entschlossenheit 
und Organisicrthcit “der Schönauer- 
Innen”, wie sic s o nicht da war. Der 
Mob”, wie er wirklich war, war schlimm 
genug - wir müssen das nicht übertrei¬ 
ben. 

Drittens ist cs so, daß das anfängliche 
Ziel der Demo, die “Vertreibung des 
1 Mob’s von den Straßen“ nicht erreicht 
wurde. ( Was zudem ein recht wider¬ 
sprüchliches Ziel ist, denn wie will man 
die Bewohnerinnen eines Stadtteils dauer¬ 
haft von den Straßen vertreiben bzw. wer 
will das überhaupt?) 

Viertens war die Demo am Samstag, 
dem 13. eher geduldet, als durchgesetzt. 
Was wir erlebt haben,war die klassische 
| Mischung von Peitsche und Zuckerbrot, 
vermittelt über einen Prozeß der Deeska¬ 
lation: den starken Staat wie er knüppelt 
und den starken Staat in seiner souverä¬ 
nen und toleranten Pose. In dieser Ab¬ 
folge eigentlich nichts neues und wenig 
überraschend. Überraschend war eher die 
Dimension des Einsatzes und wirdenken, 
daß dabei präventive Überlegungen eine 
Bolle spielen, die sich nicht auf die 2000 
Demonstrantlnncn, sondern aufeineauch 
für die Herrschenden zunehmend unkal¬ 
kulierbares Verhalten der Bevölkerung 
Beziehen. Der Polizcicinsatz - das Abrie- 
gcln einer ganzen Stadt - war auch eine 
Notslandsübung. 

Auf vielen Flugblättern stand “Hoyers¬ 
werda in Schönau” - teilweise zurecht mit 
Fragezeichen versehen. 

Die äußerlichen Unterschiede lagen in 
der Art der Pressedarstellungen und im 
Vorgehen der Bullen. In Hoyerswerda 
zeigte sich der Staat relativ schwach. 
Sowohl gegenüber dem “Mob”, als auch 
gegenüber den linken Demonstranten. Mit 
dieser Schwäche öffnete er auch letztlich 
den Raum für die folgende rechte Brand- 
sutzkampagne gegen Asyllager als auch 
für die spalterische Kampagne der Alter- 
uativen und Linken gegen die Ost¬ 
deutschen. (TAZ: “Die Ossis sind nicht 
r eif für die Demokratie...”). Die Medien¬ 
kampagne nach Hoyerswerda kam einem 
Aufruf an die Faschos gleich, zu handeln 
(was sic dann auch gemacht haben). Die 
Politische Situation in der Ex-DDR war 


zu diesem Zeitpunkt weitgehend unkal¬ 
kulierbar. Es standen Entlassungen an, es 
gab massenhaft Aktionen von Arbeiter¬ 
innen (z.B. die Besetzung der Autobahn 
durch tausende Arbeiterinnen der Tridelta- 
werke - übrigens ganz in der Nähe zu 
Hoyerswerda..). Der Staat brauchte in 
dieser Situation einen Sündenbock - die 
Flüchtlinge - gegen die aktiv und massen¬ 
haft vorgegangen wird. 


Aber wir würden uns in die Tasche lügen, 
wenn wir dasselbe für Schönau (wie in 
einigenFlugblättem geschehen) behaup¬ 
ten: der Staat, die Bullen, der Bürger¬ 
meister, die Parteien waren von Anfang 
an darauf aus, die Randale vor dem Lager 
zu unterdrücken, zu befrieden und totzu¬ 
schweigen. Sie wollten gerade keine 
Nachahmungseffekte. Die Bulleneinsätze 
gegen den “Mob” waren relativ hart, und 
wir dürfen da in der Beurteilung nicht 
unsere Maßstäbe und Erfahrungen oder 
die des Vorgehens der B ullen gegen organ- 
sierte Faschisten oder Skins anlegen. 
Anfangs haben die Bullen mit einem 
flächigen Einsatz teilweise undifferenziert 


9 

(Frauen mit Kindern, Alte..) zugeschla¬ 
gen, was sie später bereut haben. 

Das soll nicht heißen, daß der Staat 
heute kein Interesse mehr an der Spaltung 
der Aibeiterlnnenklasse hat und daß das 
System keine Sündenböcke mehr braucht. 
“Schönau” kam ihnen aber offensichtlich 

- momentan - ungelegen. 

Es wird zu diskutieren sein, wie sich 
diese Tatsache dazu verhält, daß jedem/r 

- natürlich auch dem OB - mit der Ein¬ 
richtung des Lagers auf der Schönau klar 


war, daß es dort krachen wird. Es gibt eine 
bestimmte Masche insbesondere der 
Sozialdemokratie, der Grünen und der 
Pfaffen, die etwa so aussieht: Schönau ist 
ein “sozialer Brennpunkt”, es gibt eine 
Menge “Probleme” und in Schönau funk¬ 
tioniert nicht alles so, wie “es” sollte. 
Schönau sei ein “vernachlässigter Stadt- 
teil”miteiner “komplizierten Sozialstruk¬ 
tur ”, Aus dieserSichtweise resultiert dann: 

“Man muß auch Verständnis mit den 
Schönauem haben, ihre Sorgen, Probleme 
und Ängste ernst nehmen....”. Eine ge¬ 
wisse Toleranz gegenüber den Angriffen 
auf die Asylbewerberinnen. 

Eine linke Variante davon ist, die Schö- 
nauerlnnen als “Opfer der Krise des 
Kapitalismus”zu sehen, als Objekte einer 







10 

Entwicklung, als Marionetten der reak¬ 
tionären Propaganda. 

Die ganze Sichtweise der Sozialdemo¬ 
kratie und ihrer linken Anhängsel begreift 
“Schönau” als Problem der Sozialpolitik, 
als technisches Problem der kommunalen 
Bevölkerungspolitik. Sie sehen “Schö¬ 
nau” als Ausrutscher, als Lücke, die es 
schnellstmöglichst auszufüllen gilt. 
Womit ? 

Zuerst kommt die Staatsgewalt in Form 
der Bullen - nicht übertrieben hart, aber 
allemal geeignet einzuschüchtem. Dann 
kommen die Sozialtechniker, die Sozial¬ 
arbeiterinnen, die Manager des Elends. 

Ein erster Schritt in diese Richtung ist 
die Umstellung einer Schule auf Ganz¬ 
tagsunterricht. Dann wird (falls noch 
Kohle übrig ist) die Stadtteilkultur auf- 
gepeppt, kriegen irgendwelche fetten 
Vereinsvorsitzenden mal ein paar Tausen¬ 
der rübergeschoben, wird vielleicht end¬ 
lich die Pergola der wunderschönen Kin¬ 
dertagesstätte repariert, kriegt das Jugend¬ 
zentrum seinen zweiten Sozialarbeiter, 
kriegen die Fixerinnen entweder mehr 
Druck oder billigeres Heroin...für den Fall, 
daß die Kohle “nicht da ist”, eben die 
billige Lösung: Bullenpräsenz - und viel¬ 
leicht ist der Schutz der Asylbewerber¬ 
innen nicht mehr als ein Vorwand.... 

Ein erster Schritt der Kontrolle war 
schon die “sozialverträgliche Belegung” 
des Lagers ( viele befürchten, daß die 
aufgestaute Wut des “Mob*s” dann nicht 
mehr auf doch ziemlich wehrhafte junge 
Männer aus den Kriegs - und Krisenregio¬ 
nen dieser Welt trifft, sondern eben auf 
Frauen und Kinder). 

Die ganze staatlich - sozialdemokra¬ 
tische Sichtweise - steckt voller Wider¬ 
sprüche. Tatsächlich ist “Schönau” - trotz 
einem riesigen sozialdemokratischen 
Wählerpotential von ca. 50% - Ausdruck 
des Scheitems der SPD - eines schwitzen¬ 
den Widders im “Mob”....und es wäre 
unsererseits völlig daneben, dieses da¬ 
durch entstandene Vakuum jetzt ausfül¬ 
len zu wollen, die Forderung an den Staat 
zu richten, praktisch wieder gutmachen 
zu wollen, was die SPD nicht mehr hinge¬ 
kriegt hat, die konsequenten Sozialdemo¬ 
kraten im linken Gewand zu spielen. 

Wir lehnen es ab, einen proletarischen 
Stadtteil zum Objekt staatlicher Befrie¬ 
dungspolitik zu machen, mehr Bullen¬ 
präsenz zu fordern und ähnliche Vor¬ 
stellungen einer vermeintlichen “Bekäm¬ 
pfung des Rassismus”. 

Genauso lehnen wir es ab, die Angriffe 
auf die Flüchtlinge in irgendeiner Form 
zu entschuldigen. 

Demgegenüber denken wir, daß es 
gerade wichtig ist Verhaltensweisen wie 
die der “Schönauerlnnen” scharf, in der 
unmittelbaren Situation auch mit phy¬ 


sischer Gegengewalt zu kritisieren. Keine 
Mißverständnisse: damit meine ich nicht 
das autonome “Konzept Strafexpedition”, 
das nicht mehr differenziert, das nicht 
polarisiert und nicht politisiert, sondern 
im moralischen Überschwang kurzerhand 
ganz Schönau zum faschistischen Gebiet 
erklärt und eine falsche Konfrontations¬ 
linie entwickelt...Die politische Haltung 
gegenüber “den Schönauerlnnen” wäre 
auch nicht: “Ihr geht gegen Schwächere 
vor...das ist unmoralisch und wird von 
uns bestraft...” sondern: Ihr handelt gegen 
unsere Interessen als Arbeiterinnen, ge¬ 
gen die Flüchtlinge, was Eure Klassen¬ 
genossinnen sind und damit auch letztlich 
gegen Euch selbst.. .1 hr schadet der Arbei¬ 
terinnenklasse und nutzt den Reichen, 
den Managern und Politikern.die¬ 

sem politischen Anspruch wurden ledig¬ 
lich zwei Flugblätter gerecht: das eine 
“Rebellion ist gerechtfertigt,.” war in 
dieser Hinsicht richtungsweisend; das 
zweite war ein Flugblatt von Frauen: es 
griff die Verhaltensweisen der “Schö¬ 
nauer”, die vorgaben ihre Frauen zu ver¬ 
teidigen, frontal an. Indem es darauf hin¬ 
wies, daß es die Vergewaltiger natürlich 
auch unter den Flüchtlingen und unter den 
linken Demonstranten gibt, hat es die 
realen Widersprüche wesentlich schärfer 
benannt, als die ganzen Schwarz-Weiß- 
Gut-Böse-Flugblätter, die sonst verteilt 
wurden. Es ist von einem eigenen subjek¬ 
tiven Interesse aus geschrieben und wen¬ 
det sich an ein Subjekt; schade, daß es nur 
auf der Demo und nicht an die Schönauer- 
innen verteilt wurde...diese wären ja wohl 
die einzige Kraft, die wirklich in der Lage 
ist, ihre Männer von derartigen “Be¬ 
schützeraktionen” abzuhalten. 

Genauso wie die sozialdemokratisch¬ 
sozialtechnische Entschuldigungs-Linie 
lehnen wir allerdings auch Analysen ab, 
die sich mit einer unpolitischen, weil nur 
moralischen Gegenüberstellung der Kate¬ 
gorien Täter - Opfer zufriedengeben. Wer 
meint, daß die Diagnose “tiefsitzende 
rassistische Denkstrukturen” ausreicht, hat 
nichts kapiert und wird eben diese “rassi¬ 
stischen Denkstrukturen” auch nie wirk¬ 
lich bekämpfen können. 

Was IST Schönau und warum 
sind die Schönauerlnnen so wie 
sie sind oder gifot’s überhaupt “ 
die Schönauerlnnen”? 

“Schönau ist kein normaler Stadtteil, 
das ist von Anfang an völlig geplant” (ein 
Mitarbeiter des Stadtarchivs) 

“Schönau hat keine organische Ent¬ 
wicklung durchlaufen wie andere Stadt¬ 
teile Mannheims...”oder so ähnlich 
(Meier) 


Schönau war bis Mitte der 30er Jahre 
eine wilde Siedlungaus Bretterbuden und 
Baracken aus Kanisterblech, Hier wohnte 
ein Teil des städtischen Subproletariats, 
das sich - weitgehend außerhalb der kapi¬ 
talistischen Produktion - über Krimina¬ 
lität (z.B. Holzdiebstahl), Geflügelzucht 
usw. reproduzierte. Es ist klar, daß dem 
Faschismus derartige unkontrollierte 
Strukturen der “Arbeitsscheuen” und 
“Asozialen” ein Dom im Äuge waren. 
Die faschistische Stadt- und Sozialpla¬ 
nungspolitik “machte aus der Not eine 
Tugend”: die GBG erstellte einen stren¬ 
gen Bebauungsplan und errichtete die 
ersten Blocks. Im Bemühen, “die Straßen 
Mannheims zu säubern”, die Gesellschaft 
zu strukturieren und zu kontrollieren 
wurden die ersten paar Hundert Men¬ 
schen auf die Schönau “eingewiesen”, 
alles Menschen aus den untersten Schich¬ 
ten des Mannheimer Proletariats. 

Wir wissen wenig über diese erste offi¬ 
zielle Phase. Wahrscheinlich ging aber 
der Zweck dieser Maßnahme über die 
“Säuberung Mannheim *s” raus: die Kon¬ 
zentration und Ghettolslerung dieser 
Menschen lieferte möglicherweise die 
Bedingungen für das faschistische Pro¬ 
jekt der Arbei, der Bekämpfung der 
Arbeitslosigkeit, der Arbeitsdienste und 
Zwangsverpflichtungen. Nicht unprak¬ 
tisch für die Herrschenden, daß gleich¬ 
zeitig mit den Blocks nebendran, in Ijer 
heutigen Lilienthalstraße, eine Kaserne 
für die faschistischen Bullen gebaut wur¬ 
de. 

Nach dem Krieg war die Gendarmeric- 
kaseme und einige Gebinde am Ende cier 
Kattöwitzer Zeile von US-Einheiten be¬ 
legt. 

Die kommunale Bevölkerpngspolitik 
setzt brachlos fort, was der Faschismus 
*35 auf der Schönau begonnen hatte: 
“....am Nordende werden weitere 500 
zusammengetrommelte und dahergelau¬ 
fene Menschen in acht Baracken 
ausgesetzt.. ”{MM, 10.9.60, siehe Artikel 
i n der Doku) 

Die Mannheimer Innenstadt ist zerstört, 
Millionen von Flüchtlingen ausdem Osten 
sind unterwegs. Diese Menschen werden 
“schier grenzenlos in die Schönau 
hineingepumpt”(MM), Innerhalb von 
zehn Jahren wird die Einwohnerzahl fast 
verdreifacht, vonca. 5000nach dem Krieg 
auf 15000 bis 1958. 

“Mannheimer und Polen, Ungarn und 
Tschechen, Pommern und Schlesier, 
Ostpreußen und Sachsen. Daß hier so¬ 
ziale Probleme entstehen haben die Lon¬ 
doner in ihren Slums längst vor uns und 
krasser erlebt..,(MM, 1960). Zu dieser 
multinationalen Zusammensetzung körn - 
men die vielen GP$» die auf der Schönau 
bleiben und ihre Kinder. “Der letzte Schlag 







war der viel kritisierte Gemeinderatsbe- 
schluß, nach dem 55/56 im Neubauge- 
lande drei Wohnblocks für Minderbemit¬ 
telte gebaut wurden und in denen - eben¬ 
falls massiert - noch einmal rund 500 
Sozialschwache in das bereits ange¬ 
schlagene Gebiet gestopft 
wurden.. ”(MM, 1960) 

Viele der Schlagzeilen aus der Zeitungs¬ 
berichterstattung nach dem Krieg erin¬ 
nern uns verblüffend an das, was heute 
diskutiert wird. Beispielsweise waren die 
Quoten der Flüchtlingszuwcisung auch 
dam als vom Land fcstgelegt. Es gab schon 
damals die liberale Kritik an der Konzen¬ 
tration von Flüchtlingen in einem Stadt- 
ted. Es gab Auseinandersetzungen um die 
Wertminderung von Häusern durch die 
schlechte Nachbarschaft”. Es gab den 
Konflikt zwischen den alten Siedlern, den 
Flüchtlingen und den “Asozialen”, der in 
Intensität und Gewalttätigkeit den heu¬ 
tigen Auseinandersetzungen in nichts 
nachsieht und der der Schönau den Spitz¬ 
namen “Klein-Mexiko” einbrachte. 

In den 60er und 70er Jahren folgten 
weitere Ein wandcrungswellen, zuerst die 
Italienerinnen, dann Türkinnen Jugoslaw¬ 
innen, Griechinnen, Portugiesinnen. 

Schönau ist das Ergebnis sehr moder¬ 
ner kapitalistischer Stadtplanung und 
Bevölkerungspolitik. Vom Faschismus 
Initiiert wurde cs nach dem Krieg zu einer 
der ersten Trabantenstädte, lange bevor 
Ende der60er Stadtteile wie Pfingstweide 
oder Vogclstang hochgezogen wurden. 

Was bedeutet diese Geschichte im 
Zusammenhang mit den aktuellen Ereig¬ 
nissen ? 

In einigen Flugblättern wurde der 
Kon fi ikt auf der Schönau als “Angriff des 
deutschen Mob’s auf Ausländerinnen” 
beschrieben. Das ist falsch: es handelt 
s fah um einen Konflikt innerhalb eines 
n^ultinational zusammengesetzten Prole- 
fanats. Viele, die die Asylbewerberinnen 
an gegriffcn haben, waren selbst Flücht¬ 
linge oder sind die Kinder von Flücht¬ 
lingen, viele, die “die Neger” angegriffen 
haben, sind selbst “Farbige”, viele die so 
faten, als wären sie Einheimische, sind 
c bensowenig wie die Asylbewerberinnen 
Freiwillig dorthin gezogen, sondern wur¬ 
den “eingewiesen”, wohnen ebenso wie 
die Asylbewerberinnen in Kasernen, auch 
wenn die (inzwischen!) eine bessere 
Ausstattung haben. 

Wenn wir schon von “Rassismus” re¬ 
den, müssen wir klarstellen, daß cs ein 

Sc hrspezifischcrRassismusist.Esistchcr 
einc Form von Frcmdcnfcindlichkeit, die 

a uf der Schönau Geschichte hat. 

bfas ist vom Rassismus eines Widder 
Wesentlich verschieden. Es wird zu dis¬ 
kutieren sein, ob es sowas wie einen 
ra ssistischcn Konsens” gibt, also ein 


Zusammengehen von rassistischer Bevöl- 
kerungspolitik, dem Rassimusder Stamm¬ 
tischbrüder, dem der “Marginalisierten” 
und dem der organisierten Faschisten.... 
Unsere These ist, daß es falsch ist, alles in 
einen Topf zu werfen, weil es uns auf der 
Ebene der Analyse einengt und uns prak¬ 
tische Handlungsmöglichkeiten verbaut. 

Schönau ist ein “Arbeitervorort mit 
wunden Punkten” (MM). Es ist ein Stadt¬ 
teil mit einer ungeheuren Homogenität, 
tatsächlich gibt es auf der Schönau kaum 
Reiche, sehr wenig Akademiker, eine im 
Vergleich zu anderen Stadtteilen sehr 
schmale Mittelschicht. Gleichzeitig ist 
Schönau in sich extrem gespalten. Es gibt 
die Eigenheime der garantierten Teile der 
Arbeiterklasse genauso wie - in verschie¬ 
denen Abstufungen - die häßlichen Blocks, 
in denen die prekären Schichten der Klas¬ 
se wohnen. Die Baracken der zweitgrö߬ 
ten Obdachlosensiedlung der Stadt wur¬ 
den zwar 1972 abgerissen, aber was an 
deren Stelle gesetzt wurde ist auch nicht 
viel besser. Die Beziehungen der Bewoh¬ 
nerinnen zu den Benz-Baracken im nahe¬ 
gelegenen Stadtteil Waldhof , die den 
“größten zusammenhängenden Slum 
Deutschlands” (Merian) bilden, sind eng 
und ein überverhältnismäßig großer Teil 
der Leute aus den Benz-Baracken setzt 
sich aus ehemaligen, zwangsgeräumten 
oder sonstwie obdachlos gewordenen 
Schönauerlnnen zusammen. Die Nach¬ 
frage nach Wohnungen ist aufder Schönau 
wesentlich höher als in den meisten ande¬ 
ren Stadtteilen. Große Familien in immer 
noch sehr kleinen Wohnungen, wenn auch 
nicht mehr zu siebt in einem Zimmer, wie 
in den 50er Jahren. 

Es gibt eine sehr große Drogenscene, 
vermutlich auch deshalb, weil es viele 
GI’s gibt. Es gibt eine große Alk-Scene, 
die stark unter Druck steht. Ihr Treff¬ 
punkt, der Kiosk im Park hinter der 
Endhaltestelle, wurde vor einiger Zeit 
kurzerhand geschlossen. 

Aufgrund der sozialen Zusammen¬ 
setzung des Stadtteils und weil es nichts 
gibt, keine Discos, nur ein mickriges 
Jugendzentrum und keine Kneipenkultur 
wie etwa in der Neckarstadt, spielt sich 
das gesellschaftlicheLeben aufder Straße 
ab. 

Das ist eine der Bedingungen , w i e es 
zwei Wochen lang zu relativ massenhaf¬ 
ten Versammlungen vor dem Lager 
kommt: die Leute sind sowieso auf der 
Straße und “so ist es halt in Schönau: 
wenn was los ist läuftgleich halb Schönau 
zusammen..” (ein Schönauer Jugend¬ 
licher). 

Die Menschen, die an der Endhalte¬ 
stelle, im Park, vorm Jugendzentrum 
rumlungem, die ständig auf der Straße 
sind...sie u'aren der militante Kern des 


11 



Eine Geschichte des revolutionären 
1. Mai Berlin 1987-1992 in Bifd&m. 


Erhältlich bei: 

Umbruch Bildarchiv 

Eisenbahnstraße 4,1000 Berlin 36 
Tel. (030) 612 30 37, FAX 618 80 03 

Einzelpreis pro Heft: 6,- OM (& Porto) 
für Sammelbestellungen lind Wieder¬ 
verkäufer ab 5 Ex. 4,50 DM (& Porto). 
Vorauskasse. 

Überweisung auf das Konto: 

Ingo Huxhorn 
Kto.-Nr. 120 19416 
Berliner Volksbank 
BLZ 100 900 00 










12 



“Mob’s” 

Einige Aspekte zu den Motiven und 
zum Ablauf ihrer Angriffe gegen die 
Asylbewerberinnen: 

- Ihre Scenes sind stark gespalten, es 

gibt einen ständigen Kampf aller gegen 
alle, der Cliquen untereinander, es gilt 
das Gesetz des Stärkeren. Sie heben ihre 
Rivalitäten und Streitigkeiten untereinan¬ 
der auf und wenden diese kollektiv gegen 
die Flüchtlinge....Die Härte und Gewalt¬ 
tätigkeit ihres Auftretens entsteht nicht 
erst im Angriff auf die Asylbewerber¬ 
innen, sondern sie ist schon vorher in 
ihrem Alltag da. 

Konkret war es so, daß sich die Aus¬ 
weitung und Vermassung der Angriffe 
auf die Asylbewerberinnen direkt im 
Anschluß an einen Konflikt untereinan¬ 
der, gewissermaßen aus diesem heraus 
ergab: Die Massenschlägerei beim Sied¬ 
lerfest wurde von den Bullen unterbun¬ 
den, das Fest beendet. So gesehen haben 
die Bullen eine der Bedingungen geschaf¬ 
fen, die Festbesucherinnen vor’s Lager zu 
mobilisieren. 

- Ihr Konkurrenzverhältnis mit den 

Asylbewerberinnen auf der Schönau und 
Immigrantinnen im allgemeinen, was sie 
wiederum auf die Flüchtlinge auf der 
Schönau übertragen, ist zum Teil real, 
zum Teil konstruiert. Siebefürchten, daß 
sie demnächst mit den Asylbewerberinnen 
um die Schwarzjobs konkurrieren, um 
den “Topf’ des Sachbearbeiters auf dem 
Sozialamt, um Wohnungen, sie befürch¬ 
ten, daß ihnen demnächst ihr Revier als 
kleine Drogendealerlnnen strittig gemacht 
wird, daß die Chefin der Putzkolonne eine 
Immigrantin bevorzugen könnte. 

Oftmals wird - bei weitem nicht nur 
seitens der Pfaffen - versucht, die Angrif¬ 
fe lediglich aus ihrer unmittelbaren 
Erscheinung heraus politisch zu interpre¬ 
tieren und den “Rassismus” als indivi¬ 
duelles Fehlverhalten der “Täter” zu 
begreifen. Wer die gesellschaftlichen 
Aspekte der Angriffe ausblendet, und - 
ergänzend dazu - die Flüchtlinge nur als 
“Opfer” begreift, erkennt denFlüchtlingen 
damit letztlich jegliche soziale Subjek¬ 
tivität ab. 

Dies ist rassistisch. 

- Weil die Schönauerlnnen auf der 
Straße sind und die Asylbewerberinnen 
eben auch keine anderen Möglichkeiten 
der‘‘Freizeitgestaltung” haben, entwickelt 
sich ein Konflikt um die Straße. Sie mei¬ 
nen “ihr Revier” verteidigen zu müssen. 

- Sie greifen die Asylbewerberinnen 
nicht nur deshalb an, weil diese schwarz 
sind ( das sind sie auch gar nicht alle), 
sondern weil sie, wie sie selbst, Proleta¬ 
rierinnen sind. 

- für die Schicht dieser Menschen ist 
die Perspektive des individuellen Auf¬ 


stiegs, eines der wesentlichen Momente 
der Integration, stark reduziert. Sie stehen 
unten. Über die Aktionen versuchen sie, 
sich gegen ein neues “unten” abzugren¬ 
zen. Ihre Aktionen gegen die Asylbewer¬ 
berinnen sind ein kollektiver Versuch der 
Integration in die Gesellschaft. Mit ihren 
Aktionen rechnen sie mit der Zustim¬ 
mung der Gesellschaft, sie setzen um, was 
viele denken und was die Propaganda der 
Medien nahelegt. Sicherlich waren nicht 
nur solche Leute, aus den unteren Schich- 


Der Begriff “Rassismys” 

taugt in seiner Allgemeinheit wenig dazu, 
zu erklären, was auf der Schönau los war/ 
ist/und auch vermutlich weiter sein wird. 
Er ist eine Art “analytische Dampfwalze” 
die sämtliche Unebenheiten der kon¬ 
kreten politischen und sozialen Situation 
einebnet. 

Wir haben eine lange Diskussion ge¬ 
führt über die Rolle rassistischer Ideolo¬ 
gie unter den “Schönauerlnnen”. Zweifel- 


icn des Proletariats beteiligt. Wir denken 
aber, daß sic eine zentrale Bedeutung in 
den Angriffen auf die Asylbewerberinnen 
gespielt haben. 

Bis heute ist völlig unklar, welche Rolle 
organisierte Faschisten gespielt haben. Es 
gab Behauptungen, diese hätten eine ent¬ 
scheidende Rolle gespielt. Umgekehrt 
wurde auch das genaue Gegenteil und da¬ 
mit ein wichtiger Unterschied zu Hoyers¬ 
werda behauptet. Beide Behauptungen 
sind unserer Meinung nach bis heute nicht 
beweisbar. Es ist aber wahrscheinlich, 
daßdieFaschisten jetzt ihre Möglichkeiten 
auf der Schönau nutzen werden. 


los ist diese bei vielen - wenn auch nicht 
allen - sehr massiv vorhanden. (So gab es 
durchaus Stimmen, für die im Mittelpunkt 
die Kritik an der Institution Lager stand, 
und die sich von rassistischen Äußerungen 
abgrenzten. Eine bruchlose rassistische 
Identität aller Beteiligten des “Mob’s” zu 
behaupten, geht an der Situation vorbei 
und schwächt uns. So verbaut diese Sicht- 
weise beispielsweise die Möglichkeit, die 
Scharfmacher politisch und praktisch zu 
isolieren.). 

J i 

Unsere Diskussion über die Rolle rassi¬ 
stischer Ideologie drehte sich im wesent¬ 
lichen um die Frage: 
















13 


gibt cs eine Autonomie oder relative 
Autonomierassistischcr Denkweisen von 
den konkreten sozialen und materiellen 
Verhältnissen? Ist der “Rassismus” Wur¬ 
zel der Angriffe oder die ideologische 
Begleitmusik? Wollen die Leute “einfach 
nur ihren Rassismus auslcben” oder sind 
die Angriffe eine verquere, rechte Form 
des sozialen Protests ? 

Wir denken, daß sich “rassistische 
Denk weisen "eben nicht von den sozialen 
Verhältnissen ablöscn lassen: 


Photo: Henning Kaiser, Transparent 



Darüber raus: Eine verkürzte Analyse 
v erharmlost die Angriffe. Gerade wei 1 in 
den Angriffen soziale Motive stecken, 
sin d sic gefährlich. Gerade weil sich da 
n 'eht nur “blanker Rassimus” ausdrückt, 
s ' n d solche Bewegungen brisant. Und 
gerade dies eröffnet uns praktische Mög¬ 
lichkeiten, die über die Bekämpfung des 
blanken Rassismus” durch den “blanken 
Anti rassimus” rausgehen. Ansonsten wer¬ 
den wir weiterhin reduziert bleiben auf 
d| c Funktion eines (schlechten) Fcucr- 
Ösehers, der eingesetzt wird, wenn ’s schon 
r ennt. - Und wir gehen davon aus, daß 
, ! Scll önau nicht die letzte Mobilisierung 


gegen Asylbewerberinnen sein wird. 
Wenn wir solche Mobilisierungen wie 
den “Schönauer Mob” wirklich effektiv 
verhindern wollen, müssen wir die theo¬ 
retischen und praktischen Einengungen 
des Antirassimus/Antifaschismus durch¬ 
brechen. Dies beginnt damit, die Ereig¬ 
nisse als Probleme des Klassenkampfs zu 
interpretieren, einen Zugriff auf die 
gesamte Klassenrealität sämtlicher Teile 
des Proletariats, in diesem Fall der Immi¬ 
grantinnen, der Schönauerlnnen und 
unserer eigenen zu entwickeln. Von die¬ 
sem Standpunkt aus sind radikale Aktio¬ 
nen möglich, Demonstrationen könnten 
einen Inhalt haben, der angreift und ein¬ 
greift. 

Die Flüchtlinge und ihre Lage 

Im November ’91 wurden die ersten 59 
Flüchtlinge in das Schönauer Lagereinge¬ 
wiesen. 

Sie kommen zum großen Teil aus dem 
zersplitterten Jugoslawien, einigen 
schwarzafrikanischen Ländern (Nigeria, 
Südafrika...), aus Rumänien, der Türkei/ 
Kurdistan....Sie werden aus der ZAST in 
Karlsruhe in Sammcllager, in diesem Fall 
auf die Schönau verteilt. Dort sind sie 
zwischen einigen Tagen und mehreren 
Monaten und werden dann auf die kom¬ 
munalen Asylunterkünfte verteilt. Dies 
ist aber nicht durchgängige Regel: uns 
sind Fälle bekannt, wo Flüchtlinge in 
andere Landessammellagcr verschubt 
wurden. 

Nach welchen Kriterien das Lager be¬ 
legt wird ist für uns ziemlich undurch¬ 
sichtig. Anfangs sollten es 300 - 400 
Menschen sein; das wurde “aufgrund von 
Protesten” - dann reduziert auf 216. 

(Phasenweise war das Lager aber wohl 
“übcrbclcgi” ). Wir vermuten, daß mit 
Beginn der Angriffe auf die Asylbewer¬ 
berinnen die Zahl stark reduziert wurde. 
Bekannt ist uns, daß in der letzten Juni- 
Woche 40 Leute auf einmal verlegt wur¬ 
den. Bekannt ist uns auch, daß einige 
gegen ihren Willen in Sammellager in die 
EX-DDR verlegt wurde. Dies ist eine 
erste Konfrontationslinicmit dem System 
der Lager und der Zuweisungen: viele 
verlangen sozusagen eine freie Wahl des 
Wohnorts, sei es weil sie irgendwo Ver¬ 
wandle oder Freundinnen haben, sei es 
weil sic über irgendeinen Ort Gutes oder 
Schlechtes gehört haben. Der Lagerleiter 
behauptet, er habe auf die Verlegungen 
keinen Einfluß, alles käme vom Land, 
von “oben”. Wir denken aber, daß die 
Vcrlcgungspolitik eine Methode ist, die 
“Disziplin” im Lager aufrechtzuerhalten, 
Einzelne zu erpressen, widerständiges 
Verhalten zu bestrafen. Die Zusammen¬ 
setzung der Lagerbewohnerinnen ist nicht 


nur Politik “nach außen”, sondern auch 
eine Hierarchisierung und Spaltungs¬ 
methode nach innen. Die Belegungspoli¬ 
tik ist nicht zufällig oder ein rein büro¬ 
kratischer Akt; sie istein äußerst flexibles 
Instrument der sozialen Kontrolle. Vor 
einigen Monaten gab es im Lager angeb¬ 
lich eine Massenschlägerei zwischen 
Leuten aus Afrika und dem Osten. Aus¬ 
löser soll eine Bevorzugung einer Gruppe 
beim Essen gewesen sein. Wir wissen 
nichts genaueres, wie das wirklich war - 
es hat angeblich einige Verletzte und einen 
massiven Polizeieinsatz gegeben. Wir 
vermuten, daß es der Lagerleitung gelun¬ 
gen ist, ein kollektives Vorgehen aller 
Lagerbewohnerinnen gegen den Fraß zu 
verhindern, indem sie einzelne Gruppen 
gegeneinander ausgespielt hat. Es hat 
kleinere Aktionen gegen das Essen gege¬ 
ben; eine Gruppe von 6 Leuten verschie¬ 
dener Nationalitäten hat sich aus Protest 
gegen das Essen eine Glatze geschoren. 

In einem Lager bei Heilbronn gab cs im 
Juni einen kollektiven Hungerstreik der 
Asylberwerbcrlnnen gegen das Essen. 
Dasclbe “Feinschmeckerrestaurant” in 
Heilbronn liefert auch das Essen für das 
Schönauer Lager. 

Die Lagerbewohnerinnen kriegen 
monatlich ganze 70 DM. Außerdem 
dürfen sie sich nebenher durch Putzen 
im Lager das Taschengeld aufbessem. 
Wir wissen nicht, wieviel sie dafür krie¬ 
gen. Wir wissen auch nicht, ob einige, die 
vielleicht länger da sind, Schwarzjobs 
nebenher machen. 

Die Fenster sind zum “Schutz” der 
Flüchtlinge vergittert, man kann sich auch 
nicht rauslehncn.Die Besucher werden 
Kontrollen unterzogen. Diesbcginntschon 
an der Pforte. Es wird unter den Besucher¬ 
innen selektiert, wer rein darf und wer 

nicht. Der LagerleiterchccktdieLeutc ab, 

ob sie “Unruhestifter” sind. Die Lager¬ 
leitung bestimmt willkürlich, wer rcin- 
kommt und wer nicht. Durch die Belage¬ 
rung durch den Mob wird die Bewegungs¬ 
freiheit der Asylberwerberlnnen weiter 
stark eingeschränkt. Manche trauen sich 
nicht mehr raus.Die Polizei, die zum 
“Schutz” der Asylbewerberinnen da ist, 
hat über Wochen das Zustandekommen 
von Kontakten behindert, bzw. die Kon¬ 
takteselektiert. Ab 17 Uhr gab es fast drei 
Wochen lang keinen direkten Zugang 
mehr zum Lager, indem das Gelände 
konsequent abgeriegelt wurde und ver¬ 
stärkt Streifen gefahren wurden. 

Dieses Zusammenspiel des Mob’s und 
den Verantwortlichen der Lagerpolitik 
bedeutet eine Verschärfung der Ghcltoi- 
sierung. 

Die Ghettoisierung und Abschottung 
der Flüchtlinge resultiert aber nicht nur 
aus ihrer materiellen Situation, aus den 






14 


1492- 

Invasion, Entdeckung oder 
Erfindung eines Kontinents? 

22 lateinamerikanische Autorinnen 
nehmen Stellung zur Geschichte und 
Gegenwart, bewerten die gewaltsa¬ 
men Umbrüche seit dem Erscheinen 
der osten Europäer in Amerika und 
kommentieren Perspektiven über 
1992 hinaus. 

Berichte aus der Sicht der Anderen 
und für das Andere: 


Nach 500 Jahren - 



Stimmen 

aus dem Süden 


Ein Buch über die Blindheit der 
Wissenschaft, der Utopie und des 
Systems bei der "Begegnung zweier 
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Eine Textsammlung zu Perspektiven 
und Hoffnungen des Südens, zu 
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Stimmen aus dem Süden 


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1000 Berlin 61, 
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Fax. 692 65 90 


verschiedenen repressiven Maßnahmen: 
der kontrollierte und selektive Kontakt 
über caritative und sozialarbeiterische 
Initiativen ist genauso ein Moment der 
relativen Isolierung der Flüchtlinge. Der 
Staat kanalisiert so die sozialen Kontakte 
in eine Form, die seinen Interessen ent¬ 
spricht. 

Aber daß es von uns aus sehr wenig 
Kontakt und Kommunikation mit den 
Flüchtlingen gab/gibt Jiegt nicht nur an 
den diversen Behinderungen durch die 
Lagerleitung, sondern hat seine Wurzel in 
der Unfähigkeit der regionalen linken 
Scene sich zu öffnen, auf andere Leute 
zuzugehen, aus dem eigenen Ghetto raus¬ 
zugehen. Mensch ist gerne unter sich. 
Aber es ist auch ein politisches Problem: 
wie kann mensch einen Kontakt mit den 
Flüchtlingen herstellen, der auf einer 
gleichberechtigten Ebene abläuft ? Wie 
kann eine Kommunikation aussehen, in 
der die Flüchtlinge nicht von uns politisch 
instrumentalisiert werden und in der wir 
nicht die alternativen Sozialarbeiter spie¬ 
len ? 

Das scheint nicht einfach, ohne eine 
radikale Bewegung^die in der Lage istdie 
Einwanderung politisch zu thematisieren 
und die aber nicht auf diesen Punkt be¬ 
schränkt ist. Andererseits kann das Feh¬ 
len so einer Bewegung kein Grund sein, 
nichts zu tun. 

Auch individuelle und persönliche 
Kontakte zu einzelnen Flüchtlingen sind 
notwendig und ein konkreter Akt der 
Solidarität. Schon allein deshalb, weil wir 
mitkriegen müssen, was in den Lagern 
abläuft. Wir können so die Verantwort¬ 
lichen beobachten und die Bedingungen 
schaffen, gegen die staatlichen Methoden 
vorzugehen. 

Die Immigrantinnen kommen hierher 
und haben erstmal viel miesere Bedin¬ 
gungen als wir und als die Einheimischen 
und schon heimisch gewordenen Schich¬ 
ten der Arbeiterlnncnklasse. Das Inter- 
esseder Flüchtlinge ist, möglichstschnell, 
diesselbcn Lebensbedingungen zu errei¬ 
chen. Das heißt in erster Linie nicht mehr 
den ganzen repressiven Maßnahmen, der 
Drohung mit Abschiebung unterworfen 
zu sein. Den Wohnort frei wählen zu 
können, Wohnungen überhaupt,ein mate¬ 
rieller Lebensstandard, der besser ist als 
in den Herkunftsländern. 

Je eher die Immigrantinnen gleiche 
Bedingungen erreichen,je weniger Unter¬ 
schiede in der materiellen Lebenssitua¬ 
tion es zwischen Immigrantinnen und 
“Einheimischen” gibt, desto eher wird es 
möglich sein, weitergehende gemeinsame 
Kämpfe zu führen und rassistische Spal¬ 
tungen zu überwinden. Vor diesem Hinter¬ 
grund liegt es in unserem direkten Inter¬ 
esse jeden Versuch der Einschüchterung, 


sei es durch die staatliche Politik oder 
durch den “Mob” zu bekämpfen, 

Ludwigshafen, 2.7.92 

DOKU 

Eine 130-seitige Dokumentation 
mitPresseartiheln, Flugis und 
Kommentaren schicken wir Euch 
gegen Übersendung eines 10-DM- 
Schetns an folgende Adresse: 
-DOKUGRUPPE- 
ci o Schwarzwurzel 
Jakob-R inderstr. 10 
6700Ludwigshafen 


kassiber 

: B reirHibrJ ■ 

Alltag, Politik, Revolution 

;: Reaelmäßiq&illil | 

zu AntiFa, Rassismus, || 

: ^ pcjlüll;! 

ü| |. 

■'hete^l^Mii^lllll ;■ 

: iMilIHR £ 

festlegen lassen wollen, 
erst dann wieder gegen 

diesesäöÄjSliÜllii 

zu sein, wenn dies Erfolg 
verspricht. 

kassiber ;l| 

Jahr, in Scheinen oder j 

VzVuN, St Pauli Str. 10, 

: 2800 Bremen 1 

•• :■'V:. ::?.7'v nx:;* 

Themen im Juni/Juli: Diskus- \ 
slon zum Flüchtlingskampf in 
Norderstedt; So oder so: Frei¬ 
heit für die politischen Gefan- 
genen; Die arabische Region | 
zwischen Krieg und Wider¬ 
stand; Deutschland ein Jahr 
nach dem Golfkrieg; Spanien; : 
feiert: EXPOlizeiterror; Schwar¬ 
zer Widerstand in den USA. 










































Endstation 

iSitSlS iffiül 

: 

Heimat 



Verseck 


Ungarn will seine Ausländer los¬ 
werden, und der Westen braucht 
nach Öffnung des Eisernen 
Vorhanges einen Vorposten 
gegen Flüchtlingsströme 

Eine Reportage aus dem 
Abschiebelager Kerepestarcsa 


Imrc Kluiber sagt, er sei kein Lagerleiter. 
Erbenutztden deutschen Ausdruck. Dann 
definiert er mit messerscharfer Stimme 
seine Funktion: “Ich bin der Komman- 
dantderprovisorischcn Unterkunft Kere¬ 
pestarcsa.” Kerepestarcsa ist ein kleiner 
Ort am Rande der ungarischen Hauptstadt 
Budapest. Hier befindet sich inmitten 
dörflicher Idylle ein Abschiebelager, vor 
allzu neugierigen Blicken gut geschützt 
durch eine hohe, stacheldrahtgcspicktc 
Mauer. Seit das Lager in die Schlagzeilen 
der ungarischen Presse und ins Blickfeld 
von Amnesty International geraten ist, 
bekommen Journalisten kaum noch Zu¬ 
tritt zu dem “Übergangs wohnheim”. Doch 
offenbar machen Beziehungen, wie frü¬ 
her, das Unmögliche noch immer mög¬ 
lich. 

Es ist ein warmer Frühlingstag. Neben 
dem Wachhäuschen am Lagcrcingang 
blüht ein Baum. Maulkorbbcwchrte Schä¬ 
ferhunde dösen in der Sonne. Einige In¬ 
sassen schauen neugierig aus den Fen¬ 
stern. Iri der Vcrwaltungsbarackc riecht 
e s nach chemischen Reinigungsmitteln. 
Kommandant Kluiber, ein bulliger Typ, 

. hält mit dröhnender Stimme auf alle Fra¬ 
gen erstaunliche Antworten bereit. “Mein 
Herr”, sagt er, “hier wird niemand lest- 
gehalten und hier sind keine Flüchtlinge. 
Den Flüchüingssiatus muß man beantra¬ 
gen. Außerdem sind wir kein Lager, son¬ 
dern ein Übergangswohnheim, in dem 
sich Leute befinden, die sich illegal in 
Ungarn aufhallcn und deshalb abgescho¬ 
ben werden sollen. Wenn ansonsten je¬ 
mand seine gültigen Aufcnthallsdoku- 
^ente erhält, entlassen wir ihn sofort. 
Damit waren bis jetzt immer alle zufric- ; 
den.” ] 

Offenbar nicht. Seit Monaten über- j 
häufen die Lagcrinsasscn den Menschen- j 
r cchtsausschuß des ungarischen Paria- { 


mentes mit einer Flut von Beschwerde¬ 
briefen. Auch Oppositionspolitiker pran¬ 
gern die Zustände in Kerepestarcsa an. 
Zugleich kritisieren sie die stramme 
Wende in der ungarischen Ausländer- 
polilik, die die Regierung seit Herbst 
letzten Jahres herbeigeführt hat. 

Seit der Öffnung des Eisernen Vor- 
banges schottet sich nicht nur Westeuropa 
vor immer größeren Flüchtligsströmen ab. 
Auch Ungarn, dem im “gemeinsamen 
n Haus” scheinbar die Rolle eines Vorpo- 
n stens zugedacht ist, will seine Ausländer, 
zumeist Gastarbeiter und Studenten, los- 
werden. Flüchtlinge dulden die Behör¬ 
den, mit Ausnahme der etwa 50.000 aus 
Jugoslawien, nicht. Ungarn hat zwar die 
Genfer Konvention unterzeichnet, aber 
mitcincrgeographischenEinschränkung: 

. Nur europäischen Flüchtlingen gewährt 
i das Land einen zeitweiligen Aufenthalt. 

5 Doch außer den jugoslawischen Emi- 
■ granten hat niemand eine Chance. 

Nachdem die Regierung vergangenen 
r Oktober Einreise- und Aufenthaltsbe- 
L dingungen verschärfte, entzogen die 
i Behörden allein im letzten Jahr 20.000 
Personen die Aufenthaltsgenehmigung. 
Mehr als 3.000 Ausländer wurden zwangs- 
weise abgeschoben, 1.500 ausgewiesen. 
Darübcrhinaus werden täglich bis zu 3.000 
Personen an den ungarischen Grenzen 
zurückgewiesen, weil sie nicht über ent¬ 
sprechende Summe von 1.000 Forint und 
eine Rückfahrkarte verfügen. Doch ge¬ 
setzlich ist das rigorose Vorgehen der 
ungarischen Behörden keineswegs ver¬ 
ankert. Von mehreren geplanten Gesetzen 
wurde dem Parlament bis jetzt lediglich 
ein Entwurf über die Neuregelung der < 
Einrciscbcstimmungcn präsenüert. \ 

' Immerhin, frohlockt das Innenministe- ] 
rium, schnellen die Zahlen der illegalen r 
Grcnzübcrtritte nicht weiter in die Höhe. 1 
Derzeit halten sich nach offiziellen 5 
Schätzungen etwa 25.000-40.000 Aus- l 
länder illegal in Ungarn auf, hauptsäch- 1 
lieh Rumänen, Türken, Nigerianer, Libe- t 
riancr, Chinesen und andere Bürger afri- e 
kanischcrundasialischerStaatcn.IhrZiei v 
ist nicht das Land zwischen Donau und L 
Theiß, sondern der Westen. Bei dem d 
Versuch, sich an der ungarisch-öster- “ 
rcichischcn Grenze durchzuschlagcn, wer- T 
den die meisten erwischt. Dann heißt die S 
Enstation: Heimat. b 

Können die Betroffenen keine oder nur s( 
ungültige bzw. gefälschte Ausweisdoku- h< 
mente vorweisen, werden sie nach Kere- sj 
pestaresa gebracht, bis ihre Identität ai 
aufgeklärt ist. Obwohl die Behörden sie T; 
gesetzlich nicht länger als sechs Tage P; 
fcsLhal len d iirfen, kann das Monate dauern. m 


e- Während derer leben sie im Lager unter 
n- Bedingungen, die “gerade das vegetative 
n. Überleben sichern”. So jedenfalls siebtes 

le Istvän Major, Mitarbeiter des Flüchtlings- 

r- dienstes beim Ungarischen Roten Kreuz, 
st Im Innenministerium weiß man, daß gel¬ 
tendes Recht mißachtet wird, wenn “IHe- 
r- gale” monatelang festgehalten werden. 
)a Aber im Dilemma, eine Gesetzesver- 
b. letzung zu dulden oder selbst eine zu be- 

n gehen, entscheidetman großzügig zugun- 
>- sten des Staatsinteresses. Zwei Beamte 
r, der Fremdenpolizei, die ihre Namen nicht 
i- nennen möchten, äußern sich zu dem 
*- Problem. Der Begriff “Nord-Süd-Kon- 
s flikt fällt, aber die Rede ist mehr von 
e Kriminellen und Arbeitsunwilligen, 
r Manche B etroffene können nicht einmal 

: die Hauptstadt des Landes nennen, aus 
t dem sie angeblich kommen, oder die Farbe 
. des jeweiligen Ausweises. Sie existieren 
- dort gar nicht.” Man wisse nicht, wohin 
man sie schicken solle, außerdem zeigten 
1 sich eine Reihe von Botschaften sehr 
unkooperativ. 

Das Dahinvegetieren in Kerepestarcsa 
1 verbietet kein Gesetz. 70Forint, rund 1,40 

DM, stehen pro Tag und Person zur Ver¬ 
fügung. Das ist auch in Ungarn gerade 
mehr als nichts. “Ich habe bisher von der 

Landespolizeipräsidentschaft keinen Fil¬ 
ler mehr bekommen”, beschwert sich Imre 
Kluiber. “Bananen und Orangen können 
wir nicht verteilen. Ich sage Ihnen 
allerdings eines: Wenn Sie mit den Leu¬ 
ten reden, werden die Ihnen Horrormär¬ 
chen erzählen, wie grausam es hier ist. 
Glauben Sie kein Wort davon! ” 

Was man im Haus der Abschiebekandi- 
daten sieht, sind keine Märchen. Dafür 
gleicht die Szenerie umso mehr einer 
Mischung aus Horror und Elend. Der 
Treppenaufgang ist mit einem schweren 
Eisengitter verriegelt. Dahinter drängen 
sich dicht die Insassen. Vom am Gitter 
klammem sich ein paar Schwarze fest 
Niemand spricht. Nur schweigende, mi߬ 
trauische Blicke. Es ist, als würde man 
einen Rauenkäfig besichtigen. Das Stich¬ 
wort gibt: eine Frage des Besuchers. Die 
Leute fangen plötzlich an zu schreien, alle 
durcheinander: “Wir wollen hier raus!” - 
“Helfen Sie uns!” - “Wir leben hier wie 
Tiere, nicht wie Menschen!” - “Schauen 
Sie! Wir können uns nicht bewegen, wir 
brauchen Freiheit! Ich bin seit mehr als 
sechs Monaten hier!” - “Kommen Sie 
hoch, sehen Sie sich alles an!” Ein Mann 
spricht mich auf deutsch an. Er kommt 
aus Bosnien-Herzegowina, ist seit 26 
Tagen hier. “Naja, wegen dem falschen 
Paß”, sagt er verlegen. “Ich habe heute 
mit meiner Botschaft gesprochen. Die 









16 


haben gesagt, wir können nichts machen, 
bei mir ist Krieg. Wegen dem Krieg kann 
ich keine Papiere kriegen.” 

Die Polizisten öffnen das Gitter. Ich 
steige die Treppe hoch, die Leute umringen 
mich, reden auf mich ein. Zwischen 
nackten Betonwänden häufen sich Müll 
und Dreck. Toiletten- und Waschräume 
stehen eine Handbreit unter Wasser und 
stinken nach Exkrementen. In den 
Schlafräumen hat man Doppelstockbetten 
aneinander gequetscht. Seit Anfang 
Februar gibt es Fernsehen. Ungarn Eins 
und Zwei für Albaner, Pakistani und 
Sudanesen, die kein Wort ungarisch 
verstehen. Ein Dutzend türkische Kurden 
sind in einem Sonderraum cingespcrrt, 
warum können die Wachhabenden nichL 
sagen. Hofgang findet nicht statt, weil die 
“entsprechenden Einrichtungen” fehlen. 

Die Gefangenenhilfsorganisation Am¬ 
nesty International sandte Mitte März 
einen Brief an die ungarische Regierung, 
in dem sie ihre Besorgnis über die Zu¬ 
stände in Kerepestarcsa ausdrückte. Ihr 
sei über'Mißhandlung von Häftlingen und 
den Einsatz von Tränengas in geschlos¬ 
senen Räumen berichtet worden. Zugleich 
forderte sie faire Asylverfahren für Flücht¬ 
linge und kritisierte ein Abkommen zwi¬ 
schen Österreich, Ungarn und Rumänien, 
das Ende Februar geschlossen wurde. 
Darin einigten sich die drei Staaten auf 
eine schnelle Abschiebung unerwünsch¬ 
ter Flüchtlinge. Ungarische Behörden 
bestätigten den von Amnesty Internatio¬ 
nal erhobenen Vorwurf, in Kerepestarcsa 
sei Tränengas gegen Lagcrinsasscn einge¬ 
setzt worden: Während einer Revolte im 
Dezember 1991 habe man auf diese Art 
notwendigerweise vorgehen müssen. 
Innenminister Peter Boross kommentierte 
das Amnesty-Schreiben außerdem m it den 
Worten, es sei von überempfindlichen, 
liberalen Philantropen verfaßt worden, d ie 
es in jedem Land gebe. 

Eine dieser “überempfindlichen Philan¬ 
tropen” auf ungarischem Territorium ist 
Ouilia Solt, während des Kädär-Rcgimcs 
eine führende Oppositionelle und heute 
ebenso prominente wie bei der Regierung 
unbeliebte Abgeordnete der größten 
Oppositionspartei Bund Freier Demokra¬ 
ten (SZDSZ). “Um ihreZiclc zu erreichen 
und die Einschränkungen gesetzlich zu 
verankern”, sagt sie, “betreibt die Regie¬ 
rung Stimmungsmache und Propaganda 
gegen Ausländer, besonders gegen 
Schwarze, Araber undChinesen. Ich weiß 
nicht, ob alle Ungarn dieser Propaganda 
glauben, aber leider neigt sich die Stim¬ 
mung zugunsten der Abschiebungen.” 

Westlichen Regierungen kann das 


gerade recht kommen. Ende Februar weilte 
eine Delegation des Innenausschusses im 
deutschen Bundestag in Budapest und 
diskutierte mit ungarischen Regicrungs- 
politikern über Flüchtlingslagern Das 
Gastgeschenk der Deutschen: Acht Mil¬ 
lionen Mark Unterstützung für die unga¬ 
rische Polizei - zur Bekämpfung des 
Drogenschmuggels, wie es hieß. “Der 
Westen bestärkt die ungarische Regie¬ 
rung natürl ich aus ganz eigenem Interesse 
in ihren widerlichen Machinationen”, 
kommentiertOttilia Solt. “Wenn es Kohls 
Wunsch war, daß Ungarn die Flüchtlinge 
aufhäll, dann wird man ihn sicher erfül¬ 
len” 

Den Bewohnern von Kerepestarcsa blei¬ 
ben ein paar spärliche Hoffnungen. Beim 
UNO-Flüchllingsbüro in Budapest kön¬ 
nen sieden Flüchtlingsstatus beantragen. 
Wird ihnen der zuerkannt, dürfen sie in 
ein Drittland Weiterreisen. Solches Glück 
ist jedoch den wenigsten bcschiedcn. Von 
250 Fällen, die im letzten Jahr bearbeitet 
wurden, traf das UNO-Flüchtlingskom- 
missarial nur in 20 Fällen eine positive 
Entscheidung. Thomas Birath, Leiter des 
Büros, steht vor einem Dilemma. “Wir in 
Budapest können ja nicht die Probleme 
Afrikas lösen”, sagt er. Das wichtigste sei 
jedoch, daß man die ungarische Regierung 
zu bewegen versuche, die geographische 
Einschränkung aufzuheben, die das Land 
mit seiner Unterschrift unter die Genfer 
Konvention geltend machte. “Andere 
Länder in der Region haben das ja auch 
getan. Vielleicht fühlt sich Ungarn da ein 
bischen isoliert...” 

Das Ungarische Rote Kreuz hat unter¬ 
dessen ein Hilfsprogramm für Kcre- 
pcsiarcsa ausgearbeitet, das Ende Apri 1 in 
Kraft trat. Im Rahmen dessen soll nicht 
nurdic Verpflegung für die Lagcrinsasscn 
bedeutend verbessert werden. Man will 
auch Dolmetscher zur Verfügung stellen, 
den Betroffenen einen Inlcrcsscnschutz 
bieten und sie über ihre rechtliche Situation 
aufklären. Nachdem die Vorwürfe von 
Amnesty International scheinbar Hand¬ 
lungsdruck erzeugt haben, zeigt sich das 
Innenministerium dankbar über die Initia¬ 
tive. “Ich glaube, die Behörden sind an 
Verbesserungen in Kerepestarcsa 
interessiert. Aber cs mangelt ihnen an 
Geld und sic können die konkrcLcn 
Probleme nicht richtig durchschauen und 
sic für die einzelnen Personen lösen”, sagt 
Andräs Koväcs, Leiter des Flüchtlings- 
dicnstcs beim URK und einer der Ini¬ 
tiatoren des Programmes. 

Eine grundsätzliche Verbesserung der 
ungarischen Ausländcrpolilik stellt das 
Hilfsprogramm freilich nicht in Aussicht. 


Das sahen wohl auch 26 Lagerinsassen 
so: In der Nacht zum 8. April schlugen sie 
einen Wärter nieder und flüchteten. Fünf 
wurden am nächsten Tag gefaßt und nach 
Kerepestarcsa zurückgebracht. Polizei¬ 
sprecher György Suha versicherte* ihnen 
sei nichts passiert... 



Nr, 59 
Mai 1992 

Streikwelle: Hintergründe eines 
simulierten Streiks - mit Berichten 
und Interviews zu Banken und Stahl 

Spanien: Asturien, 
Streik der Busfahrer in Madrid 
Autoindustrie - Just im Streik? 

Bewaffneter Kampf * Sechs The¬ 
sen, vier Mythen, zwei Wege, ein Ziel 

Neu erschienen! 

Thekla 15: Schichtwechsel 

Fiat und die Arbeiterinnen) 

160 Seiten - Bestellung durch Überwei- 

: sung von 8 Mark 

Abo 6 Hefte 20 Mark, I ■ r 

Einzelheft 4 Mark. 

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»♦.. einziges Land, in dem 
Judenfrage und 
Zigeunerfrage gelöst.« 
(Hrsg.: ROM e.V. Köln) 

Die Verfolgung der Roma im 
faschistisch besetzten Jugos¬ 
lawien 1941-1945 von Karola 
F| 'ngs, Cordula Lissner, Frank 
Sparing 


lehr als eine Woche nach dem lesen war 
lc h nic ^ 1 * n der Lage auch nur ein Wort 
a er dieses Buch zu schreiben. Trotz 
iverser Versuche zumindest eine kurze 
us ammcnfassung zu Papier (aber eben 
nur 7U Papier) zu bringen, verschlugen 
aiir die Erinncrungsfragmenlc der Über- 
c enden im faschistisch besetzten Jugos- 
awien die Sprache. 

y [ c Br inner ungsarbeit, die wir in den 
t zeugeninterviews den äliernen Men- 
SC len verlangen mußten war ungeheuer 
SC unerz haft, manche konnten auch dann 
niC 11 l *l Jer l hre Geschichten sprechen, 
Wenn Sle die vage Hoffnung hatten, de uh 
S j C j lc Behörden würden wohl nie mehr 
an d an sic legen und sie abschieben, 
s ° a ^d sie das ganze Ausmaß der Leiden 
c führen. Zu dem Schmerz über die un ge- 
^ U lntcn Verbrechen kommt die Verbit - 
cru ng hinzu, daß mit der Vernichtung 
feines Volkes auch die Zeugen undZcug- 
nncn beseitigt wurden (aus dem Vor- 
von Fatima Hartmann) 
jj. Ic von Poma, Unterstützerinnen und 
^^torikerinnen gemeinsam erstellte 
0 um cntation behandelt eine Zeitspanne 
^ cr Vcrfolgungsgcschichtc der Roma 
erdic bisher nur wenig bekannt ist. Die 
atc r hinicrlicßcn keine schriftlichen 
ucllen. Kein z wc jf c ] darüber, 

die Roma wie die Juden auch in 
^ u gosIawicn martialisch verfolgt worden 
UaF ^P^ tcstcns nac ^ der Kapitulation 
^ ICns übernimmt das Deutsche Reich 
^ lc Federführung in der Rassenpolitik, 
^eutschc Nationalsozialisten sind bei der 
j Cr °^ un £ und Ermordung Tausender 
cn und Roma wesentlich beteiligt, 
du -^ Cr Zcrsc ^ lIa ß un g Jugoslawiens 
^ r ei die Achsenmächte 1941 und die 
VV U lc dung in verschiedene Tcilstaatcn 
^ Ur dcn die Roma systematisch von allen 
n ^ Ucn vcr fclgt. Neben deutschen Natio- 
Fa^ S( v' a ^ stcn ^d den italienischen 
s erb’ ,StCn ’ ^ cr kroatischen Ustascha, 
tschcn,albanischen und bulgarischen 
Sc histcn ausgclicfcrt. 


Photo: Herby Sachs/Transparcnt 



"Die mit der Fähre über gesetzten Häft¬ 
linge wurden von ihren Bewachern in 
Zehner gruppen zwanzig Meter von den 
Gruben entfernt aufgereiht und gezwun¬ 
gen, auf die Gräben zuzurennen, während¬ 
dessen sie mit Keulen und Vorschlaghäm¬ 
mern von den Ustaschas geschlagen 
wurden. Gelang es Häftlingen dennoch, 
bis zur Grube zu gelangen, wurde ihnen 
dort der tödliche Schlag versetzt . Manch¬ 
mal wurden die Roma - vor allem, wenn 
die Gruppen aus Frauen und Kindern 
bestanden - lebend in die Gruben gewor¬ 
fen, und dort von wartenden Ustaschas 
mit Messern und Dolchen niederge¬ 
metzelt. " Die Verfolgung der Roma im 
"unabhängigen Staat-Kroatien" oder in 
Serbien und Slowenien unterschcidctsich 
nur in unwesentlichen Details. Weitge¬ 
hend verschont von den Deportationen 
und der Liquidation durch die Ustascha 
blieben die in Bosnien und Herzegowina 
lebenden Roma islamischen Glaubens. 
Sic werden nach einer "Erklärung über 
die Rassenzugehörigkeit der Roma" des 
NDH-lnncnministcriums als Arier 
betrachtet. 

Die Autorinnen kommen zu dem Schluß, 
daß die Ursache dieser Entscheidung des 
Ustascha-Rcgimcs in erster Linie in der 
Integration der Moslems in ihr System zu 
suchen sei. DieGcfahrdcs Widerstands in 


der überwiegend moslemischen Bevöl¬ 
kerung Bosniens-Herzegowina war zu 
bedrohlich. 

Insgesamt existieren keine Zahlen über 

die Beteiligung der Romaam Widerstand. 
Doch in vorsichtigen Rückschlüssen 
sammelt das Buch Fakten über einen 
breiten Widerstand der Roma- 
Bevölkerung: ” Der Roma Ilasani Ibra¬ 
him war seit 1943 in der Befreiungsbe¬ 
wegung aktiv . Als Mechaniker einer 
Reparaturwerkstatt für Militärfahrzeuge 
der Wehrmacht in Mitrovica stahl er 
Benzin, stellte daraus Benzinbomben für 
die Partisanen her und versorgte sie mit 
Waffen. Bevor er 1944 in die Berge floh, 
um dort alsPartisan zu kämpfen, sprengte 
er das gesamte Munitionslager und die 
Garagen mit Militärfahr zeugen in die 
Luft.” 

Der Anhang enthält bisher unbekannte 
. Dokumente sowie eine umfangreiche 
Bibliographie. Das Buch faßt alte und 
neue Forschungsergebnisse zusammen. 
DochdasgroßcVerdienstdcr Autorinnen 
ist eine ungewöhnliche Verbindung von 
Fakten und Erinnerungen, die das grauen¬ 
hafte S zenario des Genozids an den Roma 
nachzcichnct. 

Herby Sachs 







Autonome Gesellschaft 

Cornelius Castoriadis: Der Zusammenbruch des Marxismus-Leninismus 



Photo: Hacky Hagcmeycr/Transparent 


Constantin Castoriadis, Exilgrieche, 
Sozialphilosoph mit Wohnsitz in Paris, 
wo er in den 50er Jahren die einflu߬ 
reiche Zeitschrift "Sozialisme ou bar - 
barie” herausgab, beschäftigt sich in 
seinen neueren Arbeiten mit der Auto¬ 
nomie des Individuums auf der Basis 
einer Gesellschaftstheorie, die soziale 
Gebilde als "imaginäre Institutionen” 
beschreibt Der vorliegende Artikel 


ersch ien zuerst in Le Monde, Die Über¬ 
setzung besorgteMathias Richter, der 
die Tübinger Bloch-Tage mit diesem 
Beitrag in der Tübinger Stadtzeitung 
TÜTE vorbereitete. (Im Nebenaspekt ver¬ 
abschieden wir uns hiermit von derTÜTE, die 
ihr Erscheinen eingestellt hat. Sic war ein 
Projekt, das sich parallel zum SF gebildet hatte 
und deren Diskussionskreise sich z.T. mit den 
unseren überschnitten. W.H.) 


D ie gravierendsten Einschränkungen 
und die radikalste Kritik gegenüber 
Marx machen weder seine Bedeu¬ 
tung als Denker noch die Größe seines 
Werkes zunichte. Man wird noch tiüer 
Marx naehdenken, wenn man in den 
Wörterbüchern sorgfältig nach den Na¬ 
men der Herren Hayek und Friedman 
suchen wird. Aber Marx hat nicht durch 
seine Werke eine ungeheure Rolle in der 
tatsächlichen Geschichte gespielt. ! Er 
wäre nur ein weiterer Hobbes, Montes¬ 
quieu oder Toqueville gewesen, wenn 
man nicht aus ihm ein Dogma gemacht 
hätte - und wenn seine Schriften sich 
nicht dafür geeignet hätten. Und wenn 
sie sich dafür eigneten, dann weil seine 
Theorie nicht nur in Teilen dogmatisch 
ist. 

Die (Engels geschuldete) Vulgata, als 
Marxsche Quellen Hegel, Ricardo und 
die französichen „utopischen“ Sozia¬ 
listen anzuführen, unterschlägt die halbe 
Wahrheit. Ganz genauso ist bei Marx ilas 
Erbe der demokratischen und emanzipa- 
torischen Bewegung vorhanden - woher 
bis zum Schluß seine Begeisterung für 
die französische Revolution herrührt, 
ebenso wie in seinen Jugendjahren | für 
die polis und den griechischen de mos. 
Die Emanzipationsbewegung, das Projekt 
der Autonomie: ein Weg, der in Europa 
durch Jahrhunderte führte und in der 
französische Revolution kulminierte. 
Aber die Revolution hin (erlieft ein unge¬ 
heures, und zwar gleichzeitig jein doppel¬ 
tes Defizit. Indem sie ihr eine neue 
Grundlage verschaffte, bereitete und ver¬ 
schärfte sie gleichzeitig was die Vertei¬ 
lung der tatsächlichen Macht innerhalb 
der Gesellschaft an belangt, eine maßlo¬ 
se, ökonomisch und sozial verankerte Un¬ 
gleichheit. Sie bereitete und verstärkte 
die Herrschaft der Staatsbürokratie, ober¬ 
flächlich ,,kontrolliert“ durch eine vom 
Volk getrennte Schicht professioneller 
„Repräsentanten“. 

Auf diese Defizite-undauf die unmensch¬ 
lichen Lebensbedingungen, unter die sic 
der Kapitalismus unterwirft* indem| er 
sich in einer alles vernichtenden Ge¬ 
schwindigkeit ausbreitet, reagierte <iic 
entstehende Arbeiterbewegung in Eng¬ 
land und schließlich auf dem Kontinent. 
Der Kern der wichtigsten Marxsehen 
Ideen bezieht sich auf die Transforma¬ 
tion der Gesellschaft — besonders die der 
Selbst-Regulierung der Produzenten — 
die sich keineswegs in den Schriften der 
utopischen Sozialisten finden, sondern 
aus den Zeitschriften und der Selbstor¬ 
ganisation der englischen Arbeiter zwi¬ 
schen 1810 und 1840 stammen, lange 
vor den ersten Marxschen Schriften. Das 
Entstehen der Arbeiterbewegung er¬ 
schien daher als die logische Folge der 
auf halber Strecke steckengebliebencn 
demokratischen Bewegung. 

Aber gleichzeitig drängt ein anderes so¬ 
zialgeschichtliches Imaginäres herauf: 
das kapitalistische imaginäre, das die ge¬ 
sellschaftliche Wirklichkeit mit einem 
Schlag veränderte und die mit unum¬ 
stößlicher Gewißheit dazu bestimmt zu 
sein schien, die Welt zu beherrschen. Im 
Gegenteil zum konfusen Vorurteil, das 
auch heute auf der Grundlage des zeit* 
genössischen ..Liberalismus“ - noch vor- 







o $- & 


herrscht, befindet sich das kapitalistische 
^aginäre in völligem Widerspruch zum 
r ojckt der Emanzipation und der Auto- 
J| 0 rnie. Schon 1906 überzog Max Weber 
le Idee, daß der Kapitalismus irgend 
~ Was Demokratie zu tun hätte, mit 
pott (und man kann immer noch mit 
I darüber lachen, wenn man dabei an 

u afrika, Taiwan oder das Japan zwi- 
Sc en 1870 und 1945 denkt und selbst 
noch an das heutige). 

s geht dabei darum, alles, die Menschen 
a s Produzenten und schließlich selbst 
p S Konsumenten der „Entwicklung der 
Produktivkräfte“ vollständig unterzu- 
0r nen. Die unbegrenzte Ausdehnung 
rationaler Herrschaft - Pseudobeherr- 
scuing, Pseudorationalität, wie man 
jeule unverkennbar sicht — wurde zu 
einer anderen maßgebenden imaginären 
e cutung der modernen Welt, macht- 
0 vergegenständlicht in Technik und 
^erwaltung. Die totalitären Pofentiale 
lGScs Projektes sind unschwer zu erken¬ 
nen und völlig in der klassischen kapi- 
* istischen Fabrik vorgeführt. Wenn es 
em Kapitalismus, weder zu jener Zeit, 
°ch später gelungen ist, die Gesellschaft 
n eine einzige riesige, unter einem Kom- 
ando und einer Logik stehenden Fabrik 
verwandeln (so wie es, jeweils auf ihre 
es immte Art der Nazismus und der 
ommunismus später versucht haben), 
nn sicherlich nur aufgrund der Rivali- 
lisfH Un ^ dcr Kämpfe unter den kapita- 
_ ls chen Gruppierungen und Nationen 
st 3 ^ er V ° r a ^ cm aufgrund des Wider- 
an es, der ihm von Anbeginn durch die 
s , m °. tische Bewegung auf gesell- 
la tlichcr und von der Arbeiterbewe- 
u ng auf der betrieblichen Ebene entge¬ 
gengesetzt wurde. (...) 


II fl seinem Zusammenbruch 
| y fl Sc heint der Marxismus-Leninis- 
■ nius genauso das Projekt der Au- 
ne n °p^ e w i e Politik selbst unter sei- 
t n JK^ inen zu verschütten. Der engagier- 
füh • derjcr >igcn, die er unterdrückte, 
Pr r V lm ^ stcn zu einer Ablehnung aller 
na ? Jekte » die etwas anderes als die Über- 
d des liberalen kapitalistischen Mo- 
u S beabsichtigen. Im Westen wird sich 
du C h dCr Bevöl ^crung die Überzeugung 
be^ H tZen> un * er e i nem Regime zu le- 
Ü f ’. s so wenig schlecht wie nur mög- 
ant ISt ’ Und Abtauchen in die Ver- 
wortungslosigkeit verstärken: Zer- 
Snh^ Ung Und Rückzi, g die „Privat“- 
are (ganz augenscheinlich so wenig 
”Pnvat“ wie nie zuvor). 

° c h nicht genug, daß jene Bevölkerun¬ 
gen sich vielen Illusionen hingeben. In 
At^ ^ erc i n ißten Staaten spricht Lee 
ka^ Va ^ Cr ' dcr Vorsitzende der Republi- 
r nit7 C ^ C - n ^ artc Lvon dieser Bevölkerung 
ka ■^ n ' Sim, s, wenn er sagt: „Das amerb 
^or SC / 1C is! überzeugt, daß in der 

d u * n * linci von den Politikern nur 
f} j ? ncs Geschwätz (engl, baloncy) ver- 
dcrj !Cf daß in den Medien und von 

Journalisten dummes Geschwätz 
ein 1 *??' ^ a ß organisierte Religion 
u / 11 ui nie s Geschwätz ist, daß das Big 
c Slness dummes Geschwätz ist und daß 
^°ßcn Gewerkschaften nur dummes 
verbraten. M All das, was man 
ra nkrcich weiß, verweist auf den¬ 


selben Geisteszustand. Aber viel schwerer 
als die Meinungen wiegt das tatsächliche 
Verhalten. Die Kämpfe gegen das Sy¬ 
stem, wenn auch einfache (bescheidene) 
Reaktionen, sind dabei zu verschwinden. 
Doch der Kapitalismus hat sich nur durch 
die ökonomischen, sozialen und politi¬ 
schen Kämpfe, die.zwei Jahrhunderte 
kennzeichnen, modifiziert und ist da¬ 
durch etwas annehmbarer geworden. 
Ein Kapitalismus, zerrissen von Konflik- 



Comelius Castoriadis 


ten und gezwungen, einer starken inter¬ 
nen Opposition gegenüberzutreten und 
ein Kapitalismus, der es mit Lobbies 
und Korporationen zu tun hat, der die 
Leute auf leisem Wege manipulieren kann 
und sie sich über alljährlich neue Spiel¬ 
zeuge kaufen kann, das sind zwei sozial¬ 
historisch völlig unterschiedliche Gebil¬ 
de. Die Wirklichkeit zeigt dies zur Ge¬ 
nüge. 

Die entsetzliche Geschichte des Marxis¬ 
mus-Leninismus zeigt, was eine Emanzi¬ 
pationsbewegung nicht sein kann und 
nicht sein darf. Sie erlaubt in keiner 
Weise den Schluß, daß der Kapitalismus 
und die liberale Oligarchie, unter der wir 
leben, das letztendlich aufgelöste Rätsel 
der menschlichen Geschichte in sich 
birgt. Das Projekt einer totalen Beherr¬ 
schung (vom Kapitalismus durch den 
Marxismus-Leninismus übernommen 
und in beiden Fällen in sein Gegenteil 
verwandelt) ist ein Wahn. Daraus ist nicht 
zu schließen, daß wir uns unserer Ge¬ 
schichte wie einem Schicksal unterzuord¬ 
nen haben. Die Idee, tabula rasa zu ma¬ 
chen mit all dem was existiert, ist ein Irr¬ 
sinn, der zum Verbrechen führt. Daraus 
folgt nicht, daß wir das, was unsere Ge¬ 
schieh te seit Griechenland definiert und 
dem Europa eine neue Dimension verlie¬ 
hen hat, zurückzuweisen haben: wir 
schaffen unsere Gesetze und unsere Insti¬ 
tutionen, wir wollen unsere individuelle 
und kollektive Autonomie, und diese 
Autonomie können und sollen nur wir 
begrenzen. Der Begriff der Gleichheit 
diente als Deckblatt für ein Regime, wo 
die reale Ungleichheit in Wirklichkeit 
noch größer war als im Kapitalismus. 

Wir dürfen deswegen nicht vergessen, 
daß cs keine politische Freiheit ohne po¬ 
litische Gleichheit gibt und daß diese un- 


19 


möglich ist, wenn ungeheure Ungleich¬ 
heiten im Bereich der ökonomischen 
Macht, die sich direkt auf die Ebene der 
politischen Macht übersetzt, bestehen 
und sich noch verschärfen. Marx* Idee, 
man könne den Markt und das Geld ab^ 
schaffendst eine unausgegorene Utopie. 
Das zu begreifen bedeutet weder, eine 
Bürgschaft für die Allmacht des Geldes 
zu i j iberneh men noch an die „Rationali¬ 
tät“ eines Wirtschaftssystems zu glauben, 
das nichts mit einem wirklichen Markt 


Kasino annett. Nur weil es keine Gesell¬ 
schaften ohne Produktion und Konsum¬ 
tion gibt, heißt das noch lange nicht, 
daß diese Bereiche sich zu den letzten 
Zwecken menschlicher Existenz auf¬ 
schwingen sollen — das ist die tatsäch- 
hche Substanz des heutigen „Individua¬ 
lismus und „Liberalismus“. 

Dies sind einige Schlüsse, zu denen die 
versammelte Erfahrung der Zerstäubung 
des Marxismus-Leninismus und die Ent- 
Wicklung des zeitgenössischen Kapitalis¬ 
mus führt. Und es sind keine, die eine 
Überzeugung aus der Unmittelbarkeit 
herleiten wird. Aber wenn der Staub ver- 
flogen sein wird, liegt es an ihnen, ob 
sich die Menschheit darauf einlassen 
muß oder zumindest ihren Weg weiter 
gegen eine immer größer werdende Illu¬ 
sion verfolgen muß, die doch früher oder 
spater an den natürlichen Grenzen unse¬ 
res Planeten zerschmettern wird, wenn 
sie nicht schon davor unter dem Ge¬ 
wicht ihrer Nicht-Sinnes zusammenge- 
brochen sein wird. 


Aus dem Französischen übersetzt von 
Mathias Richter 














Libertärer Kommunalismus — 
ein Konzept für eine konkrete Utovi 


20 



o 

o 

cq 


„Politik“ bedeutet heutzutage die Duelle 
zwischen den Wahlkampfkomissioncn der 
bürokratischen Parteien, die während des 
Wahlkampfes unzählige Maßnahmen zur 
Erlangung der „sozialen Gerechtigkeit“ 
versprechen, einzig und allein um eine 
nicht näher bestimmte Wählerschaft zu 
ködern. Einmal an der Regierung ver¬ 
kümmern diese Maßnahmen zu einem 
kläglichen Strauß von Kompromissen. In 
dieser Beziehung unterscheiden sich vie¬ 
le europäische grüne Parteien kaum von 
den traditionellen Parteien. Auch die 
sozialistischen Parteien verschiedenster 
Coleur haben keinen grundlegenden 
Unterschied zu ihrem kapitalistischen 
Gegenüber aufgezeigt. Gewiß ist die 
Indifferenz und der unpolitische Charak¬ 
ter dcramcrikanisch-europäischen Öffent¬ 
lichkeit niederschmetternd. Die geringen 
Erwartungen der Wählcrsindaufdic tradi¬ 
tionellen Parteien gerichtet, da sic im 
Zentrum der Macht doch einige prak¬ 
tische Erfolge erzielen können. Wenn sich 
schon jemand die Mühe macht zur Wahl 
zu gehen, warum sollte dann, so die weit¬ 
verbreitete Meinung, die Stimme einer 
neuen marginalen Organisation gegeben 
werden, die im Falle des Erfolges ebenso 
sein könnte wie traditionelle Parteien, 
zeigen sic doch gleiche Charaktcr/.iigc 
auf. Ein Beispiel dafür sind die deutschen 
Grünen, die sich nach innen wie nach 
außen immer mehr anderen Parteien an- 
nähem. 

Das ist der sich seit Jahrzehnten hin- 
schlcppcndc „politische Prozeß“, der keine 
grundlegende Veränderung bewirkte und 
nun wieder in seine Trägheit zurückPallt. 
Die Zeit nutzte die Erwartungen ab. Ein 
Mißerfolg löste den anderen ab und die 
Hoffnungen reduzierten sich auf Gewohn¬ 
heiten. Die Rede von der „neuen Politik“, 
von dem Umsturz der Traditionen, die so 
alt ist wie die Politik selbst, überzeugt 
nicht mehr. Seit Jahrzehnten waren die 
stattfindenden Veränderungen der radi¬ 
kalen Politik mehr rhetorischer als struk¬ 
tureller Natur. Die deutschen Grünen sind 
nur das neueste Beispiel einer Verwand¬ 
lung einer non-party, die versucht sich 
basisdcmokralisch zu organisieren - und 
das ironischcrwci.se im Bundestag -, zu 
einer gewöhnlichen parlamentarischen 
Partei. Wie die SPD,die LabourParty,die 
New Dcmoeratic Party in Canada, die 
französischen Sozialisten und viele an¬ 
dere die trotz ihrer cmanzipatorischen 
Visionen heute kaum noch als liberale 
Parteien cinzustufcn sind, zumindest 
könnte in ihnen ein Rooscveitoder Harry 
Truman ein gemütliches Zuhause finden. 
Was sic vor Generationen auch für Ideale 
gehabt haben mögen, diese sind von dem 
Erwerb, Erhalt und Ausbau ihrer Macht in 
den jeweiligen Parlaments- und Vcrwal- 
tungsposten in den Schatten gestellt wor¬ 
den. 


Genau diese parlamentarischen Ziel¬ 
setzungen bezeichnen wir heute als Poli¬ 
tik. In dieser neueren Vorstellung von 
Politik ist Politik eine Ansammlung vön 
Mitteln und Techniken zur Machterhai- 
tung in den repräsentativen Körperschaf¬ 
ten — vor allem in den legislativen und 
exekuti ven Organen -und nichteine Ethik 
beruhend auf Rationalität, Gemeinschaft 
und Freiheit. 


A Civic Ethic 


„Libertärer Kommunalismus“ stcllteinen 
ernsthaften ja historisch begründeten 
Versuch dar, die politische Sphäre 
basisdemokratisch zu organisieren und 
ihr einen ethischen Inhalt zu geben. Er 
unterscheidet sich nicht nur rhetorisch 
von anderen basisdemokratischen Ver¬ 
suchen. Er versucht den öffentlichen 
Bereich für eine direkte Beteiligung deij 
Bevölkerung zurückzugewinnen und 
d urchbricht som i t den öden Kreislauf von 
Parlamentarismus—der Mystifikation des 
Partei mechanismus als Ausdruck öffent-' 
lichcr Beteiligung. 

In dieser Hinsicht ist der „Libertäre 
Kommunalismus“ mehr alseine politische 
Strategie. Es ist das Bemühen von den 
latenten oder aufkommenden demokra¬ 
tischen Möglichkeiten zu einer radikalen 
Umwälzung der Gesellschaft zu kommen, 
zu einer komm unalistischen Gesellschaft, j 
die an den Bedürfnissen des Menschen' 
orientiert ist, den ökologischen Anforde¬ 
rungen nachkommt und eine neue Ethik 
auf der Grundlage der Solidarität ent¬ 
wickelt. Das bedeutet eine Abkdhr von 
der Politik der Binsenwahrheiten. Es 
bedeutet eine neue Definition des Poli¬ 
tischen, e i ne R ückkehr zu der eigentlichen 
griechischen Bedeutung nämlich der 
Verwaltung der Kommune oder polis 
durch die Vollversammlungen auf denen 
die Richtlinien der Politik formuliert 
werden auf der Basis der Gegenseitigkeit 
und Solidarität. 

So ist der „Libertäre Kommunalismus“ 
nicht einer der vielen pluralistischen : 
Techniken zur Erlangung eines vagen i 
Undefinierten Ziels. Im Kern demokra¬ 
tisch und nicht hierarchisch in seinen 
Strukturen, ist er eine Art von mensch¬ 
licher Bestimmung und nichtein Teil von 
einem Sortiment politischer Mittel und 
Strategien, die mit dem Ziel die Herr¬ 
schaft zu erlangen angccignet und wieder j 
abgestoßen werden können. „Libertärer 
Kommunalismus“ versucht die institutio¬ 
nellen Konturen einer neuen Gesellschaft 
zu umreissen, es ist die praktische Bot¬ 
schaft der neuen Gesellschaft. 












asas : ii 


. 


»Entweder wir errichten eine ökologische Gesellschaft 
oder die Gesellschaft wird untergehen und zwar für alle, 
ungeachtet dem Status, den ein jeder einnimmt.« 




Mittel und Zweck 

Hier vereinigen sich Ziel und Weg auf von Politik - und Politik wie sie einst in schaftlichc und politische Sphäre über- 

r ationaIc Weise. Der Begriff des Poli- den vorkapitalistischen demokratischen greift. Zumeist ist der Staat reiner Selbst¬ 
ischen beinhaltet nun die direkte öffent- Kommunen existierte. zweck wie beispielsweise die asiatischen 

l'chc Kontrolle über dicGcsellschaftdurch „Libertärer Kommunalismus“bcdeutet Imperien, dasalte Rom und die modernen 

’hrc Mitglieder, die (in Abgrenzung zum eine klaren Vorstellung über den gesell- totalitären Staaten. Der Staat hat ständig 

^Publikanischcn System, indem im Vor- schafüichen Bereich genauso wie über den politischen Bereich besetzt, hat trotz 

h| ncin die Zustimmung der Bevölkerung den politischen Bereich. Gesellschaftlich ihrer Unzulänglichkeit gesellschaftliche 

Zur regionalen und kommunalen Politik im Sinn des Wortes, dort wo wir wohnen Gruppen oder Individuen an die Macht 

Cln gclordcrt wird) in den Versammlungen und arbeiten. Erist deutlich etwas anderes gebracht. 

H‘c direkte Demokratie erlangen und auf- als der politische und staatliche Bereich. Diese„Invasion“dcsStaatesbliebnicht 

rc chtcrhaltcn. Diese Politik unterscheidet Durch die Ununterscheidbarkeit der unbeantwortet. So gab es einen jahrhun- 

Slc b grundlegend vom StaatunddcrStaais- Begriffe gesellschaftlich, politisch und dertelang andauemeden Bürgerkrieg 

SCwalt_dcrprofessionellen Körperschaft staatlich wurde großer Schaden verur-* zwischen dem Staat und den politischen 
^ Us Bürokraten, Polizei, Militär und an- sacht. Tatsächlich haben sie in unserem und gesellschaftlichen Gemeinden. Des 

Cren Vollzugsbcamtcn, funktionierend alltäglichen Leben und Denken eine ten- öfteren wurde dieser Konflikt auch offen 

* s Zwangsapparai, deutlich abgegrenzt dcnzicl! gleiche Bedeutung. AbcrderStaat ausgetragen, wie z.B. der Aufstand der 

h 0n dcr Bevölkerung und über ihr ste- ist ein völlig fremdes Element, ein Dom kastillischen Städte (comuncros) gegen 

s cn d ; „Libertäre Kommunalisten“ unter- in der menschlichen Entwicklung, eine die spanische Monarchie 1520, der Auf- 

c hcidcn Staatsgewalt-die heutige Form exogeneGröße.dieständigaufdiegesell- stand der Pariser Sektionen gegen den 











jakobinischen Konvent 1793 und viele 
andere Aufslände vorher und nachher. 

Mit der steigenden Konzentration und 
. Zentralisation der Macht muß heute eine 
neue Politik-wenn sie einegrundsätzlich 
neue sein will - um die Kommune orga¬ 
nisiert werden. Das ist nicht nur notwen¬ 
dig, es ist auch möglich, selbst in so gro¬ 
ßen Städten wie New York, Montreal, 
Paris oder London. Diese Städte sind keine 
Städteim ursprünglichen Sinn,selbst wenn 
Soziologen sie so nennen. Nur wenn wir 
sie so begreifen, bekommen wir Schwie¬ 
rigkeiten mit deren Größe und der Lo¬ 
gistik. Eine institutionelle Dezentralisie¬ 
rung wird keine Probleme bereiten, selbst 
wenn wir sie nicht mit ökologischen 
Anforderungen begründen. Als Francis 
Mitterand Paris mittels lokaler Sladtpar- 
lamentc vor einigen Jahren dezentrali¬ 
sieren wollte (die Gründe waren taktischer 
Natur: er wollte den Einfluß der Rechten 
verringern), scheiterte er nicht aufgrund 
der Unmöglichkeit sondern an den poli¬ 
tischen Mehrheitsverhältnissen. 

Sicherlich finden institutionelle Verän¬ 
derungen n icht in einem gesellschafllichen 
Vakuum statt. Noch garantierteine dezen- 
traliserte Stadt, selbst wenn sie demokra¬ 
tische Strukturen hat, daß sie human, ratio- 
nalund ökologisch mit den Belangen der 
Öffenlichkeit umgeht. »Libertärer Kom¬ 
munalismus“ setzt einen Kampf für eine 
ökologische und rationale Gesellschaft 
voraus, einen Kampf der von B i Idung und 
der Organisation abhängen wird. Er geht 
von dem Bedürfnis der Bevölkerung aus, 
die steigende Konzentration der Macht 
aufzuhallcn und diese für ihre Kommune 
und Region zurückzugewinnen. Wenn 
keine Bewegung da ist - und ich hoffe, 
daß sich eine effektive links-ökologischc 
Bewegung entwickeln wird ~, die diese 
Ziele cinfordcrt, kann Dezentralisation 
genausogut zu Provinzialismus führen 
anstatt zu einem ökologischen und hu¬ 
manen Kommunalismus. 

Aber wann waren grundlegende gesell¬ 
schaftliche Veränderungen schon ohne 
Risiko? Aus der marx istischcn Vcrpfl ich- 
tung zum Zcntralstaat und zur Planwirt¬ 
schaft resultiert weitaus eher der büro¬ 
kratische Total itarismus als daß im (nega¬ 
tiven) Vergleich der ,Libertäre Kom¬ 
munalismus“ zu Autoritarismus, Abge¬ 
schlossenheit und Provinzialismus füh¬ 
ren muß. Gegenseitige ökonomische 
Abhängigkeit (ein Faktum heutigen 
Lebens) und der Kapitalismus haben regio¬ 
nale Diktaturen zu Hirngespinsten wer¬ 
den lasscn.ObglcichdieSlädte und Regio¬ 
nen versuchen können, ein beträchtliches 
Maß an Selbstversorgung zu erreichen, 
haben wir längst die Ära überschritten, in 
der autarke Städte ihren Vorurteilen nach- 
gehen könnten. 



Föderalismus 


Ebenso wichtig ist die Föderation, die 
Verbindung einzelner Kommunen durch 
die mit imperativem Mandat von den 
einzelnen Vollversammlungen gewählten 
Delegierten, die einzig und allein ausfüh¬ 
rende und koordinierende Funktionen 
innchabcn. Der Föderalismus hat eine 
lange Historie, die bis zur Antike zurück¬ 
reicht und als Alternative zum National¬ 
staat auftaucht. Von der amerikanischen 
über französische bis zur spanischen 
Revolution 1936 stellte der Föderalismus 
immer einen Bruch zum Staatszentralis¬ 
mus dar. Der Föderalismus ist bis heute 
nicht verschwunden. Der Zusammenbruch 
vieler Staaten stellte wieder die Frage 
nach einem aufgezwungenen Zentralstaat 
oder einer Föderation relativ autonomer 
Staaten. „Libertärer Kommunalismus“ 
gibt dieser Diskussion um den Föderalis¬ 
mus eine radikal demokratische Dimen¬ 
sion, in dem er nicht eine Föderation der 
Nationalstaaten fordert, sondern eine 
Föderation der Städte und Kommunen. 

Im „Libertären Kommunalismus“ kann 
der Provinzialismus nicht nur mittels der 
gegenseitigen ökonomischen Abhängig¬ 


keit gebremst werden sondern auch durch 
die Verpflichtung der städtischen Mino¬ 
ritäten, sich den Mehrheitsbeschlüssen zu 
beugen. Garantiert diese Verpflichtung, 
daß die Mehrheitsbeseh! üssedierichttgcn 
sind? Sicherlich nidit-aberdie Möglich¬ 
keiten für die Erlangung einer rationalen 
und ökologischen Gesellschaft sind weit¬ 
aus besser als in den Gesellschaften mit 
zentralisierten und bürokratischen Appa¬ 
raten. 

Ich wundere mich ständig* daß inner¬ 
halb der Grünen kein Netzwerk von ver¬ 
schiedenen Städten erstand* wo sie doch 
hunderte Delegierte aus allen Städten 
hatten* die allesamt eine konventionelle, 
sclbstbeschränkte Lokalpolitik betrieben 
haben. / ‘Einschränkung: es gab1980einen 
bimdeswehen Kommunalpoliiiscficn 
Kongreß in Bielefeld t der mit der Zeit¬ 
schrift A KP einen Diskussionsimammen - 
hang schuf Insgesamt blieb diese Strö¬ 
mung innerhalb der Grünen jedoch recht 
zweitrangig und erst 1992 kam es nun j im 
Zusammenhang mit dem Bündnis 90 zu 
einem 2.kommunalpolitischen Kongreß 
innerhalb der Grünen, für deren Aktivist¬ 
innen die Makroebene vermutlich immer 










I 

lukrativer erschien. SF-Red.] Viele Argu¬ 
mente gegen den „Libertären Kommuna¬ 
ismus“ beruhen auf dem Mißverständnis 
der Unterscheidung von Poliük-machen 
Ur >d der Administration. Diese Unter¬ 
scheidung ist für den „Libertären Kom- 
| ^lunalismus“ grundlegend und muß von 
I a her ständig präsent sein. Poliük wird 
v °neincrStadtversammlunggcmacht,die 
dministration findet bei den föderalen 
r gancn,dicaus Delegierten mit impera- 
tlvem Mandat bestehen, statt. Wenn ein- 
?C 1 nc Kommunen oder auch eine Minori- 

i 


sondern durch die Mehrheitder Versamm¬ 
lungen, die mit ihren Delegierten dort 
vertreten sind. Solch eine Politik wird 
lokal bleiben, die Administration jedoch 
ist in den föderalen Strukturen fest ver¬ 
ankert. Die Föderation ist somit eine 
Kommune der Kommunen, die gemäß 
der vereinbarten Menschenrechte und 
ökologischen Anforderungen funktioniert. 

Wenn der „Libertäre Kommunalismus“ 
in seiner Organisationsform völlig ver¬ 
dreht wird oder von seinen Inhalten los¬ 
gelöst wird, ist es ein Zustand gegen den 



y] s ich entscheiden und ihren eigenen 
e g gehen und dabei die Menschenrechte 
^ er lctzen oder größeren ökologischen 
chaden anrichten, so hat die Majorität in 
Cr lokalen oder regionalen Föderation 
Recht dieses zu verhindern. Das ist 
nic ht undemokratisch, cs ist die Durch- 
^zung des gemeinsamen Beschlusses 
. Cr » die Menschenrechte und die ökolo- 
g^hc Integrität der Region zu beachten. 

. lesc Rechte und Bedürfnisse werden 
n,c Iüdurch „dieFöderation“ausgedrückt. 


gekämpft werden muß. Seine Notwendig¬ 
keit begründet sich aus einer Zeit, in der 
die Menschen sich völlig ohnmächtig 
fühlen und ernsthaft versuchen ihre Ange¬ 
legenheiten selbst in die Hand zu nehmen. 
Er wird in zunehmendem Maße in Wider¬ 
spruch zum Nationalstaat geraten; seine 
Entwicklung ist ein Prozeß, es ist ein 
Kampf der geführt werden muß und kei¬ 
nesfalls ein Gnadenbrot der Herren unse¬ 
rer Staaten. Er wird zur dualen Macht, die 
die Legitimation der Staatsgewalt be¬ 


kämpft. Diese Bewegung wird sich eher 
langsam entwickeln, vielleicht sporadisch, 
in einzelnen Kommunen hier und da, die 
anfangs nur moralisch eine Veränderung 
fordern, bis genügend Föderationen be¬ 
stehen, die die völlige institutionelle Macht 
des Staates ersetzen. Dieser Kampf kann 
nur gewonnen werden, wenn der „Liber¬ 
täre Kommunalismus“ eine radikal neue 
Politik von sozialer Bewegung formuliert 
und die Herzen und Köpfe von Millionen 
erobert hat 

Einige Punkte sollten klar sein: Die 
Menschen, die den Kampf zwischen 
Föderalismus und Etatismus beginnen, 
werden nicht die gleichen sein, wie die, 
die den „Libertären Kommunalismus“ 
eventuell erreichen. Die Bewegung und 
die Kämpfe werden diese Menschen prä¬ 
gen , sie werden aktiv-Beteiligte sein, nicht 
passive Wählerinnen. Niemand der/die 
an diesen Kämpfen teilnimmt, wird mit 
denselben Vorurteilen, Gewohnheiten und 
Gefühlen herausgehen, wie er/sie hinein¬ 
gegangen ist. Es ist zu hoffen, daß da¬ 
durch solche Phänomene wie Provinzia¬ 
lismus von dem Geist der Solidarität und 
dem sorgfältigen Umgang mit der gegen¬ 
seitigen Abhängigkeit abgelöst wird. 

Kommunalisierung 
der Wirtschaft 

Es bleibt zu betonen, daß der, »Libertäre 
Kommunalismus“ nicht nur ein Konglo¬ 
merat aller traditionell antistaatlichen 
Vorstellungen von Politik ist. Genau wie 
er die Politik auf die Ebene der direkten 
Demokratie zurückholt und mit föderalen 
Strukturen verbindet, beinhaltet er die 
Kommunalisierung und föderale Heran¬ 
gehensweise an die Wirtschaft. Zumin¬ 
dest wird seitens libertärer Kommuna- 
listen eine Kommunalisierung der Wirt¬ 
schaft gefordert, also keine Zentralisie¬ 
rung in „nationalisierten“ Betrieben oder 
der kleineren Variante, der arbeiterkon¬ 
trollierten (oder selbstverwalteten) Be¬ 
triebe des kooperativistischen Kapitalis¬ 
mus. Die Zeiten des Syndikalismus sind 
vorüber. 

Dies dürfte jeder/m einsichtig sein, der/ 
die den Bürokratismus selbst revolutio¬ 
närer Gewerkschaften, wiez.B. derCNT 
während des spanischen Bürgerkriegs 
untersucht hat. Heute brennt der koopera- 
tivistische Kapitalismus darauf, die Ar¬ 
beiter dazu zu bewegen, sich selbst auszu¬ 
beuten unter der Flagge der „Demokra¬ 
tisierung der Arbeit“ (oder „Selbstver¬ 
waltung“). Weder in der spanischen 
Revolution noch in einem anderen Land 
wurde der Wettbewerb bezüglich der 
Rohstoffe, Märkte und Profite unter den 
arbeiterkontrollierten Betrieben aufgeho¬ 
ben. Ein weitaus modernerer Fehlschlag 
sind die israelischen Kibbuzim, die die 
großen Ideale, weswegen sie begonnen 








wurden, z.B. der Nicht-Ausbeulung und 
der Bedürfnisorientiertheit nicht erreicht 
haben. 

„Libertärer Kommunalismus“ schlägt 
eine radikal andere Wirtschaftsform vor, 
eine die sich von der nationalisierten wie 
von der nach syndikalistischem Muster 
kollektivierten Wirtschaft unterscheidet. 
Er sieht vor, daß das Land und die Be¬ 
triebe unter der Obhut der Kommunen 
oder präziser der Bürgerversammlungen 
und ihrer Delegierten in der föderalen 
Versammlung stehen. Wie die Arbeit 
geplant wird, welche Technologien ver¬ 
wandt werden und wie die Güter verteilt 
werden, sind Fragen, die nur in der Praxis 
beantwortet werden können. Die Maxime 
„jeder gemäß ihrer Fähigkeiten, jedem 
gemäß seinen Bedürfnissen“ sollte das 
Fundament einer rationalen Ökonomie 
sein. Die Güter sollten auf den Kriterien 
der Hai tbarkeit und Qualität orientiert sein 
und die Bedürfnisse sich nach ökolo¬ 
gischen und rationalen S tandards richten, 
die antike Vorstellung der Begrenzung 
und des Gleichgewichts sollte die bürger¬ 
lichen Marktgesetze des „wachse oder 
stirb“ ablösen. 

In solch einer kommunalisierten Öko¬ 
nomie“ (mitder föderalen Organisations¬ 
form, der gegenseitigen Abhängigkeit und 
der ökologischen Ausrichtung) können 
wir davon ausgehen, daß die Einzelinteres¬ 
sen, die die Menschen heute in Arbeiter, 
Facharbeiter, Manager und dergleichen 
einteilt, aufhebbar sind, getragen von dem 
Interesse sich selbst als Bürgerin zu 
betrachten und sich mehr nach den An¬ 
forderungen der Kommune und der Re¬ 
gion zu richten als an dem Berufsstand 
oder den persönlichen Neigungen. Hier 
können sich die Bürgerinnen wiederfin¬ 
den und die rationelle und ökologische 
Bewertung der öffentlichen Güter werden 
die Klassen- und Hierarchieinteressen 
verdrängen. 

Das sind die ethischen Grundlagen ei¬ 
ner Ökonomie für eine ethische Kom¬ 
mune. Die Arbeit für eine ethische Kom¬ 
mune ist von hcrausragender Bedeutung 
und enthält eine allgemeine gesellschaft¬ 
liche Bedeutung, die sich quer über Klas¬ 
se, Geschlecht, Ethnie und Wohlstand 
erstreckt, wenn die Menschheit als lebens¬ 
fähige Spezie weiterexistieren will. Diese 
Bedeutung wurde durch die ökologische 
Katastrophe bewußt gemacht. Das kapi¬ 
tal istische Prinzip des „wachse oder stirb“ 
steht im radikalen Widerspruch zu den 
ökologischen Anforderungen der gegen¬ 
seitigen Abhängigkeit und der Begren¬ 
zung. Diese zwei Prinzipien können nicht 
länger nebeneinander existieren -cs kann 
auch keine Gesellschaft erdacht werden, 
in der sich dieser Widerspruch versöhnt 
und die Hoffnung besteht, überleben zu 
können. Entweder wir errichten eine 


ökologische Gesellschaft oder die Gesell¬ 
schaft wird untergehen und zwar für alle, 
ungeachtet dem Status, den ein jeder cin- 
nimmt. 

Die Ökologische Gesellschaft 

Wird diese ökologische Gesellschaft eine 
autoritäre oder gar eine totalitäre sein, 
einer hierarchische, wie sie in der Vor¬ 
stellung vom „Raumschiff Erde“ zum 
Ausdruck kommt? Oder wird sie eine 
demokratische sein? Sollte die Geschich¬ 
te irgendeinen Anhaltspunkt geben, muß 
die demokratische Gesellschaft als klare 
Unterscheidung zur ökologischen Kom¬ 
mandogesellschaft ihre eigene Logik 
entwickeln. Niemand kann einen Aus weg 
aus diesem historischen Dilemma aufzei¬ 
gen ohne zu dessen Wurzeln zurückzu¬ 
gehen. Ohne Analyse der ökologischen 
Probleme und deren gesellschaftlichen 
Ursachen, werden die heutigen schäd¬ 
lichen Institutionen weiter zentralisiert 
und uns tiefer in die ökologische Kata¬ 
strophe treiben. Die Wurzeln dieser 
demokratischen Gesellschaft sind die 
Basisbewegungen, die der „Libertäre 
Kommunalismus“ zu stärken versucht. 

Kann es denn für die Menschen, die 
richtigerwiese neue Technologien, 
Energiequellen oder Transportmittel for¬ 
dern, eine neue Gesellschaft geben, die 
nicht eine Gemeinschaft der Kommunen 
ist, sondern auf eiatistischen Prinzipien 
ruht? Wir leben schon in einer Welt in der 
die Ökonomie übertrieben stark globa- 
lisert, zentralisiert und bürokratisiert ist. 
Vieles was auf lokaler Ebene getan wer¬ 
den kann, wird heute weitgehend (vor 
allem aus Profitgründen, für militärische 
Zwecke und aus imperialem Anspruch) 
auf globaler Ebene getan. Der Effekt ist, 
daß alles den Anschein von Komplexität 
gewinnt, eine Komplexität, die aber ohne 
weiteres wieder verringert werden kann. 

Wenn das in der heutigen Zeit zu uto¬ 
pisch erscheint, so muß die Flut von 
Literatur, die einen radikalen Wandel in 
der Energiepolitik, weitreichende Verrin¬ 
gerungen der Luft- und Wasserver¬ 
schmutzung verlangt, die Pläne zur Ver¬ 
hinderung des Treibhauseffekts und des 
Ozonlochs ebenfalls als wirklichkeits¬ 
fremd angesehen werden. Ist es zuviel 
oder gar zu mittelmäßig, diese Forde¬ 
rungen ein Stück weiterzubringen und 
einen institutionellen und ökonomischen 
Wandel einzufordem, der zumindest auf 
den demokratischen Traditionen fußt? 

Wir müssen diesen Wandel nicht sofort 
vollziehen. Die Linke hat lange Zeit mit 
Minimal- und Maximalkonzepten füreine 
Veränderung der Gesellschaft gearbeitet, 
mit denen sofortige Schritte unternom¬ 
men werden konnten und die mit Über¬ 
gängen und Zwischenstufen verknüpft 
waren, um eventuell das große Ziel zu 


erreichen. Kleine Schritte können unter¬ 
nommen werden, so zJB. die Initiierung 
einer linksökologischen kommunali- 
stisclien Bewegung, die die Versamm¬ 
lungen aller propagiert (auch wenn dies 
zunächst nur eine moralische Funktion 
hat) und Delegierte in die Stadt- und 
Gemeindevertretungen wählt, die das 
Anliegen der Versammlungen weitertra¬ 
gen. Diese kleinsten Schritte können 
Schritt für Schritt zu föderalen Institutio¬ 
nen und zur Legitimation von wahrhaft 
demokratischen Körperschaften führen. 
Städtische Banken können Betriebe und 
Land kaufen und somit Möglichkeiten 
eröffnen, damit neue städtische und öko¬ 
logische Betriebe entstehen; es kann ein 
Netzwerk von Basisgruppen im sozialen 
Bereich geschaffen werden, all das kann 
in einem angemessenen Tempo entwickelt 
werden, um das politische Leben zu ver¬ 
ändern. 

Das Kapital wird sich von den dem 
„Libertären Kommunalismus“ zugewand¬ 
ten Kommunen abwenden, das ist ein 
Problem, dem jede Nation und Kommun^, 
die ihr politisches Leben radikalisiert hat, 
gegenüberstand. Normalerweise wandert 
das Kapital in die Regionen, in denen cs 
große Profite realisieren uni unabhängig 
von politischen Konstellationen schalten 
und wallen kann. Aus der tiefsitzenden 
Angst vor Kapitalabwanderungen könnte 
sich eine günstige Situation entwickeln, 
diedas politische Ftojektstabiliseren hilft. 
Die im städtischen Eigentum befindlichen 
Betriebe könnten neue ökologisch wert¬ 
volle und nahrhafte Produkte liefern, die 
der Bevölkerung immer mehr bewußt 
werden läßt, mit welchem Schund sic 
jahrzehntelang eingedeckt wurde. 

Anmerkungen zu einigen 
Befürwortern und 
Kritkern des 

„Libertären Kommunalismus“ 

Dieser Zusatz ist notwendig, weil viele 
Gegner des „Libertären Kommunalism us“ 
und bedauerlicherweise auch einige 
Anhänger, die Ziele des »Libertären 
Komunaiismus“ mißverstehen, ja das 
Wesen überhaupt nicht begreifen. 

Für einige der instrumentellen Anhänger 
ist der „Libertäre Kommunalismus“ ein 
strategisches Mittel um Eintritt in das 
independant movement zu erlangen in der 
Absicht, eine neue dritte Partei, die eine 
basisdemokratische Politik einfordert» zu 
gründen, wie z.B. NGW und einige Ar¬ 
beiterführer dies tun. Im Namen des 
„Libertären Kommunalismus“ ver¬ 
wischen einige radikale Anhänger das 
Spannungsverhältnis das zwischen dem 
Staat und dem gesellschaftlichen Bereich 
besteht, wahrscheinlich einzig und allein, 
um eine größere öffentliche Beachtung zu 




erlangen, was sich positiv in den Wahler¬ 
gebnissen ausdrückcn soll. Diese Sorte 
v on Radikalen verwandeln bedauerlicher¬ 
weise den „Libertären Kommunalismus“ 
eine, bloße Strategie und entledigen 
sich dessen revolutionären Gehalts. 

Diejenigen, die sich aus taktischen 
Gründen auf die Grundsätze des „Liber- 
tären Kommunalismus“ berufen, um eine 
neue reformistische Partei oder den lin¬ 
ken Flügel einer solchen Partei zu grün¬ 
den, haben allerdings nur sehr wenig mit 
der Idee des „Libertären Kommunalis- 
mUS " gemein. „Libertärer Kommunalis- 
HHns ist nicht Produkt der heutigen Ana¬ 
lysen und „Strategien“ eines linken Flü¬ 
gels, trotz des Anspruchs vieler Radi¬ 
kaler, die Dialektik als ihre Methode zu 
egreifen. Der Kampf für die neuen Insti¬ 
tutionen, dieaus den alten herauswachsen 
°dcr die alten insgesamt ersetzen und für 
die Bildung von Föderationen entwickelt 
sich als kreative Dynamik aus den sozia- 
cn Kämpfen. Diese Anstrengungen glei¬ 
chen einem Reifeprozess, der sich-unter 
a H den vorhandenen Schwierigkeiten - 
anfangs wenig und dann völlig vom bis- 
^ Cr Dagewesenen unterscheidet. Dieser 
a mpf für eine kommunalistischc Föde- 
ra ti°n, für eine städtische Kontrolle über 
as Eigentum und der weltweiten Födera¬ 
lem ist geleitet von dem Gedanken, eine 
neue Ethik der „Bürgerschaft“ und der 
°mmuncn zu schaffen, aber nicht um 
emige Erfolge in reformistischen Konflik¬ 
ten zu erreichen. 

Der „Libertäre Kommunalismus“ ist 
nic ht der Versuch die Stadtparlamentc 
cinzunchmcn um umweltfreundliche 
cnicindcrätc zu bilden. Es geht nicht 
; drum > diese zu übernehmen. Der Liber- 
tdre Kommunalismus ist im Gegensatz 
azu darauf aus, die Stadtrcgicrungcn 
Un izuwälzcn und zu demokratisieren, sic 
In den öffentlichen Versammlungen zu 
N Crwu rzcln, in föderale Strukturen zusam- 
mc nzubringcn und eine regionale Öko- 
Hornie zu entwickeln, die dieser Organi- 
smionsform angemessen ist. Tatsächlich 
Cr angt der Libertäre Kommunalismus 
8ci ne Lebendigkeit und Integrität aus dem 
^taktischen Spannungsverhältnis zwi- 
lcn dem Nationalstaat und kommuna- 
dschcn Föderationen. Sein „Lebens- 
c exier ‘ bezieht cr aus dem Kampf gegen 
Cn Staat. Dieses Spannungsvcrhältnis 
klar und kompromißlos sein. Besteht 
mse Föderation primär als Opposition 
^Staatsgewalt, kann sicnichtvom Staat 
^mpiert werden mit kommunalen oder 
Zonalen Wahlen, bei denen nichts hcr- 
US 0mm t. Der Libertäre Kommunalis- 
^ us wird durch den Kampf gegen den 
^ at geformt, gestärkt und cr bekommt 
^ Ur ch diesen Kampf seine Bedeutung, 
bp^^nd dieses Spannungsverhältnisses 
. Cl 1 Cr w °hl unterschieden vom Staat. 


munen verwirklicht werden, dann ver- 
Icihtsiedem Libertären Kommunalismus 
letztlich mehr Gewicht als einem Basis¬ 
sozialismus. 

Viele „heroische“ Genossen, die sich 
auf die „Schlacht gegen die Kräfte des 
Kapi talismus“ vorbereiten, die eines Tages 
geschlagen werde, Finden, daß der Liber¬ 
täre Kommunalismus zu mühsam,zu irre¬ 
levant sei oder zu vage bleibt. Unsere 
„Sprühdosen“- oder „Altemativcafe“- 
Radikalcn erstaunen mich immer wieder. 
Diese wohlgesonnenen Radikalen, die die 
Abschaffung des Kapitalismus fordern, 
halten es selbst für zu schwierig - sich 
hinzustcllcn — und in ihrem sozialen 
Umfeld sich für eine genuine Demokratie 
zu engagieren. Wenn sie noch nicht mal 
für eine verändernde Politik in ihrer 
unmittelbaren Umgebung sorgen können 
(eine relativ bescheidene Arbeit) oder 
kontinuierliche Kleinarbeit machen kön¬ 
nen, etwas was die reifere linke Bewe¬ 
gung auszeichnete, kann ich mir schwer 
vorstel len, daß sie irgendwann einmal eine 
Gefahr für diese Gesellschaftsordnung 
darstellen werden. Allerdings könnten sie 
durch die Errichtung von Kulturzentren, 
Parks und (Bürger- oder Kommunika- . 
tions-)häusem ebenso das System stär¬ 
ken, indem sie dem Kapitalismus eine 
angenehmere Erscheinungsform verlei¬ 
hen ohne dabei den zugrundeliegenden 

Zwangscharakterder hierarchischen Klas¬ 
sengesellschaft zu verringern. 

Eine Anzahl von Idenütätskämpfen 
haben aufstrebene radikale Bewegungen 
seit dem SDS In den 60em gespalten. 
Aufgrund der Fopu Iarität dieser Iden titäts- 
kämpfe heutzutage, wollen einige Kriti¬ 
ker des Libertären Kommunalismus die 
öffentliche Meinung gegen ihn aufbrin¬ 
gen. Aber wann hat schon mal die „öffent- 
liche Meinung“ Revolutionäre belastet? 
Noch nicht einmal die „öffentliche Mei¬ 
nung“ der Unterdrückten, deren Ansich¬ 
ten häufig reaküonär sein können. Die 
Wahrheit geht ihren eigenen Weg, unab¬ 
hängig davon, ob die unterdrückten Mas¬ 
sen sieerkennen oder übereinsümmen. Es 
ist auch nicht „elitär“ die Wahrheit zu 
beschwören, selbst wenn sie im Gegen¬ 
satz zur radikalen Öffentlichkeit steht... 
Kritiker des Libertären Kommunalis¬ 
mus bestreiten sogar die Existenz eines 
allgemeinen Interesses. Wenn für diese 
Kritiker die direkte Demokratie für die 
der Libertäre Kommunalismus eintritt und 
die notwendige Ausweitung derdemokra- 
tischen Grundlagen über die reine Ge¬ 
rechtigkeit hinaus zur Vollendung der 
Freiheit nicht als allgemeines Interesse 
gilt, so ist doch zumindestdieNolwcndig- 
keit unserer Beziehungen zur Natur zu 
verändern - wie es in dem Konzept der 
Sozialen Ökologie zum Ausdruckkommt 
- sicherlich ein allgemeines Interesse. 


Gewiß es können viele Unzufriedene 
gefunden werden, aber die Natur ist nicht 
austauschbar. Und so beruht die einzige 
Möglichkeit linker Politik auf der Prä¬ 
misse, daß es ein allgemeines Interesse 
gibt, nämlich die Gesellschaft zu demo¬ 
kratisieren und den Planeten zu erhalten. 
Die traditionelle Arbeiterbewegung hat 
sich von der politischen Bühne verab¬ 
schiedet, es kann sicherlich gesagt wer¬ 
den, daß ohne den Libertären Kommuna¬ 
lismus die Linke keine politische Perspek¬ 
tive hat. 

Eine dialektische Betrachtungsweise der 
Beziehung zwischen Nationalstaat und 
Föderalismus, das Erkennen der Einge¬ 
schränktheit, des auf sich selbst bezoge¬ 
nen Charakters und des Provinzialismus 
der Identitätsbewegung, die Erkenntnis, 
daß die Arbeiterbewegung tot ist, all das 
zeigt, daß die Politik furchtlos öffentlich 
sein muß - im Gegensatz zu den heutigen 
Politikformen der Altemativcafe-Radi- 
kalen. Sie muß sich auf lokaler Ebene 
anbictcn, eine föderale Perspektive und 
einen revolutionären Charakter ent¬ 
wickeln. 

Meiner Meinung nach ist der Libertäre 
Komm unalismus mit seiner Betonung des 
Föderalismus tatsächlich die Kommune 
der Kommunen für die die Anarchisten in 
den beiden letzten Jahrhunderten gekämpft 
haben. In der heutigen Zeit muß die radi¬ 
kale Bewegung in die Öffentlichkeit 
gepuscht werden. Dies zu unterlassen und 
stattdessen zu den schlechten Angewohn¬ 
heiten der Neuen Linken nach 68 zurück¬ 
zukehren, in der die Vorstellung von Macht 
ihrer utopischen oder imaginären Qualität 
beraubt war, bedeutet den Radikalismus 
zueinerandcrenSubkulturzureduzieren, 
die mehr von den heroischen Erinnerungen 
lebt als von der Hoffnung auf eine aufge¬ 
klärte (rationale) Zukunft. 

Übersetzt von Andi Ries 

aus: Green Perspectives , Oktober 1991 


Hinweis: Das lange angekündigte Buch 
»Remaking Society« von Murray 
Bookchin, das den hier vorgestellten 
Ansatz vertieft, erscheint nun definitiv 
Ende September unter dem Titel „Die 
Neugestaltung der Gesellschaft“ Die 
Verzögerung erklärt sich aus einer 
mangelhaften Übersetzung. Inzwischen 
hatderneue Übersetzer HelmutRichter 
seine Überarbeitung aber weitgehend 
abgeschlossen. Vorbestellungen wei¬ 
terhin an: Trotzdem-Verlag, PF 1159, 
7043 Grafenau-1. 220 S., 24.-DM. Im 
Anhang des Buches erscheint eine 
Bibliographie von Bookchins Ver¬ 
öffentlichungen, zusammcngesicllt von 
Janct Biehl. 




Interview von David Barsamian zur politischen Biographie 

II. Teil 


Teil 1 wurde in SF-42 (2/92) unter dem Schwerpunktthema „Drogenkrieg“ abgedruckt. 

Quelle: Our Generation, Kanada. 

David Barsamian ist Journalist und Direktor von Alternativ Radio. 

Übersetzt von Andi Ries (SF-Redaktion). 












Da vid Barsamian: 

Daß uns ein wenig über Israel und den 
Minieren Osten reden. Vor ungefähr drei 
Jahren führte ich ein Interview mit Ed - 
ward Said und dabei habe ich ihn gefragt, 
°b er denn aufgrund der Judenverfol¬ 
gungen von Israel eine besonders große 
Sensibilität gegenüber den Leiden ande- 
rer Völker, also auch gegenüber den 
Palästinensern, erwarte. Er bejahte dies. 
Ich habe damit Schwierigkeiten. Ich halte 
dies für eine rassistische Position. Erwar¬ 
test Du etwas Besonderes von den Israe¬ 
lis? 

Noam Chomsky: 

Nein, natürlich nicht. Ich halte das auch 
für vollkommen falsch. Nur weil sie in der 
Vergangenheit verfolgt wurden, gibt cs 
n och lange keinen Grund so etwas anzu¬ 
nehmen. Das ist absolut kein Grund. Es 
gibt in der Geschichte nichts, was darauf 
inweisen würde, daß cs so sein könnte. 

JJu sagtest einmal deine Wurzeln wären 
lm Mittleren Osten. Ich war sehr über- 
r ascht das zu hören, überrascht daß sie 
ni cht m Osteuropa liegen, wo deine Ei¬ 
cher stammen? 


einer sozialistisch orientierten Grup¬ 
pierung, die das alte System abschaffen 
wollte. Sie waren weitaus stärker als die 
Zionisten. Obwohl die Traditionalisten 
sehr mächtig waren, brach das alte Sy¬ 
stem zusammen. Im Städe! hatten oft 
grobschlächtige und autoritäre Rabbiner 
das sagen, die von den staatlichen Auto¬ 
ritäten Machtbefugnisse zugesprochen 
bekamen. Es war eine sehr rückständige 
Gesellschaft. Man sollte nichts lesen, von 
nichts wissen. Das ist kein Ort an dem 
jemand seine Wurzeln haben könnte. 
Was mein unmittelbares Umfeld anbe¬ 
langt, so war mein Vater ein Kulturzionist, 
in der Art von Ahad Ha’am. Die Aufgabe, 
die sich meinen Eltern stellte, war die 

Wiederbelebung des jüdischen Lebens in 

dem anderen Teil der Diaspora, den USA, 
wo die Menschen überleben konnten und 
die eine kulturelle Heimat hauen, nämlich 
Palästina. Das war das unmittelbare 
Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin. 
Und ich habe ein eigenes Verständnis 
davon entwickelt. 

Ich erinnere mich, daß du mir erzählt 
hast, daß dieser osteuropäische Feuda¬ 
lismus auch noch in den USA existiert hat. 


eine Eltern kamen aus Osteuropa. Sic 
°hcn aus Osteuropa, sic haben aber kei¬ 
nerlei Kontakt aufrcchtcrhaltcn. Diese 
os tcuropäischc Gemeinde, denen auch 
jneinc Eltern angehörten, wurde von den 
azis ausgclöscht, da war ich gerade zehn 
n re alt. Von ihrem Standpunkt aus war 
stcuropa ein Ort des Schreckens, dem 
^an entkommen ist. Mein Vater floh, als 
Cr zum zaristischen Militär einberufen 
werden sollte, was für viele junge jüdi- 
c Männer einem Todesurteil gleich¬ 
em. Die Familie meiner Muter floh als 
S ! c noc h ein kleines Baby war, sic kann 
Slc h daran gar nicht mehr erinnern. 

l j ann w ar das? Ende des 19.Jahrhun- 
derts? 

^cin Vater kam 1913 und meine Mutter 


Wie war das noch mal? 

Bis jetzt habe ich noch keine gute Studie 
darüber gesehen, aber was ich darüber 
erfahren habe, nach den Erzählungen 
meiner Eltern und dem was ich darüber 
gelesen habe, veränderte sich dieosteuro- 
päischc Gemeinde in den USA auf meh¬ 
rere Weise. Eine dieser Veränderungen 
warein Rückschritt. Mein Vater beschrieb 
dieses Phänomen bei seinen Eltern, die, 
als sie in die USA kamen, sieb weitaus 
rigider an die osteuropäischen Lebens¬ 
formen hielten als vorher. Meine Mutter, 
deren Familie in die USA einwanderte, 
als sie ein Jahr alt war, wechselte die 
Straßenseite, wenn sie mitFreunden unter¬ 
wegs war und ihren Vater entgegenkom- 
men sah, um der Verlegenheit aus dem 
Weg zu gehen, daß er grußlos an ihr 
,,^wiK^rrrf>hf nur weil sie ein Mädchen 


etwas früher. Aber in Osteuropa hat man 
eine Wurzeln, höchstens im Städcl und 
' r Städcl wurden Orte wie Baltimore, 
achdem die Nazis kamen gab es keiner- 
Cl , Verbindung mehr. Diese osteuro¬ 
päische jüdische Gemeinde, die sie kann- 
en, haue aber nichts von romantischen 
orstcllungcn, sic hatte viele häßliche 
Cl tcn. Hs war etwas dem man entkom¬ 
men mußte. Die Leute flohen auf die 
verschiedensten Arten. Zum Beispiel in 
0 Cn > wo sehr viele Juden wohnten, 
SC ' 0ss cn sich sehr viele dem BUND an, 


war. 

Als Kind habe ich noch ein wenig von 
dem sehr orthodoxen Umfeld aus dem 
meine Eltern stammen mitbekommen. 
Mein Großvater beispielsweise lebte seit 
50 Jahren in den US A und ich fragte mich, 

ob er es überhaupt mitbekommen hat, daß 

er nicht mehr in Osteuropa lebte. Es hatte 
manchmal den Anschein, daß er glaubte, 
irgendwo in Osteuropa zu leben, wo die 
Bauern schwarz waren. Er lebte in seinem 
Städcl, das es in dieser Form noch nicht 
einmal in Osteuropa gegeben hatte. Die 


Vorurteile gegenüber den Schwarzen 
waren dieselben wie gegenüber den Ukrai¬ 
nern, sie wurden transformiert 
„Du mußt Dich vor ihnen in Acht neh¬ 
men, sie sind gefährlich, du kannst sie 
auch betrügen, weil sieganz schöndumm 
sind. Du kanst die Schwarzen so betrügen 
wie die Ukrainer, aber Du mußt vorsichtig 
sein, weil Du niemals wissen wirst, wann 
sie Zurückschlagen werden. Sie sind ge¬ 
fährlich.“ 

An diese Stimmung kann ich mich noch 
erinnern. Die Orthodoxie war lähmend. 
Das sind die Gelehrten gewesen, was völlig 
lächerlich ist. Es war eine sehr intellek- 
tuellen-feindliche Gesellschaft, rigide und 
autoritär. Du kannst es auch an dem rech¬ 
ten Flügel in Israel sehen, der diese Tra¬ 
dition fortsetzt. Die Leute waren über¬ 
rascht, daß Menachem Begin von den 
marokkanischen Juden so herzlich be¬ 
grüßt wurde. Viele marokkanische Juden 
dachten, er wäre Marokkaner, er war 
indirekt auch einer von ihnen. Da ist was 
Wahres dran. Begin und Shamir stammen 
aus einer Gegend, die den halbfeudalen 
Teilen der jüdischen Gemeinden in Nord- 
Afrika sehr ähneln. Viele Gebildete wan¬ 
delten nach Frankreich aus, aber viele 
Traditionalisten und weniger Gebildete, 
wie die in Polen wanderten nach Israel 
aus. In diesem Sinne sind die kulturellen 
Ähnlichkeiten tatsächlich vorhanden. In 
Israel gibt es Gemeinden in denen die 
religiösen Führer Heilige sind, die das 
Orakel befragen, zu denen du hingehen 
kannst, dich deiner Sorgen zu entledigen. 
Einige von ihnen kehren aus dem Reich 
der Toten zurück. Sie sprechen in den 
Körpern ihrer Kinder. Sie sagen ihnen 
z.B. wen sie wählen sollen. Während der 
(vorletzten Wahl sagte einer der führen¬ 
den Rabbiner im Fernsehen: .Jeder der 
nicht unsere Partei wählt ist verflucht und 
kommt in die Hölle“. Daraufhin kamen 
andere Rabbiner und sprachen den Gegen¬ 
fluch „Wenn sie unsere Partei wählen, 
passen wir auf sie auf.“ Das ist zum Teil 
traditionelle Kultur. Dies wurde folklori- 
stisch beschönigt, aber es hatte nichts 
Schönes an sich. 

Als mein Vater im Städel wohnte und 
etwas von dem außenrum lernen wollte, 
galt es als Frevel russisch lernen zu wol¬ 
len. Es war sogar unanständig Hebräisch 
lernen zu wollen. Du liest nicht mal die 
Bibel, das ist viel zu anstrengend. Wenn 
du drei Jahre alt bist, lernst du den Tal¬ 
mud, das wars. Natürlich kannst du ein 
wenig hebräisch, von den Predigten, aber 
das moderne Hebräisch zu lernen galt als 
Frevel. 



28 



Aus dem Inhaft: 

-> Atommonopoly Ost¬ 
europa 

Es ist cter deutsch© Imperialismus der 
das Thema Atomenergie im Interesse 
seiner Expansion nach Osteuropa auf 
die Tagesordnung des WWG in Wo¬ 
chen gepuscht hat Was in Osteuropa 
an Atomkraft zu verdienen ist, wie¬ 
viele AKWs und was es an Ausbau¬ 
plänen für Atomkraft in den Ländern 
selbst gibt. 

- Rußland zwischen Energiekrise 
und Supergau 

-* Weltwirtschaftsgipfel 

-» Kriminalisierung 

- Ende des bewaffneten Kampfes! 
Freiheft für de Gefangenen? 

- Stellungnahme von lsabel Jakobs 

-> UNCED 

- Das ist der Gipfel 

—► Neugestaltung der Bundeswehr 



Die atom erscheint 
dreimonatlich, 68 Seiten, 
Einzelpreis 5 Mark OPorto), 
Abo für 5 Ausgaben 30 DM 
Ab 4 Ex. 3,50 DM OPorto) 

Besteliadresse: 

atom Postfach 1109, 
2120 Lüneburg 


Also war das Lernen ein Privileg der 
Priester? 

Es gab kein Lernen. Was sie Lernen nann¬ 
ten war mechanisches Auswendiglernen 
und strenge Kontrolle. Ich glaube nicht; 
daß es historische oder geographische 
Bücher in den jüdischen Ghettos des 
19 Jahrhunderts gegeben hat, schließlich 
gab es nichts was nicht in der Bibel stand. 
Es gab kein Amerika. In der Bibel steht 
nichts über Amerika. Was für ein Quatsch 
ist das? Es war ein sehr anti-intellektuel¬ 
les Umfeld. 

(Im Gegensatz dazu) gab es eine assimi¬ 
lierte Richtung im Judentum. Im Grunde 
kommen wir von daher. In Westeuropa, in 
Deutschland, Österreich assimilierte sich 
die jüdische Gemeinde ab dem späten 
18 Jahrhundert. Sie wurden Teil der west¬ 
europäischen Kultur. Von hier kamen 
Freud, Einstein etc. Sie entstammen die¬ 
sem assimilierten Strang, der sich von 
dem Traditionalismus entfernte und ihn 
auch verachtete. Es gab auch eine Renais¬ 
sance, eine jüdische Erleuchtungsbewe¬ 
gung in dem Gebiet, wo die polnischen 
Juden im zaristischen Reich leben durf¬ 
ten. Das war zu Beginn des ^.Jahrhun¬ 
derts und von dort kam die Wiedergeburt 
des hebräischen und dort liegen auch die 
Wurzeln des modernen Zionismus. Ande- 
rerseitsentwickelte sich eine sozialistische 
Bewegung. Es waren alles Ablösungen 
von der traditionellen Gesellschaft. 

Waren Deine Eltern sehr streng? 

Nicht besonders. Sie schickten mich auf 
eine sehr progressive Schule. Sie führten 
ihr eigenes Leben. Lebten jüdisch. Gin¬ 
gen in die Hebräischschule, unterrichten 
hebräisch jüdisches Leben usw. Aber im 
Grunde sollte es in der amerikanischen 
Gesellschaft, die sie als genuin plurali¬ 
stische Gesellschaft ansahen, möglich 
sein, auf verschiedene Art jüdische Kul¬ 
tur zu leben. 

Was hielten deine Eltern davon, daß du 
nach New York gegangen bist und dort in 
der Fourth-Avenue in einem anarchi¬ 
stischen Buchladen mit Genossen disku¬ 
tiert hast? 

Soweit ich weiß, haben sie davon nichts 
mitbekommen. Wielange sie davon nichts 
merkten, weiß ich nicht ganz sicher. Ich 
glaube nicht, daß sie etwas bemerkt ha¬ 
ben. Die ganze Familie hatte sich aufge¬ 
löst. Genau wie viele andere Kreise und 
andere, die sehr radikal und assimiliert 
waren - eben Intellektuelle in der Arbei¬ 


terklasse. Zu diesen hat es auch mich 
gezogen. Dort habe ich mich aufgehalten 
als ich in New York ankam. Das alles 
wurde als legitim betrachtet, die ganze 
Palette. 1 

Du hast das intellektuelle und kulturelle 
Leben in Ne w York der 30er Jahre als das 
reichhaltigste in deinem Leben bezeich¬ 
net. Was machte diesen Reichtum aus? 
Was hat zu diesem.Reichtum beigetra¬ 
gen? 

Ich war zehn, elf Jahre alt, es war um 1940 
herum als ich damit in Berahrungkam. Es 
war eine sehr lebendige intellektuelle 
Kultur. Vor allem war es eine Arbeiter¬ 
klassenkultur mit den Werten dieser Klas¬ 
se, also Solidarität, sozialistische Werte 
etc. Sie schloß die Kommunistische Par¬ 
tei ebenso ein wie die radikale anarchi¬ 
stische Kritik am Bolschewismus. Alles 
war dort vertreten. Und das war nicht 
außergewöhnlich. Ater es war nur ein 
Teil dieser Kultur, Die Leute haben sehr 
intensiv über die Steckelsche Auslegung 
der Theorie Freuds diskutiert, es gab viele 
Diskussionen über Literatur und Musik, 
die Meinungen über das letzte Konzert 
von dem Budapest String Quartett oder 
Schnabels Version einer Beethoven So¬ 
nate im Gegensatz zu einer anderen Inter¬ 
pretation. Es war ein sehr lebendiges, 
reichhaltiges Leben auf allen Ebenen. Es 
hat mich sehr stark angezogen. 

Viele Leute, die in die» Zusammen¬ 
hängen lebten waren mehr oder weniger 
ungebildet. Ein Onkel von mir, der mich 
sehrprägte,kam nieüberdie vierte Klasse 
hinaus. Danach war er ein Straßenkind. Er 
riß sich zusammen. Als er arbeitsunfähig 
wurde, bekam er einen Zeitschriffbnstand. 
Das New Yorker Recht unterstützte die 
Benachteiligten, so bekam er irgendwo 
einen Zeitschriftenstand an dem viele 
Leute sieh aufhielten und bis spät in die 
Nacht lebhafte Diskussionen führten. Es 
war ein sehr aufregendes Umfeld. Ich sah 
immer zu, daß ich an dem Zeitschriften¬ 
stand helfen konnte. 

Er war der Bruder deiner Mutter? 

Er war der Ehemann meiner Tante, also 
eingeheiratet. Er wurde später Psycho¬ 
analytiker, Er hatte viel mit deutschen 
emigrierten Psychiatern zu tun, es gab in 
den 30er Jahren viele deutsche Emigran¬ 
ten. Sein Zeiümgsstand wurde zu einem 
Magneten, wo viele herumhingen,erzähl¬ 
ten und diskutierten. Mein Onkel kannte 
sich sehr gut in der psychoanalytischen 
Literatur aus und freundete sich mit eini- 











gen Emigranten an. Bei einem von ihnen 
machte er eine Selbstanalyse und fing an 
unter Supervision zu therapieren. Milder 
Zeit bekam er immer mehr Patienten. 
Einige von ihnen hatten großen beruf¬ 
lichen Erfolg und vermittelten ihm neue 
Patienten und - ohne jetzt die ganze 
Geschichte zu erzählen - er hatte zum 
Schluß ein Appartement am Fluß. 


^ on dieser Kultur blieb nichts mehr übrig? 

!ch bezweifle es. Ich glaube nicht, daß 
etwas übrig blieb. Während des Krieges 
und der Repression in der Nachkriegszeit 
östc sich alles auf und verschwand. Die 
Unternehmer merkten, daßes in der Arbei¬ 
terklasse brodelte. Die Literatur in den 
späten 30er Jahren, die aus den Unter¬ 
nehmerkreisen, sprach sehr viel über die- 
^ 1C s * c es bczeichneten - »wachsende 
acht der Massen«, obwohl ich nicht 
g aube, daß sie so etwas wirklich glaub¬ 
ten. Diese Literatur hatte oft eine vulgär- 
marxistische Rhetorik und auch Inhalte. 

s waren die Kreise, in denen über die 
wachsende Macht der Mascn gesprochen 
werden konnte, ohne dafür ausgelacht zu 
Wcrc j cn * Sic haben sich mit dem Problem 
a uscinandcrgcsctzt und merkten, daß es 
notwendig war, diese Tendenzen zu be¬ 
impfen, sichcrzustcllcn, daß diese Ent¬ 
wicklungen nicht weitergingen. Es war 
mne große Gefahr für die Dominanz der 
ntcrnchmcr. In den späten 30er Jahren 
^ar es verbreitet, daß die Arbeiterklasse, 
krr ^ tur un d die Unterstützung der 
cnüichkeit überwunden werden müsse, 
m Versuch war die sogenannte ,John- 
s on Formula“, ein erfolgreicher public- 
m ation-Versuch, einen großen Stahl- 
^b-eik zu brechen. 

Cr Krieg hatte seine eigenen Auswir- 
“ ngcn - Uer McCartyismus der Nach- 
w Cgs P fla se... In den späten 40er Jahren 
Ur den sehr intensive Versuche unter¬ 
nommen, die unabhängige Arbeiterbe- 
^ e gting, die sich in den 30em gebildet 
h allc un d die gesamte Kultur, die um sie 
t Cr nm entstanden war mit Hilfe der Kal- 
cn-Kriegs-Propaganda, dem Antikom- 
^unismus und anderen Mitteln zu zer- 
oren. Es waren erfolgreiche Anstren- 
v Ungcn - Heute sieht man kaum noch etwas 
sofl dCm damal *£ cn Selbstbewußtem. Ich 
^ es ein wenig relativieren. Es gab 
£ Cn i^ston-Streik und das Solidaritäts- 
. arn P* * c h war zwar nicht dort, aber von 
ich™ WaS ^dbergelesen habe, glaube 
y * ^ einiges von diesem Bewußtsein 
j*^ cn war. Wenn ich also sage, es sei 
Ic' C h mC ^ r vor ^ an dcn, so liegt es viel- 
Ic 1 daran, daß wir cs nicht mehr sehen. 


In den Kreisen, in denen ich mich bewege, 
ist es jedenfalls verschwunden. 

Du sagtest, daß die Leute in den 30ern 
arm waren, kein Geld hatten, aber es 
Hoffnung gab. Nach dem Krieg passierte 
etwas, es veränderte sich etwas . Was war 
das, Du bleibst an diesem Punkt immer 
etwas vage, wo Du doch ansonsten sehr 
präzise bist. 

Ich bin mir da auch unsicher und ich 
glaube kaum, daß ich Dir die Wahrheit 
erzählen kann. Soweit ich es sehe, ist es 
ein weltweiter Prozeß, der in verschie¬ 
denen Ländern zu unterschiedlicher Zeit 
zu beobachten ist. Jeder der das New 
York der 30er kannte, sieht die Verände¬ 
rungen. Meine Familie war zum Großteil 
arbeitslos und lebte im Slum, aber es gab 
dort keine Veizweiflung. Es gab Hoff¬ 
nungen, auch wenn viele dieser Hoff¬ 
nungen trügerisch waren. 

Laß mich eine andere persönliche Ge¬ 
schichte erzählen, die dies illustriert. Vor 
ein paar Jahren sprach ich mit ein paar 
Freunden über die Ärzte aus den Zeiten 
unserer Kindheit und ich versuchte mich 
die ganze Zeit an den Namen des Doktors 
unserer Familie zu erinnern. Wir waren 
eine jüdische Familie, d.h. wenn ein Kind 
Fieber bekam, hielt meine Mutter das für 
ein Anzeichen, daß das Ende der Welt 
nahe ist. Als Sechsjähriger glaubst Du 
„Oh Gott mein Bruder hat Fieber, er wird 
sterben“. Dann kam der Doktor herein 
und sprach mit seiner ruhigen honigsüs¬ 
sen Stimme und alle setzten sich hin und 
jedem im Raum ging es besser. Das ist 
diese Kultur. Ich versuchte mich die gan¬ 
ze Zeit an den Namen des Doktors zu 
erinnern und der einzige Name, der m ir in 
den Sinn kam war Roosevelt. Ich wußte 
genau, daß er nicht Roosevelt geheißen 
hatte. Aber wie kam ich auf Roosevelt? 
Schließlich fiel mir auf, daß es genau 
dieselbe Reaktion meiner Eltern aufseine 
Kamin-Plaudereien war: »Ja es ist schon 
alles in Ordnung, um uns herum passieren 
die schrecklichsten Sachen, aber der 
Doktor ist schon da, er kommt und wird 
sich dieser Sachen annehmen. Kein Grund 
zur Aufregung.« Ich erinnere mich nicht 
mehr daran was er sagte, ich war zu dieser 
Zeit vielleicht sieben Jahre, aber ich erin¬ 
nere mich sehr gut an die Stimmung. Als 
Kind nimmst Du die Stimmung deiner 
Eltern auf und die Stimmung meiner El¬ 
tern gegenüber Roosevelt war die gleiche 
wie gegenüber diesem wunderbaren Hei¬ 
ler, der sich dem Fieber meines Bruders 
widmete. Ich meine damit nicht, daß diese 
Hoffnungen begründet waren. Ein Groß- 



KommenUu Verklärung des Abgrunds 
krie denke Auch Im Der Streit um die 
Bordellaufhebung in Hamburg 
Winfried R. G arseba Anpassung und 
Widerstand in Österreich 1938-1945 
Air >7 Christ um /■ /ihrer Mit Juden unter 
einem Dach? Die Vorgeschichte des 
Gesetzes über MietVerhältnisse mit 
Juden 

Dokument Vorläufer des »General¬ 
plans Ost«: Theodor Schieders 
Polendcnkschrift 


Zeitschrift für Soziaigeschichte des 
20. und 21. Jahrhunderts [192 


Die Zeitschrift 

Ursprünglich aus den »Mitteilungen der Doku¬ 
mentationsstelle zur NS-Sozialpolitik« hervor¬ 
gegangen, hat die 1999 seit der Gründung ihr 
Themenspektrum über den Bereich nationalso¬ 
zialistischer Gesundheits- und Sozialpolitik hin¬ 
aus erheblich erweitert. Mit der Veröffentli¬ 
chung unbekannter Dokumente und kritischer 
Zeitgespräche stellt sie sich bewußt in die Tradi 
tion der Gegeninformation und ist für Außen 
seiter und Basishistoriker ebenso offen, wie für 
Repräsentanten des Fachs. Ein Netz von Aus¬ 
ländskorrespondenten sorgt dafür, daß Provin 
zialität nicht aufkommt und wichtige Lernpro¬ 
zesse der historiographischen Community auch 
entlegenerer Sprachen zur Kenntnis genommen 
werden. 

06811 F Jonvar | 

1/9 991 


»Eine Sozialgeschichte der Zukunft.« 

(Die Tageszeitung) 

-Eine wichtige, interessante und auch spannen¬ 
de Lektüre - ein gelungener Wurf.« (NDR) 
»Ein nützliches Hilfsmittel für all jene, die ihre 
Augen angesichts der für die heutige Gesell¬ 
schaft relevanten historischen Realitäten nicht 
verschließen wollen.« (Psyche) 

Erscheinungsweise 

Die Zeitschrift erscheint seit Herbst 1986 vier¬ 
teljährlich, hat einen durchschnittlichen Um¬ 
fang von 160 Seiten und bringt Kommentare, 
Dokumente, Diskussionen und-Forschungser¬ 
gebnisse zur Sozialgeschichte des 20. und 21. 
Jahrhunderts. 

Preis 

Preis des Einzelheftes DM 18,- 
Jahresabonnement (4 Ausgaben) DM 60,- 
Studentlnnen, Rentnerlnnen, Erwerbslose und 
Knastabos DM 48,- 

Herausgeber und Redaktion 

Hamburger Stiftung für 
Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts 
Schanzenstr. 75-77 
2000 Hamburg 36 

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Probeexemplar an! 


__ Sachsenfing 2-4 5000 Köln 1 


Tel.0221 /3l 70 87 Fax 31 47 II 


i 








teil davon war illusorisch, aber sie waren 
vorhanden. Darüber hinaus gab es auch 
eine Infrastruktur. Du konntest in die 
Bibliothek gehen. Es gab eine und sie war 
auch geöffnet. Sie hatten Bücher, die Dir 
weiterhalfen. Als ich zehn Jahre alt war, 
machte ich mir keine Sorgen, wenn ich 
den Hudson Ri ver entlang lief oder nachts 
durch den Central Park jpg. Es hätte 
etwas passieren können, aber es kann Dich 
auch der Blitz treffen. Es gab nicht das 
Gefühl, daß Du in Gefahr bist, selbst in 
den ärmsten Vierteln der Stadt nicht. 


Du sagtest heute bräuchte man eine Bri¬ 
gade Marines dazu. 

[Ironie der Geschichte? Das Interview 
wurde ca. 1 Jahr vor den Ausbrüchen in 
Los Angeles geführt, zu deren Unter¬ 
drückung tatsächlich Marines herbeige¬ 
zogen wurden! SF-Red.] 


Dafür brauchst du heute wirklich ein 
Brigade Marines. Überall trägst du dein 
Leben in der Hand, selbst in der U-Bahn. 
Ganz zu schweigen, wenn du durch die 
Innenstädte gehst, gelegentlich laufe ich 
durch die Innenstädte um mich zu erin¬ 
nern. Ohne mich jetzt allzu sehr auf die 
Kindheitserinnerungen zu verlassen, hat 
sich doch alles völlig verändert Diese 
Verzweiflung, die Bedingungen die dort 
herrschen sind schlimmer als in der Drit¬ 
ten Welt; ich glaube nicht, daß dies vorher 
existierte. Ich habe mit Leuten gespro¬ 
chen, die jahrelang in New York arbei¬ 
teten; Lehrer die lange an New Yorker 
Schulen unterrichteten und ihre Eindrücke 
decken sich mit den meinen. In den 30er 
Jahren gab es große Armut, aber es mußte 
keine Großmutter die ganze Nacht mit 
einem Baseball-Schläger bewaffnet das 
Kinderbett bewachen, damit es nicht von 
den Ratten gebissen wird. Oder das Ge¬ 
fühl du befändest dich im Krieg und daß 
du dich ständig selbst versteidigen mußt 
Es gab ein Gefühl, daß es irgendwie schon 
besser werden würde. Es gabeine institu¬ 
tioneile Infrastruktur, eine Methode des 
Kampfs, der Organisierung, Sachen zu 
erledigen, es gab Hoffnung. 

Ich glaube kaum, daß es in den Innen¬ 
städten noch Hoffnung gibt. Es herrscht 
Verzweiflung und die ist auch an dem 
degenerierten Leben in der Großstadt zu 
sehen. Die Extreme des Wohlstands und 
der Armut sind so krass wienie zuvor. Der 
Wohlstand an der East Side ist obszön. 
Läufst du ein paar Häuserblocks weiter 
herrscht eine unvorstellbare Armut. Freun¬ 
de erzählten mir, daß man in einem be¬ 
haglichen Restaurant sitzt und draußen 
lehnen sich die Obdachlosen an der Schei¬ 



Chlco und Groucho Marx 


be an und nach einiger Zeit bemerkt man 
sie überhaupt nicht mehr. 

So was gab es früher nicht Als ich ein 
Kind war, gab es große Rassenauseinan¬ 
dersetzungen und es herrschte in Phila¬ 
delphia, wo ich wohnte, eine Zeitlang für 
Jugendliche Ausgeh verbot ab 19 Uhr. Es 
war also keine sehr angenehme Zeit. Aber 
selbst damals hatte ich nicht das Gefühl in 
einem Kriegsgebiet zu leben. Wir waren 
die einzige jüdische Familie in einem 
vorwiegend von Deutschen und Iren 
bewohnten Viertel, also ein zu dieser Zeit 
sehrantisemitisches und sehr für die Nazis 
eingestelltes Umfeld. Mein Bruder und 
ich kannten wenige Wege in dem Viertel, 
auf denen wir nicht Gefahr liefen, den 
Schädel eingeschlagen zu bekommen, aber 
trotzdem hatte ich nicht dieses Gefühl der 
Feindseligkeit und der Gefahr wie ich es 
heute in New York habe. Wir hatten sogar 
das Gefühl alles unter Kontrolle zu haben. 
Wenn sie aus der katholischen Schule 
kamen, dann waren sie darauf versessen 
Juden zu lynchen. Ich weiß nicht, was in 
dieser Schule vorging. Aber ein paar 
Stunden später oder am Wochenende 
konnten wir wieder Baseball mit ihnen 
spielen. Du hattest immer das Gefühl.daß 
es möglich war, untereinander ein Aus¬ 
kommen zu finden. 

Während des Krieges hatten wir auf 
dem Weg zur Hebräischschule eine Poli¬ 
zeieskorte. Wir sind mit der U-Bahn ge¬ 
fahren und mußten von der Station noch 
ein paar Häuserblocks weiterlaufen. Eine 
zeitlang war es nur milder Polizei-Eskor¬ 
te möglich die Rthirlcrau besuchen. Die 
Polizei bewachte die Schule. Aber in der 


U-Bahn warst Du wieder allein. Ich kann 
mich nicht an solch eine Angst erinnern, 
wie ich sie heute in den Innenstädten 
habe. 

Der Grund für meine vagen Äußerun¬ 
gen ist, daß ich kein näheres Wissen dar¬ 
über habe. Es ist mehr ein Gefühl, Ein¬ 
drücke die einem verschiedene Plätze 
vermitteln. Es breitete sich immer mehr 
aus und ich glaube weltweit in unter¬ 
schiedlichem Maß, in London sind ähn¬ 
liche Entwicklungen vierzig Jahre später 
abgelaufen, in andereneuropäischen Städ¬ 
ten eine Generation später. Es ist eine 
Barbarisierung des sozialen Lebens, die 
um sich greift, die ich in diesem Maße 
nicht gekannt habe. Vielleicht habe ich cs 
als Zehnjähriger nicht mitbekommen,aber 
das glaube ich nicht. Ich denke es war 
anders. 

Hast Du Dich bei Deiner Kritik an Israel 
zurückgehalten, solange Deine Ehern 
lebten? 


Ich denke schon, feh wöllie nicht allzu 
viel darüber sagen, nicht weil sie mir 
widersprochen litten* Im Großen und 
Ganzen stimmten wir iberein. 


Könnte Dein Vater als Anti-Zionist be¬ 
zeichnet werden? 


Nein. Er würde Israel niemals stark kriti¬ 
siert haben. Er liebte es. Als er dort war, 
sagte er uns, es scheine immer die Sonne, 
niemals regne es. Alle Leute seien glück¬ 
lich. - i 


Haue er bei seinem Aufenthalt keine 
Palästinenser gesehen? \ 


Darüber dachte er nicht nach. Er hatte 
alles durch seine rosarot gefärbte Brille 
betrachtet. Er liebte dieses Land. Das 
Wiederaufleben des Hebräischen faszi¬ 
nierte ihn. Seine Standpunkte waren aber 
nicht etatistisch. Sie waren in dem kriti¬ 
schen Zionismus des Ahad Ha’am ver¬ 
wurzelt. Und das war das Wichtige im 
Israel, nicht der starke Staat mit seiner 
großen Armee etc. Es war das kulturelle 
Zentrum, das die Diaspora lebendig hielt 
und bereicherte. ! 

Als ich anfing über Israel zu schreiben 
hat er mir nie grundsätzlich widerspro¬ 
chen. Sie waren betroffen von der har- 






sehen Kritik an meinen Artikeln. Sie Icb- 

in dieser Gemeinde und als die ganzen 
crlcumdungen, Lügen und die Hysterie 
an fing sich auszuweiten, hat es sic natür- 
{ eh getroffen. Ich konnte rein gar nichts 
schreiben ohne daß dieses ganze Zeug 
wieder aufkam. Wenn nur ein bißchen 
v°n der Parteilinic abgewichen wurde, 
egann der gesamte gut organisierte Dif- 
^icrungsapparat seine Verleumdungen 
nuszusprechen. Von daher habe ich - 
solange sie lebten - bis zu einem gewissen 

rad zurückgcstcckt, wenn ich Israel kri- 
tiscrte. 

Zeit der Zurückhaltung ist vorbei? 

Jch habe auch früher nichts gesagt, was 
£ n * c hl geglaubt habe. Miristauch nicht 
^ u ßt, daß ich irgendetwas nicht ge- 
sc neben hätte. Ich bin mir aber sicher, 
a ß es Einfluß gehabt hat. 

tele s Md an Deiner Arbeitsweise interes¬ 
siert. Wie kommst Du zuRegierungsdoku- 
„ en * €n > zu Memoranden zur Nationalen 
lc er heit etc . Ist es leicht an so etwas 
ner anzukommen? 


amit sind keine großen Mühen verbun- 
Cn ‘ Es ist aber auch nicht so, daß man sie 
Eebcnsmittclgcschäft an der Ecke 
bekommt. 

Wurden sie Dir zugespielt? Woher be¬ 
kommst Du sie? 

j^an bekommt sic in den Bibliotheken. 

*e meisten Bibliotheken haben Nach- 
^mageregistcr wo diese Materialen zu 
lln dcn sind. 

Smd S ‘C auf Mikrofilm? 

sic sind auch zugänglich. Wenn du 
f! C Archi varbeit machen wil Ist, mußt 

u Dinge tun, für die ich keine Zeit habe, 
u mußt zum Beispiel runter zur Johnson 
1 liothek und das gesamte Material 
Ur charbeitcn. Ich habe nicht die Zeit für 
f° c h c me aufwendige Arbeit. Aber jeder 
gUnn an diese Materialien hcrankommen. 
v S * sl Arbeit. Zum ersten mußt du sehr 
l 1 c lesen bevor du etwas brauchbares 
In dcst. Das meiste ist Schrott. Wenn du 
CS niac hcn willst gibt cs genügend Hin- 
^ Clsc Wo etwas sein könnnte, oftmals in 
Cr Sekundärliteratur. Manchmal findest 
{ u s °lchc Hinweise in dcrSckundärlitcra- 
Ur > die hochinteressant klingen und ofl- 
ai als habe ich fcstgcsicllt, daß sie miß- 
|. nic rprcticrtwurdcn,abcrsicbringendich 
azu na chzuschaucn, in der Hoffnung 
c ^vas zu finden. Es ist also kein Myste- 
nu m. Hs ist keine Wissenschaft, die ci- 
ncm geistige Arbeit abvcrlangt. Es isteinc 



Arbeit, die einen geistig nicht allzu sehr 
fordert. Jeder kann es als Halbtagsjob 
machen und so ein besseres Verständnis 
von den Dingen, die um einen herum 
passieren, zu erlangen. 

In einem Interview, das wir 1986führten 
warst du recht pessimistisch über die 
Perspektiven der Alternativen Medien. 
Seitdem haben sich wie auch immer das 
Z-Magazin etabliert, community-radios, 
Kabel-TV usw. sind entstanden, ein kana¬ 
disches FiImteam plant eine Dokumenta¬ 
tion über dich, es ist einiges passiert. 
Siehst duesalspositivesZeichen?Bist du 
überrascht von dieser Entwicklung? 

Ich kann mich nicht mehr erinnern, was 
ich dem Interview gesagt habe, aber ich 
fand solche Entwicklungen schon immer 
sehr gutund sie sollten so stark wiemöglich 
unterstützt werden. Ich glaube ihnen ste¬ 
hen harte Zeiten bevor. Es gibt eine starke 
Konzentration von Mitteln und von Macht, 
so daß die alternativen Medien einen 
permanenten Kampf führen müssen. Es 
stimmt, es gibt diese kleinen Erfolge, aber 

sie gibt es, weil einige Leute unglaubliche 

Energien in diese Projekte stecken. Nimm 
das Z-Magazin. Das Magazin wird haupt¬ 
sächlich von zwei Leuten gemacht und 
hat keine Mittel, sieht man von denen 
einiger Freunde ab. Sie produzieren ohne 
Mittel und mit einem riesigen Aufwand 
das Magazin. Das trifft auch für South- 
End-Press zu, - sie überleben. Es ist eben¬ 
falls ein kleines Kollektiv ohne Mittel und 
sie bringen viele - darunter viele gute - 
Bücher heraus. Aber es ist fast unmöglich 


ein South-End-Press-Buch rezensiert zu 
bekommen. 

Nimm den Boston Globe. Für ameri¬ 
kanische Verhältnisse ist dies eine sehr 
liberale Zeitung. Die für die Rezensionen 
zuständige Redakteurin hat vor ein paar 
Jahren öffentlich gesagt, daß sie niemals 
eine Rezension von einem South End 
Press-Buch zuläßt, solange ich einer der 
Autoren dieses Verlags bin. Meine Bücher 
werden nicht nur nicht besprochen, sie 
werden noch nicht einmal aufgelistet. Es 
gibt eine Sparte im Boston Globe, in der 
die Pulikationen der lokalen Autoren 
aufgelistet werden, ob zum Beispiel 
irgendjemand ein Kapitel in einem Koch¬ 
buch geschrieben hat. Noch nicht einmal 
dort erscheinen meine Bücher auf der 
Liste. 

Manchmal ist es schon zum Lachen. 
Zum Beispiel verleiht jedes Jahr der 
„National Council of Teachers of Eng- 
lish“ den Qrwell Preis für die Entlarvung 
von Doppelzüngigkeit. Vor zwei Jahren 
wurde er mir für mein Buch „On Power 
and Ideology“ verliehen. Dieses Jahr 
wurde er an das Buch „Manufacturing 
Consens“ vergeben, das Edward Hentian 
und ich gemeinsam schrieben. Zu der Zeit 
als der Preis verliehen wurde - im Novem- 
ber-hat eine Boston Globe Kolumnistin, 
nebenbei eine linksliberale Kolumnistin, 
eine Kolumne mit einem Interview mit 
einem Mitglied des Preiskomitees geführt 
Es war eine Lobeshymne auf die Idee 
eines Preis für die Entlarvung von Doppel¬ 
züngigkeit zu verleihen. Sie listete einige 
Preisträger vergangener Jahre auf, wie 
Ted Koppel usw. Es gab aber eine auffal¬ 
lende Auslassung: der diesjährige Preis 
wurde nicht erwähnt! Dabei wurde er 
einem lokalen Autor verliehen, was nor¬ 
malerweise erwähnenswert ist. Es ist - so 
glaube ich - auch das erste Mal, daß 
diesen Preis jemand zum zweiten Mal 
verliehen bekommt, darüberhinaus wa¬ 
ren es Bücher über Medien. Die Medien 
wurden darin kritisiert - nichts davon 
konnte erwähnt werden. 

South End Press hat es sehr schwer 
Bücher rezensiert zu bekommen. Dies 
wurde auch in Publisher’s Weekly ge¬ 
schrieben und diskutiert. Aber ich brauche 
Dir nicht zu sagen wie. Wenn Du kein 
Kapital für Inserate hast, das Dir eine 
aufwendige Art der öffentlichen Artiku¬ 
lation ermöglicht, ist deine Wirkung nach 
außen sehr begrenzt. 

Du kannst dies bis zu einem gewissen 
Grad mit viel Arbeit ausgleichen. Es gibt 
Möglichkeiten es zu kompensieren. Ei¬ 
nige davon sind sehr wichtig. Zum Bei¬ 
spiel kooperieren viele Dissidenten aus 
den verschiedenen Ländern. Ich verbringe 
fürchterlich viel Zeit damit Materialien 
zu kopieren und sie Freunden in anderen 
Ländern zu schicken, die in einer ähn¬ 
lichen Situation sind wie ich. Sic machen 








das gleiche für mich. Das bedeutet, daß 
obwohl ich nicht die Zeit und keinen 
Forschungsauftrag für solche Sachen habe, 
ich dennoch Zugang zu Quellen habe, die 
die Professoren oder der CIA nicht hat. 
Die Professoren und der CIA haben kei¬ 
nen klugen und aufmerksamen Freund in 
Israel, der die hebräischen Zeitungen nach 
wichtigen Artikeln absucht, sie heraus¬ 
fischt, interpretiert und analysiert und 
dieses Material dann zuschickt. 

Israel Shahak. 

Ja. Das ist ein gewaltiger Unterschied. 
Das bedeutet, daß ich Ressourcen habe. 
Shahak ist der wichtigste und es gibt noch 
andere. Ich habe andere Freunde, die 
dasselbe machen. Wir machen das glei¬ 
che für sie. Das trifft auch für Australien, 
England und andere Länder zu. So ent¬ 
wickelte sich ein Netzwerk. Hier ist zum 
Beispiel Material von einem Freund aus 
Los Angeles, der die dortige Presse und 
auch einige britische Zeitungen verfolgt, 
so daß ich nicht die ganzen Filmbcspre- 
chungcn und das ganze Geplapper lesen 
muß. So kriege ich die gelegentlichen 
High Ligths, die du ansonsten nur bei 
einer regelmäßigen, kritischen Lektüre 
einer ganzen Palette von Zeitungen Fin¬ 
den kannst. Es gibt eine ganze Anzahl von 
Leuten, die dies tun und wir tauschen die 
Informationen aus. Das Resultat ist, daß 
wirQucllcn haben, die keinem nationalen 
Nachrichtendienst zur Verfügung stehen. 
Auf diese Art und Weise kann der Aus¬ 
schluß aus den etablierten Nachrichten¬ 
quellen kompensiert werden. 

Die Leute können was machen. Das 
passiert überall. Vor einigen Jahren hatte 
ich eine Veranstaltung in Manhattan/ 
Kansas und sic baten mich vorher zu ei¬ 
nem Gespräch mit der lokalen Mittcl- 
amcrika-Solidaritätsgruppc zu kommen, 
da dachte ich mir, o.k., da werden vier 
Leute in irgendeinem Wohnzimmer sitzen. 
Zu meiner Überraschung waren es keine 
vier Leute in irgendeinem privaten Wohn¬ 
zimmer sondern einige hundert in einer 
Kirche. - Bei einer Stadt mit ca. 30.000 
Einwohnern. Es gab dort eine Menge 
Literatur, Literatur die ich vorher niemals 
gesehen hatte, von Leuten, die aus M ittcl- 
amerika kamen oder dort Sol idarilätsarbeit 
machten, die die Kongreßabgeordneten 
beackerten, sehr informierte Leute. Ich 
bin mir sicher, daß sic besser über Miltcl- 
amerika informiert waren als irgendein 
Redakteur oder eine Latcinamcrika-Ab- 
tcilung der Regierung. Das sind Sachen, 
die man überall finden kann. Die Men¬ 
schen haben Möglichkeiten gefunden sich 
zu informieren, sich zu bilden und Sachen 
herauszufinden. Es gibt Möglichckiten 
aus der Benachteiligung herauszukom¬ 
men, aber es ist nicht einfach. Es gar 


soweit zu bringen, daß es nachhaltige 
Wirkung erzielt, ist sehr schwierig. 

Was mich noch interessiert ist deine 
Äußerung, daß das kommerzielle Radio 
nicht so ideologisch sei wie das öffent¬ 
liche. 

Das ist meine Erfahrung. An diesem Punkt 
möchte ich ein wenig vorsichtiger sein. 
Das öffentliche Radio außerhalb - auf 
dem Land - ist schon recht offen. Wenn 
ich nach Wyoming oder Iowa zu einem 
öffentlichen Sender komme, habe ich dort 
auch die Möglichkeit für einen längeren 
Beitrag, ln Boston oder Washington ist 
d ies schwer vorstellbar. Gelegentlich wirst 
Du cingeladcn, meist mit jemand ande¬ 
rem und dann hat jeder drei Minuten Zeit 
zu sprechen, für jeden drei Sätze. Aber 
eine tiefgreifende Diskussion ist kaum 
möglich. 

Es ist wichtig daran zu denken, daß die 
US-Kommunikationsmittcl sehreffektive 
strukturelle Techniken entwickelten, um 
die Meinung von Dissidenten außen vor 
zu lassen. Dies wird ab und zu sichtbar. 
Die USA ist das einzige Land, das ich 
kenne, indem du dich kurz fassen mußt, 
wenn du etwas sagen willst, weil du ledig¬ 
lich die zwei Minuten zwischen den 
Werbespots hast. Das ist in anderen Län¬ 
dern nicht so. Auch nicht in den Main¬ 
stream Sendungen. Du kannst über fünf 
oder zehn Minuten einen Gedanken ent¬ 
wickeln. Bei einer mainstrcam-Sendung 
in den USA wie z.B. NPR-Ted Koppel 
hast du nur ein paar Sätze. Sie sind sich 
bewußt darüber. Kennst Du Jeff Hansen? 

Er ist bei WORT in Madison . 

Als ich das letzte Mal dort war arbeitete er 
bei einem kleinen Radiosender in Madi¬ 
son. Er wollte ein Interview mit mir 
machen, in der Zeit wo ich auch einige 
Veranstaltungen zu Medien gemacht habe. 
Er begann das Interview mit einem Aus¬ 
schnitt aus einem Interview, das er mit 
Jeff Greenfield geführt hatte, du kennst es 
vielleicht. Er fragte Greenfield warum er 
denn nie Chomsky auf dem Sender hätte, 
dann fing Greenfield an eine totale Tirade 
gegen mich loszulassen. Nachdem ersieh 
einigermaßen beruhigt hatte und keinen 
Schaum mehr vor dem Mund hatte, sagte 
er etwas, was schon richtig ist. Er sagte ich 
sei nicht prägnant genug und könne mich 
nicht kurz fassen. Wir bräuchten solche 
Leute, die kurz und bündig ihren Stand¬ 
punkt darlegen können. Vielleicht wäre ja 
der beste Experte zu irgendeinem Thema 
ein Türke und spächc nur türkisch, das sei 
nicht gut. Wir müssten jemand habender 
etwas knapp sagen kann und dieser Chom¬ 
sky schwätzt und schwätzt. Da ist was 
dran. 


Schaue mal in Mollier Jones vom Feb¬ 
ruar/März 1990 da ist ein interessanter 
Artikel von Marc Cooper, in dem er die 
Experten, die in verschiedenen Shows 
auftreten analysiert. Natürlich neigen sie 
alle nach rechts. Aber der Kommentar ist 
interessant. Er sprach mit Leuten, die in 
den Medien arbeiten und sie sagten: „Das 
sind Leute, die es verstehen, ihre Gedan¬ 
ken prägnant, einfach und geradeheraus 
zu formulieren und es somit auch zwi¬ 
schen der Werbung unterbringen können.“ 
Das ist bezeichnend. 

Wenn Du dazu angehalten wirst ledig- 
lichzwei Sätze zu sagen oder 700 Wörtcr- 
Statements brauchst Du keine Hiritcr- 
grundinformationen oder Argumente. 
Sagst Du etwas unkonventionelles fragen 
sich die Leute was wird denn da erzählt. 
Als ich zur Invasion in Vietnam referierte 
fragten die Leute »Wovon redest du?« 
Ich habe noch nie so etwas gehört. Das 
stimmt auch. Sie haben nie vorher davon 
gehört. Ich muß erklären, was ich sagen 
will. Oder stell Dir vor ich spreche vom 
internationalen Terrorismus, und ich sage 
wir müssen ihn in Washington bekäm¬ 
pfen, denn dort sei das Zentrum, Da ant¬ 
worten die Leute »Was meinst du damit, 
daß Washington das Zentrum ist?«. Das 
mußt du erklären, dafür bedarf es einen 
Hintergrund, 

Das ist genau das wovon leff Green¬ 
field spricht. Es ist nicht erwünscht Hin¬ 
tergrundinformationen zu geben, es könn¬ 
te zu kritischen Gedanken führen. Kon¬ 
form istiseheGedanken sind gefragt, ledig¬ 
lich W iederholungen der Propaganda, der 
Parteilinie. Dafür braucht es Prägnanz. 
Ich könnte es auch machen. Ich könnte in 
drei Sätzen sagen, was ich denke, es würde 
nur einen außerirdischen Klang haben, 
weil dafür keine Basis vorhanden jist. 
Kommst du vom American Enterprise 
Institut ist es leicht die Message in drei 
Sätze zu verpacken. „Gaddafi ist das größte 
Monster der Welt, die Russen erobern d i c 
Welt, dies und das und Noriega ist der 
größte Verbrecher seit so und so“. Dafür 
braucht niemand Hintergrundinfbrmatio- 
nen. Du wiederholst einfach die Gedan¬ 
ken, die du überall hörst, von Typen aus¬ 
gesprochen wie Dan Rather oder ähn¬ 
lichen. Das ist eine wertvolle Technik. 

Meiner Meinung nach würden Leute 
wie Ted Koppel, wenn sie ein bißchen 
intelligenter wären, weitaus mehr Dissi¬ 
denten zu Wort kommen lassen, weil diese 
sich selbst zu Idioten machen würden. 
Entweder Du verkaufst dich und sagst 
das, was ständig gesagt wird und hörst 
dich vernünftig an oder Du sagst, was Du 
denkst und in dem Fall hört es sich an ^vic 
die Meinung eines Verrückten, selbst wenn 
es die Wahrheit wäre und es leicht zu 
untermauern wäre. Der Grund liegt in 
dem völligen Ausschluß dieser Gedan- 

___ j_ 


B 




Cn ' Es klingt von ihrem Standpunkt aus 
verrückt. Und sobald Du prägnant sein 
J^ U w * c J°ffGreenfield fordert, hast du 

^ Cln c Zeit für Erklärungen. 
a s ist eine wunderbare Propaganda- 
00 nik. Mir wurde gesagt, daß in Japan 
S°nau das gleiche geschieht. Große Teile 
er Welt haben noch nicht diesen Grad 
c j* Abgeklärtheit erreicht. Du kannst im 
c gischen Radio oder im BBC sagen was 
u willst. In den USA ist das sehr sehr 
schwer möglich. 

In dem Essay „Language andFrcedom t( 
SC lrei J )st du: „Soziale Aktionen müssen 
v °n einer Zukunftsmion geleitet werden ." 

c 1 frage tnich welche Zukunfisvisionen 
leiten Dich? 


habe meine 


über 


eigene Vorstellung dar- 


wic eine zukünftige Gesellschaft 
kuschen sollte. Ich habe darübcrgcschric- 
t? n ‘ ^ cn kc auf einer ganz generellen 
enc sollten wir Formen von Autorität 
n Unterdrückung ausschlicßcn, ihre 
c gitimation in Frage stellen. Manchmal 
ln S . K legitimiert. Es gibt welche die 
^um Überleben notwendig sind. Während 
es I.Weltkriegs Hatten wir eine lolali- 
* C Gesellschaft und ich dachte, daß dies 
^ niCr Kriegsbedingungen gerechtfertigt 

oCl # 

Die Bezeihung zwischen Eltern und 
mdern beispielsweise beinhalten For- 
en des Zwangs. Sic sind manchmal 
crechtigt. Aber jede Form des Zwangs 
cnötigt eine Rechtfertigung und die 
leisten sind völlig ungerechtfertigt. Zu 

Verschiedenen Seiten der menschlichen 
Iv ilisation war cs möglich einige dieser 
-Wange in Frage zu stellen und andere 
j^cht. So muß zu jedem Zeitpunkt die 
orm der Autorität und Unterdrückung 

Cr ausgcfundcn werden, die keine Legi¬ 
slation hat,die fundamcntaleMcnschcn- 
rcchlc bricht, die im Gegensatz zur 
^cnschlichcn Natur und menschlichen 
^kten steht. Bei Betrachtung dergegen¬ 
wärtigen Situation ist meine zukünftige 
csellschaft eine, die kontinuierlich das 
'faß der Freiheit ausweitet, zu größerer 
crechtigkcit führt, die äußeren Konlrol- 
cn begrenzt und eine breite öffentliche 
ar bzipation beinhaltet. 

Was sind heute die wichtigsten Dinge? 
s s ' n d einige bekahnt. Die feministische 
°wcgung hat welche benannt, die Bür- 
gcrrcchisbcwcgungandcrc. Aber eine der 
Wichtigsten Anliegen ist nicht benannt 
Un d das ist der Kern des Systems der 
Unterdrückung, der privaten Kontrolle 
über Ressourcen, Produktion und Distri¬ 
bution. Die Revolutionen im 19 .Jahrhun- 
üert haben cs nicht vollendet. Selbst die 
Texte des klassischen Liberalismus spre- 
c kcn davon, daß die Leute unter Kontrolle 
^beiten müssen anstatt frei und nach ihren 
Bedürfnissen orientiert zu arbeiten. (...) 


Das ist alles in Vergessenheit geraten, es 
muß wicderbclcbt werden. Das bedeutet 
einen Angriff auf die elementarsten Struk¬ 
turen des Staatskapitalismus. Das istetwas 
was in nicht allzu großer Feme liegt. 
Tatsächlich brauchen wir uns nicht den 
Kopf darüber zu zerbrechen. Vieles wur¬ 
de schon im 19. Jahrhundert gesagt, sogar 
in liberalen Texten und später in den liber¬ 
tären Teilen der sozialistischen Bewe¬ 
gung und in der anarchistischen Bewe¬ 
gung. Ich denke cs ist ein Thema das an¬ 
gegangen werden muß. 

Eine Vision der zukünftigen Gesell¬ 
schaft muß von dem Standpunkt aus eine 
sein, in der die Produktion, die Entschei¬ 
dungen oder Investments unter demokra¬ 
tischer Kontrolle stehen. Das bedeutet 
einer Kontrolle durch die Kommunen, 
durch die Arbeitsplätze, durch Arbeiter¬ 
innen Versammlungen in Fabriken und 
Universitäten, was für Organisationen es 
auch sein mögen, die einzelnen Sektoren 
müssen durch föderale Strukturen ver¬ 
bunden werden. Dies sind alles durch¬ 
führbare Entwicklungen auch in fortge¬ 
schrittenen industrialisiertenGesellsc haf¬ 
ten. Der kulturelle Boden für solch eine 
Entwicklung ist nur begrenzt vorhanden, 
das kann man aber ändern. Das ist ein 
Aspekt der zukünftigen Gesellschaft Er 
ist nicht der einzige, weil es noch andere 
Formen der Hierarchien und Unter¬ 
drückung gibt die zerstört werden müs¬ 
sen. 

Die Systeme die bis jetzt existieren 
waren Staatskapitalismen, in der Art die 
uns vertraut ist oder dem Bürokratismus 
des Sowjetsystems mit einer bürokratisch- 
militärischen Managerclile, die die Wirt¬ 
schaft sowie die gesamte Gesellschaft in 

autoritärer Weise plante und koordinierte. 

Das ist glücklicherweise zusammenge¬ 
brochen. Unser System war davon nicht 
betroffen, obwohl es so sein sollte. Das 
Bild einer zukünftigen Gesellschaft, das 
eben entwickelt wurde, muß weiter aus- 
formulicrt werden und in Teilen wurde 
dies schon gemacht 

Woher schöpfst Du deine Kraß in Momen¬ 
ten der Verzweiflung? 

Das ist überwiegend ein Problem, ob du 
noch in den Spiegel schauen kannst. Wenn 
du dich ermutigen willst, gibt es Möglich¬ 
keiten dafür. Die Umstände sind im Ver¬ 
gleich von vor 25 oder 10 Jahren besser 
geworden. Beispielsweise wäre es mir 
vor zwanzig Jahren nicht möglich gewe¬ 
sen nach Manhattan/Kansas zu gehen und 
dort Leute zu finden, die besser informiert 

sind als ich, die aktiv und engagiert sind. 
Als ich anfing Vorträge zu halten so um 
1964 herum schien cs hoffnungslos zu 
sein. Damals hieß einen Vortrag halten, 
sich mit zwei drei Leuten in irgendeinem 
Wohnzimmer zu treffen, oder in einer 


Kirche, wo ein Besoffener kam, ein ande¬ 
rer der dich umbringen wollte und die 
zwei Organisatoren. Als wir zu diesen 
Zeiten öffentliche Veranstaltungen orga¬ 
nisierten, ich erinnere mich an eine in der 
MIT zu Vietnam, Venezuela und Iran, 
war unsere Hoffnung die, daß die Zahl der 
Besucher die der Organisatoren übertref¬ 
fen würde. Die ersteöffenüiche Versamm¬ 
lung auf der ich sprach war im Oktober 
1965 auf dem Campus von Bosten, an 
einem internationalen, studentisch orga¬ 
nisierten Protesttag gegen den Indochina- 
Krieg. Es waren 200 bis 300 Polizisten 
anwesend, die wir sehr gerne sahen, muß 
ich sagen, weil wir ansonsten gelyncht 
worden wären. Die Menge war total auf¬ 
gebracht, es waren zumeist Studenten von 
der Universität. Die waren bereit dich zu 
lynchen. Unsere Forderungen waren 
gemäßigt, es war schon unangenehm zu 
sagen »Hört auf mit der Bombardierung 
Nord-Vietnams«. Über die Bombardie¬ 
rung Süd-Vietnams hat man gar nicht 
gesprochen. Das ging bis 1966 so. Wir 
konnten in Boston keine Demonstration 
durchführen, sie wäre von Studenten und 
anderen zerschlagen worden. Da fühlte 
ich mich hilflos und habe keinen Ansatz¬ 
punkt gesehen. 

So bist du also heute zuversichtlich? 

Es ist eine Sache der Persönlichkeit, ob du 
entmutigt oder zuversichtlich bist, nicht 
eine Angelegenheit von objektiven Fak¬ 
ten. Verschiedenen Sachen sind besser 
geworden. Ich glaube das kulturelle Ni¬ 
veau ist gestiegen. Außerhalb der gebil¬ 
deten Kreise ist der intellektuelle Gehalt 
des Diskurses unddas Allgemeinverständ¬ 
nis ständig gewachsen. Ich bezweifle es 
keinen Augenblick lang. Das ist ermuti¬ 
gend. Wenn du dich entmutigen willst, 
brauchst du nur an den mühsamen Weg zu 
denken, der noch zurückzulegen ist bis 
auf die Politik nachhaltig Wirkung erzielt 
werden kann. Das sind Fragen von Stim¬ 
mungen nicht von einer objektiven Rea¬ 
lität. Ich sehe keinen Sinn darin, dem 
große Beachtung zu schenken. 

Nimm die Ökologie. Wenn du eine 
objektive Analyse geben willst, kannst du 
sagen, daß in einigen hundert Jahren nichts 
außer den Küchenschaben übrig geblie¬ 
ben sein wird. Egal was wir tun. So was 
liegtim Bereich des Möglichen. Anderer¬ 
seits kannst du versuchen etwas dagegen 
zu tun, Dinge zu ändern. Du hast zwei 
Möglichkeiten: Nichts tun. In diesem Fall 
bist du in der Lage vorauszusehen, was 
passiert oder etwaszu tun, weil es eventuell 
noch eine Chance gibt. 

Und du hast dich fürs Handeln entschie¬ 
den. 

Ich versuche es. 






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Bei vorliegendem Artikel handelt es 
sich um Auszüge (unwesentlichen aus 
dem Kapitel „ Geschi chtsreyision und 
Negativer Nationalismus“ aus dem 
Buch von Klaus Schönberger und 
Claus Köstler; „Der freie Westen , 
der vernünftige Krieg , seine linken 
Liebhaber und ihr okzidentaler Ras¬ 
sismus - oder Wie hierzulande die 
Herrschaft der »neuen Weltordnung« 
als »Krieg in den Köpfen« begonnen 
hat“. 

Wir können (leider!) nicht das ganze 
Buch hier wiedergeben, deshalb die 
Versicherung, daß sich die Lektüre 
lohnt, zumal wir z.B. die Wiederbe¬ 
lebung deutschen Militarismus im 
Zeichen von UNO und Europa derzeit 
hautnah erleben. Zudem werden wir 
auch weiterhin mit den „Argumen¬ 
ten “ zß. des KON KRET-Kreises und 
des Kreises um „ KRITIK & KRISE " 
konfrontiert sein und dabei sind die 
hier vorliegenden Analysen ihrer 
Grundlagen allemal hilfreich. (Ein 
besonderer 'Grvtß : gilt in diesem Zusam- j 
menhang den aus dem AK des ehe¬ 
maligen KB hinausgedrängten „ liber¬ 
tären Kommunisten “, die derzeit ein 
Angebot von KRITIK & KRISE „ prü¬ 
fen an diesem Blau miimarheitem) 


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Die Debatte während des Golfkriegs hat 
gezeigt, daß cs ein nennenswertes politi¬ 
sches Projekt der Linken in diesem Lande 
zur Zeit nicht gibt. Fast jede Fraktion hat 
sich auf ihre Weise blamiert. Der Orga- 
n isationsversuch einer Radikalen Linken 
hat diesen "Krieg in den Köpfen” nicht 
überlebt. Dabei wurde offensichtlich, daß 
! hierzulande manch(c) Linke(r) über eine 
nc gativ besetzte Apologie des (bundes- 
rc publikanischcn) Nationalismus nicht 
hinaus kommt. Diese Sichtwcisc verliert 
insbesondere den Blick für momentan 
s,c h anbahnende Entwicklungen zum 
Modell "Festung Europa". Niehl zuletzt 
ließ ein solch "Negativer Nationalismus" 
(radikale) Linke zu Partcigängcrlnncn des 
Kricgstrcibcrdiskurscs während der Golf- 
krisc werden. 

Wir wollen darüberhinaus im folgenden 
ZUr Klärung der Frage beitragen, warum 
der Antisemitismus-Vorwurf an die Anti- 


'riegsbewegung während des Golfkriegs 
überhaupt zu deren Zusammenbruch 
führen und warum sic dem Kriegstreiber- 
üiskurs nichts Substantielles entgegnen 
konnte. 


Die Ursachen hierfür sind hauptsächlich 
In den letzten beiden Jahrzehnten vordem 
zweiten Golfkrieg zu suchen. Neben der 
hcgcmonialcn Durchschlagskraft der 
Okzidcntalcn Idcologicspicltc hierbei vor 
allem die eigene linke antifaschistische 
fraxis und der mit ihr verbundene ver¬ 
kürzte funktionalistischc Fasch ismusbe- 
griff eine zentrale Rolle. Als ein weiterer 
wesentlicher Schwachpunkt sollte sich 
der ständige Versuch hcrausstellcn, ak¬ 
tuelle Verhältnisse unter Rückgriff auf 
^ cn historischen Nazi-Faschismus crklä- 
rcn oder denunzieren zu wollen. Dieses 
Anliegen durchzieht wie ein roter Faden 
üic Geschichte verschiedenster linker und 
In der Antikriegsbewegung vertretener 
Politischer Gruppen. Welche fatalen Fol- 
S c n dies zeitigte, soll (im BuchS.91 -123) 
anhand der Friedensbewegung, der Anti- 
Im Perialistcn, der Autonomen sowie der 
alästinakomitccs illustriert werden. Bei 
all diesen Bewegungen lassen sich grund- 
l c gcnde Irrtümer und Defizite in ihrer 

Aniisemitismusanalysc infolge einer 

unzureichenden Auseinandersetzung mit 
dem Nazifaschismus fcstslcllcn. Unzu¬ 
längliche und undifferenzierte Paral¬ 
lelisierungen gegenwärtiger politischer 
Verhältnisse mit der nazi-deutschen 
Geschichte bewirkten, daß für anti¬ 
semitische oder die deutsche Geschichte 
»entsorgende“ Positionen (meist un¬ 
freiwillig) der Türöffner gespielt wurde. 
Versuchten solche Vorstellungen unter 
dem linken Deckmantel Land zu gewin- 
n en, blieben sie lange Zeit unbeachtet 
oder galten als vcmachlässigbar. Das 


rächtesich bitter. Unter den Bedingungen 
des Golfkriegs vermochte der Kriegstrei¬ 


berdiskurs diese Versäumnisse mehr und 
mehr als Voraussetzung für den Anli- 
semitismusvorwurf in das Zentrum der 
Debatte zu rücken. (...) 

Der Kriegstreiberdiskurs forderte eine 
unabdingbare Parteinahme für den Krieg 
an der Seite Israels. Selbst wer nur zu 
bedenken gab, ob es nicht eben dieser 
Krieg sei, der Israel gefährden könnte, 
dem wurde summa summarum verant¬ 
wortungsloses „Aussitzen“, wenn nicht 
gar Schlimmeres vorgeworfen. Der Frie¬ 
densbeweg ungspazifismus im Rahmen 
des Golfkricges mag problematisch ge¬ 
wesen sein, nur ein Israel gefährdendes 
„Aussitzen“ läßtsich ihm kaum unterstel¬ 
len. Gegenüber solchen Vorwürfen wür¬ 
den wir darauf bestehen, daß das Ver¬ 
stummen und die Ohnmacht der Friedens¬ 
bewegung während des Golfkriegs haupt¬ 
sächlich das Eingeständnis der Fragwür¬ 
digkeit ihrer seitherigen, bloß moralisch- 
pazifistischen Grundhaltung, ihrer Unter¬ 
lassungen, in den 8öcr Jahren sowie die 
praktische Auswirkung eines viel zu spät 
einsetzenden Lernprozesses hinsichtlich 
der bisher benutzen Bild- und Symboi- 
sprachc zum Ausdruck brachte. 

Während des „Historikerstreites“ inden 
80er Jahren wiesen linke und linkslibe- 
ralc Publizisten letztmals noch gemein¬ 
sam den durchsichtigen Versuch zurück, 
Auschwitz mit anderen Greueln der Ge¬ 
schichte in relativierender Absicht zu 
vergleichen. Andererseits entsprach das 
„Tabu“ Auschwitz nicht zu vergleichen 
zugleich einem kollektiven „ Denkverbot" 
(J.-Ph. Reemtsma, Deutsche Linke 91, in: 
Konkret 11/91) Dessen Berechtigung 

führte Enzensberger mildem unsäglichen 

Vergleich von Saddam und Hitler noch¬ 
mals anschaulich vor Augen. Durch ihn 
wurde aber erstmals das Tabu von einem 
prominenten „linken“ Publizisten Öffent¬ 
lichkeitswirksam gebrochen. (H.M. 
Enzensberger: Hitlers Wiedergänger, in: 
Der Spiegel 6/91) 

Bei der Gleichsetzung „Saddam=Hitlcr“ 
im Gefolge der Okzidentalcn Ideologie 
sowie der Instrumentalisierung der „Histo¬ 
rischen Verantwortung der Deutschen 
aufSeiten des Kriegstreiberdiskurses ging 
cs nie um im wissenschaftlichen Sinne 
historisch „richtige“ Analogieschlüsse. 
Dieselben waren vielmehr immer als 

Kampfbegriffe zur „Gleichschaltung“ der 

öffentlichen Meinung gedacht. IhreHaupt- 
aufgabe bestand darin, die Gegner des 
Krieges mittels einer Argumentalioftsfigur 
aus ihrem ureigenen Feld, dem Anti¬ 
faschismus, mundtot zu machen und 
zugleich den Ausstieg aus der eigenen, 
linken Geschichte ideologisch abzu- 
sichcm: „In diesem realem Zusammen¬ 
hang sind die verblendeten Vorwürfe 
»linker Anti-Amerikanismus« und »linker 


35 

Antisemitismus« für einige ehemals Linke 
die Hundemarken, womit sie andere zu 
stigmatisieren trachten, um für ihre Inte¬ 
gration in die psychologische Kriegs¬ 
föhr ung der kapitalistischen Verwertungs¬ 
gemeinschaß den Anspruch der Aufklä¬ 
rung zu erschleichen und den gutenNamen 
der Kritik zerstörerisch zu mißbrauchen " 
(H.Thielcn: Der Krieg der Köpfe, Bad 
Honnef 1992) Sie formulierten im Zusam¬ 
menhang mit der „Historischen Verant¬ 
wortung“ eine neue Sozialfaschismus- 
Ideologie gegenüber Pazifisten und Ami- 
imperialislen, die die Spaltung und Auf¬ 
lösung der Linken weiter vorantrieb. 

Für den Erfolg des von Linken domi¬ 
nierten Kriegstreiberdiskurses spielte eine 
wesentliche Rolle, daß die mit ihm ver¬ 
bundene Propaganda nicht mehr nur von 
der üblichen Sorte war. Seine Protago¬ 
nisten bezogen sich nun auch auf die linke 
widerständige Argumentationstradition, 
wie den antifaschistischen Diskurs der 
60er und 70er Jahre. Dadurch gelang es, 
Verwirrung zu stiften: „Ihre stärkste 
Wirkung entfalteten sie da, wo sie erst 
links antäuschten, um dann ganz rechts 
einzuspuren Wir erlebten eine linke 
Geschichtsrevision, der wir zum Zeitpunkt 
des Krieges wenig Substantielles und 
„noch seltener inhaltlich-offensiv etwas 
entgegensetzen konnten " (LUPUS- 
Gruppe: Die Maskenbildner des Krieges, 
in: Schwarzer Faden 3/91) Mitunter muß 
selbstkritisch eingeräumt werden, daß das 
auch eine Folge der „fehlenden Auseinan¬ 
der Setzung mit den Gefahren des gewöhn¬ 
lichen Anti-Imperialismus , nämlich dem 
Hang zum verschwörungstheoretischen 
und vereinfachten ökonomistischen 
Argumenta-tionen“ (Chr. Kind: Der ba¬ 
nale Kriegen: Diskus 1/92) war, die dazu 
führten, daß einige Parolen der Antikriegs- 
bewegung sich scheinbar kaum mehr von 
denen der Neonazis unterschieden, ob¬ 
wohl sie etwas grundsätzlich anderes 
meinten. 

Verwirrung stifteten auch jene Kriegs¬ 
befürworter, die aus einer angeblich radi¬ 
kalen „Nie-wieder-Deutschland-“Position 
heraus nun jedes Agieren und Reagieren 
der vergrößerten Bundesrepublik (ihrer 
Regierung wie ihrer Staatsangehörigen) 
als Ausreißversuch der wiedererstarkten 
Großmacht interpretierten unddabei Opfer 
ihres „Negativen Nationalismus“ (Begriff 
von George Orwell: in Notes on Nationa¬ 
lem) wurden. Denn die Behauptung H.G. 
Grem lizas, daß „ das neue deutsche Reich “ 
sich durch seine angebliche Nichtbetei¬ 
ligung am Golfkrieg „zum ersten Mal 
offen als Konkurrent“ (H.G. Gremliza: 
Bankrott der Linken, in; Konkret 5/91) 
der USA profiliere, ist dann doch etwas zu 
weit gehender Unfug. Er verkehrte diese 
aus der Weitmarktkonkurrenz resultie¬ 
rende unterschwellige Tendenz und Ab- 











36 

sicht zur Realität. Kurzerhand erklärte er 
die Bundesrepublik zur Kriegspartei an 
der Seite des Irak: „ Und so habe ich in der 
deutschen Friedensbewegung nicht pri¬ 
mär eine Bewegung erkannt , die den Krieg 
am Golfbe- oder verhindern wollte , son¬ 
dern eine deuischnationale Bewegung, 
die im Einklang mit den politisch und 
gesellschaftlich Herrschenden den Golf 
krieg dazu nutzen wollte, dem neuen 
Deutschland größeren außenpolitischen 
Spielraum zu verschaffen (Gremliza: 
ak-Interview, in: ak-334, 1991) Oder 
ähnlich: „In seltener Einmütigkeit, 
gleichsam konvergierend, wirkten 
Regierung, Opposition und 
Fr idensbewegung zusammen. " (D. Diner: 
Den Westen verstehen, in: Kursbuch 104, 
1991). Mag das für grüne „Vordenker“ 
wie Udo Knapp und Bernd Ulrich auch 
zutreffen, so ist derlei für die Antikriegs¬ 
bewegung insgesamt schlichtweg Unsinn. 
Außerdem: im September 1990 wollte 
Gremliza noch „keine Gründe für eine 
US-amerikanische Intervention " 
erkennen, die „gleichzeitig für eine 
deutsche Beteiligung sprächen " (H.G. 
Gremliza: Mardersprung nach Akaba, in: 
Konkret 9/90) und auch noch im Januar 
1991 hatte der KONKRET-Herausgeber 
angemerkt, er könne den Krieg der USA 
nicht unterstützen, da „diePartei (.. J des 
George B ush (...) eben auch He Imut Kohls 
Partei und also die großdeutsche " sei. 
(H.G. Gremliza: „and the good“, in: 
Konkret 1/91) Auch Staatsphilosoph Diner 
verkündete, daß „ der Krieg am Golf auch 
ein deutscher Krieg war. " (D. Diner: Der 
Krieg der Erinnerungen und die Ordnung 
der Welt, Berlin 1991) 

Aberdieanfängliche Zurückhaltung der 
Medien läßt sich nicht dahingehend 
umbiegen, daß von Seiten der Regierung 
regelrecht „Stimmung gegen diesen Krieg 
und gegen eine deutsche Kriegsbe¬ 
teiligung " gemacht worden sei. (H.G. 
Gremliza, in: Streitgespräch, Konkret 5/ 
91) Die Bundesrepublik selbst hielt sich 
zwar militärisch weitgehend bedeckt. 
Statt-dessen dominierte aberdie Mobil¬ 
machung für den Krieg in den Köpfen. 
Der Kriegs-treiberdiskurs machtals Probe¬ 
lauf derOkzidemalen Ideologie gegen die 
künftigen „Feinde des Menschenge¬ 
schlechts” (Enzensberger) am meisten 
Sinn: „Der Golfkrieg kann vielleicht als 
erstes Anzeichen dessen begriffen wer¬ 
den, daß uns diese Außenseiter nun in 
gewissem Sinne zu belagern beginnen 
(H.M. Enzensberger: Grave New World, 
in: Marxism Today 12/91) Die Attacken 
gegen die Friedensbewegung und ihren 
oftmals hilflosen Pazifismus wollten dies¬ 
mal noch nicht eine direkte deutsche 
militärische Beteiligung erreichen, sic 
beschränkten sich auf das Erreichen einer 
Hegemoniefahigkeit von Militarismus und 


Kriegsgeschrei in der (ver)öffentl ich(t)en 
Meinung: „ Und diesmal stehen die Deut¬ 
schen auf der richtigen Seite, dürfen aber 
nicht richtig mitmachen, weil sie ja noch 
eine alte Schuld haben. Daraus konsti¬ 
tuieren die Medien einen herzzreißenden 
Widerspruch, Israel schützen zu wollen, 
aber nicht zu dürfen. Dabei geht es am 
allerwenigsten um Israel, sondern um die 
Rolle der BRD als Großmacht , die end¬ 
lich international militärisch eingreifen 
können will. Diese Mobilmachung muß 
zwangsläufig eine Voraussetzung erßl- 
len: sie muß sich der deutschen Geschich¬ 
te entledigen, und aller Konsequenzen, 
die daraus hätten gezogen werden müs¬ 
sen ." (Auschwitz-Komitee: Offener Brief, 
in: Radikale Linke-Rundbrief 2/91). 

Im übrigen stimmt es einfach nicht, daß 
Deutschland keine „Kriegspartei“ an der 
Seite der Alliierten gewesen ist. Im Golf¬ 
krieg war die Bundesrepublik die wich¬ 
tigste logistische Basis für die US-Army. 
Ein Blick auf die Leitartikel und Kom¬ 
mentare eine Woche nach Kriegsbeginn 
belehrt zudem schnell eines Besseren. Im 
übrigen dankte Anfang Juni 1991 in Er¬ 
langen der US-Vizepräsident Dan Quayie 
der Bundesregierung und der deutschen 
Bevölkerung für ihre Unterstützung im 
Golfkrieg. Es ist zwar richtig, daß die 
Bundesregierung die USA nicht drängte, 
diesen Krieg zu beginnen und es soll auch 
gar nicht in Abrede gestellt werden, daß 
die herrschenden Klassen der Bundes¬ 
republik während des Krieges eigene Ziele 
verfolgten, doch läßt sich daraus noch 
lange kein „Abschied vom Westen " (Dan 
Diner) konstruieren, denn trotz der wider¬ 
sprüchlichen „Nah Ost“-Interessen 
zwischen den imperialistischen Zentren 
(EG, USA und Japan) kann nach wie vor 
ein ideelles imperialistisches Gesamt- 
intcrcsse (Fiilbcrth) dieser Länder zu¬ 


grunde gelegt werden: „Es gibt keinen 
Krieg nach demZweiten Weltkrieg, der so 
übereinstimmend von Europa und den 
USA gemeinsam vorbereitet und\ 
durchgeführt wurde und wird wie dieser 
Krieg der Ersten Welt gegen den Rest der 
Welt . Es gibt keinen Krieg seit 1945 , der 
so de utlich und offen zeigt , wie nahtlos die 
Herrschafts inte ressen Europas und der 
USA (und Japans, d.V.), der ersten Welt 
also , ineinander verschmelzen, wenn es 
darum geht, die Verhältnisse gerade in 
der arabischen Region nach ihren 
Interessen neu zuzurichten”. (LUPUS- 
Gruppe: Aufbauen, abbauen, aufbauen, 
abbauneo..., in: Diskus 1/91) Allerdings 
müßten hier nunmehr aktuelle 1 
Imperialismus-Analysen mit stärker 
differenzierten Zwischenebenenansetzen, 
die endlich davon abkämerf, sich 
ausschließlich am Feindbild des Super¬ 
imperialisten USA zu orientieren (vgl. 
Roth) und die seine schärfsten Handels¬ 
rivalen Europa und Japan mehr ins Blick¬ 
feld nehmen würden. Ansätze hierfür lie¬ 
ferten inzwischen C. Kind (Der banale 
Krieg, in: Diskus 1/91), der in Anlehnung 
an Noam Chomskys Vorstellung vom 
„Rent-a-cop“-Modell (Chomsky, Beinin 
u.a.: Die neue Weltordnung und der Golf¬ 
krieg, Grafenau 1992) die USA eher als 
>, Schrittmacher des europäischen Willens 
gebraucht ” sieht. Die Bereitschaft, Krieg 
zu fuhren, ist demzufolge nicht haupt¬ 
sächlich in den besonderen ökonomischen 
Interessen der USA zu suchen, sondern 
liegt eher im europäischen Stabilitätskal¬ 
kül in der Golfregion begründet. Gemäß 
dieser Sichtweise wurde der Krieg von 
den USA in der „Hoffnung auf Zuge^ 
sländnisse“ seitens Europas und Japans 
betrieben. 

Es sei an dieser Stelle nochmal betont, 
daß auch die Denkfaulheit der IJnken und 


Thom.i> \Y;k h\U'ju*i 




allzu platter Antiimpcrialismuses dem 
iegstreiberdiskurs sehr einfach mach- 
hegemonial zu werden. (...) 
ln die Nähe von politischem Aberglau¬ 
ben geraten aber die aus einem Negativen 
ationalismus gespeisten anhaltenden 
ersuche, die Gefährlichkeit des Neuen 
eutschlands aus seiner Nichttcilnahme 
am Golfkrieg ablcitcn zu wollen. Es war 
^cUcicht der einzige Erfolg der Anti- 
'^egsbewegung, diesmal eine direkte 
militärische Beteiligung noch verhindert 
Zu haben. Nichtsoder „Atlantikcr“ Diner, 
Cln Verfechter der These vorn „Sonder- 
^cg tierpolitischen KulturdcrDeutschen 
°dcr der „unbelehrbare“ Grcmliza: Beide 
p C1 gcn sich zwar von der anhaltenden 
erdhrlichkeitcincs deutschen Militaris¬ 
mus überzeugt, doch crschcintihncn para- 
oxerwcisc das Bestreben, die Fesseln 
Cr noch beschränkten bundesdeutschen 
mi liUirischcn Souveränität abzulegcn, 
* eniger bekämpfenswert. Eher im Gegen- 
lc il. Sic fordern ausdrücklich bis implizit 
Clnc ^tive Mitwirkung der Bundeswehr 
ün Kriegshandlungcn wie jenen am Golf. 

lncr ’ au f dem Sprung vom Staatsphilo- 
^oph zum Staatsrath: „ Eher ist zu be¬ 
fischten, daß durch fortgesetzte Distan- 
ZlcrUn gen vom Westen und Absagen an 
Cln rni jdi national es Vorgehen bei etwai¬ 
gen Konflikten ein Weg eingeschlagen 
U cr ^cn könnte, dernolcnsvolenszu eigen¬ 
händigem politischen Handeln führt. 

nradox gen ug, aber derartige A bst ine n- 
zcn dürften in ferner Zukunft in eine hege- 
fn °nialeRolle Deutschlands münden, die 
W °hl nicht willentlich angestrebt wird, 
sich aber gleichsam hinterrücks ergeben 
’ännte. " (D. Diner: Der Krieg der Erin¬ 
nerungen...) 

Eine Position aus dem Umfeld der 
reiburger ISF (Initiative Sozialistisches 
0r um), wie die von M. Dahlmann zeigt, 
Zu welch abenteuerlichen Schlüssen 
Cr artigc Vorstellungen führen können: 
»Je wen iger S chüsse Deutsche im B ündnis 
nut der USA abgeben, um so leichter wird 
es den am deutschen Modell einer 



nachholenden kapitalistischen Entwick¬ 
lung orientierten staatskapitalistischen 
Staaten der Dritten Welt fallen, sich mit 
Deutschland gegen den Imperialismus 
Amerikas zu verbünden.“ (M. Dahlmann: 
Der Frieden des Kapitals, in: Kritik & 
Krise 4/5-91) Na denn, vorwärts und alles 
vergessen! 

Ausgangspunkt dieser Argumentation 
ist das Intcrpretamcnt vom „Sonderweg“ 
der Deutschen. R. J. Evans beschreibt die 
Sonderwegkonstruktion und ihre Verwen¬ 
dung in der Bundesrepublik einerseits als 
Ausdruck eines kritischeren Blicks auf 
die deutsche Geschichte, andererseits, 
auch wenn in ihr einige marxistische 
Versatzstücke enthalten sind, als Versuch 
der historischen Legitim ierung der liberal- 
kapitalistischen, sozialen und politischen 
Ordnung der 60er und 70er Jahre durch 
sozial-liberale Historiker. So „spaltete 
diese Sichtweise die deutsche Vergangen¬ 
heit von der westdeutschen Gegenwart 
ab. Die Katastrophe von 1933 wurde nicht 
dem Kapitalismus zugeschrieben, sondern 
dem Fortleben feudaler oder präkapita¬ 
listischer Eliten. Wenn Industrielle Hitler 
unterstützen, dann nicht als (kapitali¬ 
stische) Industrielle, sondern da sie (als 
Bürgertum) »feudal isiert« waren. In die¬ 
ser Sichtweise halte der Nazismus Erfolg, 
weil der Kapitalismus in Deutschland sich 
nicht in der Lage zeigte, seine »norma¬ 
len« Be gleitumstände in Form eines libe¬ 
ralen und parlamentarischen demokra¬ 
tischen Systems zu erzeugen " (Richard J. 
Evans: Rethinking German History. Nine- 
tccnth-Century Gcrmany and the Origins 
oftheThirdReich,London 1987). Inder 
diesbezüglichen Debatte der Geschichts¬ 
wissenschaften geht es hauptsächlich um 
die Frage, warum gerade der deutsche 
Nationalstaat Auschwitz hervorgebracht 
hatte. In der Linken wurde dieses 
Intcrpretament für die Auseinander¬ 
setzung um den Anschluß der DDR und 
die Haltung „der“ Deutschen zum Golf¬ 
krieg aktualisiert und fortgeschrieben, um 
vor allem die Westintegration „als alter¬ 
nativlose Konsequenz und als gelungene 
Bewältigung der deutschen Geschichte zu 
stilisieren undeinerückhaltlose Bejahung 
dessen zufordern, wassichrealgeschicht- 
lich durchgesetzt hat“ (King/Görg/Schar- 
ping: Deutschland verstehen?, in: links 9/ 
91). Zugleich soll diese Behauptung die 
„Nic-wieder-Deutschland“-Orientierung 
und die damit verbundene „dümmliche 
Parole vom 4.Rcich“ (Redaktion Diskus: 
Vorwort zu „Küss den Boden der Freiheit, 
Edition ID-Archiv, Berlin 1992)'eines 
Teils der Radikalen Linken theoretisch 
absichcm. Mag letzteres in der tages¬ 
politischen Auseinandersetzung gegen 
deutschen Nationalismusunddie„Wieder- 
vereinigung‘ < eine zulässige Verkürzung 
sein, so taugt „diese moralisierende Sicht 


37 

auf die realen gesellschaftlichen Verände¬ 
rungen“ als analytische Kategorie zur 
Beurteilung der Antikriegsbewegung 
nicht. Zur Kritik der4.Reich-Parole äußer¬ 
te sich auch die autonome LUPUS - 
Gruppe, der wiederum TolmeinyZum 
Winkel Vorhalten, daß sie sich dem 
deutschen Nationalismus im Gefolge der 
„Wiedervereinigung“ nicht auseinander- 
setzen wollen. Die Tatsache, daß „Anti¬ 
semitismus und Rassenhygiene, politische 
Polizei und Armee (...) hier schrecklichere 
Wirkungen gezeitigt “ haben, als in »jeder 
kapitalistischen Gesellschaft« “ (Tolmein/ 
Zum Winkel: Herr P. und die Bombe. 
Vom Krieg der Polemiker, Hamburg 1991) 
soll dabei gar nicht in Abrede gestellt 
werden. Doch ist es eben fraglich, ob in 
der Analyse der gegenwärtigen Verhält¬ 
nisse der historische Bezug auf das 
„3.Reich“ und der „Sonderweg der 
Deutschen“ für eine Erklärung hinreichend 
ist. Die „Nie-wieder-Deutsch!and“-Orien- 
tierung istnämlich eine verkürzende Fixie¬ 
rung auf einen imaginären Gegner, der so 
konstruiert gar nicht das vorrangige Pro¬ 
blem darstellt. Ein Teil der Radikalen 
Linken bestimmt somit ihre politische 
Analyse über ein nationales deutsches 
Kapital, das in dieser Form längst nicht 
mehr existiert. Die ISF (Freiburg) geht 
demgegenüber aufgrund einer fehlenden 
deutschen bürgerlichen Revolution von 
einem schwachen Bürgertum aus und 
bezieht sich eher auf die daraus resultie¬ 
renden angeblich gefährlichen Formen 
deutscher Staatlichkeit. In der britischen 
neomarxistischen Geschichtsschreibung 
ist es schon seit längerem umstritten, eine 
„normale“ britische oder französische Ent¬ 
wicklung zur bürgerlichen Gesellschaft 
zu konstruieren und davon dann einen 
deutschen „Sonderweg“ ableiten zu wol¬ 
len. Blackboum/Eley (The Peculiarities 
of German History, Oxford 1984) bestehen 
darauf, daß die „Sonderweg-These von 
der falschen Vorstellung einer „Natur“ 
bürgerlicher Revolutionen ausgeht. 

Die Nachkriegsordnung in Europa war 
und ist bestimmt von der „Pax Ameri- 
cana“. Die Verflechtungen des Kapitals 
sind inzwischen weitgehend internatio¬ 
nal, weshalb es überaus problematisch ist, 
es nur unter nationalen Gesichtspunkten 
betrachten zu wollen. Daher geht es heute 
in der Bundesrepublik weniger um ein 
,,4.Reich“, sondern eher um „ein neues 
europäisches Imperium “ (Spezial-Redak¬ 
tion: Viertes Reich oder Neues Imperium, 
in: Spezial 81/1991) unter bundes¬ 
deutscher Führung. Der EG-Gipfel in 
Maastricht hat gezeigt, und die Zukunft 
wird es weiter weisen, daß ein Vereintes 
Europa hauptsächlich ein bundesdeutsches 
Projekt ist. Noch existente Dominanzan¬ 
sprüche eines deutschen Militarismus 
werden versuchen, sich auf diesem Wege 







einzulösen. Deswegen liegt es näher, 
davon auszugehen, daß dieser Anspruch 
überden Umweg der Einbindung in west¬ 
europäische, US- oder UNO-geführle 
militärische „Kooperationen“ durchge¬ 
setzt werden könnte. Hierzu diente auch 
der (gescheiterte) Versuch bestimmter 
Fraktionen indcnRegierungspartcicn, sich 
im Golfkrieg erstmals als militärischer 
Faktor im imperialistischen Machtgefüge 
anzudienen. Insbesondere Israel und die 
„Historische Verantwortung“ gerieten 
dabei zum „innenpolitisch und außenpo¬ 
litisch ersetzbaren Joker im deutschen 
Spiel um die Weltmachtrollc“ (Tolmein: 
Überwältigte Vergangenheit, in: Konkret 
3/91). Folglich ist alles zu tun, um den 
herrschenden Klassen in der Bundesrepu¬ 
blik jegliches militärisches Agieren zu¬ 
künftig strukturell zu verunmöglichen. 

Unabhängig davon sicht eine national- 
traditionelle Mittelcuropastratcgic der 
Bundesrepublik, also ein Imperialismus 
auf eigene Faust, nicht auf der Tagesord¬ 
nung. Die Bundesrepublik ist nämlich 
allein auch nicht in der Lage, die poli¬ 
tischen und sozialen Konsequenzen der 
kapitalistischen Durchdringung Osteuro¬ 
pas ohne Partner zu bewältigen. Die Ge¬ 
fährdung der gesamten Reproduktion der 
Hcgcmonialstruktur-Japan, ÜS A, Euro¬ 
pa und insbesondere der BRD (vor dem 
Hintergrund drohender ökonomischer 
Zusammenbrüche eines der kapitali¬ 
stischen Zentren oder des Alleingangs 
eines derselben) - beschränkt derzeit die 
Handlungsfähigkeit eines auf die Inte¬ 
gration in die WEU oder in die NATO 
verzichtenden deutschen Militarismus 
(Fanizahdch/Lcpper: Zwei Atlantikcr. 
Brumliks und Diners neueste Wcltweis- 
heiten, in: Diskus 41,1/92). Wenn dem 
so ist, dann ist das Starren auf das 
angeblich drohende ,,4.Reich“ völlig 
daneben und die Forderung nach mili¬ 
tärischer Einbindung dysfunktional, da 
es der eigentlich Einhalt zu gebietenden 
Entwicklung Vorschub leistet. (Hervor¬ 
hebung, SF-Red.) Im übrigen sollte noch 
ein Blick auf die Erscheinungsform des 
gegenwärtig hegemonialcn deutschen 
Nationalismus geworfen werden, da die 
internationalen Verflechtungen zugleich 
veränderte Ausgangsbedingungen für 
nationalstaatlichcs Handeln auch in der 

Bundesrepublik bedingen. 

Unsere Problcmatisierung des Nega¬ 
tiven National ismus bedeutet keineswegs 
die Apologie von „nationaler Identität“, 
sondern weist darauf hin, daß die anti¬ 
deutsche Weltanschauung (die moralisch 
verdienstvoll sein mag) die gesellschaft¬ 
liche und politische Wirklichkeit in der 
Bundesrepublik nur mehr unzureichend 
kritisiert und zu falschen Schlüssen führt: 
Es „hilft auch nichts, das ganze deutsche 
Volk als dumm und stumpfsinnig darzu¬ 


stellen. Das ist provozierend und für den 
politischen Kampf untauglich. Sich zu 
schämen, Deutscher zu sein, kann ich 
gefiihlsmäßig nachvollziehen, aber es ist 
kein politischer Standpunkt” (M. Postone: 
Die deutsche Linke muß anerkennen, 
nunmehr Opposition in einer Großmacht 
zu sein, in: ak 22/92). Unseres Erachtens 
führt der verengende Blick auf historisch 
klassisch-faschistische Strömungen weg 
von einer realistischen Einschätzung der 
jetzigen Situation. Die Bundesrepublik 
ist - trotz zahlreicher Kontinuitäten und 
nach allem was sich derzeit abschätzen 
läßt- nicht faschistisch und auch nicht auf 
dem Weg dorthin. Zum Ausbau und zur 
Legitim icrung des gegenwärtigen Repres¬ 
sionsapparates bedarf es dessen nicht. (...) 

Selbst die nationalistische Homogeni¬ 
sierung „Wir sind ein Volk“ stößt in der 
alten Bundesrepublik - da sie an den 
Geldbeutel geht - auf wenig Gegenliebe. 
Der DM-Nationalismus kann als Massen¬ 
bewegung für Menschen ohne bundes¬ 
deutschen Paß oder anderer Hautfarbe 
nach wie vor überaus lebensbedrohliche 
Ausmaße annchmen und ist deshalb mit 
allen Anstrengungen zu bekämpfen. Er ist 
aber trotz allem im Vergleich zu früheren 
deutschen Nationalismen eine relativ 
„domestizierte“ Version. (...) Die Ver¬ 
wendungsmöglichkeiten der „Sonder¬ 
weg“-These in diesem Zusammenhang 
sind vielfältig. Die „Nie-wicder-Deutsch- 
land“-Strömung in der Radikalen Linken 
zielt vor allem drauf ab, den deutschen 
Imperialismus gegenüberdem US-ameri¬ 
kanischen zu schwächen. Dagegen wäre 
im Grunde nichts einzuwenden, wenn am 
Ende nur die Festschrcibung der imperia¬ 
listischen Führungsrolle der US A stünde. 
Doch dieses Zusammenspiel von nega¬ 
tivem Nationalismus und Okzidcntalcr 
Ideologie bedingt die Apologie des 
Imperialismus. „... Zu zeigen ist nur, daß 
es aufgrund der inneren Struktur vor allem 
im Verhältnis von Staat und Gesellschaft, 
besonders in den arabischen Staaten, den 
meisten europäischen (v.a. im Osten), und 
vielen anderen, Homologien gibt, die aus 
sich selbst heraus zu einer Vereinheit¬ 
lichung, unter welchen Vorzeichen auch 
immer, drängen. So viel kann zur Er¬ 
scheinungsform dieser Vereinheitlichung 
aber schon jetzt gesagt werden: sie wird 
eine eindeutige Abgrenzung vom liberal¬ 
kapitalistischen Modell vor allem der U SA 
beinhalten. Und daß Deutschland unter 
diesen Staaten eine hervorragende Rolle 
spielen wird , dürfte sich von selbst verste- 
hen“ (M. Dahlmann: Der Frieden des 
Kapitals. Zur Logik des deutschen 
Moral ismus, in: Kritik & Krise4/5-1991). 
Derart gefaßt wandelt sich der 
Imperialismus zum „supranationalen“ 
oder gar „universalistischen“ quasi 
cmanzipatorischen Mcnschheiisprojckt. 


Mit der „Sonderweg“~These laßt sich jede 
oppositionelle Position gegenüber dem 
Imperialismus als nationalistisch 
denunzieren. Unter dem Vorwand des 
notwendigen Abgleitens von 
internationalistischer Politik ins nationa¬ 
listische Fahrwasser soll nun jede poli¬ 
tische Praxis, die nicht mir den deutschen 
Imperialismus, sondern auch andere 
Erscheinungsweisen dieser Herrschafts¬ 
form kritisiert und bekämpft» für obsolet 
erklärt werden. 

Darum nimmt diese Form der antina¬ 
tionalen Orientierung, die „nur die affek¬ 
tive Gegenseite des herrschenden Natio¬ 
nalismus darstellt " (Red. Diskus) para¬ 
doxerweise eine zutiefst nationalistische 
Wendung vor. Zum einen als Negativer 
Nationalismus, zum anderen, weil das 
hierüber begründete Tabu» imperiali¬ 
stische Politik zu kritisieren (daantiameri¬ 
kanisch), eine indirekte Stärkung von 
jeglichem Imperialismus bedingt. Da diese 
Herrschaftsform jedoch eine strukturelle 
Voraussetzung der gegenwärtigen 
Bundesrepublik ist» legitimiert diese 
Argumentationsfigur implizit auch die 
weitere Steigerung ihres gesamtgesell¬ 
schaftlichen Reichtums auf Kosten des 
Trikonts und trägt somit (ungewollt?) zu 
dem Projekt des gegenwärtige» und kün f- 
tigen deutschen Imperialismus sein 
Scherflein bei. Da über die Einbindung 
des deutschen Militarismus in eine euro¬ 
päische Militärmacht der Instrumenta¬ 
lisierung derselben für deutsche Kapital¬ 
interessen das Wort geredet wird bzw. 
diese der weiteren Stärkung eines 
deutschen Imperialismus unter euro¬ 
päischer Flagge dienen wird, kann der¬ 
gleichen wohl nicht der Weisheit letzter 
Schluß sein. 

Etwas absurd mutet es darüber hinaus 
an, wenn Leute wie Gremliza (Streitge¬ 
spräch, „Bankrott der Linken?*, in: Kon¬ 
kret 5/91) und Diner (Wiederaufnahme 
der Kontinuitätsfäden nationaler Ge¬ 
schichte, in: Der Krieg der Erinnerungen 
und die Ordnung der Welt, Berlin 1991) 
im Ernst meinen, sie müßten die 
mangelnde Bereitschaft von Teilen der 
Bevölkerung, an diesem Krieg aktiv teil¬ 
zunehmen oder Partei für die USA zu 
ergreifen, unter Bezup ahmeauf die histo- 
rische Anii-Hitier-Koalition zum Haupt¬ 
problem der deutschen Misere erheben. 
Die Frage, warum denn schließlich groß- 
deutscher Nationalismus und Chauvinis¬ 
mus ausgerechnet bei denjenigen zu ver- 
orten sei, die sich auch nach dem Zusam¬ 
menbruch der Friedensbewegung immer 
noch als Kriegsgegner verstanden, blieb 
dann auch unbeantwortet. Es gehört zu 
den wenigen - von der Linken miter¬ 
kämpften - positiven Errungenschaften 
der B undesrepublik, daß immerhin einige 
Menschen ihre historischen Kriegser- 








'■ 

iH li 


... JiSi 


Strafe an der nationalen Identität ist nur 
für denjenigen eine , bei dem sie hin¬ 
reichend starkausgeprägt ist ." (W. Reese- 
Schäfer: Universalismus, negaLiver Natio¬ 
nalismus und die neue Einheit der 
Deutschen, Frankfurt 1991) 

Wer jegliche „politische Kultur“ in der 
Bundesrepublik nur in der nazi-faschi¬ 
stischen Kontinuität sehen will, (begeht) 
zwei gravierende Fehler: Da der Nach¬ 
weis, daß die Entwicklung der Bundes¬ 
republik einen anderen Verlauf genom¬ 
men hat, als in der Kontinuitätsthese 
nahegelegt, nach 1968 relativ einfach zu 
erbringen ist, bagatellisert diese These 
zum einen die Nazi verbrechen, zum ande¬ 
ren verharmlost und entschuldigt sie die 


Nahrungen bei Bedarf gegen neue Kriege 
massenhaft reaktivieren können. Wenn 
sie für Krieg nicht noch einmal zur Ver¬ 
fügung stehen bzw. derlei nicht mehr er¬ 
leben wollen, läßt sich daraus nicht der 
Schluß ziehen, darin zeige sich die Affir¬ 
mation der Verhältnisse, die diese Erfah¬ 
rungen verschuldet hauen. 

Kcllcrshohn hat inzwischen das La¬ 
vieren Grcmlizas zwischen den beiden 
Behauptungen (National ismus bei Kricgs- 
bctciligung und ebenso bei Weigerung) 
anschaulich vorgeführt: „Was eben 
»deutsch«und »antideutsch« ist,bestimmt 
prcmliza selbst, nach Lust und Laune und 
je nach Lage der Dinge“ (H.Kellershohn, 
»»Brieden oder Reuet Israel? Die linken 


Kritiker der Friedensbewegung unu un 
Beitrag zur neuen deutschen Normalität, 
in: DISS-TexteNr.24, Duisburg 1992). 

Daran anzuschließen ist die Kritik ei¬ 
nes verdeckten, eben Negativen Nationa¬ 
lismus, der überhauptnur dann Sinn macht, 

-wenn man intellektuell me geßhsmäßig 
eine einheitliche und kontinuierliche 
Tradition der Deutschen animmL Ohne 
den Appell an ein solches « deutsches» 
National geßhl macht diese Erwartmg 
keinen Sinn.GeradeumderSchuldwillen 
wird auch die gefühlsmäßige (natürlich 




TiSfei 















elenden gegenwärtigen Verhältnisse. Sie 
nimmt sich selbst tendenziell die Mög¬ 
lichkeit, die bisweilen ungeheuerlichen 
aktuellen Erscheinungen grundlegend zu 
kritisieren, .da es immer schon etwas 
Schlimmeres gegeben hat. Vor Auschwitz 
verblaßt jegliches vorstellbare Ver¬ 
brechen, und vor dem Hintergrund der 
gegenwärtigen gesellschaftlichen Ver¬ 
hältnisse, erscheinen - wenn ständig der 
historische Nazimaßstab als Meßlatte 
genommen wird - die derzeitigen ganz 
»normalen« Formen von Repression und 
struktureller Gewaltais vemachlässigbar. 
Die Auswirkungen des DM-Nationalis- 
mus und Wohlstandschauvinismus sind 
schon schlimm genug. Wer sie perma¬ 
nent mit dem Nazi-Faschismus in Bezie¬ 
hung setzt, schlägt sich die Waffe der 
Kritik selbst aus der Hand. 

Alles sei komplizierter geworden und 
nichts gelte mehr, behaupten die Apolo¬ 
geten der „neuen“ Weltordnung allent¬ 
halben. Nur hierzulande soll alles beim 
alten geblieben sein? Galten seither Mili¬ 
tarismus und Kriegsgeilheit (zurecht) als 
»deutsche« Tugenden, werden nun Ver¬ 
schiebungen hin zu pazifistischen Orien¬ 
tierungen (in einem kleineren Teil der 
bundesdeutschen Öffentlichkeit) wie¬ 
derum nur vor dem Hintergrund eines 


altbackenen nationalistischen Interpreta¬ 
tionsmusters denunziert: 

"Wo wurden in Deutschland schon die 
Opfer des Bombenkriegs betrauert, ohne 
dabei Gefahr zu laufen, des Revanchis¬ 
mus bezichtigt zu werden? Wo eröjfnete 
sich eine gerechtfertigte Chance, der 
Flucht undVertreibung zu gedenken, ohne 
sich in die Nachbarschaft dubioser Ver¬ 
triebe nenverbände zu begeben? (...) In 
der Situation einer fixierten Distanz zu 
sich selbst mutierte der Irak Saddam 
Husseins zu einem imaginären Objekt, 
das die umwegige Annäherung an eigene 
Opferschaft gestattete . Umso reibungs¬ 
loser konnte die Identifikation mit dem 
Opfer, das in Wahrheit Aggressor war, 
inszeniert werden, als sie die Abgrenzung 
gegenüber Gewalten beinhaltete, die 
schon einmal gegen Deutschland stan¬ 
den: gegen eine westlich geführte Welt¬ 
koalition ." (D. Diner, Der Krieg der 
Erinnerungen und die Ordnung der Welt, 
Berlin 1991) Klar liegt es auf der Hand: 
die Schüler bei den Antikriegsdemon¬ 
strationen, die meist nicht einmal wissen, 
wo Dresden liegt, haben dabei an nichts 
anderes als an die Revanche gegen die 
einstmalig alliierten Bombardements ge¬ 
dacht. 

In dieser Lesart gerät die zunächst 


mehrheitlich abwartende und in geringe¬ 
rem Maße auch ablehnende Reaktion auf 
den Beginn des Krieges in der Buntles- 
republ ik zu einem gesamtdeutschen natio¬ 
nalistischen Reflex, bei dem es aufgrund 
eines ominösen kollektiven Bewußtseins 
zu einer großen Koalition gegen den Rest 
des Westens gekommen sein soll (...). 

Die in der Kontinuitätsthese umstands¬ 
los allen politischen Fraktionen unterstell¬ 
ten Ressentiments dürften auf nicht wen ige 
deutschnationale und insbesondere neo¬ 
nazistische Motive zutreffen. Darüber 
hinaus wollen Diner und die ISF aber die 
hiesige linke antiimperialistische Kritik 
ebenso als Folge deutscher Kontinuität 
vorführen und diskreditieren. Nun verhält 
es sich tatsächlich so, daß angesichts 
ihres derzeitigen Zustandes auch inner¬ 
halb der Linken sich immer eine Grup¬ 
pierung findet, auf die eine solche Be¬ 
schreibung annähernd passen wird. Dies 
läßt sich kaum in Abrede stellen, ist aber 
gar nicht das eigentliche Problem für den 
Kriegstreiberdiskurs. Letztlich gilt es nur 
zu beweisen, daß jeglicher Antiimperia¬ 
lismus genetisch faschistische Züge ! in 
sich trägt. (...) 

Der Versuch, die Motive für die Kriegs¬ 
kritik über die Kontinnitilsthese zu 
desaouvteren, muß daran scheitern, daß 
die Gründe für eine Kriegsgegnerschaft 
keine deutschen, sondern generelle sind. 
(Vgl. die zumeist deckungsgleiche Argu¬ 
mentation der Kriegsgegner in den USA 
und anderswo). Diese Konstruktion ist 
nur der Versuch, jegliche Kritik am west¬ 
lichen Kolonialismus und Imperialismus 
unter Anrufung einer angeblichen „ poli¬ 
tischen Kultur des Sonderwegs** auf die 
abschüssige Bahn des deutschen Natio¬ 
nalismus umzuleiten. Von dort ist cs 
bekanntlich nicht weit bis tum Nazi- 
Faschismus, der Auschwitz hervorge¬ 
bracht hat. Angesichts der Giftgaslic- 
ferungen deutscher Kapitalisten und die 
Hinnahme des europäischen Judenmor¬ 
des im Nazi-Deutschland ist die Anti¬ 
kriegsbewegung dann dort, wo sie wie¬ 
derum hinassoziiert werden soll. Das läuft, 
wie noch zu zeigen ist, auf eine Variante 
der Behauptung hinaus, daßdie Nazis am 
Ende gar keine Nationalisten, sondern in 
erster Linie Sozialisten gewesen seien. 

Somit dient ein solches Verfahren auch 
als Legitimation für die Geschichtsrevi¬ 
sion einstmaliger Linker. Da es dabei auch 
nicht so sehr um den Golfkrieg geht, 
sondern um den Ausstieg aus der eigenen 
Geschichte, geraten immer wieder die 
Friedensbewegung und die Linke ins 
Visier. Diner führt weit ausholend vor, 
daß auch die Nazi-Ideologie und ihr 
westliches Ressentiment sowie der Anti¬ 
semitismus antikapitalistische Elemente 
in sich tragen: „Vor allem der pseudo¬ 
materialistische Gestus , mit dem die Offen - 






Alte SF-Nummern 


^gung schnöder Interessen als des eigent¬ 
lichen Kriegsgrunds ein gefordert wird, 
s °ll das komplexe Gemenge aus politischer 
Moral, juristischen Prinzipien und regio- 
nQ lem Stabilitätsinteresse als bloße Öko¬ 
nomie denunzieren. (Also) jener ökono¬ 
misch verkürzt daher kommende Interes- 
scnsbegriff, der eine komplexe Realität in 
an tiscmitsch anmutenden kommerziellen 
Kategorien von Soll und Haben zu fassen 
SUc ht (...) (D. Diner: Den Westen ver¬ 
gehen. DcrGolfkricg als deutsches Lchr- 
i sl ück, in: Kursbuch 104/91). Bereits 1987 
i begann Diner diesen Gedanken zu 
I [annulieren: „Ich wage deshalb in diesem 
! Zusammenhang die noch unbelcgle 7 hese, 

I daß die Ablehnung des Handels, ja 
I geradezu das Ressentiment gegen den 
Handel, das in der europäischen 
Zivilisation so tief verwurzelt ist, eine 
säkularisierte Form des Judenhasses ist. 
Dieses Phänomen findet sich zum Bei¬ 
spiel in einer Zivilisation wie der des 
} slam nicht" (D. Diner: Linke und 
Antisemitismus, in: Schncidcr/Simon: 

| Solidarität und deutsche Geschichte—Die 

Linke zwischen Antisemitismus und 
j Lsraclkritik, Berlin 1987). Die Tatsache, 

■ daß sich der Nazi-Faschismus und der 
moderne Antisemitismus antikapita- 
dstischcr Versatzstücke in ihren Ideolo¬ 
gen bedienen, benutzt er dazu, auch den 
Umkehrschluß nahczulcgcn. Da die USA 
dicExckutorcn des kapitalistischen Eigcn- 
mmsprinzips sind, geht cs nur noch da- 
rum > jeglichen Anti Imperialismus (und 
damit auch jeden Antikapitalismus) im 
^ u gc des Golfkrieges als Ausdruck von 
antisemitischen Verschiebungen zu kon¬ 
struieren. [Es wäre ein einfaches Diners 
j Okzidcntalc Ideologie quasi in Anleh- 
i nun g an Balibar, im Gegenzug als Aus¬ 
druck eines »differentialistischenRassis- 
mus« und damit »verallgemeinernden 

Antisemitismus« vorzuführen. Antisemi¬ 
tismus istaber das schlimmste, was einem 
nach Auschwitz vorgeworfen werden 
kann. Die notwendige Erinnerung an 
Auschwitz in einer solchen Form ständig 
x u instrumentalisieren, und damit auch zu 
hagatclliscrcn, ist schlichtweg widerlich.1 


Und schon ist der Ausstieg aus der eige¬ 
nen linken Geschichte vollzogen Pohrt 

zeigt, wohin die Reise gehen soll. „Je 
weiter links einer stand, desto engagier¬ 
ter Nazi ist er nun, alle politischen 
Gliederungen sind erhallen ge ie en, 
haben das Vorzeichen £ ewechs j m ™ 
braucht keine Phantasie mehr, um sich 
die Antiimpis oder die Autonomen als 

Volkssturmabteilungen der llu "fffolf 

oder als Verbände der Aktion Werwolf 

meinen Ohren, in: Konkret 3/91) 

Bc Gremta, Pohr.. 1SF/Bmh„ und 

JwciscuuchbciTclmcin/ZumW^nM 
(die sich allerdings energisch von Pohrt 
abgrenzen; Tolmcin ist zudem aufgrun 
der Prokricgshaltung Gremlizasi aus; er 
Konkrct-Rcdaklion, wenn auch nicht au 
dcT Mitarbeiterschaft, ausgestiegen.) 
drängt sich nebenbei der Verdacht auf, 
daß cs ihnen nicht nur um die inhaltliche 
Richtigkeit von Argumenten, sondern 
vielmehr um die vermeintliche Ongma ^ 
einer pscudoradikalcn Postuon geht. Sic 

hatten es während des Golfkncgcs^ab 

nur nicht richtig m.tgckncgt, daß bere 

ein Stimmungsumschwung eingeLrctc 

war und sie nun in cmvemchmlic 

— 

scher PcfnHchkcitcn auf den verbliebenen 
Rest der Anükricgsbcwcgung cindro- 


lCn vom Autonomen Zentrum ivi 

ind der Fachschaftsrätc-Vollversammlung 

ler Emst-Bloch-Univcrsitat Tu bmgcn 

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Soren erhältlich: Gegen Vorrnrtore 

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mern 0 bis 12 sei an dieser Stelle erinnert. Sie 
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Nur noch wenige Exemplare gibt es hingegen 
von 16,19,20,21 +derSondemummer Arbeit: 

- Nr.l 6 u.a. Venedig-Kongreß 

- Nr 19 u.a. Murray Bookchin: Libertärer 
Kommunalismus, Ulrich Klan: Frauen in der 

FAUD, 

Nr 20 ua. Clara Thalmann-Interview, 


Nr.21: u.v.a. * Interview mit Clara Thalmann 
(II) * Martha Ackelsberg über Mujeres Libres 
* Antisemitismus in der Linken 
Nr 42 u.a.:EXPO: Wallfahrt zum Fetisch Ware 
von Tommy Hohner * Was hat das multikul¬ 
turelle Konzept mit Verkehrsberuhigung zu 
tun? von LUPUS * Interview mit Jutta Dit- 
furth und M anfred Zieran (ÖkoLi) *Interview 
mit dem schweizer Schriftsteller Otto F. Wal¬ 
ter * Interview mit Jean-Christophe Ammann, 
Museumsdirektor in Frankfurt u.v.a. 

Nr.31: EG-Binnenmarkt: Industrieeuropa von 
Wolfgang Haug* Leiharbeit in der BRD von 
Thomas Schupp* Anarchismus und Intellek¬ 
tuelle von Jörg Auberg u.a. 

Nr.25: u.v.a Libertäre Tage in Frankfurt * 
(Textauszüge * Ralf Reinders über die Bewe¬ 
gung 2. Juni * Klaus B ittermann über Gedenk¬ 
feiern der Linken zum 2. Juni * Neue Männer 
und Arbeit 


Nr.26: u.a. Grüne New Age Politik * Alltag - 
Klasse - Strukturen schaffen * Roselia di Leo 
über Patriarchatskritik * Ynestra King über 
Ökofeminismus * Interview mit Murray 
Bookchin (I) * Geschichte der IWW (1) * 
Zukunft Osteuropas 


Nr.27: u.a. Startbahn-danach * Strobl/Penselin 
* Amnestiedebatte * Detlef Hartmann über 
IWF * Geschichte der IWW * Wolfgang Haug 
über Alltag/Klasse * Interview mit Murray 
Bookchin (II) 


Nr 28: u.a. Panik und Politik (Kedichem- 
Antifa-Aktion) * Luciano Lanza über Utopie 
der Ökonomie * Geschichte der Wobblies, 
Teil II * Holger Jenrich über die Geschichte 
der Zeitschrift Befreiung * Jörg Auberg über 

Medienkritik 


Nr 39 u.a. Multikulturelle Gesellschaft und 
die Frauen * Wesüiche Kultur und multi- 
kulturelle Gesellschaft * Murray Bookchin: 
Verteidigung der Aufklärung * LUPUS: Die 
Maskenbildner des Krieges * Herby Sachs: 
500 Jahre Kolonisation * Pasolini von Maria 
A. Macciochhi 


Nr 40 u a. Auslanderquoüerung? * Bleiberecht 
für* alle Roma von ROM e.V * Pogrome be¬ 
ginnen im Kopf von Wolfgang Haug * Frei¬ 
handelszone in Amerika von Herby Sachs 
Desinformation und der Golfkrieg von Noam 
Chomsky * Artikel zum Ende der Sowjetunion 












Kurz angerissen 

± Flüchtlingsaktionen in Norderstedt 
- Ein Nachtrag 

Auszug aus einem Papier zur Nachbcrci- 
tungsdiskussion (die vollständigen 4 Sei¬ 
ten sind gegen 1,40 (Kopien + Porto) 
beim SF abforderbar): 

»Einige Unterstützerinnen vertreten die 
Position, daß allein die Flüchtlinge Sub¬ 
jekte in diesem Kampf sind. Sic also den 

Kampf inhaltlich und taktisch bestimmen. 

Den Unterstützerinnen kommt nach die¬ 
ser Auffassung lediglich, wie der Name 
schon sagt, eine helfende und unter¬ 
stützende Funktion zu. 

Begründet wird dieses durch den Mctro- 
polcnstatus der Unterstützerinnen, der 
beinhaltet, daß auch mcnsch hier von der 
Ausbeutung des Trikonts profitiert... 
Außerdem scheint uns der Instrumenta¬ 
lisierungsvorwurf wesentlich, der immer 
wieder diffamierend von den Herrschen¬ 
den vorgebracht wurde. Um keinen An¬ 
satz hierfür zu bieten, wurde sich bei der 

Einbringungsclbslbcstimmtcrpolitischer 
Inhalte häufig zurückgchaltcn.... 

Die Nicht-Definition der eigenen Rolle 
wurde vielen erst dann offensichtlich, als 
eine Vergewaltigung in der TU-Berlin 
bekannt wurde, und klar war, daß auch in 
Norderstedt ähnliche Fehler von unter¬ 
stützenden Menschen gemacht wurden. 
Ein ausschließlich untcrstützcndcsSelbst- 
verständnis hat es vielen Frauen und 
Männern nicht möglich gemacht, von 
Beginn an die patriarchalen Strukturen 
unter den Flüchtlingen zu kritisieren, etwa 
die nur von Männern bestimmten Flücht- 
lingsplcncn und der entsprechend zusam - 
mcngcsclztc Sprcchcrral. 

Widersprüche wurden übersehen, sexi¬ 
stische Strukturen somit reproduziert. 
Reproduziertauch in und von den eigenen 
unterstützenden Strukturen, denn Frauen 
haben sich aufgrund dieser nicht thema¬ 
tisierten Widersprüche zurückgezogen. 

it Roma-Familien von der Abschie¬ 
bung nach Makedonien/Jugosfawien 
bedroht 

Die meisten Roma Familien, die in 
Paderborn leben, kommen aus Makedo¬ 
nien. In den Erlassen des Landesinnen¬ 
ministeriums von NRW wird kein Ab- 
schicbcstopp nach Makedonien in Erwä¬ 
gung gezogen. (In Makedonien sei Frie¬ 
den, Roma müßten nicht zum Militär¬ 
dienst...) 

Makedonien ist wie Serbien derzeit nicht 
von der Bundesrepublik als Staat aner¬ 
kannt. Seit es sich aber am Boykott gegen 
Serbien beteiligt, dürfte die Anerkennung 
nur noch eine Frage der Zeit sein. Würden 
die Gerichte jedoch die Unterdrückung 
der Roma anerkennen, könnte die Bun- 



desregierung Makedonien kaum anerken¬ 
nen. Dazu kommt natürlich das Desinte¬ 
resse an hier lebenden Roma. Deshalb 
wird die mangelnde Informationslage 
ausgenutzt. KSZE-Bcrichtc und S tcllung- 
nahmen der EG-Komissionen sind nicht 
frei zugänglich. Untersuchungen über die 
neue makedonische Verfassung, die Par¬ 
teien und neuen Machthaber gibt es noch 
nicht, so entscheiden die Ausländerämter 
derzeit, eine Verfolgung in Makedonien 
gibt es nicht. 

Demgegenüber berichten unterschied¬ 
liche Familien aus Makedonien über 
Gewalt seitens albanischer Nationalisten 
gegen die Roma. Besonders im Grenz¬ 
gebiet zum Khosovo würde auf Vertrei¬ 
bunggesetzt. (Quelle: Füchtlingskomitee 
Paderborn) 

® Polizei 

In Paris wurde Phillipe Bidauit, der Ge¬ 
neralsekretär der .Professionellen Unab¬ 
hängigen Föderation der Polizei, vom 
Dienst suspendiert, nachdem er Polizei¬ 
demonstrationen organisiert hatte. Seine 
Organisation ist bekannt dafür, daß sie 
zahlreiche Querverbindungen mit der 
Nazi-Organisation PNFE (Parti Natio- 
nalistc Fran?ais et Europecn) unterhält. 
(Quelle: @-Infos) 

★ Spanien: 6 Jahre Knast für das 
Verbrennen einer Fahne 
Gcrardo C. Ferrc, ein 27 Jahre alter Anar¬ 
chist und Mitglied der CNT aus Barce¬ 
lona ist in letzter Instanz zu 6 Jahren und 
2 Monaten verurteilt worden, weil er 1983 
eine spanische Flagge verbrannt hat. Die 
CNT fordert eine sofortige Begnadigung! 
(Quelle: Black Cross) 

Post: Gerardo C. Ferrc, C.P. Brains, 
Aptdo. de Correos 500.08760 Martorcll, 
Barcelona, Catalunya. 

Andere anarchistische Gefangene: 

- Pablo Scrrano, in E-Zaragöza (verur¬ 



teilt wg. Mord, eigentlich „abgebüßt“, 
wird aber nicht entlassen). 

- Alberto Gamarra, in E-Burgos (wg. 

Wehrdienstverweigerung) ! 

- Sotiris Deliyannis, in GR-Larrisa (11 

Jahre dafür, daß er einem Zivilpolizisten 
die Knarre abnahm) \ 

-Ojore Lutalo, in US-Trenton, N.J. (40 
Jahre für das Erschießen eines Drogen¬ 
dealers) 

- K. Mazokopos, 17 Jahre (davon 7 
Jahre für Sprengstoffbesitz, 3 Jahre für 
Sprengstofftransport, 3 Jahre für dals 
Verstecken von Sprengstoff und 3 Jahre 
für das Präparieren von Sprengstoff. So 
kann „Richter“ auch zu „lebenslänglich“ 
kommen für ein und dasselbe „Delikt“). 

- Paddy Murphy, in GB-Derry (5 Jahre 
wg. Aufbewahren von Sprengstoff) 

(Quelle: Anarchist Black Cross Bulle¬ 
tin, c/o 121 Bookshop, 121 Railton Road, 
London SE24) und Rundbrief griechischer 
Anarchisten, Association of Anarchist s, 
P .O.Box 11251, GR-54110 Thessaloniki) 


t EG-Maastricht-Verträge 
Nach der sympathischen Entscheidung 
der Dänen gegen die Zentralisierung der 
(Wirtschafts-und Polizei-)Macht werden 
- im Gegensatz zu den Deutschen - die 
Franzosen gefragt. Im Mai sah das poli¬ 
tische Spektrum in dieser Frage so aus: | 
Gegen die Verträge sprachen sich aus:| 
Die Front National (Le Pen), die RPR 
(Gaullisten um Chirac),dieKommunisten 
(Marchais), die Lutte Ouvriere (Trotz-! 
kisten) und die LCR (Trotzkisten, um! 
Kri vine, derselbe, dereine neue linksradi¬ 
kale Partei mitlibertären Kräften anstrebt; 
gemeint sind aber nichtdie französischen 
Anarchisten sondern eher räteorientierte 
Gruoppen um die Zeitung „Alternative 
Libertaire“). 

Für die Anerkennung von Maastricht 
sind: die UDF (Giscard), die CDS (Zen- j 
trum) und die Sozialisten. 

Die Grünen hatten sich noch nicht ent¬ 
schieden ! (Quelle: @-Infos. Dieses Infor¬ 
mation sbullctin wird von der fran¬ 
zösischen Wochenzeitung Le Monde 
libertaire finanziere) 

® > Le Figaro 

In SF-40 wurde schon darauf hingewiesen, 
daß cs der Neuen Rechten in Frankreich 
gelungen ist, sich über diesen Verlags¬ 
konzern Gehör undEinfluß auf die öffent¬ 
liche Meinung zu verschaffen. Chef des 
Figaro ist Robert Hersant, der im 2.Welt¬ 
krieg milden Nazis kollaboriert hat. Sein 
neuster Coup: die Übernahme von drei 
regionalen Tageszeitungen. (Quelle: @- 
Infos) 












, - 

4t 


»RÖ.C.« 


}$$£}' 


&«W* 






»Geschichte 
und Zweck des 
Drogen kr iegs« 


von Andi Ries 


einen massenhaften Konsum von ille¬ 
galen Drogen wie Kokain oder Mari¬ 
huana verhindert Die Prohibition hat 
noch nicht einmal die astronomischen 
Zuwachsraten in diesem Geschäft ver¬ 
hindern können. Der Versuch dieses 
Verbot durch eine bessere Ausrüstung 
und Ausbildung der Polizeikräfte kon¬ 
sequenter durchzusetzen, wird schei¬ 
tern. Die Auswirkungen solch einer 
Strategie sind in den amerikanischen 
Großstädten zu beobachten. Die staat¬ 
liche Gewalt ist nur punktuell in der 
Lage dieses Verbot durchzusetzen und 
erscheint somit notwendigerweise als 
willkürliche Gewalt oder als eine gegen 
Minoritäten gerichtete Politik. 

Die Prohibition hat die Probleme mit 
den Drogen in die Erzeugerländer 
exportiert. 

/i 








.. 




V: 


I FAT FfEPPY* 


f ogen sind seit der Verfassungsklage 
^es Lübecker Richters gegen das 
M-Gesetz in den Blickpunkt des 
e dieninteresses geraten. Die dort 
stattfindende Diskussion werden vom 
P**o und contra einer Legalisierung 
Reicher Drogen geprägt. Dabei wird 
.f r Fusion, daß eine Legalisierung 
j.. ,eser trogen die Suchtproblematik 
° st ’ Nahrunggegeben beziehungsweise 
von der contra-Position widersprochen. 
uf diese Diskussion sollten wir uns 
einlassen, da sie unsinnig ist. Eine 
e galisierung wird die Suchtproble« 
^natik nicht lösen, sie ist allerdings 
0r aussetzung für eine Auseinander¬ 
setzung mit dem eigentlichen Problem, 
ür eine politische Auseinandersetzung, 
*e frei von dem Mythos ist, daß einige 
Ganzen diabolische Kräfte besitzen, 


fTHen« ***** A TKW* J UEXC&T MJL OT THESf 
[i« THE MHB Xt> KAT-J LJ- 1 ™ UMTS! j 


wie es die gegenwärtige auf pharma¬ 
kologischen Erkenntnissen beruhende 
Diskussion suggeriert. Die Forderung 
einer Legalisierung ergibt sich aus dem 
Scheitern der Prohibition. 

In keiner westlich industrialisierten 
Gesellschaft hat das Drogenverbot 

















Spiegel der US-amerikanischen 
Drogen pölitik: 

Der Noriega Prozeß 


„Ein ums andere Mat, zu verschiedenen 
Zeiten auf unterschiedliche Art und Wei¬ 
se* in Guatemala und in Chile , in Kuba 
und in Nicaragua , mußte Lateinamerika 
den Preis des Kalten Krieges bezahlen. 
Heute können die USA nicht mehr den 
antikommun is tischen Kreuzzug ausruß n 
oder die sowjetische Bedrohung als Vor - \ 

wand, um in Lateinamerika zu interve¬ 
nieren. Vielleicht finden sie andere Vor¬ 
wände: die Invasion in Panama, dabei ein 
ganzes Arsenal internationaler Verträge 
verletzend, beweist es. Und es ist ein¬ 
facher, mit dem Vorwand des Drogen¬ 
handels, Bolivien zu militarisieren, wo 
das Angebot ist, und das New Yorker^ 
Bronxviertel, wo die Nachfrage ist- 
(Carlos Fuentcs, mexikanischer Diplo¬ 
mat und Dichter) 


Im Jahr 1992 wurde Manuel Noriega, 
ehemaliger Präsident Panamas, wegen 
Drogenhandels, Geldwäsche etc. zu 40 
Jahren Gefängnis verurteilt Es war die 
aufsehenerregendste Festnahme eines 
„Drogenhändlers** überhaupt. US-ameri¬ 
kanisches Militär marschierte in Panama 
ein, Panama City wurde bombardiert und 

nach einigerZcitder Botschaftsbelagerung 

- Noriega hatte sich in die Botschaft des 
Vatikans geflüchtet-gelang es den USA 
Noriega festzunchmen und in die USA zu 
bringen. Der Preis dieser Festnahme waren 
einige hundert Tote unter der Panamc- 
sischen Zivilbevölkerung, zerstörte Sied- 
1 ungen in Panama City und für den Steuerj 
zahlet in den USA ca. 170 Millionen 
Dollar. (Miami Vice is nofiction.) 

Vier Jahre zuvor wurde einer der Chefs 
des Medellin Kartells, Carlos Lehder, zu 
135 Jahren Gefängnis verurteilt. Carlos 
Lehder organisierte jahrelang den Trans¬ 
port des Kokains in die USA. Er begann 
seine Karriere als Marihuana-Schmugg" 
Icr und verdiente später wie viele andere 
auch sein Geld mit Kokain. Er war nicht 
nur Geschäftsmann, er war auch Politi¬ 
ker. Anfang der 80 er Jahre gründete er die 
„Movimento Latino National“, agitierte 
gegen den US-Imperialismus, lehnte sich 
dabei sehr stark an neonazistische Inhalte 
an und versuchte damit die Interessen der 
Mafia auf parlamentarischem Weg durch- 
zusetzen. Diese Karriere währte aber nur 
kurze Zeit. Seit dem Mord an Justiz- 
minister Bonilta war es den Medellins 
nicht mehr möglich solch exponierte Siel'' 
hingen cinzunchmen. 1987 wurde er von 
kolumbianischen Sicherheitskräften fest- 
genommen und in die US A abgeschoben, 








wo er in einer 2x2m großen Zelle ver¬ 
schwand. Er und ein Dutzend anderer 
Drogenhändler profitierten nun von der 
Festnahme Noriegas. Sic wurden Kron¬ 
zeugen im Noriega-Prozeß! 


Problem of Democracy 


Das größere Problem für die USA war 
nicht die Festnahme Noriegas, sondern 
die Verurteilung. Und so antwortete der 
Noriega Ankläger Mylcs Malman, nach 
dem Wert der Aussagen der zweiiiehtigen 
Kronzeugen befragt: „Wer weiß schon 
besser Bescheid über die Vorgänge im 
Medellin Kartell als Carlos Lehder ft 
(Newsweek, 20.4.92) 

Es waren diese Aussagen, die Noriega 
40 Jahre Gefängnis einbrachten, Aus¬ 
sagen, die vor allem auf „hören sagen“ 
beruhten, weil keiner von ihnen jemals 
Kontakt mit Noriega haue. Die Justiz ließ 
sich diesen Schuldspruch etwas kosten, 
Hafleriassungcn, Freilassungen und zig 
bzw. hunderttausende Dollars bekamen 
die Kronzeugen als Gegenleistung. 
(Quelle: A. Henman: Mama Koka, Verlag 
Roter Funke) Was Carlos Lehder betrifft 
so wird bei ihm ein Gericht über die 
Gegenleistung befinden. In einem 
Interview mit der kolumbianischen 
WochcnzcitungScmanagibtersich recht 
zuversichtlich, aus dem Gefängnis zu 
kommen und danach in die Bundesrepu¬ 
blik zu gehen, um die deutsche Staatsbür¬ 
gerschaft zu erlangen. (Er ist deutscher 
Abstammung.) 

Schon allein aus dem bisher Erzählten 
ist der Noriega-Prozeß sehr eigentümlich. 
Der i-Punkt jedoch ist der Zeitraum der 
Verbrechen, deren Noriega bezichtigt 
wird: von 1981 bis 1986. Just der Zeit¬ 
raum der großen Freundschaft zwischen 
Reagan und Noriega. Es dürfte nicht zu- 
Ictztdiesem Umslandzu verdanken sein, 
daß jeder Versuch der Politisierung des 
Prozesses bzw. Versuche die Rolle der 
amerikanischen Drogenbehörde (DEA: 
Drug Enforccmcnt Agency) zu beleuch¬ 
ten rigoros seitens des Richters abgewie¬ 
sen wurde. 

Wenn cs schon nicht vor Gericht ge¬ 
macht wurde, so soll cs zumindest hier 
stattfinden. Beginnen will ich mit einer 
groben Skizzicrungdcs Kokainhandels in 
Kolumbien und der Rolle des DEA. 


Anfänge des kolumbianischen 
Drogenhandels 


Die herausragende Stellung Kolumbiens 
im Drogenhandel ist nicht auf den tradi¬ 
tionel len Koka-Anbau zurückzuführen, sic 
ist vielmehr aus dem Handel entstanden. 













y 


! |4 6 

i Kolumbien ist Drehscheibe des Kokas 
j geworden. Die Anfänge dieser Entwiek- 
\ lung sind mit dem Marihuanaschmuggel 
: I verwoben, der seine Blüte Anfang der 
| S 70er Jahre erlebte. Es waren Mitglieder 
I | der sogenannten Peace Cooperations, einer 
| Art freiwilliger Entwicklungshilfsdienst 
in den USA, die in den späten 6Öem den 
i prächtigen Wuchs der Marihuanapflan¬ 
zen im Norden Kolumbien bewunderten 
und quasi als Beweis ihrer gemachten 
Beobachtungen einige Exemplare dieser 
Pflanzen mit nach Hause brachten. Aber 
viele schenkten den Schilderungen kei¬ 
nen Glauben und flogen deshalb selbst in 
dieses Land um sich davon zu überzeu¬ 
gen. Und tatsächlich es war so, sogar noch 
untertrieben. Die Hänge des Sta Marta 
waren voll von dieser begehrten Pflanze, 
Flugzeuge wurden voll geladen und zu¬ 
hause angekommen wurde geprahlt: 
„Schaut wieviel ich davon habe, ein gan¬ 
zes Flugzeug voll und wiBt ihr was? Es 
fällt dort gar nicht auf, daß was fehlt!!“ 
Ein wahrer Strom von Ungläubigen und 
natürlich auch von Geschäftemachern 
ergoß sich über das fruchtbare Land, in¬ 
dem ein buntes Treiben herrschte und 
niemand daran dachte, daß in absehbarer 
Zukunft Uniformierte es zerstören und 
blecherne Vögel todbringende Chemika¬ 
lien über die fruchtbaren Hänge des Sta 
! Marta versprühen würden. Warum denn 
I auch? 

Wegen der Jugend, den langen Haaren, 
den Kriegsdienstverweigerern, der freien 
j Liebe, der Zügellosigkeit, der Zukunft 
der Nation - ja letztere drohte weggekifft 
zu werden. Begleitet von dem ohrenzer¬ 
störenden Lärm, der als Musik bezeichnet 
| wurde. Es wurde Emst. Das Bureau of 
Narcotics and Dangerous Drugs (BNDD) 
forderte auf einer von ihr einberufenen 
Konferenz in Bogota 1972 ein Verbot der 
Drogen und setzte dies auch durch. Dies 
geschah unter dem Banner: „Rettet un¬ 
sere Jugend!“ Noch im selben Jahr wurde 
der Drogenhandel in Kolumbien verboten 
und einige US-Amerikaner lernten die 
KolumbianischenJusiizvollzugsanstalten 
kennen. Der Zugang zu Marihuana wurde 
erschwert, jedoch kam der Handel nicht 
zum Erliegen. Es war von nun an ein 
gewisses Maß an Professionalität erfor¬ 
derlich,dieSicherheitskräfte mußten von 
der Ungefährlichkeit überzeugt werden. 
Aber es wurde auch immer schwieriger 
das Marihuana in die USA zu schmug¬ 
geln, es war zu sperrig und es warf nicht 
annähernd so viel Profit ab wie Kokain. 
Aus Emst wurde Kokain. Der Drogen¬ 
handel konzentrierte sich in Kolumbien 
immer mehr auf Kokain. Die USA wur¬ 
den nun selbst der größte Marihuanapro¬ 
duzent. 



In Kolumbien wie auch in den anderen 
Andenländem ist der Kokaanbau eine 
jahrhundertealte Tradition. Das Koka 
wurde in diesen Regionen nicht nur zum 
Kauen sondern ebenfalls zum Kurieren 
von Allerweltskrankheiten benutzt (auch 
für die westliche Medizin dient das Koka 
als Grundstoff für Medikamente). In 
Kolumbien war der Anbau von Koka nicht 
so weit verbreitet wie in den anderen 
Andenländem Peru und Bolivien. In den 
Andcnausläufem entlang des Flußes 
Cauea wurden die Kokablätter von jeher 
auf den Märkten feilgcboten. Ende der 
60er Jahre tauchten die ersten Kokaküchen 
in dieser Region auf. Aufgrund ihrer 
Vorliebe für grüne Blätter, die zum Kauen 
ungeeignet sind, und natürlich wegen den 
Mengen fielen sie relativ schnell auf. Die 
unmittelbarste Folge warein drastisches 
Ansteigen und eine Stabilisierung der 
ansonsten saisonal schwankenden Koka- 
preise. Den Bedaf an Kokabläüem konnte 
der traditionelleKokaanbau jedoch nicht 
befriedigen,derGroßtei! wurde als Koka¬ 
paste aus Peru und Bolivien importiert. 
Das Verbot des Kokahandels in Kolum¬ 
bien hatte vor allem in dieser Region ihre 
Auswirkungen. Die erste war, daß Koka 
nicht mehr frei auf den Märkten zu han¬ 
deln war. Einige wenige Laboratorien 
wurden von den kolumbianischen M'üi- 
tärsausgehoben,cin Großteil konnte aber 
ungestört arbeiten. Mehr als einmal habe 
ich die Meinung gelesen, daß die Schlie¬ 
ßungen von Kokaküchen mehr dem 
Konkurrenzkampf zuzuschreiben waren 
als dem Drogenkrieg der Regierung. Ein 
anderer Aspekt spricht für diese These, 
nämlich daß die Antidrogenmaßnahmen 
sich auf diese Region konzenirieten und 
dabei die Problematik des Kokapasten- 
Imports völlig vernachlässigten, obwohl 
der Anteil des importierten Kokas den des 
heimischen um ein Vielfaches übertrifft. 
Fakt jedenfalls ist, daß die Anüdrogen- 
maßnahmen die Stellung des neuen Dro- 
genhandeis gegenüber dem traditionellen 
verbesserte, in dem sie die Absatzmög¬ 
lichkeiten des traditionlllen Anbaus straf¬ 
rechtlich sanktionierte. 

Ein weiterer rechtdenkwürdiger Aspekt 
kolumbianischer Außenpolitik ist die 
Bekämpfung der Korruption. Bis 1974 
war es die Regel, daß hochrangige Sicher¬ 
heitsoffiziere beim Kokainschmuggel 
ertappt worden sind, der berühmteste unter 
ihnen war der Kommandant des Sicher¬ 
heitsministeriums General Ordonez Val- 
derrama, er wurde mit 19 Kilo Kokain im 
Koffer im Amanzonashafen Lctica ver¬ 
haftet. 


Mit dem Regierungswechsel 1974 







hin Koka-Feld in einem Hinterhof Im südlichen Cauea 













Lopez Michelsen einen Gene¬ 
in die Leitung des S icherheits- 
ns zu übernehmen. General 
iattesich im Antiguerillakampf 
ren Ruf erworben und präsen- 
eim Amtsantrittaispolitischer 

Er entließ etwa die Hälfte des 
rps wegen Korruption und 

wurden anschließend die Fest¬ 
er Sicherheitsoffiziere sel- 
3 rund hierfür dürfte aber ein 
r. Die Drogendelikte wurden 
ärrecht gestellt und wurden 
ivilen Justiz entzogen. Den- 
relte es nicht an kuriosen 
dien. „Beispielsweise gab es 
len Fall der amerikanischen 
ahnder in Bogota, die im März 
brmation erhalten hatten, daß 
iladung von 11 Tonnen Mari- 
ire Ausfuhr warte. Sie hatten 
:m Privatflugzeug in Bcglei- 
ibianischer Zöllner zum Ort 
;chens begeben. Bei ihrer 
ipfing sie schweres Gewehr¬ 
es folgte ein Schußwechsel 
en Zöllnern und anderen, die 
DEA-Agcntcn identifiziert 
! offizielle Version lautet, daß 
, en ten die eintreffenden Zöll- 
iigentümer der Ladung hiel- 
i diesem Fall ist zu fragen, 
as Feuereröffneten, anstattzu 
iie diese auf frischer Tat im 
Krautes ertappen konnten, 
ima Koka) Es weist vieles 
daß unter militärischer Auf- 
cahandel expandierte und sich 



Die Industrialisierung des 
Kokas und die neue | 

Bourgeoisie 


Nachfrage aus den reichen 

d die gleichzeitigeProhibition 

andels in Kolumbien verur- 
Industrialisierung des Kokas, 
lige Textilstadt Medellin und 
südlich gelegene Stadt Cali 
n sich zu den Zentren des- 
Kokahandels. Mit dem Fall 
rarpreise wuchs zudem die 
des Kokaanbaus, blieb dies 
zige relativ stabi le Einnahme- 
auem. Aufgrund der Verbots 
ibau hatten die Bauern keine 
t unabhängig von Guerilleros 
ibaronen ihr Einkommen zu 
zielen Fällen wurden kolum- 
auem bei Streitigkeiten über 
, on den Killern der Kartelle 
i einem Interview, das Chri- 
icke mit Pedro Alcäntara, 
r UP, führte, werden diese 
; beschrieben. 


47 

Alcäntara: „.. .Nun was geschieht wirk¬ 
lich. Die Grundlage der ganzen Drogen¬ 
industrie sind die Kleinbauern. Arme 
Bauern, die vor allem im unerschlossenen 
Südosten Kolumbiens leben. Diese Klein¬ 
bauern, nicht die Drogenmafia, bauen die 
Kokapflanzen an. Und soweit ist das ja 
auch eine jahrhundertealteTradition. Auch 
die beiden nächsten Schritte, die Koka- 
emte und die Verarbeitung zu Kokapaste, 
übernehmen weitgehend die Bauern. Und 
erst dann kommen die Zwischenhändler 
in den Dschungel.“ - „Zwischenhändler 
die noch nicht zum harten Kern der Mofa 
gehören? " - „Die wissen oft nicht genau, 
für wen sie die Pasta einkaufen. Aber 
genau hier, beim Geschäft zwischen den 
Bauern und diesen Zwischenhändlern 
schaltet sich die Guerilla ein. Oft wurden 
die Bauern nämlich betrogen - oder ein¬ 
fach für ein paar hundert Kilo Pasta er¬ 
schossen. Und die Guerilla hat die Bauern 
eben organisiert, sie gelehrt, sich zu 
wehren und bessere Preise herauszuschla¬ 
gen. ... Darüberhinaus jedoch erhebtauch 
die Guerilla Steuern: DieZwischenhänd- 
lermüssen Steuern zahlen, Passierabgaben 
sozusagen.“ (ZEIT-Interview: „Die CIA 
dealt mit“, 21.5.89) Der Löwenanteil der 
Gewinne geht aber in die Taschen der 
Kartelle, die den westlichen Markt belie¬ 
fern. Diese Gewinnverteilung schlägt sich 
auch in der kolumbianischen Gesellschaft 
nieder. Während der Großteil der Men¬ 
schen in Kolumbien verarmen erlebte die 
Luxusbrache einen regelrechten Boom. 
FDie Dimension läßt sich am folgenden 
abschätzen: 1988 betrug Kolumbiens 
Wirtschaftswachstum 5% (eine für Latein¬ 
amerika unglaubliche Ziffer, im Vergleich 
Mexiko 1% und Peru -5%). Zwar waren 
alle Wirtschaftssektoren rückläufig, aber 
der Dienstleistungssektor wuchs über 
25%. Dabei vor allem die Freizeitindu¬ 
strie (Edeldiscos, Boutiquen usw.) und 
die transferencias, die Überweisungen aus 
dem Ausland. Woher wohl und wofür? 

Bei einem anderen Beipiel wird es noch 
offensichtlicher: Das Baugewerbe in der 
Provinz Antioquia (um Medellin) hatte 
1987 18% Wachstum, die Arbeitsplätze 
stiegen um 28%. „ Bei den Bauherrn 
handelte es sich fast ausschließlich um 
Männer des Kartells. "(Michael Stühren¬ 
berg, Der Stoff aus dem die Träume sind, 
ZEIT 21.5.89) Und Kolumbien ist hier 
kein Einzelfall. Laut Schätzungen des 
DEA erwirtschaftete die peruanische 
Kokaindustrie annähernd 1 Milliarde 
Dollar, das entspricht etwa einem Drittel 
des Erlöses aus den legalen Exporten 
Perus. In Bolivien seien rund 20% der 
Arbeitnehmer in der Kokaindustrie be¬ 
schäftigt. In Kolumbien seien, so der 
Ökonom und ehemalige Anwalt des Kar¬ 
tells Mario Arango Jaramillo, etwa 1,7 












Millionen in der Kokaindustrie beschäf¬ 
tigt. Von dieser Warte aus gesehen, ist die 
Bezeichnung Industrie und neue Bour¬ 
geoisie sehr treffend, aber es gibt noch 
andere Aspekte, die für diese Begriffe 
sprechen. 

In einer Studie des eben schon erwähn¬ 
ten Mario A. Jaramillo über die soziale 
Herkunft und die Vorstellungen der 
Kokainbosse lassen sich sehr viele Ge¬ 
meinsamkeiten mit der etablierten Bour¬ 
geoisie finden. Anhand des Lebenslaufs 
des Pablo Escobar (der in der zweiten 
Julihälfte 1992 aus seinem Hausarrest 
wieder verschwand, SF-Red.) läßt sich 
dies verdeutlichen. Bevor Pablo Escobar 
sein Geld mit Koka verdiente, lebt er von 
- weitläufig gesagt - Kleinkriminalität. 
Er importierte später mit LKWs Koka¬ 
paste aus Peru. Mit den Gewinnen aus 
diesem Geschäft kaufte er sich nach und 
nach eine regelrechte Luftflotte von klei¬ 
neren Sportflugzeugen zusammen, mit 
deren Hilfe er weitaus ungefährlicher und 
vor allem schneller die Pasta aus den 
Andenländem nach Kolumbien bringen 
konnte. Nach der Weiterverarbeitung der 
Pasta zu Kokain, wurde es in die USA 
ausgeflogen. Es fand sich immerein Ort 
zwischen Kolumbien und den USA, an 
dem es möglich war aufzutanken, ob es 
nun die Bahamas waren, Panama oder 
Honduras. Diese Sportflugzeuge sind ein 
Symbol für den Kokareichtum, und so 
ziert ein solches den Torbogen der Ha¬ 
cienda des Pablo Escobar. Untemehmer- 
geist wird so etwas genannt, oder? Aber 
ein anderes Moment des Unternehmer¬ 
tums ist auch die soziale Verpflichtung 
der Reichen gegenüber den Ärmeren. 

„ Und wie Mönche eines Samariter-Or¬ 
dens, so zeigen auch die Brüder des Koka- 
Klosters von Medellin ein Herz für Arme. 
Nicht nur, daß Pablo Escobar seine 
Heimatstadt mit tausenden von Zier¬ 
sträuchern schmückte und den Kindern 
ärmerer Viertel insgesamt achtizg Fu߬ 
ballplätze stiftete. Auf einem Hügel am 
Rande der Stadt ließ er ein paar hundert 
Häuser bauen, samt blumigen Vorgärten 
und einer Kirche. Er schenkte sie den 
Bewohnern eines Elendsviertels, das bis 
dahin an den rutschigen Hängen einer 
Müllhalde geklebt hatte. Nun leben die 
Leute in dem schmucken Kleinbürger¬ 
viertel La Paz. Doch alle Welt nennt es El 
barrio Escobar, das Escobar-Viertel." 
(Michael Stührenberg, ZEIT, 21.5.89) 

Ein weiteres Phänomen der Marktwirt¬ 
schaft ist ebenfalls vorzufinden, das Spon¬ 
soring. Die gesamten Fußballvereine 
werden durch die Kokabosse, aus Medel¬ 
lin und Cali finanziert. So ist innerhalb 
weniger Zeilen ein Idealbild des Unter¬ 
nehmers entstanden: die Versorgung eines 
Marktes, soziales Engagement und ganz 


modernes Sponsoring. Es ist auch nicht 
willkürlich entstanden. Tatsächlich ver¬ 
suchten die Kokabosse von dem sozialen 
Stigmader Kriminellen löszukommen und 
als erfolgreicher Unternehmer von der 
Oligarchen Schicht anerkannt zu werden. 
Sie engagierten sich als Politiker. Pablo 
Escobar wurde beispielsweise Senator. 
Und es ist ihnen auch teilweise geglückt 

Einlaß in der ehrenwerten Gesellschaft zu 

finden. Ihre Kinder besuchen die Elite¬ 
schulen des Landes und mit dem Genera¬ 
tionswechsel wird der Ursprung des Reich¬ 
tums unwichtig. Die europäische Ge¬ 
schichte zeigt dies auf eindrucksvolle Art 
und Weise. 

Bevor ich weiterauf den Drogenhandel 
eingehe ein paar Bemerkungen zum poli¬ 
tischen System Kolumbiens, weil ohne 
dieses die Eskalation der 80er Jahre kaum 
verständlich ist, allenfalls zur Wildwest- 
Geschichte wird. 


des politischen Systems 


Das politische System Kolumbiens be¬ 
ruht sei t Beginn der Nationalen Front (seit 
1957) auf einer Übereinkunft der beiden 
traditionel len Parteien, den Liberalen und 
den Konservativen mit Teilen des Mili¬ 
tärs und der Unternehmer und dem Aus¬ 
schluß des größten Teils der Bevölkerung 
von jeglicher politischer Einflußnahme. 
Diese Übereinkunft der Nationalen Front 
besteht im wesentlichen in der Teilung 
der Staatsfunktionen und der Reservie¬ 
rung staatlicher Stellen für die Beteilig¬ 
ten. Sie bedeutet erstens eine relative 
Autonomie des Militärs in der Aufrecht¬ 
erhaltung der öffentlichen Sicherheit, 
zweitens eine Sicherung der Herrschaft 
der beiden traditionellen Parteien und 
drittens Mechanismen, die den Untemeh- 
merverbänden den Zugang zu wirtschafts- 
poiitischen Entscheidungen eröffnen. 
(Lateinamerika-Nachrichten Nr. 192/90) 
Ende der 70er Jahre verlor dieses Modell 
immer mehr an Stabilität. Die Guerilla- 
Organisationen bekamen immer mehr 
Zulauf, weil sich immer mehr aus der 
Gesellschaft ausgeschlossen fühlten. Eine 
Zäsur stellte die Regierung Betancurs und 
ihre Refompolitik der „demokratischen 
Öffnung“ dar. Sie bedeutete einen Bruch 
des jahrzehntelang geltenden politischen 
Konsens innerhalb der Oligarchie und sic 
verletzte alle Spielregeln: Bei der Formu¬ 
lierung ihrer Regierungspolitik und der 
Vergabe der Ministerposten hat sie beide 
traditionelle Parteien nicht berücksich¬ 
tigt. In der Wirtschaftspolitik hat sie die 
Interessen des IWF stärker berücksichtigt 
als die der einheimischen Wirtschafts¬ 
lobby und in den Entschcidungsspielraum 
des Militärs intervenierte sie. Sie führte 


sogar Gespräche mit der Guerilla-Orga¬ 
nisation. i 

2 Jahre lang. j 

Mit der Ermordung des Justizministcrs 
Bonilla durch die Killer des Medellin- 
Kartells erhielt das Militär seine weit¬ 
gehenden Vollmachten zurück. Im Zuge 
des Ausnahmezustands sogar weitaus 
mehr als zuvor. Es begann die Ära des 
schmutzigen Krieges. Einem Krieg dem 
tausende Menschen zum Opfer fielen. 
Menschen, die das Kokageschäftstörten, 
ob sie nun nicht bezahlten, Artikel schrie¬ 
ben oder Ermittlungen gegen die Drogen¬ 
bosse führten. 


I Beginn und Ende 
I des Medellin-Kartells 


Die Bezeichnung Kartell war zu Anfang 
eine Redensart der DAS-Agenten (DAS: 
Departamento Administrativode Seguri- 
dad), die erst in den 80er Jahren einen 
Realitätsbezug bekam. Vorheroperierten 
die Kokainbosse unkoordiniert und von¬ 
einander unabhängig. Maßgeblich be¬ 
teiligt an dem Handel in Medellin waren 
Pablo Escobar, Gustavo Gaviria, Gonzales 
Rodriguez, Rafico Cardona und nicht 
zuletzt Carlos Lehder. Die Anfänge des 
Kartells waren mit der Entführung der 
Tochter der Großgrundbesitzer und 
Kokafamilie Ochoa durch ein M-19- 
Kommando verbunden. Die Drogenchefs 
gründeten eine Organisation namens 

.muerteasecuestra“ (Tod den Entführern), 

die Jagd auf Subversive machten. Ein 
Großteil der Mitglieder dieser Orga- 
war ® n ehemalige Militärs. Der 
onfliktzwischen den Kokainbossen und 
der Guerilla eskalierte und war niemals 
ausschließlich ein Kampf zwischen 
Guerilla und dem Kartell allein, sondern 
auch ein Kampf gegen die legale Linke 
und die Gewerkschafter. Über tausend 
Mitglieder der linken Unidad Patricia 
(UP) wurden zwischen 1985 und 1989 
liquidiert. In Medellin wurde diese Orga¬ 
nisation praktisch physisch ausgelöscht. 
Im Kampf gegen die Subversion zogen 
die Militärs milden Kokabossen an einein 
Strang und daran änderte sich trotz des 
„Drogenkrieges 1 * lange Zeit nichts. Ein 
zweites Moment für die Bildung des 
Kartells war der Meformproieß der Re¬ 
gierung Betancurs und vor allem die 
Probleme, die Justizminister Lara Bonilla 
dem Kartell bereitete. Einer der großen 
Erfolge seiner Antidrogenpolitik war die 
Zerstörung zahlreicher Laboratorien von 
Gonzales Rodriguez. Weitaus folgenrei¬ 
cher war eine andere Maßnahme: die 
Inkraftsetzung des Auslieferungsveitrages 
zwischen den USA und Kolumbien, nach¬ 
dem die kolumbianischen Drogenbosse 
der US-Justiz übergeben und in den USA 




verurteilt werden konnten. Dieser Aus- 
üeferungsvertrag war Gegenstand der fast 
zehn Jahre andauemenden Auseinander¬ 
setzung zwischen dem Mcdcllin-Kartcll 
u nd der kolumbianischen Regierung. Das 
erstcOpfer dieser Auseinandersetzung 
Wur dc Lara Bonilla und ihm folgten zahl¬ 
reiche Richter und Staatsanwälte, die mit 
den Ausliefcrungsvcrträgen befaßt wa¬ 
ren. Eine zeitlang herrschte Ruhe - Mitte 
der 80er Jahre - während der Vertrag für 
verfassungswidrig erklärt worden war. 

Merkwürdigerweise litt die Koopera¬ 
tion zwischen Militär und dem Kartell in 
dieser Zeit kaum unter der Auseinander¬ 
setzung, Es gibt zahlreiche Beispiele für 
diese Zusammenarbeit. Ein Streik der 
Plantagenarbciter in der Nähe von Uraba 
In der Provinz Antiochia provozierte eine 
Bestrafungsaktion fürdas „gucrillafreund- 
Hchc Dorf* - weniger blumig umschrie¬ 
ben: ein Massaker. Die untersuchende 
Dichterin kam zu dem Schluß, daß es sich 
dabei um eine konzertierte Aktion von 
Militär und dem Medellin-Kartell gehan¬ 
delt habe und erließ Haftbefehle. Resultat 
dieser Untersuchung war die Flucht der 
Richtcrin angesichts der Morddrohungen. 

Wieweit diese Verbindungen gehen, 
läßt sich anhand eines anderen Beispiels 
sehen. Nach der Ermordung Lara Bonil- 
las mußten die Drogcnbossc außer Lan¬ 
des fliehen. Die Regierung hatte ihnen 
den Krieg erklärt. Das Medellin-Kartell 
antwortete darauf mit Anschlägen aber 
auch mit Gesprächsangeboten. 1985 rei¬ 
sten der Ex-Präsidcnt Alfonso Lopez 
Michelsen (unter seiner Präsidentschaft 
^ar ja der Kampf gegen die Drogen unter 
Mili tiirrccht gestellt worden) und Gencral- 
staatsanwaltC.J. Gomcz nach Panama zu 
eincrUnterrcdungmitPabloEscobar. Das 
Ergebnis warein Memorandum der Aus- 
zuliefcmdcn, in dem sie den Vorschlag 
^achten, die gesamten kolumbianischen 
Auslandsschulden zu begleichen, wenn 
ci ne Rückkehr in die Legalität gewährt 

Wcr den und der Auslicferungsvertrag 

aufgelöst würde. Es mag Zufall sein, daß 
ausgerechnet Alfonso Lopez Michelsen 
uiit dem Gcncralstaatsanwalt nach Pa- 
n ama flog, aber hilfreich war es bestimmt. 
Eie Interessenskoalition zwischen dem 
Kartell und dem Militär bestand in der 
Verhinderung von Rcformcnn auf der 
c incn Seite und einem relativ ruhigen 
Geschäftsablauf auf der anderen Seite. 
Ecr gemeinsame Feind war die Subver¬ 
sion. Jedoch neigten diese Herren dazu, 
Immer mehr Subversive ausfindig zu 
Aachen. 

Der Mord an dem liberalen Präsident¬ 
schaftskandidaten Galan war der Anfang 
vom Ende des Medellin-Kartells. Galan, 
der ehemalige Botschafter Kolumbiens in 
Rom trennte sich 1979 von der liberalen 
Partei und setzte sich mit seiner „Partei 


des Neuen Liberalismus“ von den tradi¬ 
tionellen Parteien ab. Er prangerte die 
Zusammenhänge von Politik und Mafia 
an und wurde zu einem der populärsten 
Politiker des Landes, ohne jedoch zum 
Präsidenten gewählt zu werden. 1988 löste 
er seine Partei auf und trat wieder in die 
1 iberale Partei ein. Kurz vor seiner Ermor- 
dung galt er als der aussichtsreichste 
Präsidentschaftskandidat. Innerhalb we¬ 
niger Tage wurden der liberale Präsident¬ 
schaftskandidat, der oberste Richter (er 
hatte Pablo Escobar vorgeladen) und der 
Pol izeichef der Provinz Antioquia ermor¬ 
det. Dem Potizeichef wurde vorgewor¬ 
fen, daß er keinen Versuch der Verstän¬ 
digung mit dem Kartell unternommen 
hätte. 

Mit diesen Anschlägen hatte sich das 
Medellin-Kartell zu weit aus dem Fenster 
gelehnt. Das Sicherheitsministerium und 
Teile des Militärs gingen nun gegen die 
paramilitärischen Guppen und gegen die 
Zusammenarbeit von Militärs und Kokain¬ 
kartell vor. Rund ein Dutzend Ausbil- 
dungslager wurden aufgelöst und gegen 
Offiziere, die im Verdacht standen mit 
dieser Organisation zu kooperieren wur¬ 
de ermittelt. Im Januar 1990 hat das 
Medellin-Kartell seinen Krieg aufgege¬ 
ben. Heute zwei Jahre später sind die 
führenden Leute des Medellin-Kartells 
im Gefängnis fbzw. -nach Fertigstellung 
dieses Artikels -gerade daraus entsprun¬ 
gen! Pablo Escobar, der ursprünglich 
schon im Frühjahr andie USA ausgeliefcrt 

werden sollte, stellt die Bedingung für 
seine Rückkehr in den „Hausarrest“ der 
Regierung, daß er nicht ausgcliefert 
werden dürfe; SF-Red.] oder wie Gonzales 
Rodrigucz tot. Die Ochoa Brüder sitzen in 
Kolumbien. Gusiavo Gaviria wurde in 
Mexiko festgenommen und Carlos Lchder 

hofftauf die Begnadigung Und die deutsche 

Staatsbürgerschaft! 

Andere haben das Geschäft übernom¬ 
men. Nach den Angaben des DEA hat das 
Cali-Kartell nun einen Anteil von 75% 
am amerikanischen Kokain markt. Der 
Unterschied zu den Drogenbossen aus 
Medellin besteht darin, daß sie keinen 
bewaffneten Kampf gegen den Staat ge¬ 
führt haben. So sind die Probleme in 
Kolumbien trotz der Zerschlagung des 
Medellin-Kartells nicht gelöst. Am 
30.12.90 schrieb der Journalist Antonio 
Caballero in El Espectador : 

„Wir stehen wieder einmal da wie zu 
Anfang des Jahrzehnts, zu Zeiten des 
Präsidenten Turbay: im offenen Krieg mit 
der Guerilla und in stillschweigender 
Übereinstimmung mit den Narkos... Die 
Narkos erlangen ihre institutionelle Re¬ 
spektier! ichkeit zurück, die sie vor Jahren 
verloren haben; und das eigenartige ist, 
daß sie sie nicht deshalb zurückgewinnen, 
weil sie ihre Verbrechen eingestellt, son- 


49 

dem weil sie sie vermehrt haben. Die 
Guerilla (FARC und ELN) ihrerseits ver¬ 
lieren ihre Respektierlichkeit, die sie über 
Jahre hinweg durch Gespräche, Briefe 
und Erklärungen gewonnen haben... Die 
Motive sind klar - sowohl die des Frie¬ 
dens mit den Narkos als auch die des 
Krieges gegen die Guerilla: es sind genau 
diesselben wie vor zehn Jahren. Im ersten 
Fall ist es die Macht der Narkos; im zwei ten 
Fall ist es der Druck der Armee... Objek¬ 
tiv gesehen ist es immer noch ein verlore¬ 
nes Jahrzehnt. Wollen wir hoffen, daß 
man in dem nun beginnenden Jahrzehnt 
endlich begreift, daß die beiden großen 
Probleme nicht dadurch gelöst werden, 
daß man sich ihrer Auswirkungen an¬ 
nimmt, sondern dadurch, daß man ihre 
Gründe sucht. Daß man den Krieg gegen 
die Narkos nur dadurch gewinnen kann, 
daß man den Drogenhandel legalisiert. 
Und daß man den Krieg gegen die Guerilla 
nur gewinnen kann, wenn man sie über¬ 
flüssig werden läßt, das heißt, wenn die 
Verflogung der Menschen in Kolumbien 
aufhört und sie nicht mehr gezwungen 
sind, sich selbst zu verteidigen.“ (Penny 
Pearce, Kolumbien, Schmetterlingsver¬ 
lag 1992) 


DEA (Drug Enforcement 
Agency) und der Drogenkrieg 


Gewiß mag es Leute geben, die jenes 
Phänomen der Kooperation zwischen 
Regierungsstellen und dem Drogenhan¬ 
del als ein vereinzelt auftretendes Phäno¬ 
men betrachten oder gar als Anzeichen 
von „Unterentwicklung“ und damit als 
ein strukturelles Problem der „Dritten 
Welt“-Länder. Aber die „Dritte Welt“ ist 
näher als wir glauben. Zeitgleich zu den 
Umstrukturierungen des Antidrogen¬ 
kampfes in Kolumbien fand in den USA 
eine ziemlich gleichartig verlaufende 
Veränderung statt. 

Das Bureau of Narcotics and Dange- 
rous Drugs (BNDD) hatte bei seinem 
Drogenkrieg vor allem Erfolge gegen den 
Heroinhandel vorzuweisen. 1973 wurde 
das Schwergewicht der Aktionen auf die 
harmloseren Drogen Marihuana und 
Kokain gelegt. Damit einher ging eine 
Umstrukturierung der Drogenbehörde. 
Auf Initiative des damaligen US-Präsi- 
denten Nixon wurde die Behörde Drug 
Enforcement Agency gegründet und ein 
entsprechender Kabinettsausschuß, des¬ 
sen Vorsitz der Chef der CIA und der 
Außenminister Henry Kissinger übernah¬ 
men. Dazu bedarf es einer kurzen Erklä¬ 
rung: Neben der Verwaltung, wie sie auch 
in der Bundesrepublik existiert, gibt es in 
den USA eine zweite Regierungsebene, 
die unmittelbar der Politik des jeweiligen 
Präsidenten unterstellt ist und in verschie¬ 
denen Planungsstäben die Grundlagen der 
US-Politik ausarbeitet, nach denen sich 


50 

die Verwaltungen zu richten haben. Die 
Leiter dieser Ressorts werden vom Senat 
gewählt. Zwischen diesen präsidialen 
Einrichtungen und den Verwaltungen 
kommt es oftmals zu Differenzen, was 
beispielsweise zu unangenehmen Ver¬ 
öffentlichungen führen kann. Mitr der 
Neuinstallierung einer Behörde hat der 
Präsident natürlich die Möglichkeit, sie 
gemäß den politischen Zielsetzungen zu 
strukturieren und siemitdem entsprechen¬ 
den Personal zu besetzen. Dies war auch 
bei der Gründung des DEA der Fall. Die 
vorherige Drogenbehörde war eine Abtei¬ 
lung der US-Zollbehörde gewesen. Mit 
derUmstrukturierung wurde nichtnur die 
Drogenbehörde vom Zoll getrennt, der 
Zoll verlor auch das Recht gegen Drogen¬ 
delikte vorzugehen und ebenso das Recht, 
den eigenen im Ausland operierenden 
Geheimdienst aufrechtzuerhallen. Dies 
fiel nun alles in den ZBständigkeitsbe- 
reich des DEA. Von Beginn an wurden 
relativ viele CIA Leute in dieser behörde 
beschäftigt, was die Politik dieser Be- 
hörde in den 80er Jahren symbolisiert. 


Mit der Gründung dieser Behörde 
war der Antidrogenkrieg immer mehr 
zu einem Antigueriliakrieg geworden. 


Diese Verknüpfung war ein beliebtes 
Manöver von den lateinamerikanischen 
Juntas und amerikanischen Regierungs¬ 
stellen flössen über diesen Umweg Gel¬ 
der, die ansonsten eventuell nicht mög¬ 
lich gewesen wären. So wurden der argen¬ 
tinischen Junta über das International 
Narcotics Control Program im Jahr 1974 

- trotz einer Sperre seitens des Kongresses 

— über 12 Millionen Dollar für die Aus¬ 
rüstung der Polizei zur Verfügung ge¬ 
stellt. Für welche Zwecke dieses Geld 
verwandt wurde, läßt sich sehr deutlich 
aus einer Bemerkung des damaligen 
Ministers für soziale Wohlfahrt, Lopez 
Rega, bei einem Interview im argenti¬ 
nischen Fernsehen heraushören: 

„Wir haben Guerilleros nach ihren 
Angriffen festgenommen, die high waren. 
Daher ist die Antidrogenpolitik auto¬ 
matisch auch eine Anti-Guerilla Kampa¬ 
gne. “ (Quelle: Mama Koka) Dies sagte 
jener Herr, der seine Taschen mit den 
Gewinnen aus dem Drogengeschäft voll¬ 
stopfte und das Geld für die Drogenbe¬ 
kämpfung zur Finanzierung der Alianza 
Anticomunista Argentina verwandte. 

Es ist ein allzu typisches Beispiel für 
den US-Drogenkrieg. Über zwei Jahr¬ 
zehnte waren vor allem die lateinameri¬ 
kanischen Militärs die Nutznießer dieser 
„Hilfe“, genau die Institutionen deren 
Rolle am fragwürdigsten war. Verändert 
hat sich in diesen zwei Jahrzehnten nur 
die Menge der zur Verfügung gestellten 
Dollars. Bushs Anti-Drogenkrieg ver¬ 
schlang im Zeitraum von vier Jahren 2,2 


Milliarden Dollars, der Anteil von den 
Ausgaben für militärische Zwecke stieg 
von5 Millionen (1988) auf 140 Millionen 
Dollars im Jahr 1990. Der Zweck für den 
diese Gelder verwandt wurden ist der 
gleiche geblieben. 

Bei einem Besuch einer Delegation des 
amerikanischen Kongresses 1990 bedank¬ 
ten sich beispielsweise die kolumbia¬ 
nischen Generäle für die Bewilligung von 
40,3 Millionen Dollar als Hilfe für die 
Drogenbekämpfung und erklärten, daß 
38,5 Millionen davon für die Operation 
„Tri Color“ verwandt werden würden. Tri 
Color ist eine Anti-Guerilla-Operation im 
Nordosten des Landes, in einer Region, 
die weder für den Kokainanbau noch für 
Kokahandel bekannt ist Auf die Frage, 
was diese Operation mit Antidrogenkampf 
zu tun hätte, folgte die Antwort, daß selbst¬ 
verständlich auch Kokainlabore zerstört 
werden würden, wenn bei dieser Aktion 
welche gefunden würden. (Ruth Connit: 
Columbias Dirty War. Washingtons Dirty 
Hands, The Progressive May 1992) 

Daß solch eine Politik ohne weiteres 
den Interessen der USA entspricht, zeigt 
ein anderer Vorfall, bei dem der frühere 

Botschafterder US A in Kolumbien, Lewis 
Tambs, verwickelt war. Er gilt im übrigen 
als der Erfinder des Begriffs „Narco- 
Guerilla“. Anlaß war die Sorge, daß 
Kolumbien ein zweites El Salvador wer¬ 
den könnte, wenn die USA nicht ener¬ 
gisch handeln würden. Die Verbindung 
von Guerilla und Drogenmafia wurde 
äußerst popularisiert. Weniger bekannt 
ist, daß Lewis Tambs später Botschafter 
in Costa Rica war und dort ausgewiesen 
wurde, weil er zur Unterstützung der nica- 
raguanischen Contras den Drogenhandel 
begünstigte... 

Die Politik der Glcichsetzung von 
Drogenmafia mit Guerilla hat in den 80er 
Jahren ein größeres Gewicht bekommen. 
Mit dem Ende des Kalten Krieges, m it der 
wachsenden Sensibilität der amerika¬ 
nischen Öffentlichkeit gegenüber der 
Lateinamerikapolitik der USA ist der 
Drogenkrieg zum neuen Deckmantel der 
Interventionen geworden. Neu ist dieses 
Phänomen nicht, eine Vielzahl von Bei¬ 
spielen aus den 70er Jahren, in denen mit 
Drogen Politik gemacht wurde, ist be¬ 
kannt. Neu ist der Stellenwert. Diesen 
Wandel drückt ein Begriff sehr anschau¬ 
lich aus: die Counternarcotics-strategies. 
Grob gesagt ist es die Übernahme von 
countcrinsurgcny-Stratcgicn für den Be¬ 
reich der Drogen, d.h. die Ausbildung und 
Beratung von Sicherheitskräften, die 
Förderung von landwirtschaftlichen Pro¬ 
jekten, die die Bauern vom Kokaanbau 
abhalten sollen usw. So sind die DEA- 
Agenten ständig in den Sieherheits- und 


Justizapparaten in Lateinamerika präsent. 
Es ist genauso als obhierdieTätigkeitdcs 
CI As beschrieben werden würde. Und 
wie sich alles gleicht, mußte eine ameri¬ 
kanische Solidaritätsgruppe anfang die¬ 
sen Jahres feststellen. Sie flogen nach 
Kolumbien, um sich über die Situation in 
diesem Land zu informieren. Anlaß war 
die Ermordung von Bianca Ceceilia Va¬ 
lero de Duran, die Sekretärin von Jorge 
Gornez Lizarazo, von dem tags vor dem 
Mord der Leitartikel in der New York 
Times: Columbianblood, US gitnserschic- 
nen war. Unter den verschiedenen Ge¬ 
sprächen, die diese Gruppe in Kolumbien 
führte, war auch eines mit dem Presse¬ 
sprecher der US-Botschaft in Bogotä, Bob 
Danze, der ausführte: 

„Vor ungefähr zwei Wochen gab es 
einen Leserbrief in der New York Times 
und der Schreiber meinte in etwa, daß 
amerikanische Waffen kolumbianische 
Bürger töten. Was mich dabei faszinierte 
- und ich bin als ehemaliger Armeeange¬ 
höriger vertraut mit diesen Dingen - ist, 
daß hier keine amerikanischen Waffen 
benutzt werden. Sie benutzen balas, bra¬ 
silianische Waffen, so können amerika¬ 
nische Waffen überhaupt keine kolum¬ 
bianischen Bürger töten.“ Ein anderer 
Botschaftsangehöriger unterbrach ihn an 
dieser Stelle: „Es könnten noch viele 
Argumentegebracht werden,,. Was allein 
zählt ist, daß die USA nur Äntidrogen- 
hilfe gewähren.“ (Peter R. Andreas u.a.: 
Dead End - Drug wars, Foreign Policy 4/ 

90 



Der „Drogenkrieg“ offenbart die berech¬ 
nende Haltung der westlichen Staaten. 
Die Äußerungen George Bushs während 
einer Wahlkampfrede erregte in hiesigen 
Breitengraden nahezu ausschließlich 
Zustimmung: „Das Prinzip ist einfach. 
Der billigste und sicherste Weg Drogen 
auszurotten ist, sie an dem Ursprungsort 
zu zerstören... Wir müssen die Pflanzen 
herausreissen, wo sie wachsen und die 
Labore zerstören, wo immer sie auch sei n 
mögen!“ 

Nicht in den USA natürlich, deshalb hat 
Bush auch das Programm gegen die 
Geldwäsche eingestellt. 








mmtm 


die Gauck-Behörde 
Treuhand unter die 
Arme greift 


500 000.-DM 
Strafandrohung gegen 
Stasigeschädigte wegen 

Stasiveröffentlichungen 


erste 


iffgljlfjj 






















52 

Sehr geehrter Herr Zabel! 

Meine Freunde von der Redaktion des 
“telegraph" und ich haben mit Interesse 
zur Kenntnis genommen, daß Sie den 
Abdruck von Unterlagen des Ministeriums 
für Staatssicherheit in unserer Sondernum¬ 
mer als einen Gesetzes verstoß betrachten. 
Sie haben in diesem Zusammenhang 
gegen mich als Verantwortlichen im Sinne 
des Presscrechts ein Ordnungswidrigkei¬ 
tenverfahren eingeleitet. Damit unterstrei¬ 
chen Sie offenbar den Anspruch Ihrer 
Behörde auf alleinigen Besitz, Verwaltung 
und Auswertung der Unterlagen des ehe¬ 
maligen Staatssicherheitsdienstes der 
DDR. Insbesondere beziehen Sie sich 
dabei auf §7, Absatz 3, nach dem “natürli¬ 
che Personen und sonstige nichtöffentliche 
Stellen verpflichtet sind, dem Bundesbe¬ 
auftragten unverzüglich anzuzeigen, daß 
sich bei ihnen Unterlagen des Staatssicher¬ 
heitsdienstes befinden, sobald ihnen das 
bekannt wird". Nach §45 drohen Sie mir 
mit einer Geldbuße bis zu Rin [hunderttau¬ 
send Mark. 

Ich will Sie gleich darauf Hinweisen, 
daß weder ich noch die Redaktion “tele- 
graph" jemals so viel Geld hatten. Falls 
Ihnen eine solche Summe auf Grund Ihres 
Gehaltes bei der Gauck-Behörde 
erschwinglich erscheint, sollten Sie sich 
schämen: Die Gauck-Behörde wurde erst 
auf Grund des harten Kampfes von Beset¬ 
zern und Mahnwachen im September und 
Oktober 1990 erreicht, zu denen wir 
gehörten. Wir haben für unsere damalige 
Tätigkeit, der Sie immerhin Ihre Arbeits¬ 
stelle verdanken, weder von Ihnen noch 
sonst jemandem jemals einen Lohn ver¬ 
langt oder erhalten. 

Von besonderer Schäbigkeit aber 
zeugt es, daß Sie sich für die erste aus 
Ihrem Gesetz resultierende Anzeige nicht 
etwa einen der führenden Stasigeneräle 
ausgewählt haben, die seit 1990 unter 


Was hat Gregor Gys! 
wem verraten ? 

Die ungekürzten 
Dokumente. Damit Sie 
sich selbst ein Urteil 
bilden können. 

zu beziehen über 
lelegroph, Schliemarmstr. 

22 Berlin 0-1058; 
■0*4483687. Pro Exemplar 
3DM. Versand nur gegen 
Vorkasse Bar oder Scheck. 


telegraph - Unke DDR* 
Oppositionszeitung seit 1986 


ihren Augen bergeweise Unterlagen der 
Staatssicherheit an betuchte westdeutsche 
Medien verkauften, daß Sie keine Anzei¬ 
gen gegen die Mediengiganten gewagt 
haben, die beinahe täglich Unterlagen der 
Staatssicherheit benutzen oder abdrucken. 
Nein, Sie haben für ihren ersten Vorstoß 
ein finanzschwaches Blättchen gewählt, 
das zudem noch vor dem Regierungssturz 
in der DDR, der den Machtantritt ihrer 
Dienstherm ermöglichte, ein besonders 
gehaßtes und bespitzeltes Ziel der Staatssi¬ 
cherheit war. Diese Art von Mut gegenü¬ 
ber Schwachen, den Sie zu zeigen belie¬ 
ben, galt zu allen Zeiten als ein Zeichen 
besonderer moralischer Niederträchtigkeit, 



Sie werden steh, wie wir das von neu¬ 
gebackenen Bundesbeamten gewohnt 
sind, natürlich auf den Rechtsstaat und die 
Gleichheit aller vor dem Gesetz berufen. 
Eben diese Gleichheit vor dem Gesetz 
sehen wir durch das Stasiaktengesetz und 
durch die momentane ftaxis seiner Ausle¬ 
gung nicht gewahrt, ganz zu schweigen 
von den sonstigen juristischen Scheinge¬ 
fechten, mit denen Verantwortliche des 
Terrors gegen Menschen unauffällig aber 
systematisch vor den Konsequenzen ihrer 
Taten geschützt werden, dafür aber Weine 
Untertanen umso gründlicher verfolgt wer¬ 
den. Unser Eindruck ist, daß die Gauck- 
Behörde im Auftrag des Bimdesiimenmi- 
nisteriums mit ihrer Tätigkeit die Auf¬ 
deckung der Strukturen des Repressions¬ 
systems mehr behindert als fördert. « 

Solange Forschungszentren und 
Opferverbände an der Aufklärung von 
altem und neuen Unrecht nicht beteiligt» 
darin auch nicht unterstützt, sondern im 
Gegenteil sabotiert werden, solange die 
Auskünfte der Gauck-Behörde an Betrof¬ 
fene immer sparsamer werden, handelt die 
bundesdeutsche Regierung, ihre Behörden 
und ihre Gesetzgebung gegen grundlegen 
de Bürger- und Menschenrechte. Als ehe¬ 
malige DDR-Oppositionelle sind wir Afft ir 
aktenkundig geworden, daß wir auch 
Gesetzesübertretungen und Strafverfol- 
gung in Kauf nahmen, wenn es um du 
Einforderung von gruiÄ&tidto Rechten 
ging. Wir haben in unserem “telegraph 
und dessen Vorläufer, den “Umwehtet' 
tem” schon immer Dinge .gedruckt, |d ,e 
irgendwelchen Behörden nicht in den 
Kram paßten. Diese Praxis gedenken wir 
auch in der bundesdeutschen Gesellschaft 
fortzusetzen. 

Im Übrigen sehe ich Ihrem Ontaung^' 

widrigkeilsverfahren mit gelassenem 
Gemüt und leeren Taschen entgegen, j 

Mit freundlichem Gruß* 
W. RiiddenkJau 









Hit' P opnpn Menschen. Welche 

isii- ixupiCaMUll gA/£,k/ii 

den 500-Jahrc-OIympia-Kuliurhaupt- 

smdt-EXPO-Wahn in Spanien kritisieren 
und sich dagegen wehren, ist zur Zeit in 
ganz Spanien zu spüren. Der von ver¬ 
schiedenen Polizeigruppen durchsetzte 
Staat setzt seinen Weg in die europäische 
Integration mit roher Gewalt durch, wie 
wir cs von Diktaturen gewohnt sind. Dies 
ist auch kein Wunder, da die Führungs¬ 
positionen mit Offizieren besetzt sind, 
welche ihre Ausbildung im Franco-Rc- 
gimc erhalten haben. Dazu ein kleiner 
Bericht von meinem Aufenthalt beim 
Collcctiu Llibertari DeTarragona i Barns 
in Catalunya. 

Da auch die beiden Städte Tarragona 
und Rcus (ca. 80 km südlich von Barce¬ 
lona) sich vom 92cr-Glanz etwas abschnci- 
den wollten, fand vom 14 .- 16 .Mai eine 
große Flug zeug schau AIREX 92 mit 

militärischen Flugvorführungen statt- ie 

Altcncüs LLibertari aus Tarragona un 
Rcus hatten, wegen der immensen Ge 


d nediesesPrestigeobjektsder 

einem Protestmarsch am 

r ZU 12 Uhr aufgerufen. Um 12.30 

? um rvmozuti mit ca. 300 

ne sich aer 

,cn in brütender Hitze in Richtung 
cn in Bewegung. Auf der^3 km 
Strecke, entlang einer v.clbcfah- 
Jationalstraßc, war zu sehen wie 
izei den Zug beobachtete und 
'rtc 

- r Einfahrt zum Flughafen ange¬ 
ln sahen wir uns den Spczialcin- 

*.’j c sie schon aus Sevilla bekannt 
ccnübcr. Diese warteten "heißge- 
•?) lässig knüppelschwingcnd (ca. 
lange Teile) auf den Demozug. 
tus Olympia angcrcistcn Unter- 
lcsspczialisten gaben uns einen 
Vorgeschmack auf das bevorste- 
Olympia-Spektakcl. Als die 
stränten sich friedlich niederlie- 
dic Zufahrt kurzzeitig zu block- 
ngen die Spezialisten aus Olym- 
dic wehrlosen Demonstranten 
uknüppeln - mit einer wilden 
-n Brutalität. Nachdem dieDemon- 



Dem Beitrag der Gruppe LUPUS 
ist in Vielem und auch grundsätz¬ 
lichen Überlegungen zuzustim¬ 
men. Einen Mangel sehe ich den¬ 
noch in der fehlenden Differen¬ 
zierung bezüglich der unterschied¬ 
lichen Rechtsposition, verschie¬ 
denen Aufenthaltsbedingungen 
etc. der in Deutschland lebenden 
Ausländerinnen (solche aus dem 
EG-Bereich, ehemalige „Gast“- 
Arbeiterlnnen, Vertragsarbeiter- 
Innen (Ex-DDR), Asylbewerber, 
Flüchtlinge aus z.B. Jugoslawien. 
Aus dem unterschiedlichen Sta¬ 
tus der Ausländerinnen in 
Deutschland und damit auch je¬ 
weils unterschiedlichen Stellung 
in der Gesellschaft folgt unter¬ 
schiedliches politisches Bewußt¬ 
sein. Alle Nicht-Deutschen im 
politischen Kampf auf eine Ebene 
mit gleichen Bedingungen mit 
Deutschen zu stellen („Sie sind 
soviel und sowenig revolutionäres 
Subjekt wie wir“) erscheint platt 
und vernebelt die Sicht. Im Alltag 
gibt cs (leider) viel weniger Heroi¬ 
sches... (vgl. auch SF-26, 4/87 
und DA-65,10/87). 

Wolfram Beyer, Berlin 


stranten von der Zufahrt vertrieben wa¬ 
ren, alles in hellster Aufregung und em¬ 
pört war, mehrere Demonstranten blute¬ 
ten, Blutergüsse, Prellungen und andere 
Verletzungen hatten, versuchten die Spe¬ 
zialisten gezielt Aktivisten der Organisa¬ 
tionsgruppen abzugreifen und festzuneh¬ 
men. Bei diesem Manöver kam es erneut 
zu Knüppelorgien, dabei wurden 5 Com- 
paneros festgenommen und ab transpor¬ 
tiert 

Nach dem Abtransport sammelten wir 
uns und machten uns auf den langen Weg 
(ca. 5 km) zum Komissariat, um die Frei¬ 
lassung der Festgenommenen zu fordern, 
sowie deren Personalien festzustellen. Am 
nächsten Tag wurden 4 Companeros frei- 
gelassen, einer mußte noch zwei weitere 
Tage im Knast bleiben. 

Daß die Menschen dort sich nicht so 
schnell aufgeben, zeigte sich in den näch¬ 
sten Tagen, als am Montag in Reus 200 
Menschen und am Dienstag in Tarragona 
150 Menschen auf der Straße waren, um 
gegen das brutale Vorgehen der Pol izei zu 
demonstrieren. 

Uwe Andre!la, Morbach 



Gestohlenes 
Leben - 

von Keno Verseck 



| Ich könnte zu dieser Zeit ganz* 5 * 

Bände füllen, möchte aber voi 
eigentlichen Thema; nicht abwei¬ 
chen, Als ich dann 1981 auf einer 
Verhandliing gegen eine PUNK- 







Ich habe das erste mal Eure Zei¬ 
tung in der Hand und als ich dann 
den Artikel über die Stasi und ihre 
Methoden las, konnte ich einfach 
nicht mehr anders, und ich mußte 
schreiben. 

Wie deutlich wurden wieder 
die B ilder der eigenen Vcrg an gen- 
heit. Ich war damals bereits zum 
„Staatsfeind 4 * erklärt worden, 
durch meine Zugehörigkeit zur 
PUNK T Szene, Ich war 16 Jahre 

ligen Justiz mich ergriffen hatte. 
In der Schulzeit eigentlich als 
Außenseiterin bekannt und als 
Schul-Ärger-Objcki betrachtet, 
sprang ich überden eigenen Schat¬ 
ten als ich Leute von den Szene 
kennenlemte. Ein inneres Feuer 
hatte mich erfaßt, das hoch heute 
in jpir lodert. Unverstanden vom 


Elternhaus und naher Umgebung, 
schrieb i# m©ti^;'Ädanken und 
. Auch 

über meine Erfä|iuiigen mi t dem 
> im Stich 

geiässen;|»lt^,.Eig^tlich nie 
dazu ged^ciu, sie jemals Jemaji- 

Vorhafkingen unds'tindigen Ver¬ 
höre weiter. Da es uns nicht geben 
durfte, behandelte pan uns wie 
■ «FrÄwMMffcht genug, daß man 
stundenlang auf dem Revier fest¬ 
gehalten wurde, es wurden uns 
auch persönliche G egenstände w ie 
Lfderjäckpi, Alpländer usw. 
abgen«gftem Die „Beamten“ 
standen in ständiger Opposition 

digen und zu provozieren. Gegen 
sichtbare Schaden sicherte man 

ten, daß sie im Revierdie „ Treppe 


ten und an Selbstmord gedacht, ~ 

aber. 4^%#* ja :all^-noch Ä gai:^ 


Ich mußte in einen Badens 


pr ■1982 holte 
die hinteren Räume 




Frau war; reifte mein Haß. Nie der Verkaufsstelle. Man sagte mir, nicht wußte. 

Vf -iJ-it" A n rtT-ulnm __ • T*V_» _ * , » . _ 


hinabgefaüenwaren. * 


Ipäjtrinneie mi^-stoch gut 
daran, wie oftjsh damals meine 
Schminke abwäschcnmußie (ich 
trug sie auch etwas auffälliger). 


Vergesse ich ihr Auftreten dort 
unddamitdieKraft, die sie mir 
j^aBl!n.e''^ 2 Ju ahjjen gab, für 
* gffinmeig&cn Probleme, die bald 
folgen sollten. 

Ich tippte diese (PUNK)- 
Tcxte, eine Art Flugblätter. Ko¬ 
pierer gab cs ja damals noch nicht 
bei uns. Wer einen besaß,,kfpt|^. 


nur deswegen verurteilt werdihr 


Immer und imper wieder tippte 
ich den Texjft' eine alte Schreib¬ 
maschine. Mühevoll mit einigen 
Bogen Blaupapier, immer und 
immer wieder. 

Ich lernte fü dieser Zeit gera¬ 
de Fachverkäuferin für Auto- 
ersa tztei le und Zubehör und mußte 
jeden zweiten Monat in ein Inter¬ 
nat nach Zschopap hinter Chem¬ 
nitz. Don, btftepÄmich sf fort 
auf dep-Kipkcr und ^ntlfiie eine 
gehörige PorftqnPsyehüterior, um 
mich fö||igzümäbhen. * ■. 

ein. Wochen- ** 

ende voh dophifit' Hause gefah¬ 
ren war, - man hielt es in jenem 
Hinterwelpest echt nicht aus, - 
wurde mir in der Zwischenzeit 
mein persönliches Tagebuch aus 
dem Schrank entwendet. Da stan¬ 
den meine persönlichen Ding# 
drin, auch die Unternehmungen 
mit anderen PUNKs in BprBn. 
Anschließend wurden meine 
sexuellen Eintragungen durchs 


Jutaß die Polizei mich sprechen 
wolle. Wieder war die Angst da, 
#|i| e ich s t#dh|i|^ 
würde man mich wer weiß wie 
zum reden bringen? 

I -ch lat überrascht 'als! & den ' 
en zivilen Uermn,;dic5i 
,^b|a i| Stasi erkannte, entge¬ 
gentrat, Als ich mir meine Jacke 
aus dem Spind holte, fiel ich, bevor 
ich mitging, nocheinmal meiner 
Kollegin um den Hals. 

Man brachte mflCluf das 
’ffin&efttigte Revier Keibelstxaße, 
am Berliner Alcxanderplatz, von 
dem ich schon viel wußte. Dort 
offenbarten sich die Zivilte^als,, 
Stasi. Nun folgten Verhöre bis in 


md dtojrt 

Mai statt und die Ungewißheit 
blieb, ob» ich nicht wieder in den 
Knast müßte. Aber'Äft 
te mich auf Bewährung (1,4/2 
Jahre). Ich blieb zwar von einer 
^elerenHaftvar^fcpthätteaber 
seitdem den-MpdMn^pPÄ' 
tischen“ an mir. 

.. (Das "‘soll nur ein erster Aus¬ 
schnitt gewesen sein,..) Das wfr 

Erlebnis,/mit S,t^|f!pd 

*1% fordere, daß man den Opfern 
die Möglichkeit geben muß» selbst 
Über ihre Akten zu" b^timmeh. 


die Nacht. Immer wi^der^ersuc^ 4 111 Ich Ymde « heufe ^ 


le man mich zum Denunzieren 
meiner Kumpels zu bringen. 
Immer wieder fragte man hach 
den Blättern, wohl in der Hoff- 
nimg. auf einen Fehler von .mir, # 
f Nach Stunden cröffnete man 
mir,, daß bet"'meineit Bterh. dk 5: ; 
von alledem keine Ahnung hat¬ 
ten , eine Hausdurchsuchung statt¬ 
finde. Da bekam ich erst richtig' 
Angst vor der Zukunft. 

Nach' weiteren Stunden, ich 


mir selbst zurück. Viel, %ehr viel 
ging damals kaputt. 

Ich lege Euch noch den Text 
„Anklage“ bei, : fiir den ich damal s 


verurteilt wurde. 

Jj yon China 

• ■ ■ " ^smm 


war am Boden, führ¬ 

te man mich in eine Zelle. Dort 


war ich alleine mit meinen Ge¬ 
danken* Ängsten. Ich sehe noch 
||ute oft diese Zelle vor mir, sie 



Internat „getragen“. Die damalige # bestand nur aus einem Schemel, 
Leitcrin Mn WolinheünJRrau Sä 11 - einem harten Bett ohne Kissen. 


ler, nahm dann das Buch an sich. 
Wer sich nun alles daran betei¬ 
ligte, alles haarklcinals Sensation 
allen Mitbewohnern aufzutischen* 
kann ich heute nicht mehr mir 
Sicherheit sagen. Ich erfuhr mM 


Obwohl ich weiß, daß Erlebtes 
sich nur als reduziertes Bild vor 

Die Wände waren grau. Als man . c * em Vcrgcsscn re den kann, wi 
mich dort hineinsehob, drückte auch ich cs nicht ver-säumen, 
man mir noch eine dünne Woll- Erinnerbare aus m©iner x _ 

decke in die Hand. Die Jacke hatte ;®pH-y^:g l angcnh i eilj^es rou 
ich samt den Schuhen abgeben i? «nzu-britigen,Ichtue das m j 
roüfsfnfj Ich fror entsetzlich. Erst 

s^iBiÄsK 


Frau Sattler, daß sie das Tagebuch als ich mich alleine wälmte kauer- ^ das er ? ebe **?*$?£ 

an die doffge Polizei übergeben te ich mich zusmnmen und ließ Bl! ^ das d f r ^itätglejchL 
hätte. Lange Zeit blieb es um die- den TränenfcieiiLanf. Als heben- ^^ d ^ uch in der HoffTJung,w^^ 

ses Thema dann ruhig. an jemand klopfte, hämmerte ich l ^T gkube> das Blld w ^ 

ln Berlin hatte ich meinepr.ak- zurück wie wahnsinnig. Man miX ~ Cr ^ eit ver ^ ksscn » ^ 

tische Ausbildung in einem La- fühlte sich nicht mehr so verlas- d ^ Ub ^ cu 8^gfc»tn,daßdieZc^ 

den. In meiner damaligen Naivi- sen, verloren. An Schlaf war nicht rem ^ 1 von dem Nebel, der am 

tä^teckt^^^en (PUNK-)Text zu denken, das Licht brannte die dcm Alltäglichen aufsteigt un 


tat steckte iah den (PUNK-)Text 
in die Tii^ 4qt 'lfMljp. Au#, 
das ging.aÄ^cMe gul,.. 

AlsdtfSac|©Ms Rollftkant*' 
mußte siel zu^gcftitt ■ 

liger Chef mich weite- 

hinzu bcselÄ^en. So wurde ich 
nach einet in eine 

andere %rma. In 

den Verkäuftrium ditrftc icüten- 
ge Zeit niebt, weil man sich an 
meinen Haaren (die briw als 
halte w mm) störte. Nett, daß ich 
wenigst« di#.Arbeiten hinten im 


" '¥ ';S M 

Am Morgen holte mich ein 

' 'PcÄhu; zum „Waschen“ raus, der 
Pulten (männlich) blieb so ste¬ 
hen,. daß ©f in: die. Toilette 


iiiunMB 

wir ||i riehügen M 
' Ric|igit|p^^kfc 
letziii^llilfc^alitäL, 
der Zeit verbirgt, was 


teilt das; 

Ifoasisti 
e sich M 


ein« Einblick hatte. Da das Es- ..Vergangenheu lern«, n^ne". 
sen dort ein Fraß war und ich mich und was d,c Erfal-.mng so wicl^g 
nicht ..bätcc#»« macht. Jedenialls bin ie t 


nicht .Jcnacken lasmt .Wollte 44 , 

beschloß ich in den Hungerstreik Mcinun S' daß mein« . . 


tnetnen Haaren (die bräver als ais der Zelle geholt und von ent- 
heute w«eit} störte. Nett, daß ich * Personen abgeführt. 

wenigsten®die Arbeiten hmten im Niemand erzählte mir etwas über 
Lager tun durfte. Damals habeidi *- u«niÄiÄ*trf4»gJwiBheit : 
oftdieSchikanenkaumausgchal- war tödlich. 


(SF|/9?.S-.45^%rim<äjehkann 

aÄhnicfitdÄHa&m niff fühlen. 
dbrso5fthi40T'D»Kissionen um 
dieDDR-St^iÄSwängt.^ 
^Sh gesagt m es rrpcjh ■Wgg 
wütt n ftn „. 




ressicrt, wer wen bespitzelt, denn 
Mitläufer, Opportunisten, Spitzel 
sind ein strukturelles Problem 
Kder Konkurrenzgcsellschaft, 
dieser ebenso, wie jener, und die¬ 
ses wird sich nur mit den Lebens - 
Zusammenhängen der Gesell- 
Schaft verändern 1 ssen. Und nicht 
a lle die heute verurteilen wollen 
die Konsequenz. 

Es fällt mir bei dieser Gele¬ 
genheit ein Beispiel ein: cs Ist 
teilte in anarchistischen Kreisen 
nicht verwerflich, gleichzeitig für 
eine anarchistische Zeitschrift und 
ein bürgerliches Blatt zu schrei¬ 
ben. Aber genau diese Unacht¬ 
samkeit kann dir morgen schon 
den Vorwurf des Opportunisten 
uud Spitzels cinbringen - wen 
kümmert diese Möglichkeit? 

Ich will das Modell „DDl“ 
damit nicht entschuldigen und 
au ch nicht dessen Terror und 
Repressalien; kritisierecs nach wie 
y ormitdcr gleichen Genauigkeit, 
wie ich das Modell „BRD 1 * 
kritisiere. Und ich stelle mich nach 
wie vor gegen die herrschende 
Ideologie, daß cs sich dort um ein 
Modell gehandelt habe, während 
es s * cb hier um eine unumstö߬ 
liche Wahrheit handeln soll. 
(Übrigens: ob ich hier über Video¬ 
kamera und Zcntralcomputer per¬ 
manent latent überwacht werde, 
®dcr dort von einer Person be¬ 
spitzelt, macht fundamental kei- 
ne n Unters chi cd aus.) Auf beiden 
Seiten bin ich den Opfern der 
Hierarchie und der Herrschaft 
begegnet und halte deshalb die 
orwurfsebene und das Täter- 
Opfcr-Schem ata - reich m Senti- 
me malitäten-nichtfcme ange- 
messene Ausemandersetzung* 

estenfallshatdicserUmgangmlt 
der Vergangenheit einen Unter- 
a hungswcrt für jene, die es nicht 
miterlebt haben. Damit soll kei¬ 
nesfalls gesagt sek, daß die Titer 
einen Freifahrtschein eithalten 
s°Hen, sondern lediglich »gedeu¬ 
tet werden, daß es bei einer Aus¬ 
einandersetzung mit Vergangen¬ 
heit darum gehör muß, ein Be¬ 
wußtsein überdas Vergangene zu 
erlangen und, daß dieses eine 
Wanderung auf äußerst schmalen 
u nd steinigen Grat, zwischen indi- 
v iduel 1er Verantwortung und 
gesellschaftlicher Umstände ist. 

Das Leben in der DDR war 
ein recht einfaches. Nach dem 
Motto „wir erziehen unsere Fein¬ 
de wurde auch icli bereits in der 
Schule y.um „Klassenfeind** ausge- 
bildei. Mit der Lehre der Dialek¬ 
tik wurde uns sehr früh die Fähig¬ 
keit vermittelt, eine Gesellschaft 
Zu kritisieren und dabei ist immer 
die dran, in der man/fr au gerade 
lebt. Dabei hatten wir es einfacher, 


als die Kritiker im Westen, weil in 
der DDR meistens gerade das 
zutraf, wafs sie selbst an 
‘ffllisicrten. Ich gehöre .zu der 
unseligj^l-fieneration, die weder 
den Kreclit ■ dm jungen Anti¬ 
faschisten, noch den des Nach¬ 
kriegskindes genoß. Quasi gleich¬ 
zeitig zu früh und zu spät geboren, 
Waren wir von der einen Bewe- 
, gktg.Äuoch der'Abgesang, bei 
te ^il^lpt^^schon nur noch 

einem politischen Bewußtsein 
gelangtCjÄÄa die Hoffnungen 
des Honecker-Regimes geradeam 
aüsklin|en.D|c Panzer, denen ich 
wenige zuvor noch mit 

Papierfähnchen winkte, waren aus 
■ dm C§SR zurückgekehn, es war 
Ruhe eingezogen: 
\ Ä&iSl^riedensbewegiingen. 
^fllälÄfl^dein Kindhcitstrau- 
ma heraus setzten wir uns gegen 
den Verkauf von Kriegsspielzeug 
ein, kauftet' VfJd>rannten, 
gründeten eke kieke Arbeits¬ 
gruppe, schrieben Plakate mit der 
Hand und stellten bald fest, daß 
eher noch als gie Stasi der ge¬ 
meine Bürger sich darüber em¬ 
pörte und die Plakate von den 
Wänden ril,wcil sie seinen Ord¬ 
nungsdrang empfindlich starten. 
Die Gesellschaft entlarvte sich für 
uns als k sich widersprüchlich, 
was unsder Staaisbürgeruntenrieht 
täglich bestätigte, weil dort die 
ständige Fortentwicklung des 
Kriegsspielzeugs in der B RD z.B 
als typisch für imperialistische 
Erziehung denunziert worden war. 
Um so stärker wir begannen, uns 
mit dem kneren Widerspruch 

(damals noch stark schul bezogen) 
au.sekanderzusetzen, um so 
heftigerwurdendieRepressionen. 

Alles, 1, fitzte sich %% und. ich trat 
aus t|pait meine erste 
bewÄ pcütisitc Entscheidung, 
klein, aber mit erheblichen Fol¬ 
gen die Zukunft, 

if&n da an war vieles defi¬ 
niert, z.B. S tudium unmöglich und 
Reisen noch erschwerter. Viel¬ 
leicht war von da an bereits die 
Stasi mek täglicher Begleiter - 
ich hatte es nicht gemerkt. (Spater 
jedenfalls wußte die Stasi mehr 
übermeine Vergangenheit als ich.) 
Übrigens war für uns das Nicht- 
studieren durchaus noch eine 
bewußte Entscheidung, weil klar 
war, daß wir an den Universitäten 
weiter „mitlaufen“ hätten müssen, 
als es unsere politische Gesinnung 
zuließ. Wir gingen also in die Be¬ 
triebe, erlernten einen Beruf und 
arbeiteten. Es gab auch dort immer 
wieder interessante Diskussionen, 
letztlich vielleicht intensivere als 
in den Hochschulen, - ich weiß es 
nicht. 


Trotz Arbeit verreisten wir 
mehr als dem Staat lieb war, tra¬ 
fen andCr&euj^ aus verschiede-"', 
nen Städten bei Konzerten oder 
dubiosen^olksfesten wie dem 
Pfcffcrbcrgfcst in Schmölln, be- 
suchten uns gegenseitig (häufiger 
als es der Westen kennt) und es 
kam auch zu Diskussionsrunden, 


Pfefferbergfest in Schmölln, be- den großen 
suchten uns gegenseitig (häufiger ^ülemlffiz, | 
als es der Westen kennt) und es sch wunden \ 

kam auch zu Diskussionsrunden, auf die späte 

die mehr oder minder kontinuier- eingehen). 

lieh stattfandeii Sie waren nichte Natürlich, dazwischen lagen 
bedeutend, und\er||Äprteh nicht immer wieder die Festnahmen, dfiS % 

mehr, als unser Bewußtsein (und ich heute noch als quälend und 
wie wichtig das war, habe ich erst repressiv empfinde. Und es 
viele Jahre später im Westen auch immer wieder den Kontakt 
begriffen). Weil meine Genera- gnitder Stasi, der die verschieden- 
non sich oft an der älteren Genera- sten Formen annahm. EkeKriegp* 

tion orientierte, gehörte ich auch dienstverweigerung bei meiitef 1 
zu jenen Leuten, die das Modell ersten Musterung brachteJpilh m 

„Sozialismus“ nicht ablehnten, die paradox anmutende Wmm§gh t 

wohl aber den marxistisch-leni- daß die Staatssicherheit einige Zeit 

nistischen Herrschaftsanspruch. später öfters um meine Hanri 4af T 
Wir verstanden die DDRals staats- kdem sie mich zuekem „spÄel- 
kapitalisüschund^rifariMn%. ■ ■ len Kriminalisdkstudium** einlud. 
cignung als gute Basis für eine Ich konnte diesem Angebot da¬ 
neue Gesellschaft. Unsere Hai- ntels durchaus widerstehen, bk . 
tung war damals sehr klar: dem mir aberheute nicht mehr so sicher, 

Volk endlich das Volkseigentum ob es richtig war (aber die Diskus¬ 
in Selbstverwaltung geben und den sicm.um den „Gang durch pgjtrif 

Staatsapparat abschaffen. Diese Institutionen“ gab es k der DDR 
Vorstellung,heute ks undenkbare nicht). Aber es hatte nicht immer 
gerückt, erschien in den7ü|rJah^ alles gleich Folgen. MekLehr- 
ren noch' als durchäli^ftefB^ meister konnte aisprivater Klemp- 
(jedenMls mit ein wenig Idea- nermeister es sich durchaus lei- 
lismus) und wir fühlten uns im- sten zwei Stasileute, die kämen, 

mer von Leuten wie Biermann um mich abzuwerben, aus der 

und Wegner etc. bestärkt. Wir Finna hinauszuwerfen, ohne daß 

kritisierten nicht die DDR aus difs Folgen hatte. Schließlichgmg 

bürgerlich-westlicherPerspektive^ auch bei den Stasibeamten mal 

sondern mit Marx iind sannen in ein Wasserhahn kaput|^^ Ä io 
kleinen Gesprächskreisen eher schlicht ist manchmal <fi#Reaii- *• 
über die Wege von hier (der DDR) tat. Es mag alles auch ganz andere 


verstanden worden waren. Ich 
erinnere m ich z.B. an Pulsnitz, wo 

f r ktensiVjjj^ 

mdbegriffe in kleinen Arbeits- 
ppen diskutiert wurden und an 


Natürlich, dazwischen lagen 
immer wieder die Festnahmen, die 


aus zum Sozialismus, ß ehabt haben * doch ich .1 

die BRD recht wenig intcr&ifrte. b 4te es für mühsam, stfl^is * 
Natürlich traf ich auch hin und rinden zu wollen, 
wieder auf einen Bundi und % | ^herist, daß langfristig gear- * 

den seltenen Westwag^^^^^^^twurde und strategisdfcwohl' 
aber es entgkg uns auch schdiP IlifSegt. Ich halte' die Staats- 
damals nicht eke gewisse Distanz Sicherheit durchaus für einen 
der Bundis uns und unseren Apparat, k dem jeder bewußt 
Vorstellungen gegenüber. Aber gehandelt, und daher auch eine ^ 
schließlich konnten wirunsliifeete Verantwortung gegenüber seinem 
Bekanntschaftenmit Wessis auch Handeln gehabt hat. v ^ 
nicht aussuchen. Trotzallem haben wir gelebt. 

Am Ende der 7Ger Jahre öff- Was es zu kaufen gab oder nicht, 
nete die evangelische Kirche ihre hatmich zu jenerZeit nicht iriteres- 
Pforten. Wir wußten nicht warum siert und ohne Konsum iriteressen 
sieestaLabernutzendteÖMtegp^, hatte ich genug Geld um zul^n, r 
heit um zu größeren Treffen zu- und es war bei weitem nicht so, 
sammenzukommen. Das Kirchen- daß man/frau in der DDR perma¬ 
treffen k Rudolstadt wurde ein nent in Angst vor der Stesilitt/ 
Forum von ca. 2000 jungen ihr Dasek fristete. Es die 
ten mit vielen HoÄungen, Es Angst, aber man/fr au gewöhntsi% 
waren vier Tage kteasiver Angst, schneller als an den. 

kussionen, kultureller Pamphlete Mängel - wie die Geschichte 
und dem Gefühl der Freiheit. Es bewies. 

waren zu dieser Zeit die Gläubi- Natürlich hatte auch teer 
gen noch m der Mkderheit bei Widerstand gegen das System 
ihieneigenenVeranstaltungen. Es DDR seken Preis. Ich gehörte 
gab k der Folge zahlreiche we§- auch zu jenen Leuten, die es rieh- 


waren zu dieser Zeit die Gläubi¬ 
gen noch m der Mkderheit bei 
ihren eigenen Veranstaltungen. Es 
gab k der Folge zahlreiche wei¬ 


tere Treffen auch kleineren Stäs, tig fanden, k konkrete Auseinan- 


die alte nicht von religiösen The¬ 
men dominiert waren, sondern ehr 
als Orte der Auseinandersetzung 


dersetzung mit dem Apparat, d.h. 
mit der Stasi zu treten, was mich 
veranlaßte, Diskussionsergebnisse 




zu formulieren und diese der Stasi 
als unsere Haltung zu übermit¬ 
teln. Es gab für uns keine Öffent¬ 
lichkeit, sondern den konkret 
faßbaren Feind, an den sich die 
Kritik rieh ten mußte, oder ich hätte 
keine üben müssen. Ich bezweifle 
heute, ob diese Strategie wirklich 
gut war, aber damals erschien die¬ 
se als einzige Möglichkeit für mich 
(und ich wollte nicht den speku¬ 
lativen Weg der Alexanderplatz- 
ankettung gehen), meine politi¬ 
sche Haltung an den Tag zu legen, 
quasi öffentlich zu machen. 
Gemeint war immer der Diskurs. 
Wie man dazu kommen sollte, 
hatte jeder/jede scine/ihre eige¬ 
nen Vorstellungen, je nachdem, 
was er/sie für sich verantworten 
wollte. 

Daß der offensive Weg zur 
Stasi eine Sackgasse war, bekam 
ich wenig später im „Zuchthaus 
Brandenburg“ zu spüren, wo mir 
schnell klar wurde, daß dort die 
Auseinandersetzung mit dem 
Modell „DDR“ zu Ende ist, weil 
kein Weg mehr zurückführte. Den¬ 
noch erinnere ich mich an einige 
Diskussionen in der U-Haft der 
Staatssicherheit in Frankfurt/Oder 
mit dem sogenannten Vemchmer 
und bin heute noch verwundert 
darüber, wie oft wir in unseren 
Vorstellungen von Gesellschaft 
übereinstimmten. Doch es schei¬ 
terte immer wieder an der Macht 
und dem Slaatsdenken. Und viel¬ 
leicht an der Differenz, daß ich es 
ernst meinte und cs für ihn nur ein 
Job war. 

Aber wir sollten bei der gan¬ 
zen Diskussion um die Slasi nicht 
vergessen, daß die Erlebniswelt 
des/der einen niemals die des/der 
anderen sein, und daß Erlebnis nie 
ein geholt werden kann. Es taugt 
lediglich, um Bewußtsein zu 
schaffen und Denkprozesse hin¬ 
sichtlich der gegenwärtigen Situa¬ 
tion und dem politischen Umgang 
mit ihr auszulüsen. Die gesell¬ 
schaftlichen Fragen stellen sich 
täglich neu und müssen täglich 
neu bearbeitet und kritisiert wer¬ 
den. Vergangenes bleibt immer 
nur fragmentarisches B ild mit Un¬ 
scharfen und groben Rastern. 


Konglomerat von Halbwahrhei- 
ten vor, die auch die cingestreuten 
Wahrheiten in ein schiefes Licht 
rücken. 

Die Methode, der er sich dabei 
bedient, würden einer amtlichen 
Desinformation alle Ehre machen. 
Ein paar Punkte seien aus dem 
verwirrenden Wortschwall 
herausgegriffen. Überzeugend 
wirken seine Darlegungen über 
die propagandistische Vorberei¬ 
tung der öffentlichen Meinung in 
Amerika, die ein Eingreifen in 
den 1.Weltkrieg psychologisch 
ermöglichte, obwohl er sich schon 
hier eines der damaligen Weltlage 
nicht gerechtwerdenden Simplis¬ 
mus bedient. Der unklare Begriff 
eines künstlich erzeugten „Feind¬ 
bildes“, der dem demokratischen 
Bewußtsein eines Volkes wenig 
Ehre macht, wird dann völlig 
undifferenziert bis zur Gegenwart 
durchgezogen. In seiner Rück¬ 
schau überspringt Chomsky den 
2.Weltkrieg, als ob er nicht ge¬ 
wesen wäre. Das ist kein Zufall, 
denn was im Zusammenhang mit 
dem 1.Weltkrieg noch einiger¬ 
maßen plausibel klingt, wäre im 
Zusammenhang mit dem zweiten 
etwas schwieriger zu begründen. 
Wie soll man einer libertären 
Leserschaf tplausibel machen, daß 
Hitler und Konsorten, die damals 
die Freiheit der Welt bedrohten, 
in Wirklichkeit nur in den Köpfen 
von Roosevelt und Churchill ent¬ 
standene „Feindbilder“ gewesen 
sind? 

Mit einem Sprung geht er - 
über den Koreakrieg hinweg-zum 
Vietnamkrieg über. Dabei macht 
er sich eines unstatthaften Ver¬ 
gleichs schuldig. Wer am Viet¬ 
namkrieg die Schuld trug, ist eine 
komplexe Frage, die mit den be¬ 
kannten Slogans nicht beantwor¬ 
tet ist. Unbestreitbar ist, daß es 
sich um einen vom Norden begon¬ 
nenen Bürgerkrieg handelte, der 
in Folge der russisch-chinesischen 
Intervention auf der einen Seite 
und der amerikanischen auf der 
anderen Seite internationale Aus¬ 
maße annahm. Die militärischen 
und zivilen Opfer dieses Massen¬ 
morden waren Kriegsopfer, wie 


, überhaupt nichts zu tun hatte. 
Beeinflußt hat die Judenverfol¬ 
gung die Kriegsführung nur inso¬ 
fern als sie diese sowohl psycho¬ 
logisch als auch militärisch be¬ 
hinderte. Gewollt oder ungewollt 
steht Chomskys Vergleich im 
Einklang mi t der Bagatelüsienmg 
des Holocaust, wie sie heute in 
Kreisen der extremen Rechten 
betrieben wird. 

So wie er Hitler unterschlägt, 
so unterschlägt Chomsky auch 
Stalin und dessen Nachfolger, die 
nach 1945 immerhin halb Europa 
besetzten und ohne militärische 
Bereitschaft der Wcstalliiertcn 
ohne allen Zweifel bis zum Atlan¬ 
tischen Ozean weitennarschieit 
wären. Die „Russen“ waren für 
diesen Friedensfreund lediglich 
ein von amerikanischen Präsiden¬ 
ten erfundenes „Feindbild“ So 
einfach ist es für ihn mit dem 
Frieden. 

Ebenso verhält es sich mit den 
internationalen Terroristen und der 
Mafia der Drogenhändler, die es 
anscheinend nach Chomskys 
Dafürhalten gar nicht gibt. 

Um die Bevölkerung zu veräng¬ 
stigen wurde dann Saddam Hus¬ 
sein erfunden, wobei dem Westen 
zu recht vorgehaltcn wird, dessen 
Aufrüstung wirtschaftlich und 
politisch ermöglicht zu haben. 
Unlogisch ist dann aber wieder, 
die Meinung zu erwecken, dieser 
„Welteroherer“ habe in Wirklich¬ 
keit nur als ein von Herrn Bush 
benötigtes „Feindbild“ existiert. 
Paßt die Doktrin nicht in d ie Wirk- 
lichkeit, so muß die Wirklichkeit 
eben der Doktrin angepaßt wer¬ 
den. 

Kann man Chomsky bei all 
diesen Vereinfachungen noch 
einen ehrlichen Willen, der Wahr¬ 
heit und mit ihr dem Frieden zu 
dienen, zubilligcn, so wird dies 
beim letzten Punkt, den ich her¬ 
ausgreifen will, schon schwieriger. 

Zur Person von Armando Valla¬ 
dares, der 22 Jahre in Castros 
Gefängnissen verbracht hat und 
mit seinen Mitgefangenen den 
unmenschlichsten Folterungen 
standhielt, will Chomsky keine 
Fragen stellen. So drückt man sich 


, namhafter Antifaschis ten, Zeugen 
aus allen weltanschaulichen La¬ 
gern, unter ihnen dissidente | 

Kommunisten und demokratische I 
ehemalige Mitkämpfer Fidel] 
Castros gegen die Diktatur Balis- ! 
tas nach langen Gefängnisstrafen 
in Castros Kerkern über 
unmenschliche Folterungen 
berichteten, deren Narben sie zum 
Teil vorzeigen konnten? 1 

Wci ß Herr Chomsky nicht, oder 
will er nicht wissen, daß sich in 
Kuba trotz der Wende im Osten 
bis heute nichts geändert hat? Weiß 
er nicht, oder will er nicht wissen, 
daß Castro immer noch Gefan¬ 
gene foltert, die sich weigern, sich 
seinem „Umerziehungspro¬ 
gramm“ zu unterziehen, indem er 
sie in sogenannte tapiados, d.h. 
im Halbdunkel abgeschirmte Zel- j 
len, in denen man Nacht von Tag 
nicht unterscheiden kann, ohne 
hygienische Einrichtung, ohne 
ärztliche Betreuung unter latenter 
Folter- undTociesdrohung dahin- 
vegeticren läßt? Weiß er nicht, 
oder will er nicht wissen, daß 
tausende von politisch verdäch¬ 
tigen oder „asozialen“ Frauen, 
Männer und Kinder inZwangsar- 
bciislagemd.ainitteschäfligtsind, | 
der danieder lieg en den kuba¬ 
nischen Wirtschaft auf die Beine 
zu hei fen, daß d ie Todesstrafe auf 
der Tagesordnung ist? 

Soll tc Herr Chomsky so unwis¬ 
send oder so naiv sein, dies alles 
für „reaktionäre“ Greuelpropa¬ 
ganda zu halten, so rate ich ihm, 
sich bei den gewiß unverdäch¬ 
tigen kubanischen Lihertarios im ! 
Exil zu informieren (Movimento 
libertär io Cubano en et exilo, 

P O Box 350241 , Rivers ide, Sta¬ 
tion Miami). Von jemandem, der 
gegen Desinformation zu Felde 
zieht, sollte man erwarten kön¬ 
nen, daß er einer ihm unangeneh¬ 
men Information nicht aus dem 
Wege geht. 

Mil einer Auflistung verstaub¬ 
ter „linker“ Klischees ist der 
Wahrheit und letztlich auch dem , 
Frieden nicht gedient. 

//einer Koechtin, Basel 


Frank Schumann, Hamburg 

btr. SF-41: 
Chomsky 
-Desinformation 

Unter dem Titel „Desinformation 
und Golfkrieg“ behandelt Noam 
Chomsky ein Thema, das eine 
ernste sozialpsychologische 
Untersuchung erfordern würde. 
S tattdessen setzt uns Chomsky ein 


sie jeder mit modernen Mitteln aus > wenn man jemanden in ein 
geführte Krieg fordert. Warum zweifelhaftes Licht rücken will, 
schweigt Chomsky von den alliier- °bne anscheinend etwas gesagt zu 
ten Bombenteppichen in Deutsch- labern „Es mag“ so meint er „alles 
land und den Opfern, welche z.B. Wabr sein“. Doch handle es sich 
die Zerstörungen Hamburgs, hier um den Bericht eines einzel- 
Münchens, Berlins und Leipzigs ncn --- 

forderten? Weiß HcrrChomsky nicht oder 

Dagegen waren die Juden und er nicht wissen, daß es eine 
Zigeuner, die im Holocaust unter- umfangreiche Literaturgibt, Inder 
gingen, keine Kriegsopfer. Hier Angaben von Valladarcs von 
handelt es sich um einen ideolo- ehemaligen Leidensgenossen 
gischen Rassenhaß, der mit der bcstäti gtwerden,daßinzweiinlcr- 
KnegsfüJhrung der Achsenmächte na honalen Hearings in Kopen¬ 
hagen und in Paris in Gegenwart 








» ■ 'V. ■■ . ■ 




jtPaulLafargue: 

Die Religion des Kapitals 

hrsg. von Frilz Keller und Kurt Lhotzky. 
Vor 100 Jahren entstand dieser (satirische) 
Text. Lafargues Ausgangspunkt ist ein 
fiktiver „Londoner Kongreß“, bei dem 
sich Kapitalisten, Philosophen, 
Sprachwissenschaftler, Priester aller 
Konfessionen und mehr oder minder 
dubiose Halb- und Unterweltsgeschäfte- 
maeher treffen, um eine neue Strategie zu 
entwickeln, wie man durch Religion die 
unzufriedene Bevölkerung ruhigstellen 
kann. Die neue Konfession fordert schlie߬ 
lich die Anbetung des Kapitals: »Ich glau¬ 
be an das Kapital, den Beherrscher der 
Körper und der Geister. Ich glaube an den 
Profit, seinen eingeborenen Sohn, und an 
den kredit, den heiligen Geist, der von 
ihm ausgeht und in ihm angebetet wird.« 
100 Jahre alt?? 


ir Johann Most: Dokumente 
einer sozialdemokratischen 
Agitators 


Artikel Mosts aus der Zeit vor den 
Sozialistengesetzen. In einem ausführ¬ 
lichen Vorwort verdeutlicht der Heraus¬ 
geber den Bruch Mosts mit der Sozial¬ 
demokratie, indem er nach weist, daß Most 
anfangs kaum Berührungspunkte mit 
anarchistischen Vorstellungen aufwies. 
Bezug: Trotzdem-Veriag, PF 1159, 7043 
Grafenau-! Je Band ca 220 5. , 22.-DM, 
Bd. 1-4 zus. SO.-DM 













& Fiesta Colonialista 
Das von einer Kölner Redaktionsgruppe 
herausgegebene Buch handelt vor allem 
von der EXPO 1992 in Sevilla und den 
Auseinandersetzungen während der Er¬ 
öffnung dieser Ausstellung. Sic stellen 
diesen Themenkomptex in den Kontext 
der 500-Jahr-Feicm und den Bemühun¬ 
gen der spanischen Regierung Anschluß 
an die EG vor allem an Frankreich und 
Deutschland zu bekommen. 1992 ist für 
Spanien ein Jahr der Repräsentationen: 
die EXPO in Sevilla, die Olympiade in 
Barcelona, das 500-jährige Jubiläum der 
Entdeckung Amerikas, jede dieser Gele¬ 
genheiten wird genutzt der Welt und vor 
allem Europa zu zeigen, daß Spanien ein 
wesentlicher Bestandteil der modernen 
zivilisierten Welt ist. Der Modcmitäts- 
begriff ist ein technologischer: schnelle 
Eisenbahn, von Glas und Stahl geprägte 
Architektur und glasfaserige Informa¬ 
tionssysteme. Alles glitzert und glänzt 
und die demokratischen Vorstellungen 
ähneln dcrbajuwarischen Freikorpsmcn- 
talität. 

In den Artikeln (darunter der von 
Tommy Hohnerausdem letzten SF) tau¬ 
chen viele Aspekte eines zukünftig verein¬ 
ten und gegenüber der Welt verantwort¬ 
lichen Europas auf. Einige sind bekannt 
aus der „neuen Welt“. Zum Beispiel die 
Äußerungen des deutschen Vizckonsuls 
Lippzu den Beschwerden der inhaftierten 
Deutschen über die unerträglichen Zu¬ 
stände in den spanischen Gefängnissen: 
„Die Spanier haben eben nicht das rich¬ 
tige multikulturelle Verständnis. Auf 
meiner letzten Schiffahrt zu den Kanaren 
war das Essen auch ungenießbar. " Ein 
würdiger Vertreter einer Weltmacht. Das 
Desinteresse offizieller deutscher Behör¬ 
den Angehörigen und Bekannten Aus¬ 
kunft über das Schicksal der Inhaftierten 
zu geben war mehr als penetrant. 

Die Auseinandersetzungen mit den 
verschiedenen Aspekten sind auch Refle¬ 
xionen über das entstehende „europäische 
Sclbstbewußtsein“ für das cs selbstver¬ 
ständlich ist, daßdie zusammengeraubten 
Kulturgüter Eigentum der Europäer sind. 
Einem multikulturellen Verständnis wie 
es Uwe Hartwig in dem Artikel „Visit our 
Gift Shop“, einem Rundgang durch das 
EXPO-Gelände, auf den Punkt bringt: 
„Ein Tag für Afrika und ein Tag für Sie¬ 
mens. " 

Diesen einen Tag versuchen die Dritt- 
Welt-Länder zu nutzen um ihre Touris¬ 
musindustrie zu fördern, sie stellen sich 
als bereisenswerte Landschaften dar, die 
den Europäern zumindest Exotik a la 
Bacardi versprechen. Das Elend dieser 
Welt spiegelt sich im Reichtum wieder. 

Die wenigen, die gegen diese Unerträg¬ 
lichkeit opponierten, wurden verhaftet, 
geknüppelt - weil sie das schöne Fest 


störten, allein durch ihre Anwesenheit v o 
r den Toren. Es bewahrheitet sich der 

Spruchjc sauberer die Fassaden sind desto 

fauler ist das Innenleben. Glitzer, glitzer 
fi es ta colonialista. 

Warum „künstlich aufregen“ fragten 
einige Kritikerinnen, wo doch auch nach 
500 Jahren Kolonialismus immer noch 
täglich Tausende in aller Welt verhun¬ 
gern, gefoltert und ermordet werden. - 
Dann fahrt doch mit dem Schirf auf die 
Kanaren und beschwert euch übers Essen. 
Zu Erwähnen bleibt noch, daß die Über¬ 
schüsse dieses Buches für die Anwalts¬ 
und Prozeßkosten verwandt werden. 


Bezug: ISP-Verlag, PF 111017, 6000 
Frankfurt 



* Heinrich Nuhn: 
August Spies. 

Ein hessischer Sozialrevolutionär in 
Amerika. Opfer der Tragödie auf dem 
Chicagoer Haymarket 1886/87. August 
Spies, geb. 1855 in Fricdcwald (Hessen), 
1872 nach Amerika ausgewandert und in 
Chicago zum Redakteur der anarchi¬ 
stischen Chicagoer Arbeiter-Zeitung 
avanciert, wurde zusammen mit anderen 
für den Bombenwurf am Haymarket ver¬ 
antwortlich erklärt und hingcrichtct. In 
diesem staatlichen fehlurieil steckte mehr 
als ein Justizirrtum. Es entsprach der Hatz 
gegen Linke und den Vorurteilen gegen 
Einwanderer. Folgerichüg schreibt der 
Völkerkundler Peter Assion : „Was aber 
die Vorgänge betrifft, denen Spies zum 
Opfer fiel, so sollten wir auch diese mit 
nicht zu großer Gelassenheit betrachten. 
Indem heute Einwanderer und Asylanten 
ihr Amerika bei uns suchen, zeigen uns 

Fremdenfeindlichkeil und Lynch-Mcnta- 

iität ihr erschreckend aktuelles Gesicht. 
Wir sind gezwungen, daraufzu reagieren, 
und die Geschichte kann dabei helfen, 
indem sie uns das Exempel Chicago 1886 / 
7 überliefert und warnt, über Mitmensch¬ 
lichkeit und Vernunft emotionale Auf¬ 


wallungen und Massenhysterie siegen zu 
lassen.“ 

Nuhn hatdasLeben von AugustSpiei und 
den Prozeß ausführlich dargestellt.! Das 
Buch enthält auf über 220 Seiten zahl¬ 
reiche Illustrationen, die ein sehr leben¬ 
diges Bild jener Zieit vermitteln. 

Bezug: Verlag Jenior & Pressler, Kassel 
1992.20.-DM ! 

★ In der Reihe Materialien für einen 
neuen Antiimperiaiismus j hat 
Franck Düvell die Nr.3 verfaßt. Titel: 
„England - Krise, Rassismus, 
Widerstand''. Beschrieben werden die 
Mechanismen mit der der Thatcherismus 
den „Sozialstaat“ untergrub und die 
sozialen Kämpfe, die dieser Politik etwas 
entgegensetzten. 

Bezug: Verlag Schwarze Risse/Rotc 
Straße, c/o Buchladcn Gmbh, Gncisc- 
naustr.2,1000 Bcrlin-61,198 S., 18.-DM 

, i 

★ In der Reihe Thekla haben die Leute 

um die wildcat das Buch von Marco 
Reveili , Schichtwechsel. Fiat und die 
Arbeiter(innen) - die Immigration - der 
Heiße Herbst - der Waffenstillstand -} die 
35 Tage" herausgebracht. Eine ausführ¬ 
lichere Rezension behalten wir uns vor. 
Bezug: Sisina, PF 360527,1000 Berlin- 
36; 160 S., 8.-DM \ 

~k Ebenfalls mit Italien, genauer miticm 
italienischen Verleger Fcllrinclli beschäf¬ 
tigt sich eine neue Veröffentlichung 
Nanni Balestrinis: Der Verleger. 
„An einem Wochenende in den Bergen 
diskutieren ein junger Regisseur, ein 
Buchhändler, ein Universitätsprofessor 
und eine Journalistin den möglichen 
Rahmen eines Films. Er soll in den Tagen 
spielen, als unter einem Strommast in 'der 
Umgebung Mailands ein zerfetzter Körper 
aufgefunden und aufsehenerregender¬ 
weise als der bekannte Verleger iden¬ 
tifiziertwurde." 

Bezug: Libertäre Association,Lindenallee 
72,2000 Hamburg-20; 164 S. 

★ Zum Thema „die andere Arbciterltc- 
wegung“ wurde der ältere Titel Berg- 
mann/Janssen/Klein (Hrsg.): 
Autonomie im Arbeiterkampf. 
Beiträge zum Kampf gegen die 
Fabrikgesellsehaft (Trikont/Asso- 
ciation) „entstaubt“. U.a. enthält er Kärl- 
Hcinz Roths Überlegungen zum Ver¬ 
hältnis von Facharbeitern van tgarden und 
Masscnarbcitcm und seine Rezension zur 
IWW. 

Bezug: Trotzdem-Verlag, PF 1159,7043 
Grafenau-1 (oder allen Anares-Gruppen) 
(ehemals 18.- reduziert auf 10.-DM). \ 












v In bester Gesellschaft. 
Antifa-Recherche zwischen 
Konservatismus und 
Neo-Faschismus. 

^8* v. Raimund Hcihcy und Pcicr Kratz. 
rauncTönc in der Siemens-Stiftung,dpr 
umbolduGcsclIschaft oder der 
c utschcn Liga für das Kind. BrauncTönc 
der New Agc Bewegung oder dem 
Okkultismus. Das Buch geht dem 
lnic llckiucllcn Faschismus nach, der in 
sc hr viel stärkerem Maße verankert ist,als 
Cs die Morde rechtsradikaler Schlä- 
SCrtrupps (zuletzt in Stuttgart-Ostfildern 
an ^ crn Gastarbeiter Sadri Berisha aus 
dem Kosovo) befürchten lassen. Vorwort: 
Klaus Croissant. 

Be2u 8: Verlag die Werkstatt, Lc>tzestr.24a, 
J40 ° Göttingen, 300 S„ 28.-DM. 

* Basta! Frauen gegen 
Kolonialismus. 

n dem Sammclband schreiben india¬ 
nische und schwarze Frauen über ihre 
Cul igc Situation. Es geht um die 
Mehrfache Unterdrückung und um 
Or 8anisatorischc Perspektiven, um den 
c ürozcntrischcn Blick und Überlegungen 
Zu einem feministischen Internatio¬ 
nalismus. (Eine ausführliche Rezension 
galten wir uns vor). 

Czu &: Edition ID-Archiv, Schlicrnann- 
slr -23, 0-1058 Berlin. 320 8., 28.-DM 

Ulrike Heider: 

Die Narren der Freiheit. 
Anarchisten in den USA 
heute 

Vorwort von Paul Parin 
Berlin: Karin Kramer- 
Verlag 1992 

Rezension von Heinz Hug 

Über den heutigen Anarchismus in den 
bereinigten Staaten wüßten die Europäer¬ 
innen nurunz.urcichcnd Bescheid, schreibt 

Ülrikc Heider in ihrem kürzlich erschie¬ 
nenen Buch “Die Narren der Freiheit - 
Anarchisten in den USA heute”. Um dem 
abzuhclfcn, hat sic sich ausgiebig mit 
dieser Materie beschäftigt. 

In ihrem Buch informiert sic über drei 
anarchistische Strömungen, welche von 
den sechziger Jahren bis in dieGcgcnwart 
^irksam waren: Anarchosozialismus, 
Ökoanarchismus und Anarchokapilalis- 
mus. Die erste läßt sich eindeutig auf zwei 

Persönlichkeiten fcstlcgcn, auf den 1990 
''erstorbenen Sam Dolgoff und auf den 
v or allem als Sprachwisscnschaftcr und 
Kritiker amerikanischer Außenpolitik 


bekannten Noam Chomsky. Weniger 
übersichtlich stellt sich der Ökoanarchis¬ 
mus dar: Zwar stehen Murray Bookchin 
sowie Janct Biehl im Mittelpunkt, doch 
im Laufe der Zeit entwickelten sich ver¬ 
schiedene Abspaltungen, die von “linken 
Grünen” bis zu “Ökofaschisten” reichen. 
Als schr weitläufig erweist sich das Feld 
der Anarchokapitalistcn: Auch hier be¬ 
faßt sich Heider vor allem mit einem 
Vertreter, mit Murray Rothbard; doch zu 
Wort kommen auch Anne Wortham, Jim 
Pcron, Samuel Edward Konkin III., Shc- 
ron Presley u.a. 

Grundlage für die Ausbreitung des 
Materials bilden einerseits Publikationen, 
andrerseits eine Reihe von Interviews, 
welche die Autorin geführt hat. In der 

Einleitung heißt cs: “Da die Begegnungen 

... schr anregend waren, sollen sic dem 
Leser nicht vorcnthaltcn werden. Einige 
Kapitel sind deshalb mehr erzählerisch 
als analytisch geraten.” (S. 17) 

“Erzählerisch” erscheint vor allem der 
dritte Teil. Hier kommen die “Liber- 
tarians” ausführlich zu Wort. So entsteht 
ein vielfältiges Bild von den theoretischen 
Grundlagen dieser kruden “anarchi¬ 
stischen” Strömung, bis hin zu ihrer 
Annäherung an die amerikanischen “Al¬ 
ten Rechten” bzw. “Palcokonscrvativcs” 

Anarchosyndikalismus und Ökoanar¬ 
chismus hingegen werden von Ulrike 

Hcidcrgrößtcntcilsglcichzcitigdargcstclll 

und analysiert. Zum einen hat dies den 
Nachteil, daß sie die Vertreter dieser 
Richtungen nirgendwo längere Gedanken¬ 
gänge vorstcllcn läßt. Aus den Schriften 
greift sic oft nur Fragmente heraus, aus 

den Interviews zitiert sic kaum je mehr als 

einen halben Sau. Dabei wären gerade 
Ausschnitte aus den Gesprächen auf¬ 
schlußreich, nicht zuletzt weil die Fragen 
auch den Standpunkt der Intcrvicwcrin 
zeigen würden. Den Leserinnen wäre bei 
einem ausführlichen Zu-Wort-kommcn- 
Lasscn der Anarchistinnen die Gelegen¬ 
heit geboten, sich selber ein Urteil zu 
bilden. 

Problematischer allerdings erscheint 
mir, was die Autorin unter Analyse ver¬ 
steht. In der Einleitung findet sich dazu 
der folgende Satz: “Eine Analyse der drei 
genannten { Anarchismen lohntsichüber 
die Frage nach deren Unterschieden und 
Parallelen hinaus auch, um zu klären, was 
politisch rechts und links ist. (S. 15) 
Abgesehen von der Darstellung von 
“Unterschieden und Parallelen”, welche 
die Bedeutung des derzeitigen Anarchis¬ 
mus in den USA kaum zu erhellen ver¬ 
mag, gerät diese “Analyse denn auch 
über große Strecken hinweg zu einem 
Etikcttcnklcbcn und Stammbaumschrci- 
bcn. Aus dem Fundus an Schubladisic- 
rungen bedient sich die Autorin haupt¬ 
sächlich der Gegensatzpaare links-rechts, 


bürgerlich - unbürgerlich, progressiv - 
konservativ bzw. reaktionär. Und nirgends 
findet sich eine Definition dieser Etiket¬ 
ten, die umso nötiger wären, als es sich 
dabei um Begriffe aus der bürgerlich- 
industrieflen Welt bzw. aus dem gleich¬ 
zeitig dazu entstandenen Sozialismus 
handelt, die aufgrund der sozio-ökono- 
mischen Veränderungen zunehmend ih¬ 
ren Inhalt verlieren. 

Abgesehen davon, daß die Etikettie¬ 
rungen sich zuweilen an wenig aufschlu߬ 
reichen Objekten festmachen (“Die Ein¬ 
richtung [in der Wohnung von Murray 
Rothbard] war unbürgerlicher als bei den 
Dolgoffs” S. 115), sind sie nur vorzu¬ 
nehmen, wenn die Entwicklung des Anar¬ 
chismus rein ideengeschichtlich betrach¬ 
tet wird. Welcher Erklärungswert kommt 
den Aussagen zu, gewisse Ideen Chom¬ 
skys stammten “vom Utopismus des 18. 
und frühen 19. Jahrhunderts”(S. 60),eine 
gewisse Vorstellung Bookchins “findet 
ihren Vorläufer in Charles Fourier” (S. 
86), Murray Rothbard werde zu einem 
Trotzkisten, weil er “Stalin als Kom¬ 
munistenverräter” entlarvt (S. 170). 
Selbstverständlich mag es da Parallelen 
geben, doch sie bestehen nicht deshalb, 
weil Bookchin bei Fourier abgeschrieben, 
weil Rothbard bei Trotzki nachgeschlagen 
hat, was an Stalin zu kritisieren ist usw. 
Diese vergleichbaren Positionen treten in 
sehr unterschiedlichen sozio-ökono- 
mischcn und kulturellen Verhältnissen auf, 
und Erklärungswert hat nur die Frage, in 
welchem Verhältnis zu ihrer jeweiligen 
Zeit sic stehen. 

Eine Arbeit, die den Anspruch erhebt, 
die durch den “Antiamerikanismus ge¬ 
wisser Linken” (S. 14) verblendeten Euro¬ 
päerinnen über den heutigen Anarchis¬ 
mus in den USA zu informieren, müßte 
sich etwas wciterrcichende Fragen stei¬ 
len, beispielsweise: 

- Inwiefern ist er Ausdruck der für die 
USA spezifischen sozio-kulturellen Ver¬ 
hältnisse? (...) 

- Vor allem aber: In welchem Verhält¬ 
nis steht er zu den Verhältnissen und 
Herausforderungen der postindustriellen 
Gesellschaft, zu den Eigenheiten, welche 
die Reagan- und Busch-Administration 
hervorgebracht haben? Inwieweit ist er 
bloße Reaktion darauf? Inwieweit zeigt er 
Wege auf, wie diesen Herausforderungen 
tatsächlich begegnet werden könnte? Ob 
es sich um linke oder halblinke, rechte 
oder sich an alten Werten orientierende 
handelt, scheint mir weniger zentral. 

Es kann nicht erstaunen, daßdie Ergeb¬ 
nisse von Ulrike Hcidcrs Analyse mit¬ 
unter seltsame Blüten treibt, vor allem im 
Kapitel über Bookchin, der nicht in vor¬ 
gefertigte Bilder bzw. Rccht-Links-Sche- 
mata paßt. Gewisse Punkte in der Kritik 
an Bookchin mögen durchaus zutreffen, 






doch was dieser Mann nicht alles sein 
soll: ein “Altgenosse”, aber auch ein 
“nculinker Kritiker” (S. 92), ein “Mora¬ 
list” (S. 101) und ein “grüner Philosoph” 
(S, 101), ein ‘Naturontologc, Nationalist 
und Vertreter der Ungleichheit” (S. 112 ). 
Dieser “Meister der sozialen Ökologie” 
(S. 110), der ‘auf keinen Fall ein Rechter 
sein will (S. 112), ist trotzdem ein 
ökologischer Gratwanderer zwischen 
links und rechts” (S. 101). Als Philosoph 
kann er wohl nur schwer gelten, spricht er 
doch manchmal “mit hochgezogenen 
Lefzen (S. 90) und “in wandervogelbe- 
wegtem Pathos” (S. 92) oder gar “in Stir- 
ncrschcr Aristokratenmanier” (S. 92). 
Zudem ist er “so sehr mit leninistischem 
Dogmatismus und Reform ism us geschla¬ 
gen, daß er sich weder zu einer undog¬ 
matischen Marxinterpretation noch zu 
einer modernen Anarchismusauffassung 
durchringen kann” (S. 92). Immerhin ist 
er “sich der Nähe zum faschistoiden 
Gedankengut bewußt” (S. 108). Nur weiß 

er manchmal nicht, was er will - zum 
Glück weiß es seine Interpretin: “Er, der 
glaubt, alles ändern zu wollen, will letzt- 
endlich alles so lassen, wie es ist: die 
Ökonomie, die Klasscnverhältnissc, den 
Gcschlechtergcgensatz, die bürgerliche 


Ideologie und die christliche Moral” (S. 

111). (Was soll das eigentlich heißen: Er 
will die bürgerliche Ideologie so lassen, 
wie sie ist?) 

“Etikettenschwindel” (S. 112) gehört 
noch zu seinen.läßlicheren Sünden; was 
er sich sonst leistet, geht auf keine Kuh¬ 
haut: “Seine ökologischen Visionen und 
Konzepte schwanken zwischen unreali¬ 
stischem Insclkommunismus und dem sich 
Einrichten im Gegebenen. Aus Hedonis¬ 
mus wird Asketismus, aus Humanismus 
Menschenverachtung, aus cmanzipato- 
rischer Handlungsbercitschaft des Men¬ 
schen Passivität, aus Demokratie Aristo¬ 
kratie, aus Fraucnvcrchrung patriarcha¬ 
lische Ideologie, aus Vernunft Irrationa¬ 
lismus, aus Zukunftsbegeisterung Rück¬ 
wärtsgewandtheit, aus Individualismus 
der feudale Flickenteppich, aus Gleich¬ 
heit Ungleichheit und aus Antidarwinis¬ 
mus Sozialdarwinismus.”(S. 1IIf.) Und 
“Antietatismus wird zur lokalistisch bor¬ 
nierten antigcsellschaftlichen Ideologie 
und die dazugehörige Politik zur Spiele- *>> 
rct von Oberschichtpatriarchen” (S. 105 ). 

Alles klar macht wieder einmal eine haar- 

Qrhnrff''7nr\rrlr»»it-i/^. .. . 


reaktionärer Herkunft.” (S. 107) 

Ulrike Hcidcr bleibt bei einer derartig 
zynisch-demagogischen Rattenfänger- 
Strategie” (S. 109) nichts anderes übijig, 
als sich um diejenigen, welche seine 
Bücher lesen, zu sorgen. Allerdings gibt 
es da verschiedenen Sorten: einmal “den 
staunenden Leser” (S. 76, ob Bookchin 
auch Leserinnen hat, wird nigends sicht¬ 
bar), dann aber - und das wiegt schon 
schwerer - könnten gewisse Aussagen 
Bookchins “den naiven Leser leicht zu 
einem Euthanasicbefürwortcr machen ”(S 
99). j ‘ 

Was ist dazu noch zu sagen? Meines 
Erachtens nur: Verschiedene Titel Book¬ 
chins wurden im Bcltz- und im Trotzdcm- 
Verlag auf deutsch veröffentlicht; Rolf 
Cantzens “Weniger Staat - mehr Gesell¬ 
schaft” (1987) enthält eine eingehende 
Kritik an Bookchin. Diese Bücher seien 
zur Lektüre wärmstens empfohlen! 


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*■«*.*• v-in neun- 

scharfe Zuordnung: “Solch rückwärtsgc- 
wandte und moralistischc Kapitalismus- r 4 ^ 4 ? rn a • 
knlik schwankt zwischen progressi ver und 








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*0 -Cb* 


SCHWERPUNKT: 500 Jahre Kolonialismus. 


_ _—. — .. -am Beispiel Nordameri¬ 
ka: 1992 - Warum nur Lateinamerika • Europa und die «Neue 
Welt« • Die Neoschamanen des Kolumbus u.a. 
EM'lillllHiillHHilJUJJi UlHJILI Aspekte zur Umweltgeschichte 
des Nord-Süd-Dialogs — Neues zur alten 

Weltordnung (über die Kam pagne 92 des BUK0) lifflBBl 

Bericht zur 2. internationalen 
Netzwerk-Tagung / Übersicht über die unterschiedliche Pra¬ 
xis alternativökonomischer Projekte am Beispiel Frankreichs 
und der britischen Inseln ESBEBSSEIffl Management-Buv- 
Out der anderen Art u.v.m. 






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# Heike Brandt: Die Menschen¬ 
rechte haben kein Geschlechi. 
Die Lebensgeschichte der 

Hedwig Dohmin dcrBiographicnrcihc 
des Bcllz-Verlags. . 

Bezug: Beltz&Gelberg, Weinheim &Basil 
1989. Die Autorinarbcilcldcrzcitaneiner *- 
Biographie über Emma Goldman, die in *•, 

derselben Reihe erscheinen soll. ^ 

1 

0:> Tötet für den Frieden. 11 

Kriegsgedichte von Hadayatullah Hübsch. / 
Bezug: Verlag Peter Engstier, Oberwald- 
behrungen 13,8745 Ostheim/Röhn, 10 .- 











61 


d * r Protestieren gegen die Unterdrückung unserer Krilik 
Urc die Redaktion des Schwarzen Fadens. Anlaß unserer 
vo^kwarderimS.F. 1/92 (S. 59ff.) veröffentlichte Beitrag 
n Arno Maierbrugger: Der schwarze Faden durch die 


p LS1.I / ÜUtfl MMHH 

L uc * ll c- Eine Schw erpunktanalyse zur dcutschsprachi- 


Anarchistcnprcssc . . . Dieser Beitrag ist ein extremes 


sp l cl für eine unseriös betriebene Geschichtsschreibung. 


^ seiner Diffamierung anarchistischer Gruppen als Wegbe- 
^itcr des Faschismus ist er ein politischer Skandal. Dagegen 
Nj " n 5lctl Jochen Knoblauch. Bernd A. Laska, Andreas 
p. L ? r und Jochen Schmück ausgesprochen. Trotz an* 
ichcr Zusage wurde in der Folgenummcr des S.F. kein 
, d ^f Cr ^ cr c i n gesandten Leserbriefe abgedruckt, sondern 
hi an ^ clvitcn ’abgclchnicn Leserbriefe gegen Ge* 


Muß eine anarchistische Zeitschrift Raum zur Diskussi¬ 
on ihrer Inhalte anbieten? 

Daß eine Richtigstellung weder durch die S.F.-Rcdaktion 
selbst noch durch den Abdruck unserer Kritiken erfolgte, ist 
schon ein handfester Skandal. Denn damit werden die abstru¬ 
sen politischen Thesen Maierbruggers ja weiterhin aufrecht* 
erhalten Das wirklich Ärgerliche liegt aber in der Argumen- 
laiion, mil der Wolfgang Häuf, der Verleger des S.F.. die 
Ablehnung des Abdrucks unserer Beitrüge begründet. Er 
schrieb hierzu am 22.5.92: 


} >/ 



rdn ßcn Maierb 


ihm zu beziehen. Da somit die politischen Diffamie* 


njggers wcitcriiin unwidersprochen im Raum 


libo ^ ^ C -^ Cn ’ uns gezwungen, uns direkt an die 

Eu ^ rC ÜfrCmlichkcit 7U wcndcn; wir brauchen Deine/ 
t j^ rc oddar itat, um gcgcndicscs Verhalten der S.F.-Redak- 

1 on protestieren! 


"Die Gründe für diese Entscheide,g /der Ablehnung! lagen 
neben dem riatzgroblem in der Einschätzung. daß a) das 
Niveau (vielleicht abgesehen vom Beitrag von Schmuck! 
Knoblauch, alter inclusive der Andrem von Maierbrugger) 
schwach ist undb) das ganze eine Insidcrdiskussion tst. d,c 
vielleicht 100 Anarchos auf die Palme bringt, die übrigen 
2200 Faden-Leserinnen aber wohl wenig tangiert. 



k die Anarchistinnen schuld am Faschismus? 

* ra S c m cint Maierbrugger jedenfalls.“tus dem in seiner 
üc cngrundlagc schwachen Beitrag ablcitcn zu können. 
br ^ 1 . iur ^cinc Buchveröffcnliichung »Fcssem 
]g^^ Cn nic ? u VOfl selbst.* Die Presse der Anarchisten 1S90- 
\99]\ arJlar:d aus gewählter Beispiele (Trotzdem-Verlag 
°u o ^ ucfldor ‘ Maierbrugger anarchistische Bcwc- 
n'‘R CCn i n die Nähe des Faschismus bzw. Natio- 

• ozialismus. Das liest sich in seinem Artikel bcispiclswci 


Selbstverständlich muß die S.F.-Rcdaktion aus dem Ange¬ 
bot von Beiträgen auswählcn. und cs wäre unsinnig m 
fordern, "alles" solle gedruckt werden. Desh Haugs Arg 
mente, keinen Beitrag abzudrucken. ™n emer P«hu¬ 
schen Bankrotterklärung gleich. Was sind das ^Libcn 
für die es legitim ist. eine Diskussion, die sie selber unlt.cn 
haben. auszubienden mit dem Argument, daS oiesc nu. ein. 
"Minderheit" interessiere? 


t 

§SlM 



u halten v. ar und welche Ziele er 


durch die Iwktürc des 'Einzigen' nicht aus zu 


en des Kommunismus' und Joseph Roths 


F .Rudolf Steiner. Lion Fcucluwangcr und 


d ungebeten und außerdem 


lic 'dritte Wcllcpochc ’. sprich: das ‘Dritte 
ben. Unter diesen Wrrausscizuneen scheint die 


beider Umstellung des Faschismus und 


den Sektierertum noch 


umindest unterbewertet 


Welchen Stellenwert haben Minderheiten? 
Anarchistinnen und Libenäre sind immer gegen d.c poli¬ 
tische Ausgrenzung von gesellschaftlichen M.ndcrhc.icn 
fgetreten. Und das zu Recht. Roma und Sinti, Auslän¬ 
derinnen. Knacki« und andere Internierte, jai sogar Frauen. 
Jugendliche und alte Menschen wurden und werden auch 
noch als “Randeruppen" und •‘Minderheiten stigma- 

lisicn.um socinc Auseinandersetzung mit ihren Belangen zu 

crmcidcn. Eine Ausgrenzung dieser Gruppen aus den frei- 
hci.lid.cn Medien mit dem Hinweis auf ihren zahkmnußig 

geringen Anteil an der Gcsamtbevölkening mit Hilfe solcher 

Argumente würde den politischen Selbstmord der hierfür 
wörtlichen bedeuten. 


r Texlpassagc enthaltenen sachlichen 


Uen ebenso wie all die anderen Inkorreklhcilcncinc 


tcllung in t 


gemacht. Denn weder wurde im “Einzigen" Millers 
111 Kampf* rezensiert und angeboren, noch wurde für das 
°na|v(via]is[isL-he "Drille Reich" geworben. Diese Be 


rgger seine llicsc siulzl. ist cm 



Was können wir' tm einer libertären Zeitschrift er» arten. 
Wolf-ang Haue (und »er auch immer noch die Redaktion 
des C F trägt) ist drauf und dran, einen solchen politischen 
Selbstmord zu begehen. In jeglicher Hinsicht ist Haugs 
mentation nicht stichhaltig. Denn wenn Maicrbmggcrs 
Artikel wichtig genug »ar. ihn ahzudmeken. dann konnte 
an/frau er» ar.cn. daß cs auch die Diskussion über seine 
Inhalte ist. Wenn sich aber eine solche Diskussion nicht 

lohnt, weil sic eine "lnsidcrJiskussion"ist. fragt siele warem 

überhaupt der Maicrbruggcr-Arttkel veröffentlicht 
urdc. Allein das redaktionelle Sclbs.vers.ändms des SK 
hätte eine Ablehnung der Kritik an Maierbruggers Artikel 

und damit auch die Unterdrückung der Diskussion über seine 
fragwürdigen Thesen ausschlicßcn müssen. Denn im Im¬ 
pressum des S.F. heißt cs: 


«Der SF versucht eine Mischung aus aktuellen politischen 
Ereignissen, anarchistischer Diskussion. Aktualisierung li¬ 
bertärer Theorie. Aufarbeitung freiheitlicher Geschichte 
und Beiträgen. die sich mil Kulturkritik oder einer Kultur 
von unter, befassen .” 


/ • 

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■ ■ ■ 1 “ 


Anstatt jedoch der ■'anarchistischen Diskussion " überden 
Beitrag Maietbruegers im nächsten S.F. Raum zu geben, 
wird sic unterdrückt. Die Kritik am Beitrag selbst wird tm 
S.F. Nr. 2/92 mit dem redaktionellen Hinweis hcrunicrgc- 
spiclt. daß besondere “vor.Seiten der Stirncr-Fans" massive 
Proteste gcccn den Artikel kamen. Auf die Inhalte der 
Kritiken wurde gar nicht cingcgangen. Die Behauptung, daß 

Protest vor allem von den "Stimer-Fans kam, ist nicht nur 
P! falsch (wohl keiner der Kritiker würde sich als “Stimer-Fan" 
definieren), sondern sie ist zugleich auch vor dem Hinter¬ 
grund des Maierbrugger-Artikels diffamierend. Denn was cs 
mit den "Stimer-Fans" auf sich hat. läßt sich in der vorigen 
Nummer des S.F. bei Maierbrugger nachlcscn: Sic sind 
potentielle Wegbereiter des Faschismus. Und auf solche 
Kritiker braucht der S.F. dann natürlich keine Rücksicht zu 
nehmen. Nach diesem bereits bewährten Muster läßt sich 


m 
' ' 


lisiiii 





* Iffmfa'rw* v 

/f tV- * 


zukünftig jede Diskussion über strittige Fragen politisch 
ab würgen. 


Gegen diese politische Diffamierung und gegen den poli¬ 
tischen Machtmißbrauch der S.F.-Redaklion verwehren wir 
uns. Gemessen an ihrem eigenen Sei bst Verständnis ist ihr 
Verhalten alles andere als libertär. Und sie macht zugleich 
einen erschreckenden Mangel an Kritikfähigkeit, an Tole¬ 
ranz gegenüber anderen Meinungen und insgesamt an frei¬ 
heitlicher Diskussionskultur deutlich. 


Im Interesse am Erhalt eines überregionalen anarchistischen 
Diskussionsforums, das allen Strömungen des Anarchismus 
offcnstcht, fordern wir die S.F.-Redaklion zur Abkehr von 
ihrer autoritären Redaklionspolitik auf. Wir fordern, daß die 
Diskussion über den Beitrag Maierbruggers auch dort ge¬ 
führt wird, wo er ihn veröffentlichen konnte: im Schwarzen 
Faden. Wir fordern den Abdruck unserer Kritik! 


Solidarisiert Euch mit uns und unserer Forderung nach 
einer offenen Auseinandersetzung über den Beitrag Maier- 
bruggers im Schwarzen Faden! 


Jochen Knoblauch. Andreas Müller und Jochen Schmück 





























62 


Mit dem Protestschreiben von Jochen 
Knoblauch, Andreas Müller und Jochen 
Schmück haben sich im Berliner Raum 
bisher solidarisiert: 

1. Al-Nabasch,Masern (Gewaltfreie Aktions- 
gruppe/Graswurzelrevolution Berlin) 
Zusatzerklärung: "Falls die Gegendar¬ 
stellung nicht abgedruckt wird (und sich 
derartigerSchwachsinn imSF häuft) wäre 
ich persönlich dazu bereit, eine Boykott- 
kampagne gegen den SF. die entstehen 
müßte, mitzutragen." 

2. Beyer, Wolfram (Internationale der Kricgs- 
dienstgegner/innen, IDK e.V. Berlin) 

3. Brodrecht, Uwe [(A)-Vertrieb Berlin] 

4. Cantzen, Rolf (Autor) Zusatzerklärung: 
Auseinandersetzung über vermeintliche 
"Insider-Themen" muß möglich sein!" 

5. Degen, Hans-Jürgen (Oppo-Verlag) 

6. Eckhardt, Wolfgang f Malatesta-Club] 

7. Guhl, Klaus (Guhl-Verlag) 

8. Hein, Peter (Bibliographie der Stadt- 
guenlla) - Zusatzerklärung ja: liegt aber 
dem SF nicht vor. 

9. Henning, Markus (Berliner Gesellschaft 
zum Studium sozialer Fragen e.V.) 

10. Hohmann, Caroline (A-Laden Moabit) 
Zusatzerklärung: "Ich finde, daß Maier - 
bruggers Artikel die These "Individualis- : 
mus = faschistisches Gedankengut auf¬ 
stellt ... findes es deshalb wichtig, daß ' 
Leute, die diese fakten kennen und anders ‘ 
auslegen, zu Wort kommen, so daß sich ‘ 
mensch ein eigenes Bild machen kann. 
Übrigens finde ich es scheinheilig und 
anmaßend, wenn ihr u.a. als Begründung 
des Nicht-A bdrucks angebt, daß die Kri- ® 
liker alles Männer sind..." * 

11. Kabcn, Sylvester (Anarchistischer Laden 
Berlin) Ich kann nicht akzeptieren, wenn 
gar keine Leserbriefe zu einem Thema 
zugelassen werden. Und schon gar nicht, 
wenn eine These wie Anarchisten (Indivi¬ 
dual- oder nicht) sind Wegbereiter des 
Faschismus im "SF" abgedruckt wird." 

12. Kramer, Bernd (Karin Kramer Verlag) 

Das kennen wir doch schon seit Asbach: 

Stirner = Faschist; Bakunin = Antisemit; 
Richard Wagner = Antisemit und Wegbe¬ 
reiter des Faschismus, Benito Mussolini, 
mjungen Jahren.Anarchist, dann Faschist 
also: Anarchisten = Faschisten. - Natur- Kl: 
lieh finden wir es unmöglich, konträre llal 

Ansichten nicht zu veröffentlichen " tio > 

13. Krasser, Cornelia (Ex-Herausgcbcrin der [° r 

anarchistischen texte) Wc 

14. Otten, Thomas (Gewaltfreie Aktions- 
gruppe/Gras Wurzelrevolution Berlin) siche 
Erklärung v. Masern Al-Nabasch 

15. Raasch, Rolf (Libertäres Forum Berlin) ^ 

16. Schwarz, Eugen [Potsdam, (A)-Lcsczir- 

kel Zehlendorf-Berlin] Zusatz: "Wie kann Nac 
eine Zeitschrift, die libertäre Ansprüche vot1 
zu haben vorgibt . sich autorisieren, Kriti- tion 
ken auf die geschehene An und Weise auf« 
abzutun. Vielleicht sollte sich der Schwär- «che 
ze Faden endlich dazu entschließen, etwas Umj 
mehr zur Organisierung des libertären zu s 


und autonomen Widerstands beizutragen, 

slatt solche Spalterpraxis anzuwenden. Es 

nervt uns einfach, immer wieder solche 
Skandale zu erleben.** 

17 • hf [TeIlOW - (A)-Lesezirkel 

Zehlendorf-Berlin] siche oben (Eugen) 

18. Laska,BerndA. (Nürnberg, LSR-Verlag) 
" -Ich meine. daßimSFso viel Anarchis¬ 
musfernes steht, daß von Platzmangel nicht 

ernsthaft die rede sein kann." 

19. Timm,Uwe(Ncu-Wulmstorf,Betriebsrat) 
"Wer eine inhaltliche Diskussion unter¬ 
drückt, nur noch seine Meinung gelten 
läßt, zeigt damit seine Schwäche... An 
dieser Schwäche scheiterte der Kommu¬ 
nismus und wenn eine Zeitschrift, die den 
Anspruch erhebt, liubertär zu sein, sich 
für die A usg renzung vonM inderheilen und 
der Unterdrückung von Diskussionen 
entscheidet, geht sie diesen verderblichen 
Weg der Schwäche. ..Nicht nur das gegen¬ 
wärtige Beispiel der Meinungsunter- 
drückung, auch weitere, praktizierte die 
SF-Redaktion und verspielt damit die 
Glaubwürdigkeit libertärer Tradition. 
Damitfreilich auch der Anachisten." 

20. Klink, Elmar (Bremen, Heraus¬ 
geberinnenkreis "Graswurzclrcvolution") 

21. Seidel, Fridcmann (Berlin, Libertäres 
Forum) 

22 . Müller, Thomas (Berlin) 

23. Peter Hein (Berlin) 

24. Hcttich, Lorenz (A-Kurier, EI Locco) 
(Größere Reaktion angekündigt) 


Ralf G. Landmesser (Schwarz-Rot-Vcrlag) 
hat den Aufruf nicht unterschrieben aber 
eine individuelle Stellungnahme abgege 
ben, in der er diese Auseinandersetzung 
als "Sturm im anarchistischen Wasser¬ 
glas" einstuft und uns mit der Bezeich¬ 
nung Insidcrdiskussion" recht gibt aber 
kritisiert, daß Abdruck des Artikels von 
Maierbruggcr aufgrund dessen unkritischer 
Verarbeitung des Marxisten Helms als 
"spaltcrisch" sei. (Brief liegt der Rcdak- 
tion des S.F. vor) 


•Dies war keine Begründung"! Diese 
Klammerbemerkung sollte nurdeaemen Sinn 
haben, darauf hinzuweisen, daß^übdR^kT 
tionskommcntaren normalerweise die Schreib 
form "-Innen"(also: "Kritikerinnen") benutzen 

Wenn diese Klammerso mißverständlich war’ 

dann war sic schlicht überflüssig! SF-Red ) ’ 


schrift selbst zu wenden: 

In Dortmund läuft die Aktion gut an: Bisher 
haben 12 Initiativen unsere Protesterklärung 
unterstützt: Der Buchladen Taranta babu 

Geschichtswerkstatt Dortmund, Initiativkreis 

Gefangenenarbeit. Netzwerk, Internationalis¬ 
musarchiv. Archiv der Geschichtswerkstau j 
Buchfernleihe für Gefangene, Antifa-Nord, 
Knast-Archiv "Schwarzer Stern", Redaktion 
der BAsta-Zeitung für Dortmund, Redaktion 
der "Unfassba" in Münster, Ami-AKW-Büro 
und viele Einzelpersonen wie der Geschichts¬ 
professor Hans Müller, Dieter Grützner von 
der Gesellschaft der Freigeistigen Landesge¬ 
meinschaft NRW oder SF-Abonnenten. Meine 
anfängliche Angst, daß diese Auseinander¬ 
setzung nur destruktive Züge annehmen wür¬ 
de, hat sich nicht bestätigt. In Dortmund hat 
Ste * u e‘ner kritischen R eflexion überdenSinn 
und Unsinn libertärer Geschichtsschreibung 
und endlich mal wieder meinem inhaltlichen 

nuT, hbertärer Projekte,geführt. * Aus¬ 

fluß hiervon ist nun die Vorbereitung einer 

Veranstaltungsreihe zurGeschichte und Per¬ 
spektiven anarchistischer Bewegungen, die 
nach den Sommerferien im Rahmen der Ge- 
schichtswerkstau laufen soll ” 

* Da hätte der SF ja doch (ungewollt) zur j 
Organisierung des anarchistischen" 1 
Potentials («Widerstand» ist ja wohl das 
fa sehe Wort) beigetragen. Die Frage sei 
erlaubt, weshalb wir uns eigentlich nicht j 
aus positiven Gründen zusammensetzen 
und Veranstaltungen planen? 


Nachtrag 


Nach Redaktionsschluß kam noch ein Brief 
von Andreas Müller, in dem erüberdie Reak¬ 
tion der Dortmunder Projekte und Einzelnen 
auf den "Protest" berichtet. Erfreulicherweise 
scheint die Diskussion in Dortmund und 
Umgebung weniger oberflächlich verlaufen 
zu sein und sich auch nicht gegen die Zeit¬ 



s 











63 


Stellungnahme 
der Redaktion 
des Schwarzen 
Fadens 

oder 

Schauspiel auf 
einer 

imaginären 

Bühne 


Unsere 

Beweggründe 

Der "Tatbestand” ist klar: In der letzten 
Ausgabe blieben Leserbriefe außen vor, 
die sich kritisch mit dem Artikel Arno 
Maierbruggers (SF-41) und der Rezen¬ 
sion Gregor Dills (S-41) zum Buch 
"Anarchismus heute" befaßten. Wir ha¬ 
ben dies offiziell damit begründet, daß 
wir die Kritiken a) aus Platzgründen, b) 
aufgrund ihres "schwachen Niveaus" und 
c) aufgrund unserer Einschätzung, es 
handle sich um eine "Insider-Diskussion 
nicht im SF abdrucken, sie dafür jedoch 
allen Interessierten als Kopie zusenden 
und dieser Kopie noch einen weiteren 
Diskussionstext sowie die Antworten der 
Autoren beifügen. [Wir haben diese 
Kopien auch allen zugestelll, die sie ha¬ 
ben wollten,—es waren ca. 40-45 Exem¬ 
plare, gehen wir davon aus, daß alle wei¬ 
terkopiert wurden, kommen wir ungefähr 
auf die 200 Interessierten, die wirerwartet 
haben.] 

In unserer inoffiziellen Auseinander¬ 
setzung mit den Kritikern ging es uns 
allerdings vor allem um Punkt b). Mit 
"schwachem Niveau" warnichtdie inhalk 
i;rh P Kritik son ^m die Vermischungmit 
persönlichen An griffen auf die Person der 
Autoren gemeint 

Was sollen aber langjährige Diskussio¬ 
nen in anarchistischen Zusammenhängen 
um Stigmatisierung, wenn wir es nie ler¬ 
nen sie zu vermeiden? Unser Vorgehen 
entsprach zusätzlich dem Wunsch die 
historisch so häufig anzutreffenden öffent¬ 
lichen Beschimpfungen anarchistischer 
"Größen" in ihren Zeitschriften nicht 
aktuell im SF aktuell zu wiederholen. 
Denn egal um was es sich bei den alten 
Auseinandersetzungen inhaltlich auch 
immer gehandelt hatte, es blieb der Ein¬ 
druck eines unwürdigen Schauspiels, bei 
dem immer persönliche Aversionen in 
sachliche, theoretische und politische 
Differenzen einfiossen. 

Dies stand hinter den Überlegungen 
der Redaktion. Wir müssen uns vielleicht 
den Vorwurf machen, daß wir diese 
Überlegungen nicht offener dargestellt 
haben. Dies lag jedoch vor allem daran, 
daß wir nun nicht unsererseits die Kritiker 
in irgendeiner Weise vorführen wollten. 
Daß bei ihnen der Begriff "Stimer-Fans" 
als solche Vorführung verstanden wurde, 
war von uns schwer vorauszusehen, weil 
wir keinen negativen Aspekt damit ver¬ 
knüpfen wollten und das Engagement für 
Slimer zumindest bei Knoblauch, Timm 
und Laska kennen. Wir können diesen 


Begriff gerne zurücknehmen, weisen aber 
entschieden die Konstruktion, die im 
"Protestaufruf” damit angestellt wird 
("Stirner-Fans seien potentielle Wegbe¬ 
reiter des Faschismus und damit nicht 
mehr ernst zu nehmen") als gewollte 
Überzeichnung zurück. Wir werden noch 
genauer darauf eingehen, daß solche 
"Überzeichnungen” in "Wirprotestieren!" 
eine gezielte Argumentationsmethode der 
Kritiker darstellen, um Stimmung zu 
machen. 

Der Protestaufruf 

Aus dem bisher Gesagten und dem abge¬ 
druckten Protestaufruf läßt sich ersehen, 
daß unsere Entscheidungen nicht akzep¬ 
tiert wurden. Seitens der Hauptkritiker 
(Jochen Schmück, Jochen Knoblauch und 
Andreas Müller) wurde "Wir protestie¬ 
rent " initiiert und zu einer Unterschriften¬ 
sammlung gegen den SFaufgerufen. Was 
schon zuvor in Andreas Müllers Rund¬ 
brief für Anarchismushistoriker zu beo¬ 
bachten war, nämlich daß er nach Ableh¬ 
nung seines Leserbriefs die Diskussion 
sofort von den inhaltlichen Problemen 
mit den Artikeln wegrückte und erklärte 
das "Problem Maierbrugger" würde nun 
zum "Problem SF”, geschah nun mit 
Vehemenz: die " Redaktionspolitik des 
SF" wurde in den Mittelpunkt gerückt 
Wir haben schon gesagt was von der 
"politischen Diffammierung und (vom) 
Machtmißbrauch " zu halten ist, wenn dies 
wie im Protestschreiben an dem ( viel¬ 
leicht von uns flappsig verwendeten) 
Begriff "Stimer-Fans" herbeikonstruiert 
wird. Im Vorspann, haben, wir bereits 
' darauf hingewiesen, wie durch das Weg¬ 
lassen eines wichtigen Teils der Wahrheit 
die Zustimmung benachbarter libertärer 
Projekte der "Bewegung" eingeholt wer¬ 
den kann. Wie erzeugt man aber die 
breite Zustimmung einer anarchistischen 
Öffentlichkeit? 

Die 

Konstruktionsmethode 

Wjr wollen an einem zweiten Beispiel 
aufzeigen, wie hier gearbeitet wurde: wie 
anarchistische Argumente geschickt funk- 
tionalisiert wurden: 

aus unserer Überlegung, ob diese Diskus¬ 
sion das Gros der Leserinnen interessie¬ 
ren würde (immer in Abwägung mit an¬ 
deren Artikeln,die uns Vorlagen), stammt 
unsere Einschätzung, daß es sich um eine 
"Insider-Diskussion" handelt. Dies greift 







64 

auf einen bestimmten Erfahrungswert 
zurück, den wir im Lauf der Jahre gewon¬ 
nen haben. Dazu gleich noch ausführ¬ 
licher. An dieser Stelle wollen wir nur 
kurz an unsere letzte "Insiderdiskussion" 
mitSchmück, Degen und Raasch zur Frage 
der Nationalen Identität” erinnern (nicht , 
weil sich unter den Kritikern und Unter¬ 
zeichnern dieselbe Gruppe samt ihrem 
damaligen Verleger befindet, es befinden 
sich mit Knoblauch und Beyer ja auch 
damalige Gegner unter unseren heutigen 
Kritikern), sondern weil wir als Redak¬ 
tion aus den damaligen Reaktionen vieler 
Leserinnen oder auch in einer Rezension 
der Zeitschrift Die Brücke" bescheinigt 
bekamen, daß es sich um eine schwer 

verständliche "Insidcr-Diskussion"gchan- 

delt habe, die für viele Leserinnen nicht 
nachvollziehbar war. Damals wurden wir 
von verschiedenen Seiten (anarchistischen 
und nicht-anarchistischen) aufgefordert, 
solche Diskussionen in Zukunft tunlichst 
zu vermeiden. 

Doch zum Protestaufruf: aus unserer 
Einschätzung, daß cs nurcine Minderheit 
interessieren dürfte, machen die Kritiker 
eine Ausgrenzung von Minderheiten und 
springen dann gar über zum Vergleich der 
Ausgrenzung von Minderheiten aus der 
Gesellschaft und wir müssen allen Ern¬ 
stes lesen: "Anarchisten und Libertäre 
sind immer gegen die politische Ausgren¬ 
zung von gesellschaftlichen Minderhei- 
ten aufgetreten. Und das zu Recht. Roma 
und Sinti, Ausländerinnen, Knackis und 
andere Internierte, ja sogar Frauen, 
Jugendliche und alle Menschen wurden 
und werden auch immer noch als Rand- 
gruppen und Minderheiten stigmatisiert, 
um so eine Auseinandersetzung mit ihren 
Belangen zu vermeiden." 

Merken sic nicht was sic da tun? Wo 
sind denn die Sensibilisicrungsdiskus- 
sionen um Rassismus und Minderheiten 
rechte, wenn man sich als Gruppe, deren 
Leserbriefe abgclchnt wurden, mit Min¬ 
derheiten und gesellschaftlich ausgegrenz¬ 
ten und verfolgten Gruppen mir nichts dir 
nichts auf eine Stufe stellt? 

Doch damit nicht genug: die Ablcitungs- 
methode geht noch weiter: "Eine Aus¬ 
grenzung dieser Gruppen aus den frei¬ 
heitlichen Medien mit dem Hinweis auf 
ihren zahlenmäßig geringen An teil würde 
den politischen Selbstmord der hierfür 
Verantwortlichen bedeuten. "Als Redak¬ 
teur bekommt man beim Abtippen solcher 
Konstruktionen, die sich zugegebener¬ 
maßen gut übcrlesen lassen, weil cs doch 
anarchistische Argumente sind, die 
mensch aus anderen Zusammenhängen 
kennt, doch ein erstes Zittern in den 


Fingern. Was veranlaßt die Kritiker zu 
solchen Konstruktionen ? War nicht gerade 
im SF ein Beitrag, den die Roma selbst 
geschrieben haben? Fragt sich jemand, 
wie ein solcher Beitrag zustande kommen 
konnte? In welcher anarchistischen Zeit¬ 
schrift hätte es das je gegeben? Haben wir 
nicht beinahe in jeder Ausgabe "Partei" 
für die Ausländerinnen und Flüchtlinge 
ergriffen? Gab cs keine Feminismus- 
Sondernummer? Übersetzen wir nicht lau¬ 
fend Beiträge gerade von Fcministinnen 
wie Rosclla di Leo oder Janet Bichl 
usw.usf.? Wie wehrt mcnsch sich gegen 
Vorwürfe, die genau das monieren, was 
die eigene Arbeit ausmacht? 

Aber das ist die falsche Reaktion: sic 
kommt aus dem menschlichen Sich-in- 
Fragc-stcllcn bei einer solchen Tätigkeit 
wie der Redaktionsarbeit: wie kann cs 
möglich sein, daß so wenig vom eigenen 
Bemühen mit dieser Zeitschrift rüber¬ 
kommt? Es ist diese Enttäuschung, daß 
trotz jahrelanger Arbci t, die genau solche 
gesellschaftlichen Zustände bekämpfte, 
einem vorgeworfen werden kann, man 
würde diese Zustände reproduzieren. 

Aber wie gesagt, es ist die falsche 
Reaktion: richtig ist cs, diese oberfaulen 
Konstruktionen aufzudröscln.auch wenn 
dies Platz und Zeit kostet: Dabei ist Vor¬ 
sicht angebracht, denn sic arbeiten gut 
innerhalb ihrer Methode: sie schreiben 
"würde", das läßt ihnen noch die Chance 

zu behaupten,siehätten gemeint,"falls es 

dazu komme, daß wir solche Gruppen 
ausgrenzen, wir hätten ja noch nicht ” 
Wie dein auch sei, gemeint haben sie auf 
jeden Fall, daß sic sich mi t diesen Minder¬ 
heiten auf eine Bcurtcilungsstufc steilen 
und daß sie Schlußfolgerungen mit The¬ 
sen anstcllen, die sic vielleicht gar nicht 
so gemeint haben wollen, nämlich die 
Schlußfolgerung vom "politischen Selbst¬ 
mord der hierfür Verantwortlichen " 

Und weil einige von ihnen zumindest 
einen Redakteur persönlich gut kennen 
und er cs übernahm, ihre Post zu beant¬ 
worten, wird dieser Verantwortliche gleich 
nochmal namentlich dingfest gemacht- 
"Wolfgang liaug (und wer immer noch 
die Redaktion des SF trägt) ist drauf und 
dran, einen solchen politischen Selbst- 
mor dm begehen" 

An die 

Unterzeichnenden 

Warum lesen diejenigen, die diesen 
"Proleslaufruf" unterschreiben haben und 
ihre Stimme gegen "Zensur" erheben 
eigentlich nicht genauer, was sie implizit 


mitunterschreiben? 

Sie waren teilweise vermutlich nur 
halbinformiert, davon sind wir überzeugt.' 
Und wer von uns ist nicht gegen Zensur?! 
Aber sie hätten auch unsere Sicht der 
Dingeerfragen können, das hatkeiner für 
nötig befunden, obwohl es sich doch um 
eine öffentliche Kampagne handelte und 
die meisten aus den Erfahrungen der 
Vergangenheit nur zu gut wissen müss¬ 
ten, daß in solchen Fällen immer alles 
sehr mit Vorsicht zu genießen ist. 

Sie konnten auch differenziert unter¬ 
scheiben und eigene Stellungnahmen 
anhängen, das haben einige auch getan, 
aber dabei wurde eher weiter vereinfacht: 
Es wurde ein Boykott des SF ins Ge¬ 
spräch gebracht (ein VertreterderGewalt- j 
freien Aktionsgruppe Berlin), es wurde 
konstatiert, daß bei soviel" Anarchismus- 
remem" im SF "von Platzmangel keine 
Rede” sein könne (Bernd A. Laska, LSR- 
Vcrlag), cs wurde unterstellt, daß im SF 
gestanden habe "Individualmarchismus 
—faschistoides Gedankengut" (eine Ver¬ 
treterin des A-Ladcns Moabit) oder noch 

zugespitzter, daß da gestanden hätte "Stir- , 

ner=Faschist" (Bernd Kramer). Dastellt I 
sich uns schon die Frage, ob der Faden- 
artikel überhaupt gelesen wurde oder ob 
sich die Unterzeichnenden mit dem "Pro- ; 
testaufruf” begenügten. Doch nicht ge¬ 
nug: wir verspielen “die Glaubwürdigkeit 
libertärer Tradition" (Uwe Timm), weil 
wir Meinungen unterdrücken oder tun zu 
wenig "zur Organisierung des libertären 
und autonomen Widerstands" und wen- ! 
den stattdessen eine "Spalterpraxis" an 
(Zwei Mitglieder des Anarchistischen 
LesezirkelsZehlcndorf.)Nun beim ersten 
Punkt haben sie ungewollt reeju, eine 
Zeitschrift wäre zweifellos überfordert, 
sollte sie neben der immensen Zeitungs¬ 
arbeit auch noch den "libertären und auto¬ 
nomen Widerstand" organisieren müssen. 

Sie ist also da, die gesamte Palette alter 
Stigmatisierungsübungen: Spalter.Schäd- 

ling, Ausgrenzer, Anarchismusfeme, 
Verspielen des guten Rufs libertärer 

Tradition und damitdcrAnarchisten-nur 

daß sich diese Vorhaltungen nicht, wie in 
der Geschichte gegen Konkurrenzgrup¬ 
pierungen, Aussteiger oder Überläuferaus I 
der Bewegung richten, sondern gegen eine 
nun seit langen Jahren fürviele Menschen 
durchsichtig und kontinuierlich arbeitende 
anarchistische Zeitschrift. 

Und was ist nun mit 
dem Inhalt? 1 

Interessiert das noch? Da schreibt ein 










^ Cner Autor einen Artikel über die 
in ^ Cll * sten P rcssc * n Österreich-Ungarn, 
an e * SCn 7 ciIa b^hnilt über Individual- 
ff ^ chistischc Blätter er dazu auffordert: 
diep r ^ €sen Voraussetzungen scheint 
s teh °^ e ^ 6r ^^ rner ^ aner bei d er Ent- 
tio Un ^ ^ e s Faschismus und dessen Rela- 
no 1 } 21 *™ B nks" radikalen Sektierertum 
c * nicht ausreichend betrachtet oder 
toi xr\ €St unter ^ ewertel worden zu sein." 
stis h ancxt ; cr fordert in einer anarchi¬ 
sch Cn ZcitSChrifl c * nc wc ^ crc Untcr- 
kcrl ^ Sc * tcns anarchistischer Hislori- 
, nncn °d cr seitens anarchistischer 
p c . uss fo nsz irkel), weil ihm einige Un- 
Rcd'u 1 ^ 10 ^ 011 au *ß cstossc n sind. Die 
daß tIOn ^ CS ^ * sl s * c ^ zwar b cwu ß l » 
ncte Cr ^ r ° VOlcat * v fo^uüerte, wir rcch- 
C | n n n CS ^ a ^ auc ^ Widerspruch und 
Ford IS ^ uss ^ on ’ finden aber an dieser 
\^ nin ^ nac h Untersuchung nichts 

(und 7 niChCS ’ wcnn cs uns daruni gcht 
Jah ^ csc ^ wörcn wir nun alle seit 

sinda^ narC ^* SmuSzua k tua ]i s ic rcn - Wir 
sch-^^ 1 anschcincn d der Fchlcin- 
alXan S nufgesc^cn, daß wir uns sclbst- 
Vo unscrcn Ideen und mit einigen 

Seit \ lUngcn ( auc h von marxistischer 
seih k k^^fiigen dürfen. Von dieser 
stbewußten Haltung als Anarchisten 

scr^A Cnd SC ^* cn uns a ^ s Redaktion die¬ 
se] r abdruckbar, auch wenn wir 
g c n< T P 0 ^ Crn i sc hen Stellen selbst so nicht 

kritji- ri ^ n ^ attcn un d bei ihm dicGcgcn- 
Cr . .*/ u dcn marxistischen Kritiken, die 
Rattert, entschieden zu kurz kommt. 
ßj Hsatzder Analyseaber ("Als auch in 
d ie Unken Radikalsten ihre 
p c eiil ung i m Vergleich zu den 
ei ^ 0 i ut i 0 nsjahrc n davor merklich 
Scbiißt hatten, setzte eine sektiererische 
hf lC Uun S ein, die in eine Art "linken 
^«nismus” verfiel. entspricht 
^ rc aus dem anderer (positiv zitierter) 

narchismushistorikcr wie Linse oder 

7 ^ c »cs. "Wir haben cs hier (Kapitel: 
A c n '-Mensch - "All-Mensch" - und 
d^ rC ^ Sfnus ) mit eincm Zerfallsstadium 
p K rQ( hkalen Betonung der Rolle der 
ihr- S ° n ZU tUn ~ d* e Person löste sich von 
WQ e ; Soz taten Zusammenhängen. Dies 
dik * 1 - C ^ nUr au f e i nze l ne Anarcho-Syn- 
Schr ’ SlCn bürgerlicher Herkunft be- 
~ sc b° n im Kaiserreich waren 
bz\^ bekannte anarchistische Arbeiter 
e - VV * Handwerker aus dem Wuppertal zu 
Per”* Vcr % Ziehbaren sendungsbewußten 
p^ s °nalistischen "Christentum"gelangt: 
Jo ltZ f Bi "de ... und Johannes Christian 
hicr^ mmCr b ° rn - • - • Die Resignation ist 
e xtr ^ l€ d er deutlicher Auslöser eines 
S Q ^l nien P ers °nalismus, für den die 
C e SQ kundär wird. Unter den rhei- 

Q Uch Cn ^ narc h°-Syndikalisten gab es 
for 1 Qn d ere vereinzelte Erseheinungs- 
\j^ Hen hypertropher "Vergötterung"des 
sehen. Gerade weil mit beispielloser 



BH 


D«M>nU4. »wut _ 



7. Linker Messianismus 

als Zerfallserscheinung revolutionärer 

Bewegungen 

Die neuere Forschung 10 hat auf das erstaunliche Phänomen 
hingewiesen, daß die politisch-religiösen Sekten der Wei¬ 
marer Zeit sowohl »rechts«, »nationalistisch«, »völkisch«, 
als auch »links« orientiert sein konnten, ja daß zwischen 
beiden Polen »anscheinend nicht selten vorkommende 
ideologische, personelle und organisatorische Übergänge 
und Verbindungsfäden« festzustellen sind. Deshalb wür¬ 
den die chiliastischen Sekten auch relevant »für die Erfor¬ 
schung des Faschismus und seines Verhältnisses zu linksra¬ 
dikalen revolutionären Strömungen«. 

Die ideologische und organisatorische Verbindung bei¬ 
der Pole war von den tnflationsheiiigen bewußt beabsich¬ 
tigt. Leonhard Starks Zeitungen zierte das Hakenkreuz 
nebst Hammerund Sichel. Haeusserveröffentlichte neben¬ 
einander Fotos von Lenin, Trotzki und Kapitänleutnant 
Ehrhardt, dessen Marinebrigade beim Kapp-Putsch Berlin 
besetzte. Und er schrieb: »Wir achten Hitler, Ludendorff 
Max Höiz, Ehrhardt. Liebknecht als ehrliche, das Beste 
wollende Männer.« Er nahm nicht nur die Verbindung zu 
rechtsradikalen Republikgegnern auf, sondern korrespon¬ 
dierte mit dem Anarcho-Kommunisten Hölz und ließ zeit¬ 
weise seine Geschäfte durch den Hamburger Nationalkom¬ 
munisten Fritz Wolffheim führen. Auch Muck-Lamberty, 
der Führer einer völkisch-jugendbewegten Handwerker¬ 
schar, hatte Kontakt zu Holz, ln ähnlicher Weise suchte 
Carl Strünckmann die beiden äußersten Pole des Parteien¬ 
spektrums in seiner christ-revolutionären Bewegung unter 
einen Hut zu bringen, und sein Schüler Max Schulze-Sölde 
wandelte sich vom Boheme-Anarchisten und Anarcho¬ 
syndikalisten zum Bewunderer der Artamanenbewegung 
und der linken Nationalsozialisten um die Brüder Straßer. 
Aber schon in seiner syndikalistischen Phase glorifizierte er 
keineswegs die moderne Industrie, sondern wollte zum 
Handwerkertum des Mittelalters zurückkehren. 

Die Affinität der Inflationsheiligen zu anarchistischen 
und linksradikalen Positionen und Gruppen ergab sich be¬ 
reits aus ideologischen Parallelen. Antiautoritarismus, 
Spontanismus, Partei- und Wahlabstentionismus, Volun¬ 
tarismus, Aktionismus und die Tendenz zur Bewußtseins- 
und Kulturrevolution - um einige typische linksradikale Po¬ 
sitionen schlagwortartig zu nennen - korrespondierten mit 
dem individual-anarchischen Grundzug der Inflationsheili- 
gen, der sie im »Willen« und in der »Tat« sowie in der geisti¬ 
gen Revolution die Mittel zur Zerstörung der gegenwärti¬ 
gen Gesellschaft suchen ließ. 

Der »Syndikalist«, Organ der Freien Arbeiter-Union 
Deutschlands, berichtet 1924, für die von der gescheiterten 
Revolution enttäuschten Arbeiter habe es nur die Resigna¬ 
tion gegeben oder den Weg zu den Anarchisten, Syndikali¬ 
sten und zum Haeusser-Bund: 

Man kann sich geistig und seelisch nur dann loslösen von 
der alten Welt , wenn man im Ringen mit sich seihst die neue 
Welt in sich aufbaut. Das ist die tiefe Wahrheit von Haeussers 
Reden. Wir akzeptieren an Haeusser den Kern , überden äuße¬ 
ren Klimbim lachen wir. (...) Haeusser sagt seinen Zuhörern: 
Besinnt Euch auf Euch selbst, beginnt bei Euch selbst* 
erkennt Euch selbst. (...) Haeusser wühlt die Menschen von 
innen auf erschafft Wahrheitssucher. Darin liegt seingröß- 



Hier wird in der Tat sichtbar, daß die Attraktivität der 
Inflationsheiligen mit dem Zusammenbruch der revolutio¬ 
nären Hoffnungen und der Verlagerung der politisch-öko¬ 
nomischen Revolution aufdie Bewußlseinscbene des auto¬ 
nomen Stirncrschcn Ichs zusammenhing. 






66 

Die Krise der Zeit schlug sich in einer offenen Lebens¬ 
form nieder, welche traditionelle Bindungen und Institutio¬ 
nen sprengte auf der Suche nach neuen Inhalten und Le¬ 
bensstilen. An die Stelle der satten, selbstzufriedenen Ge¬ 
mütlichkeit trat die Lebensreform der Inflationsheiligen, 
welche den Fragen der Suchenden mit dem Vorbild einer 
mobilen, antibürgerlichen Lebens weise begegneten, deren 
Radikalität allein durch die Berufung auf traditionelle 
christliche Werte gemildert wurde. Immer erfolgte der 
Bruch mit den unglaubwürdig gewordenen sozialen Nor¬ 
men, der Rückzug aus der bestehenden Sozietät. Doch die¬ 
ser Akt scheinbarer Isolierung wurde gleichzeitig empfun¬ 
den die Geburtsstunde der neuen, um das verabsolutierte 
Ich zentrierten Gesellschaftsordnung. 

Der Ichkult wurde zum wesentlichen Kennzeichen der 
Inflationshciligen und ihrer Anhänger, Max Stirners »Der 
Einzige und sein Eigentum« das neben Nietzsche oderdem 
bayerischen König Ludwig 11. oft zitierte Vorbild. »Diese 
Menschen wie Haeusser, Kiel, Stark«, schrieb die »Wil- 
helmshavener Zeitung« damals, »wollen nicht Anhänger 
und Jünger, sondern Eigene vor und hinter sich sehen.« 
Diese »Eigenen« waren, wie Stark sagte, die »Gottes-Ego¬ 
isten«. »Alles ist Ego!! (...) Ich eine Gefolgschaft irgend 
jemand gegenüber? >Mir san Mir<, - >1 g'hör eahtn selber 
o’n«, wie der Bayer sagt.« Mochte die Welt in Bürgerkrieg 
oder Wirtschaftskrisen erzittern - der Rückzug auf das 
eigene Ich blieb eine unerschütterliche Grundlage: »Ich 
Bin und Ich War und Ich Werde Sein, und wenn alle erlö¬ 
schen, Ich werde dauern!« verkündete Haeusser. Und er 
empfahl Stark die Gebetsformel: »Ich will Ich Selbst wer¬ 
den.« 

So rangen die Namenlosen um ihre Identität, schwan¬ 
kend zwischen gesunder Ichstärke und egomanischer 
Selbstvergötterung, die nur zu leicht in den paranoiden 
Wa h n von d e r M ach t u m kippc n konnte. I : ü r vic 1 e a rm e Tcu- 
fei. materiell und seelisch Entwurzelte bedurfte es nur eines 
Willcnsaktes. und schon waren sie gottähnliche selbster¬ 
nannte Kaiser und Christussc. Individuelle Entwicklungen 
mochten ebensosehr Ursache des hier zum Ausdruck kom¬ 
menden Ohnmacht-Allmacht-Komplexcs sein wie der mit 
dem Sturz der Reichsmark verbundene Fall ins Bodenlose, 
der allein im Egozentrismus, ja Größenwahn aufgelängen 
werden konnte. 



HAEUSSER 

M&re IHN 


Obige Textpassagen stammen aus dem Buch »Ulrich Linse: Barfiißi 
^phetem Erlöser der zwanziger Jahre“, Siedler-Verlag, Berlin 19 J 


Wir haben diese ausführlichen Zitate aus einem Buch, das auch die Kritiker positiv 
zitieren (also kennen) hier aufgenommen, nicht weil wir jede der Aussagen unter¬ 
schreiben wollten, aber um zu belegen, daß Maicrbruggcr mit seiner Aufforderung 
nach einer weitergehenden Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Ich-Kultcn, die 
u.a. auf Stimer zurückgingen und z.B. dem Führerkult, keineswegs so allein (bzw. von 
Helms abhängig) dasteht, wie dies die Kriüker behaupten. Wir sehen bei Ulrich Linse, 
der als Anarchismusforscher allgemein anerkannt ist, auch wenn er sich selbst 
keineswegs als solcher bezeichnet, unter dem Strich dieselbe Aussage, wie sie von 
Maierbrugger in „Fesseln brechen nicht von selbst“ getroffen wird. Da sein Buch 9 
Jahre früher veröffentlicht wurde, drängt sich die Frage auf, warum Ulrich Linse nicht 
widersprochen wurde, warum er sogar von denselben Kritikern zitiert wird? 


! Konsequenz jegliches "höhere Wesen" 
geleugnet und bekämpft wurde, die Anar¬ 
chosyndikalisten aber mit dem dürren 
Materialismus nicht zufrieden waren ... 
waren einzelne durchaus auf der Suche 
nach "Religionsersatz". Hier spielten z.B. 
die Ideen von Nietzsche eine Rolle, dessen 
" Übermensch" von den deutschen Anar¬ 
chosyndikalisten nicht als Symbol einer 
neuen Herrenrasse mißverstanden wur¬ 
de t sondern als Ideal menschlicher Eman¬ 
zipation aufgefaßt wurde, die allem durch 
den "Willen " zu bewerkstelligen sei . Nietz¬ 
sche selbst war an diesem Punkt beein¬ 
flußt von demlndividualanarchistenMüx 
Stimer, der u.a. geschrieben hatte: 
»...werdet jeder von euch ein allmäch¬ 
tiges Ich« (Kian/Nelles: Es lebt noch eine 
Flamme, S.227fL, Trotzdem*'Verlag, 
Reihe Libertäre Wtssenschaft)Dies ist der 
Ausgangspunkt die desolate Situation 
nach dem Scheitern der Revolution 1918 
und den Bewegungen bis 1923 führte zur 
Suche nach neuen Leitbildern, ob sie nun 
religiöser oder ideologischer "Natur" 
waren. Es geht z.B. um die Frage wie eine 
Umbruehssituation bei der bisherige Wert¬ 
vorstellungen teilweise zusammenge¬ 
brochen sind, auf aktive Menschen wirkt, 
dies näher zu erforschen ist so inaktuell 
nicht 

Um so perplexer waren wir al s der erste 
B rief (Bernd A. Lasten) zu dem Artikel bei 
uns ein traf und vor allem den Autor MBier- 
brugger beschimpfte. Wir haben Bernd 
aufgefordert seine Kritik sachlich zu for¬ 
mulieren, die inhaltlichen Fehler aufzu- 
schlüsseln, aber das Persönliche wegzu¬ 
lassen. Er hat darauf so reagiert, daß das 
Buch keine Basis für eine sachliche Aus¬ 
einandersetzung biete. Damit war für uns 
klar, daß wir seinen Brief nicht veröffent¬ 
lichen müssen,denn~ trotz allem Zensur- 
gesehrei - verteidigen wir unsere Verant¬ 
wortung gegenüber unseren Autorinnen 
und gegenüber dem Stil dieser Zeitschrift. 
Der nächste Brief von Andreas Miller 
kam ebenfalls nicht ohne persönlich vejr- 
lctztende Seitenhiebe aus. Er meinte 
zudem von Anfang an, er misse den 
Anarchismus vor dem SF retten: "In¬ 
zwischen ist es wohl auch schon im SF 

schick, nicht nur nationalrevolutionären 

Pharasendreschern Raum zu geben, son¬ 
dern auch (nicht genehme?) anarchi¬ 
stische Bewegungen zu diffammieren" 
Nun wir sind selbstbewußt genug zu glau¬ 
ben, daß wir bei unseren Aktivitäten inner¬ 
halb der anarchistischen Bewegung und 
nach über 13 Jahren verlegerischer Tätig¬ 
keit in Sachen Anarchismus denselben 
nicht diffammiert haben. Und wer hier 
diffammiert wird schon von selbst 
deutlich. Als der Brief von Uwe Timm zu 
Gregor Dills Beitrag kam, überraschte 
uns der Stil kaum, noch,cs macht 












schon nachdenklich, für wen wir über- 
hauptdiese aufwendige Zeitschriftprodu- 
zieren? Mit dem Artikel von Schmück/ 
Knoblauch drehte sich unsere Ein¬ 
schätzung etwas. Immerhin versuchte 
dieser Artikel über weite Strecken eine 
sachliche und informative Auseinander¬ 
setzung mit dem Text Maicrbruggcrs. Aber 
auch sie kamen nicht ohne beleidigende 
Passagen aus, wir erwogen deshalb diese 
Slilfragc einem größeren Publikum vor- 
zulegcn und alle Beiträge abzudrucken. 

Beim Lay Out stellte sich dann heraus, 
daß wir unserer Meinung nach zu viele 
gute Artikel hcrauslassen mußten, auch 
Artikel, d ie sich aufeinander bezogen und 
in eine Ausgabe gehörten. Erst dann ent¬ 
schieden wir uns für die "Lösung” alle 
Leserbriefe zum Komplex Maicrbrugger/ 
Dill hcrauszulassen und gesondert als 
Dokusammlung" anzubictcn, erleichtert 
wurde uns diese Entscheidung, weil es 
damit möglich wurde, einen "unfertigen! 
Text Werner Portmanns zum Thema 
Rechter Anarchismus" allen Interessier¬ 
ten als Diskussionsmatcrial mit beizuge¬ 
hen. Dieser Text war von Werner nicht 
zur Veröffentlichung im SF gedacht, 
gleichwohl erhoffte er sich eine Diskus¬ 
sion darüber. Wir befürchten angesichts 
der vereinfachenden Reaktionen, daß er 
kaum als Diskussionsangebot verstanden 

wurde. 


Unser Selbstverständnis 

^ir stehen als Redaktion dazu, daß wir 
ar n Ende aller Überlegungen das "Pro- 
! dukt" im Auge haben. Wenn also eine 

Ausgabe des SF einen nach unserem 
Dafürhalten (und nur so kann mcnsch ja 
entscheiden) besseren Artikel angeboten 
bekommt, als das bis dahin vorliegende 
Material, wird überlegt, welcher Beitrag 
dafür herausgenommen wird. Dies zu 
unserem "autoritären Verhalten" als 
Redaktion (Uwe Timm u.a.). Wir haben 
uyt dem SF den Anspruch in die linksra- 
dikalc Diskussion einzugreifen. Wir ver¬ 
gehen uns nicht als anarchistisches Dis¬ 
küssionsblatt, das sich darauf beschränkt, 
die eigenen theoretischen Diskussionen 

wiederzugeben, die in der jüngsten er 
ßangenheit ja nur allzu oft wenig Bcrü 
^ugspunktc aufwiesen, mit dem, was an 
uktucllcn Ereignissen ablicf. Wie hau ig 
*urde der anarchistischen Presse aus 
c igcncn Kreisen der Vorwurf gemacht, 
daß sic nur für Insider lesbar sei? Wir 
| Vc rstchcn uns auch nicht als Organ, das 

j a] lcn theoretischen Ansichten dieser 

Pluralistischen Anarchismus-Vorstellun¬ 
gen Platz cinräumcn muß, insofern haben 
wir tatsächlich ein anderes Zeilschrifien- 
als die Kritiker, die ihr "Interesse 



m Erhall eines überregionalen Diskus- 

Tcnsforms. dos ollen Strömungen tos 
tonsjorur ^/"äusdrücken.Ein 

Anarchismus offenstem ausui 

nlches Blau war vielleicht bei der G 
Inne des SF auf der Gegenbuchmesse 

979 beabsichtigt, scheiterte jedoch schon 

lamals an der mangelnden Bereuschaf. 

l^emchied^n^nngenjndVe, 

SSSnurvoneincranmehi. 
Sei Föderation herausgeben werden 

‘‘'“"StoS'uawESn 

'SS^tauschen. De, SF 
dieser Grupp f Aufgabe angesichts der 

ii/iii dies auch nicht, unser & 
tatsächlich die Mischung aus akt* 
r^tiiliehen Ereignissen mit anarc 

süschcr Theorie und kulturellen Bei tragen, 

wie wir dies im ^^^ion^beit 

^^^alsAi^totlnnÄn«*™ 

ktdcrSchwarzeFaden ein anarchistisches 

Sntkt wie auch der Trotzdem Verlag - 
entstanden aus der Vorstellung, daß wenn 
schon keine organisierten Gruppen m 
Deutschland existieren, sich wcnigstc 
viele Projekte bilden mussten, die 
öffentlich ansprechbar sind und die cm 
anarchistisches Netzwerk bilden können. 

Ls auf Umwegen zu 

Gemeinsamkeiten kommt. Die 

überregional funktionierende SF- 

Rcdtdtüon betrachten wir in diesem Sinn 
au“ gelungenes Pr^ekt, das der» 
Redakteure aus Köln. Ftankfnrt, Karls 
_ cmitonri und Grafenau/Wurtt. zu 


sammenführt. Von Anfang an haben wir 
aber auch versucht in die Diskussion mit 
anderen linken Gruppierungen zu kom¬ 
men, uns als Teil der linksradikalen (bei 
der Gründung hieß das Scene oder Um¬ 
feld der Sponti-) Bewegung zu begreifen 
und Texte verwandter politischer Rich¬ 
tungen in den Faden aufzunehmen. Dies 
sind die "Anarchismusfemen" Texte, die 
herausbleiben sollten, so lesen wir jetzt 
zwischen den Zeilen und einer der Kritiker 
betonte auch deutlich, daß Texte wie die 
der autonomenen LUPUS-Gruppe heraus¬ 
bleiben sollten. Bei solchen Reaktionen 
wird uns klar, daß wir als Redaktion 
nichtsmehrmitpuristischem Anarchismus 
Vorhaben; wir sind kein Organ zur 
Verbreitung oder V erteidigung der reinen 
Lehre, auch wenn diese sich sehr plura¬ 
listisch zusammensetzt. Vielleicht liegt 
darin das tiefersitzende Unbehagen der 
Kritiker (und Unterschreibenden?) gegen 
unsere Arbeit? Wir können es nur. 
vermuten. 

Wir wünschen uns also Beiträge aus 
anderen politischen Zusammenhängen 
wie den Autonomen, wie aus femini¬ 
stischen Kreisen o.ä.; es gab Autoren 
trotzkistischer Herkunft, sogar einer aus 
der Ex-KPD/Ml war darunter (sein Bei¬ 
trag wurde übrigens überall nur gut ge¬ 
funden) etc.Diese Redaktionspraxis hat 
zweierlei Ursachen; zum einen finden wir 
in aktuell gesellschafdichen Prozessen 
wenig aktive Anarchistinnen, die m der 
Lage sind, Analysen zu erstellen oder 
neue Ansätze in die Diskussion zu brin¬ 
gen. Es ist ein offensichtliches Manko, 
das seit Jahren besteht und das durch 
Beiträge ausgeglichen werden kann, die 
erstens vieles mit unseren Positionen 
gemeinsam haben und zum zweiten un- 














68 

sere Diskussion positiv beeinflussen 
können. Zum anderen sehen wir den 
Umkehreffekt aus diesem Prozeß: wenn 
es einer anarchistischen Zeitschrift ge¬ 
lingt in weiten Teilen einer nicht-partei¬ 
gebundenen Linken durch interessante 
Beiträge akzeptiert zu werden, verändern 
sich auch die Vorurteile, die solche lin¬ 
ken" Gruppen und Einzelne oft gegen¬ 
über dem Anarchismus an den Tag legen. 
Diese Arbeit betrachten wir als unsere 
Antwort auf den Vorwurf, wir würden die 
libertäre Tradition schädigen o.ä. 

Zu einer solchen Herangchcnswcise an 
anarchistische Zeitungsarbeit gehört aber 
auch genug Ehrlichkeit eine Sache als 
Insiderdiskussion zu bezeichnen, wenn 
dies ganz offensichtlich der Fall ist und 
auch dann, wenn es bestimmte Gruppen 
oder Freunde schmerzt. Uns deswegen 
mit dem "Ausgrenzungsvorwurf von 
Minderheiten" zu kommen, ist einfach ein 
Wegschieben der Realität überden Buh¬ 
mann SF. 

Aber obwohl dies alles gilt, bleibt klar, 
daß^der SF für solche "Insiderdiskussio¬ 
nen" auch in Zukunft immer wieder Platz 
einräumt, nur: wir bestehen darauf, daß 
sie sachlich geführt werden. Wir wollen 
nicht das Schauspiel eines heillos zerstrit¬ 
tenen Haufens profilierungssüchtiger 
Stadtneurotiker bieten. 

Als Zeitschrift können wir solche "In¬ 
siderdiskussionen" sicherlich nicht im¬ 
mer vermeiden, ganz einfach aus dem 
Grund, weil zuviel produziert wird, dem 
mensch im Sinne des Anarchismus wider¬ 
sprechen muß. Wurde dies im SF getan, 
so war das immer solange in Ordnung 
(und mit Befriedigung quittiert?) solange 
es gegen andere ging, ob gegen die Öko- 

libertären oder gegen die GRÜNEN. Aber 
der Aufschrei begann schon bei Themen 
wie den Libertarians oder Silvio Gesell. 
Das sind zwar auch keine Anarchisten, 
aber sie finden ihre Anhänger und Ver¬ 
fechter unter uns und deshalb scheinen sie 
zum anarchistischen Pluralismus zu 
gehören, der für tabu erklärt wird. Auch 
an dieser Stelle waren und sind wir unbe¬ 
quem und für manchen Anarchisten hier¬ 
zulande ein "Skandal". 

Nach zwölf Jahren Schwarzer Faden 


OHNE UNS 

Zeitschrift zur Totalen KDV 

Abo: DM 30,- / Jahr 
6 Ausgaben, eine Doppelnummer 


Neae Redaktion & Adresse: 

c/o Detlev Beutner 
Hamburger Str. 284 
3300 Braunschweig 
Tel. 0531 7 33 40 98 


hat sich an dieser Situation wenig ge¬ 
ändert, die Mehrzahl bundesdeutscher 
Anarchisten hat immer vor allem recht 
und so taucht die Erkenntnis auf, daß wir 
mit unserem Projekt trotz der guten Auf¬ 
lage wenig erreicht haben. 

Mensch läßt sich in der ''großen liber¬ 
tären Familie" möglichst lange in Ruhe 
bis es irgendwo zum Eklat kommt, daß 
dies letztlich vor allem auf dem Rücken 
einer Zeitschrift ausgetragen wird, ist 
angesichts der mangelnden Diskussions¬ 
zusammenhänge fast schon logisch. Daß 
sich dieses im Abstand von einigen Jah¬ 
ren immer wieder wiederholt, ist eben¬ 
falls der Nichtorganisiertheit bundes¬ 
deutscher Anarchisten und der Platzhal¬ 
terfunktion ihrer Zeitschriften zuzuschrei¬ 
ben. Eine Organisation jedenfalls hätte 
diescThemen diskutiert, eingeschätzt und 
abgehakt. Sie wären einflußreich gewor¬ 
den oder einflußlos geblieben, ihr S teilen- 
wert hätte sich an der Praxis messen las¬ 
sen etc. All das beobachten wir bei Orga¬ 
nisationsversuchen immer wieder, so 
haben wir beispielsweise erfahren, daß 
derzeit in Kreisen der ÖkoLi über Silvio 
Gesell kontrovers diskutiert wird. Im 
konturenlosen Zusammenhang der anar¬ 
chistischen Bewegung, kann aber alle 
Jahre wieder folgenlos ins Blaue rein¬ 
philosophiert werden und dabei dem eige¬ 
nen Standpunkt eine übergroße Wichtig¬ 
keit zugemessen werden. 


Zurück zum Aus¬ 
gangspunkt 

Zunächst zum Buch und Artikel: wir 
akzeptieren die Kritik, daß beides Fehler 
enthält und begrüßen es, wenn diese rich¬ 
tiggestellt werden! (Dies zum Vorwurf 
der Meinungsunterdrückung!) Wir sehen 
es auch als berechtigt an, wenn die Kritiker 
speziell am Buch monieren, daß zuvicle 
zitierte marxistische Beurteilungen über 
Anarchismus und einzelne Anarchisten 
unkommentiert bleiben. Wir könnten hier 
nun versuchen auch unsere Verlagsarbeit 
darzustollen, aber dies würde zu um¬ 
fangreich werden. Nur soviel: Die "Reihe 
Libertäre Wissenschaft" in der das Buch 
von Arno Maierbrugger erschienen ist, 
versteht sich als Angebot unsererseits, 
Themen, die an Unis erarbeitet wurden in 

de r Abs ic h t zu verö ffentl ic hen, dam i t diese 

nicht in 6 Exemplaren in für Viele unzu- 
gängliehen Universitätsarchiven verstau¬ 
ben, sondern in kleinen Auflagen zugäng¬ 
licher werden, — damit der Forschungs¬ 
stand weitergeht und nicht immer wieder 
dieselben Arbeiten geschrieben werden. 
Wir lektorieren diese Arbeiten manchmal 
weniger als andere Bücher, weil sie oft in 


ähnlicher Weise wie an der Uni abgegebe; 
veröffentlicht werden müssen und wei 
sie auch (in beschränktem Rahmen) voi 
Uni-Profs "vorlektorierf wurden. Wi 
beteiligen auch die Autoren bei de; 
Gestaltung und gewähren ihnen rcch 
großen Einfluß auf die Gestaltung ihre! 
Buches. DennochmaehenwirVbrschläg* 
und greifen ein, wenn uns Fehleräuffallen 
Wir können dabei wederden theoretischer 
Ansatz oder den Stileiner Arbeit verändern 
und auch nichtdieForschungen im Einzel* 
nen überprüfen. Es kann also nicht uni 
einen Vollkomraenheitsanspiiich gehen, 
das gilt im übrigen für jede Wissenschaft. 
Wenn nun jemand, wie im Fall Jochen 
Schmück für die Anarchistenprcssc 
dasselbe Spezialgebiet seit Jahren er¬ 
forscht, so istes natürlich n ur wah rsc h ei n - 
lieh, daß er Fehler aufzeigen kann und 
dies ist - wie schon betont — auch will¬ 
kommen. Das umstrittene Buch ist nun 
allerdings wiederum nicht so ausschlie߬ 
lich schlecht, wie dies die Kritiker dar¬ 
stellen. Maierbrugger versucht bic Tra¬ 
ditionslinien bei der Herausgabe anar¬ 
chistischer Zeitungen herauszuarbeiten 
und theoretische Grundlagen der; Heraus¬ 
geber zu verdeutlichen. Es ist bei solchen 
Arbeiten auch durchaus üblich, daß auf 
Autoren zurückgegriffen wird, die den 
Forschungsbereich bereits bearbeitet 
haben, auch wenn es sich dabei um Mar¬ 
xisten o.ä. handelt Wir verstehen zwar 
gut, daß allein der Name Helms bei vielen 
bundesdeutschen Anarchisten wie ein 
rotes Tuch wiikt, (wir hatten ja selbst den 
Ehrgeiz eine andere Ausgabe von 
Kropotkins "Eroberung des Brotes" auf 
den Buchmarktzu bringen, um diejenige 
von Helms abzulösen) stellen aber fest, 
daß die österreichischen Anarchisten sich 
offensichtlich gelassener mit ihm be¬ 
schäftigen, so bezog sich kürzlich der 
Wiener Autor Gerhard Senft (ein Autor 
des Libertad-Verlags!) in einem j 4 rtikcl- 
angebot für den SF ebenfalls positiv auf 
Helms, Wir konnten uns jedenfalls dazu 
entschließen, dieses Buch in den Verlag 
aufzunehmen und wenn wir die Gilde 
unserer Berliner Verlegerfo/fegenjdic all' 
diesen Protest unterschrieben haben, an 
sehen, so kommen wir nicht um den Sei 
tenhieb herum, daß uns ihre Souveränitä 
mit der die im Glashaus sitzenden.nd 
Steinen werfen erstaunt, wäre es doch cir 
leichtes ihnen allen ähnliches "vcrlc- 
gerisches FeMverhalten" nach weisen, wk 
uns dies im Fall des Buches und Artikels 
von Arno Maierbrugger vorgeworfen 
wird. Aber genau darum kann es nicht 
gehen, auch wenn die Kritiker noch so 
süffisant auf die mangelhafte Redaktion 
und das fehlende Lektorat Hinweisen: 
Fehler in Büchern sind bei uns allen un¬ 
vermeidlich, denn wir sind alle in cicrscl- 
ben wenig beneidenswerten Situation: wir 






il Verlegerlnncn, Vcrpackungskünstler, 

n p ClzCr - Lay Outcr, Wcrbcfachlcutc ohne 

x , 0r tune, Büroangcstclltc, Leklorinnen, 

x yocrsctzcrinncn, Briefbeantworter alles 

l ln e * nc r Person und oft nur im Nebenbe- 

5 sprich unbezahlt. Dies wollen wir 

> als.Hntschuldigung für Fehler ver¬ 

enden wissen, es soll lediglich offen- 
I c gen, daß wir sehr genau die Grenzen 
l JJ nscrcr Arbeitsfähigkeit kennengclemt 
aben und uns darüber bewußt sind. Wir 
i a ^ cn also nicht aus allen Wolken, wenn 

| Cs zu (solidarischer) Kritik kommt oder 
°flensichtliche Fehler korrigiert werden, 
^ir erwarten allerdings auch von unseren 
Kritikern, daß sic ähnlich selbstkritisch 
111 it ihren Thesen umgehen, das aber 
Vcr misscn wir in allen Stellungnahmen. 
Die Fragen von Arno Maicrbrüggcr wer¬ 
den nicht beantwortet sondern vom Tisch 
Scwischt, er hat sic nicht zu stellen und tut 
Cr cs doch, dann folgt er undifferenziert 
dem Anarchistenhasser Helms und selbst 
den kann cr nicht richtig lesen. Diese 
Massagen verdeutlichen auch in der zwei- 
ten Fassung des Artikels von Schmück/ 
Knoblauch, wo die eigentlich autoritäre 
Haltung zu finden ist, dort nämlich, wo 
keine Fragen zugclassen werden sollen. 

nian sich auch um Ungereimtheiten - 
'ric um die antisemitischen Unlcrtönedes 
^ ra kc hier-gekonnt herumschifft, indem 
^an einen Nebcnkricgsschauplalz eröff¬ 
net. Maicrbrüggcr wird einfach vorgchal- 
! lCn > daß es nicht die Vereinigung indivi¬ 
dualistischer Anarchisten' Lachmanns 
gewesen sei, der dieses Blatt nahegestan- 
j ^ Cn habe, sondern die Vereinigung indi¬ 
vidualistischer Anarchisten Ottcns. Da¬ 
nach wird genüßlich darauf herum gerit¬ 
ten, daß Maicrbrüggcr nur hätte richtig 
v °n einer anderen Sekundärliteratur ab- 
sehreiben brauchen, aber über das cigcnt- 
^eheProblem: den antisemitischen Untcr- 
löncn finden wir an dieser Stelle kein 
^ort mehr, erst an späterer S teile heißt cs 
dann vage "die unterstellten antisemi¬ 
tischen Ausfälle sind nicht ■ exempla- 
r isch."( !) Da schließt sich nun doch unse¬ 
rseits an einen der besten Kenner der 
anarchistischen Presse Jochen Schmück 
ddFrage an, waren cs nun antisemitische 
A usfällc oder nicht? Wie häufig und von 
tyem getragen? Und so könnten wir nun 
Unsererseits diesen in der Sprache unserer 

A usichtnachschrsclbstgcrcchtcnKorrck- 

drartikel (von einer Diskussion und die 
^'ird ja von uns "Zensoren" eingefordert, 
haben wir eigentlich andere 
^ 0r stcllungen)Stück für Stück zcrpflü- 
c kcn, denn auch cr strotzt vor Verein¬ 
fachungen: so ist eine Untersuchung des 
Einflusses von Haeusserdoch nichtdamil 
abzulchncn, daß cr sich selbst nicht als 
Individualanarchist bezeichnet hat. Dafür 
n anntc er sich "Ich-Mensch" oder "All- 
Mensch", eine Bezeichnung, die z.B. die 


rheinisch-bergischen Anarchosyndika¬ 
listen Max Schulze-Sölde und Walter 
Lieferkus übernommen haben, die wie¬ 
derum ihre Wurzeln sicherlich auch auf 
Stimer zurückführten. Wenn man also 
fordert, daß man genauer hinschauen muß, 
daß es keine voreiligen Schlüsse geben 
darf, dann darf unserer Ansichtnach auch 
nicht voreilig eine genauere Beschäfti¬ 


gung abgeblockt werden. 

Ja selbst beim Irraüonalismus-Problem 
teilen wir die Sicherheit der Kritiker nicht 

so ganz, zwar stimmen wir ihnen zu, wenn 
festgestellt wird, daß es eine marxistische 
Methode war, damit Anarchismus zu 
stigmatisieren, aber dem Zitat von Puder 
aus Unter dem Pflaster hegt der Strand 
können wir ebenfalls nichts abgewinnen, 
den natürlich hat auch der Faschismus 
und Nationalsozialismus geistige Quel¬ 
len und wer sich auch nur ein wenig mit 
der Ideologie der Neuen Rechten bescha- 
tigt (und zumindest Jochen Schmuck tu 
das ja) weiß sehr wohl, daß die Pogrome 
im Kopf entstehen und gut vorbereitet 
werden. Er weiß vermutlich auch daß der 
Irrationalismus dabei eine gefährliche 
Rolle spielt; Murray Bookchin wamtz.B 
davor die Aufklärung als Grundlage auf¬ 
zugeben, JanetBiehl warnt vor dem Spiri¬ 
tualismus und der Mythosgläubigkeit 
vieler Feministinnen und Alternativen. 
Weshalb hegen viele diese Besorgnis, 
wenn doch schon in den 70er Jahren im 
Kramer Verlag ein Martin Puder geschrie¬ 
ben hat, daß "die Bedeutung des Geistes 
wahnhaft,falsch eingeschätzt wird.. 

Was bleibt also von der so sicher dahe 
kommenden Kritik? Der Hinweis etwa, 
daß "Max Stimer einen wichtigen anar 
chistischen Beitrag zur Deutung des Ver¬ 
hältnisses Individuum - Gesellschaft gelei¬ 
stet" hat, -nun wer in aller Welt hatte dies 


neu; „ . , 

der was soll der Satz, wenn sich 
■brugger wirklich mit der anarchi- 
en Presse beschäftigt hätte " (mit 
; anderem beschäftigt er sich auf 
200 Seiten) "dann hätte ihm auch 
verden müssen, daß es nicht zuletzt 
,dividualistische Anarchismus war, 
r ie deutschsprachige anarchistische 
gung einen bedeutenden Teil ihres 
zistischen Reichtums verdankte." Da 
rbrugger seine Strukturanalyse an 
vier Strängen entwickelt und ein 
g davon der individualanarchistische 
[atzt dieser schön formulierte Satz 
dn Luftballon. Wenn schon Kritik, 
bi tte nicht um den heißen Brei herum, 
sollte genau gesagt werden, daß 
(i Maicrbruggers Wertung dieses 

ges anarchistischer Pressemcht paßt, 

inem nicht paßt, daß er diese Presse 

< •_ r^rr\Yr _ 


69 

darüber ließe sich diskutieren, da könnte 
über den positiven Einfluß Stimers auf 
viele Aktivisten geredet werden, aber es 
stände auch zu befürchten, daß Maier- 
brugger recht viele Beispiele auf seiner 
Seite hätte oder wie war z.B. das mit der 
kritisch-aggressiven Ablehnung von 
Mühsams und Landauers Beteiligung an 
der Münchner Räterepublik? 

Wir wollen jetzt zum Ende kommen 
und nur noch eines festhalten: die Kritiker 
haben uns gegenüber mit dem "Zom der 
Bewegung” gedroht. Sie haben das Pro¬ 
testschreiben zunächst nur im Raum 
Dortmund und in Berlin verteilt, um den 
vermeintlichen Knüppel eines bundes¬ 
weiten Protestaufrufs gegen uns zu 
schwingen, sollten wir ihren Artikel nicht 
doch noch abdrucken. Dabei hatten wir 
ihnen den Abdruck eines sachlicheren 
Beitrags bereits zugesagt. Ob sich die 
Unterschreibenden darüber bewußt wa¬ 
ren, daß sie uns gegenüber als "breite 
Kreise der libertären Bewegung" gelten 
sollten, vor denen wir in die Knie zu 
gehen haben? 

Wie dem auch sei wir drucken diesen 
"Protestaufruf" nun gleich selbst bundes¬ 
weit ab und erwarten tatsächlich, ob Euer 
Daumen nach oben oder nach unten zei¬ 
gen wird, vor allem warten wir auf Eure 
weiteren Reaktionen und sei es nur auf die 
Frage: wer ist die libertäre Bewegung? 

Ganz zuletzt drucken wir entgegen 
unserer ursprünglichen Absicht den Ori¬ 
ginal-Leserbrief von Uwe Timm, der den 
Nichtabdruck als "Schwäche" bezeichnet 
hat. Er soll unsere Feststellungen nach¬ 
träglich illustrieren helfen und erklären, 
warum wir der Auffassung waren, wir 
täten ihm und seinem Ruf einen Dienst, 
wenn wirdieses Schreiben nicht veröffent¬ 
lichen. Er verdankt diese Kehrtwendung 
in der "Redaktionspolitik" vor allem der 
Tatsache, daß bei der Aussendung der 
angekündigten Kopien die verspätet ein¬ 
gegangene Antwort Gregor Dills fehlte 
und Gregor seinerseits eine Interesse hatte, 
daß beides im Faden abgedruckt würde. 


Chomsky, Beinin u.a.: 

Die Neue Weltordnung und 
der Golfkrieg 

Trotzdem-Verlag, Grafenau 
ISBN: 3-922209-37-8,140 S., 16.-DM 
Aufsätze zu den Hintergründen des Golf¬ 
kriegs und zur US-Außenpolitik. Enthal¬ 
ten sind: Noam Chomsky: Media Control, 
Howard Zinn: Macht, Geschickte und 
Kriegsführung. Joel Beinin: Über die 
Ursachen des Golfkriegs, etc. 

Bezug: Trotzdem Verlag 
PF 1159, D-7043 Grafenau-1 





»Die Tragik 

kommunistischer Erblast 
und ihrer sonderbaren 
Blüten« 

auf dem Gebiet der 
anarchistischen 
Geschichtsschreibung 

von Jochen Schmück und 
Jochen Knoblauch 



schlimmer, 

als 

ich 

dachte. 


DerZweifel ist der Be ginn der Wissen¬ 
schaft. Wer nichts anzweifelt, prüft 
nicht. Wer nichts prüft, entdeckt nichts. 
Wer nichts entdeckt, ist blind und bleibt 
blind. 

Pierre Teilhard de Chardin 

Eine nachgesprochene Wahrheit ver¬ 
liert schon ihreGrazie, aber ein nach¬ 
gesprochener Irrtum ist ganz ekelhaft. 
Johann Wolf gang von Goethe 

Das Ärgerlichste in dieser Welt ist, 
daß die Dummen todsicher und die 
Intelligenten voller Zweifel sind. 
Bertrand Rüssel 


Der im Schwarzen Faden (l/92,S.59ff.) 
veröffentlichte Beitrag von Arno Maier- 
brugger: Der schwarze Faden durch die 
Geschichte. Eine Schwerpunktanalyse zur 
deutschsprachigen Anarchistenpresse...” 
ist ein erschreckendes Beispiel für eine 
unseriös betriebene Geschichtsschrei¬ 
bung. Ebenso wie die vom selben Verfas¬ 
ser im Trotzdem-Verlag als Buch ver¬ 
öffentlichte pressehistorischc Studie l) 
weist dieser Beitrag gravierende Mängel 
an historisch fundierter Sachkenntnis auf. 
Das soll Vorkommen - aber im Normalfall 


stehen vor einer Veröffentlichung ein 
halbwegs sachkundigcsLektoratbzw. eine 
Redaktion, die solche Flopps verhindern. 
Weitaus problematischer aber sind die 
diffamierenden historisch-politischen 
Aussagen, die Maierbrugger aus der in 
ihrer Quellengrundlage schwachen Ar¬ 
beit ableitet. Und die können nicht so im 
Raum stehen bleiben. 

Maierbruggers Beitrag krankt vor al- 
-Icm daran, daß sich der Verfasser fast 
ausschließlich und unkritisch auf sekun¬ 
däre Quellen stützt. Das ist nicht sehr 
originell - wenn dann der Verfasser zu¬ 
dem nicht einmal in der Lage ist, die von 
ihm benutzte Sekundärliteratur korrekt zu 
zitieren, ist das sogar peinlich. 

Ein Großteil der von Maierbrugger 
benutzten Sekundärquellen - so vor allem 
die Studie von Hans G. Helms und partiell 
auch die von Gerhard Botz und Michael 
Pollak - sind tendenziös auf eine poli¬ 
tische Diffamierung das Anarchismus, 
insbesondere in seiner individualistischen 
Erscheinungsform ausgerichtet. Vordem 
marxistischen Hintergrund dieser Histo¬ 
riker isteine solche Tendenz-Geschichts¬ 
schreibung durchaus verständlich. Und 
sie steht in einer langen Tradition, die bis 
auf die Verleumdungsschriften von Marx 
und Engels gegen Bakunin und andere 


Antiautoritäre aus der Zeit der I. Interna¬ 
tionale zurückreicht. 1 

Aber von einem offensichtlich sich als 
Libertären verstehenden Verfasser - und 
natürlich auch von einer anarchistischen 
Zeitschrift wie dem S.F. - hätte man einen 
kritischeren Umgang mit solchen QucI len 
erwarten können. 

Helms hat in seiner Arbeit die Denun¬ 
ziation des individualistischen Anarchis¬ 
mus recht subtil durch eine Verdichtung 
von Fakten vorgenommen, die in ihrer 
Quintessenz seine Kemthese von S timer 
als Wegbereiter einer ins Reakiionärc 
ausufemden Mittelstandsideologic stüt¬ 
zen sollen. Maierbrugger dagegen reißt 
die von Helms durchaus differenziert 
dargestellten Einzelfakten aus ihrem 
Zusammenhang und verkürzt sie zu plat¬ 
ten politischen Thesen. : 

Seine unkritischeLektüre und Auswer¬ 
tung der genannten Quellen führt Maicr- 
bruggerz.B.zusolch abstrusen Aussagen 
und Fragestellungen: • 

“Was vom Stimer-Bund zu halten war 
und welche Ziele er verfolgte, war durch 
die Lektüre des ‘Einzigen’ nicht auszu- 
machen. Da wurde Hitlers ‘Mein Kampf’ 
neben Friedrich Engels ‘Grundsätzen des 
Kommunismus’... rezensiert und angc- 
boten und außerdem tatendurstig für die 












dritte Weltcpoche’, sprich: das ‘Dritte 
Reich’ geworben. Unter diesen Voraus¬ 
setzungen scheint die Rolle der S tirniancr 
bei der Entstehung des Faschismus und 
dessen Relation zum ‘links’radikalcn 
Sektierertum noch nicht ausreichend be¬ 
frachtet oder zumindest unterbewertet 
w ordcn zu sein”. 

Hätte Maicrbruggcr wenigstens den von 
ihm als Hauptqucllc benutzten Helms 
richtig gelesen. Denn Helms behandelt 
die Bcgriffc der “dritten Weltcpoche” bzw. 
des “Dritten Reiches” differenziert und 
dem realen historischen Gegenstand ent¬ 
sprechend. Eine solch verkürzte Ablei- 
lu ng, wie sic hingegen Maicrbruggcr aus 
dem Eintreten einiger Individualanar- 
chisten für das Stimcrschc “Dritte Reich” 
hin zur Fragestellung nach der Rolle der 
Stirniancrbci der Entstehung des Faschis¬ 
mus vomimmt, ist dagegen ausgespro¬ 
chen vulgär. Politische Reizbegriffe wer¬ 
den da aus ihrem historischen Zusam¬ 
menhang und aus ihrer realen politischen 
Bedeutung heraus isoliert in den Raum 
gestellt, um möglichst peppige Thesen 
Produzieren zu können. Tatsache jedoch 
ist: Aus den realen historischen Gegeben¬ 
heiten läßt sich eine solche Fragestellung 
n icht ablcitcn, sic ist schlichtwcg aufge¬ 
setzt. 

Der Begriff des “Dritten Reiches” 
^urdc in der deutschsprachigen anarchi¬ 
stischen Bewegung erstmals von dem 
Stirncr-Forschcr Rolf Engcrt am 29. Juni 
1919 in der Zeitschrift “Der Einzige” 
benutzt 2). In Anlehnung an Max Stimer 
u nd Henrik Ibsen teilte Engcrt die Welt¬ 
geschichte in zwei Wcltcpochen - in die 
v orchrisÜichc und die christliche Zeit¬ 
rechnung - ein. Die Nullstunde der nach¬ 
christlichen Epoche des “Dritten Reiches 
3) wurde durch den Zeitpunkt der Ver¬ 
öffentlichung von Stimcrs “Einzigen” 
(1844) markiert. Dieses stimcrianischc 
Kalendarium fand (anscheinend inspiriert 
durch den französischen Revolutions- 
Kalender) auch seinen Ausdruck im Im¬ 
pressum von “Der Einzige”. Begonnen 
wurde die “neue Zeitrechnung” im “Ein¬ 
zigen” mit dem in der Kopfzeile der Zeit¬ 
schrift gedruckten Vermerk “1. Juli 75 n. 
Sb E. (1919 a.Z.)”. Doch bereits zwei 
Jahre nach ihrer Proklamation war die 
n cue Zeitrechnung in der Kopfzeile des 
Blattes schon wieder in eine Klammer 
hinter die Normalzeit gerutscht. 

Engerts Zeitrechnung und Verwendung 
des Begriffs des “Dritten Reiches” hatte 
s ich unter den Individualanarchistcn - die 
die Hauptlcscrschaft des “Einzigen” aus- 
machtcn - nicht durchsetzen können. 
Selbst die Herausgeber der Zeitschrift, 
Anselm Rucst (Emst Samuel) und Myno- 
n a (Salomo Fricdlacndcr)4), die sich von 
Engcrt zur neuen Zeitrechnung im Im¬ 
pressum des “Einzigen” hatten ahregen 


lassen, erklärten in einer dem Aufsatz 
Engerts angehängten Fußnote, in dem der 
neue Kalender dekretiert wurde: “Es sei 
betont, daß die Herausgeber von sich aus 
die Bezeichnung ‘Drittes Reich als noch 
der christlichen Sprache entnommen ab- 
lehncn; wir sprechen (wie ja auch [d.] 
Vcrf. meist) lediglich vom dritten Zeit¬ 
alter, dritter Epoche usf ”5) 

Engcrt scheint also allem Anschein nach 

Ju’in' Äiirtigi' \iii 

(' linuTfiHli'binut 

»vuimwrti'l'fit 

I): Jiclf F'mnTt. 

• F i u L- t' V f f t. 


E'ifloa frrs brüten '.Rcirfu** 

ziemlich isolicrtals Verkünder des “Drit¬ 
ten Reiches” (und wohlgemcrkt des Stir- 
nerschcn, nicht des Hiücrschcn) aufge¬ 
treten zu sein. Ist es auf der Grundlage 
dieser Fakten legitim, die Frage nach der 
“Rolle der Stimianer bei der Entstehung 
des Faschismus” aufzuwerfen? 

Eine Differenzierung des von dem 
Individualanarchisten Rolf Engcrt ver¬ 
wendeten Begriffes des “Dritten Reiches” 
wäre aufgrund unseres heuügcn nega¬ 
tiven Verständnisses des Begriffs unver¬ 
zichtbar gewesen. Zu eng ist dieser Be¬ 
griff mit dem Nationalsozialismus und 
seinem faschistischen Terroregime ver¬ 


71 

knüpft. Daß Maicrbrugger dennoch auf 
eine solche Differenzierung der Begriffe 
verzichtet, weist ihn entweder als poli¬ 
tisch extrem naiv aus, oder es ist poli¬ 
tische Intention. Eine Intention, die sich 
gegen ein pluralistisches Verständnis des 
Anarchismus richtet, der auch genügend 
Freiraum für Individualisten, Querdenker 
und Abweichler läßt. 

Maicrbruggers “Leseschwächen ,, (oder 
Schludrigkeiten) sind schon frappierend. 
Das erwähnte Beispiel ist beileibe kein 
Einzelfall. Ein ähnlicher Flopp unterläuft 
ihm, wenn er über die Zeitschrift “Der 
Krakchler” schreibt: 

“Dem folgte ‘Der Krakchler’ (DasBlatt 
der Eigcnbrödler (sic!), ab dem 2. Jg.: Ein 
B latt für Menschenrechte und hcrrschafts- 
lose Kultur, Hamburg 1921-1923), ein 
der Vereinigung individualistischer Anar¬ 
chisten Lachmanns nahestehendes Blatt 
mitantikapitalistisch-antisemitischen und 
sozialistisch-arischen Untertönen.” 

Bei Gerhard Botz lautet diese Text- 
steile fast wortwörtlich wie folgt: 

“Sein nächstes Zeitschriftenprojekt war 
die Herausgabe des Krakchler. Die Unter¬ 
titel lauten programatisch: Das Blatt der 
Eigenbrödler (sic!), möglicherweise eine 
Anspielung auf Vorwürfe seitens der 
Syndikalisten, und im 2. Jahrgang: Ein 
B latt für Menschenrechte und herrschafts¬ 
lose Kultur. Organisatorisch und ideolo¬ 
gisch stand die Zeitschrift der Vereini¬ 
gung individualistischer Anarchisten 
Oltens und dem Wiener Anarchismus 
nahe.” 6) 

Wäs in aller Welt mag Maicrbrugger 
bewogen haben aus der Vereinigung indi¬ 
vidualistischer Anarchisten Ottcns eine 
Vereinigung individualistischer Anar¬ 
chisten Lachmanns zu machen, was soll 
diese Reduktion der Aussage? Er hätte 
doch einfach nur korrekt abzuschreiben 
brauchen! 

Doch es sind nicht diese Inkorrekthei¬ 
ten, die Maierbruggers Beitrag so uner¬ 
träglich machen. Weitaus problematischer 


Heft 2 und 3 der 

.Neuen Beiträge zur Stirnerforschung * 

Wie sah Max Stirner aus? 

dieser freieste Geist aller Zeiten, 

Verfasser des radikalsten Buches der Weltliteratur 

Der Einzige 

Diese Frage ist jetzt gelost! 

Zu-ei zeitgenössische Bildnisse Stimers sind Runden und hier erstmalig veröffentlicht: 

1. Jugendbildnis (ca. 1832). Brustbild Bleistiftzeichnung 

2. Stimer im Mannesa lter (eg, 1842h ga nze Gestalt, Federzeichnung. 

Das vorliegende Dojfielheft enthält ferner eine zeitgenössische Federzeichnung: 

die Freien, ienen radihalen Kreis des ,„märzlichen Berlin, in ihrer Kne^e darstellend. 
Darunter: Arnold Rüge. Ludu igBuhl. KarlHauwerch. Bruno Bauer Otto W.gand, 
Edgar Bauer. Max Stimer. Eduard Meyen. C. /*. Koppen. 

und Auszuge ans Friedrich Fugels »Christi. Heldengedicht« (1842), 

in dem die Freien literarisch Porträtiert sind. 




72 


«gar 

■hssü 




ist seine Methode, aus der von ihm flott 
zusam m cnmon tierten Zitalcncol läge po I i - 
tisch diffamierende Aussagen gegen den 

individualistischen Anarchismus abzulci- 

tcn. In seinem Bemühen, Verbindungs¬ 
linien zwischen Anarchismus und Faschis¬ 
mus herzusteilen, hebt Maierbrugger ge¬ 
legentlich regelrecht ab. Seine Distan¬ 
zierung von der historischen Realität wird 
besonders in seiner Beschreibung des 
“Innationsheiligen” Ludwig Christian 
Hacusscr deutlich. Dieser “rührte” - laut 
Maierbrugger - “schon früh in den Zwan¬ 
ziger Jahren tief im Sumpf der national¬ 
sozialistischen Ideologie, einem Trend, 
den der marxistische Slirncr-Kcnncr 
HELMS dem Individual-Anarchismus 
zugrunde legt . Hacusscrstand zwar weder 
dcranarchisLschcn Bewegung nahe, noch 
war er ein Nationalsozialist 7), aber über 
diese Fakten setzt sich Maierbrugger - 
sofern cs nur seinen dubiosen Thesen dient 
- unbekümmert hinweg. 

Am Beispiel von Maierbruggers Bei¬ 
trag wird sozusagen die “Tragik kommu¬ 
nistischer Erblasl und ihrer sonderbaren 
Blüten nun auch auf dem Gebiet der 
anarchistischen Geschichtsschreibung 
deutlich. Eigentlich hätte man diese Art 
von dcnunz.ialorischcr Geschichtsschrei¬ 
bung schon längst auf dem “Misthaufen 
der Geschichte” vermutet. 

Marxisten aller Schattierungen haben 
(wenn man von wenigen Ausnahmen wie 
Georg Adler absicht) ihren ideologischen 
Hauplangriff gegen den Anarchismus 
bevorzugt miteiner Attackcauf Max Slir- 
ncr und seinen “Einzigen” cingclcitct. 
Daran hat sich H.G. Helms in den 60er 
Jahren redlich abgcrackcrt und Arno 
Maierbrugger trottet heute - ein wenig 
desorientiert, weil unfundiert - in seinen 
Fußstapfen. So etwa wenn er in seinem 
Buch schreibt: 

“Allerdings bleibt Stimer, und darin 
sind sich die meisten Analytiker einig, 
eine rational begründete Synthese zwi¬ 
schen Individuellem und Sozialem schul¬ 


dig. Seine Lchrcist damit weitgehend von 
irrationalen Voraussetzungen bestimmt, 
eine metaphysische Kritik also.” 8) 

Seit Georg Lukäcs die These vom 
deutschen philosophischen Irralionalis- 
musalscincrQuellcdes Nationalsozialis¬ 
mus in die Diskussion gebracht hat, ist sic 
von marxistischen Historikern bevorzugt 
auch gegen den Anarchismus ins Feld 
gelührt worden. So kann cs nicht verwun¬ 
dern, daß sich dieser gegen Stirncr und 
seine Anhängerschaft erhobene Vorwurf 
des Irrationalismus als eines geistigen 
Weg bereilers dcs Faseh isnius wic ein roter 

Faden auch durch die Studien von Hans 
G. Helms, Gerhard Botz und Michael 
Pollak zieht. Von einem libertären Ver¬ 
fasser und von einer anarchistischen Zeit¬ 
schrift wie dem S ,F. hätte man jedoch eine 
kritische Hinterfragung dieser These 
erwarten können. Daß dies nicht geschah, 
macht erhebliche Defizite an kritischem 
Rcflcxionsvcrmögcn deutlich. 

Der Irrationalismusvorwurf war in der 
marxistischen Linken Deutschlands schon 
immer als Knüppel beliebt, um Dissiden¬ 
ten zum Schweigen zu bringen. Die Dif¬ 
famierung abweichender Meinungen als 
irrationalistisch = faschistisch ist schlie߬ 
lich die bequemste Art, sich vor einer 
Auseinandersetzung mit unbequemen 
Ideen zu drücken. Die marxistische Linke 
hat inzwischen anderere, vitalere Sorgen 
als auf den Anarchismus cinzudrcschcn. 
Das ist auch gar nicht mehr nötig. Denn 
inzwischen dreschen die Anarchisten auf 
sich selbst ein. Was für eine Posse! 

An anderer Stelle und in einem anderen 
Zusammenhang ist die Debatte über die 
Instrumentierung dieser These als eines 
politischen Mittels der Denunziation der 
nichtmarxistischen Linken vor Jahren 
durchaus intensiv geführt werden. Man 
erinnere sich nur an die Auseinander¬ 
setzungen, die hierüber in den 70er und 
80er Jahren in der im Kramer Verlag 
erschienenen Reihe “Unter dem Pflaster 
liegt der Strand” geführt w-urden. In dem 
i m mer noch oder schon wieder sehr lesens¬ 
werten Aufsatz “Marx und Engels als 


konservative Denker” hat dort Martin 
Puder 1976 hierzu angcmcrkl: 

“Es war offenbar unsinnig, als Georg 
Lukäcs die geistigen Quellen Hitlers im 
deutschen Irrationalismus seit Schclling 
entdecken wollte, denn der Faschismus 
hatte überhaupt kein cigcngcwichtigcs 
Verhältnis zum Geist der Tradition. Er 
hätte sich unter anderen Gegebenheiten 
genauso auf den Rationalismus berufen 
können. ‘Geist’ war ihm rein instrumen- 
lell, bloßes Herrschaflsmanipulaüv, und 
Philosophen im Hinblick auf die faschi¬ 
stische Praxis den Rang einer causa ge¬ 
ben, heißt die Bedeutung des Geistes 
wahnhaft falsch einschätzen.” 9) 1 
Daß in einer anarchistischen Zeitschrift 
inzwischen daran erinnert werden muß, 
daß cs gerade Max Stimer war, der zur 
Deutung des Verhältnisses Individuum- 
Gesellschaft einen wichtigen anarchi¬ 
stischen Be itrag geleistet hat, zeigt, w ic cs 
um die heutige anarchistische Bewegung 
bestellt ist. Libertäre Historiker wie Max 
Nculau haben Stimer stets als bewußten 
anarchistischen Empörer gewürdigt, der 
das Wesen der ‘freiwilligen Knechtschaft’ 










^ Uf chschauic, radikal den Siaat ablchnic 
Q das freie Verhältnis jedes einzelnen 
frei gewählten Gruppe als die einzige 
öglichkeit des sozialen Zusammen- 
c c ns ihrer Freiheit bewußter Menschen 

ansah. 

Wenn sich Maierbrugger wirklich mit 
anarchistischen Presse beschäftigt 
äUc > dann hätte ihm auch klarwerden 
fassen, daß cs nicht zuletzt der indivi- 
nalistischc Anarchismus war, dem die 
c uischsprachigc anarchistische Bcwc- 

S Un g einen bedeutenden Teil ihres publi¬ 
zistischen Reichtums verdankte. Aber er 
^ Cl ß cs eben nicht, weil er cs aufgrund 
seiner wenigen sekundären und zwcifcl- 
ü a h lcn Quellen und deren nur obcrfläch- 
,c er Lektüre nicht wissen kann. In der 
äs Standardwerk gellenden Arbeit von 
ric h Linse: “Anarchismus im deutschen 
a,SCrr cich” hätte Maierbrugger z.B. die 
gerecht gegenüber Helms getroffene 
Anmerkung lesen können: 

Was jedoch Helms (bei seiner These 
^onStimcralsMittcIslandsidcologcn,J.S.) 
ä ersieht, ist das Faktum, daß gerade die 
ohemc-lnlclligcnz in Stimer während 
Cr Kaiserzeil und Weimarer Republik 
1 rc n Lehrmeister sah, und unter der 
Anregung Mackaysund vorbereitet durch 
^ Cn Nietzsche-Kult seine für den Arbeiter 
schwer verständlichen Schriften im Ori- 
jhnal las: so Rudolf Steiner, der frühe 
Ustav Landauer, Erich Mühsam, dann 
aus dem Mühsam-Kreis Rudolf Böhm, 
^skar Maria Graf und Georg Schrimpf. 
Auch Karl Friedrich Hartmann, Johannes 
*olzmann und Red Marut stützten sich 
äu^ ihn; ebenso läßt Albert Weidners 
Armer Teufel’ Stirncr anklingen. Der 
In dividualistischc Anarchismus’ der 
Weimarer Republik bestätigt die Wert¬ 
schätzung, der sich Stirncr gerade in der 
Boheme erfreute”. 10) 

Die von Engcrtausgcgcbcnc neue Zeit¬ 
dehnung des “Dritten Reiches” und auch 
d, c dem Blatt “Der Krakchlcr” (und damit 
v crmuilich dem Anarchisten Carl Dopf) 
unterstellten antiscmclischcn Ausfälle 
sind nicht exemplarisch fürden individua¬ 
listischen deutschsprachigen Anarchis¬ 
mus. Sic sind ebensowenig ein Beleg für 
eine wechselseitige Affinität zwischen 
Libertären und Faschisten wie die Tat¬ 
sche, daß die NSDAP teilweise ihre 
^ r ündungsmitglicdcr auch aus den Rci- 
Cn der Syndikalisten rekrutierten konn- 
So z.B. in Mengede, wo von vierzehn 
^ r undungsmiiglicdcrn der NSDAP min- 
dcs tcns acht aus der syndikalistischen 
Cw cgung kamen. 11) 

^aierbruggers Wissen um die Ge¬ 
richte der deutschsprachigen anarchi¬ 
stischen Bewegung ist wirklich nicht 
Rauschend. Etwa wenn cr meint, daß 
S!c h “höchst interessante personelle und 
SLr ukturcIlc Zusammenhänge besonders 


aus der anarchistischen Prcsselandschaft 
der Frühzeit der Bewegung, etwa ab 1850 
bis zur Jahrhundertwende ablcscn” lie¬ 
ßen. Aus den zur Entstehungsgeschichte 
des deutschsprachigen Anarchismus exi¬ 
stierenden Quellen und Werken lassen 
sich solche Zusammenhänge jedenfalls 
nicht ablcscn. 

Um 1850 gab cs im deutschen Sprach- 
raum weder eine anarchistische Bewe¬ 
gung noch ei ne anarchistische Prcsscland- 
schaft. Und daran sollte sich auch über 
Jahrzehnte hinweg nichLs ändern. Der erste 
Anstoß zu einer deutschsprachigen anar¬ 
chistischen Agitation ging von der Jura- 
Föderation 1874 durch Gründung des 
“Sozialdcmocratischcn Bulletins” aus. 
Und erst ein Jahr darauf wurden nach 
einem Bericht des wcstschwcizcr Anar- 
chistcnorgans “Revolte” die ersten deut¬ 
schen Gruppen und die von Deutschen 
selbst publizierte Berner “Arbeiter-Zei¬ 
tung” gegründet. Ein ganzes Vicrtcljahr- 
hundert, Tn dem von eincr“anarchistischcn 
Prcsselandschaft” und von einer “Früh¬ 
zeit der Bewegung” keine Rede sein kann! 

Es ließen sich in Maierbruggers Bei¬ 
trag noch zahlreiche andere Korrekturen 
vornehmen und vermehrt gilt das für sei¬ 
ne Buch Veröffentlichung. Eine solche 
Richtigstellung würde jedoch jeglichen 
Zcitschriftcnrahmcn sprengen. Nachdenk- 
lich macht, daß eine solch inkorrekte 
tendenziöse anti-anarchistische 
Geschichtsschreibung in einem libertären 
Blatt wie dem Schwarzen Faden erscheint. 

* * * 

1) Arno Maierbrugger: »Fesseln breehen nicht 
von selbst«. Die Presse der Anarchisten 
1890-1933 anhand ausgcwähllcr Beispiele, 
Grafenau 1991. 

2) Zum Begriff des “Dritten Reiches im 
Stimerschen Sinne vgl. Hans G. Helms: 
Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, 
Max Stimers “Einziger” und der Fortschri u 
des demokratischen Sclbstbcwußtseins vom 
Vormärz bis zur Bundesrepublik, Köln 
1966, S. 391-396, 402-406 sowie Bernd 
Käst: Die Thematik des Eigners in der 
Philosophie Max Stimers. Sein Beitrag zur 
Radikalisierung der anthropologischen 
Radikalisierung, Bonn 1979, S. 162-167. 

3) Zu dem vom norwegischen Dramatiker 
Henrik Ibsen (1828-1906) geprägten Be- 
gri ff des “Dritten Reiches” vgl. Rol f Engert: 
Henrik Ibsen als Verkünder des dritten 
Reiches, Leipzig 1921. 

4) Eine nähere Betrachtung der Biographien 
von Rucst und Mynona macht deutlich, wie 
abwegig die von Maierbrugger im Zusam¬ 
menhang mi l der Zcitschri ft "Der Einzige” 
vorgcbrachlc These von der Rolle der Stir- 
niancr hei der Entstehung des Faschismus 
ist. Rucst z.B. war ein erklärter und enga¬ 
gierter Gegner des Faschismus. 1933, nach 
dem Einbruch des Hitlcrfaschismus, mußte 
er nach Paris emigrieren, wo Rucst für 
verschiedene Exilzcitschriftcn (u.a. auch 
für “Das Blaue Heft”) als Mitarbeiter tätig 
war. Im September 1937 hielt er sich illegal 


in Wien auf, um mit einer Gruppe von 
Gesinnungsfreunden die Wiederherausgabe 
des “Einzigen” zu organisieren. Den Zeit- 
gcschehnisscn entsprechend sollte das B latt 
unter dem Titel “Die Empörung” - “Eine 
Zeitschrift für Mündige”erscheinen. Ein in 
Paris von Rucst verfaßtes Werbcblaü weist 
“Die Empörung” als ein eindeutig anti¬ 
faschistisches und antimilitaristisches 
Oppositionsblatt aus. Der Überfall Hitlers 
auf Österreich im Frühjahr 1938 machte 
jedoch diese Pläne zunichte. Nach Paris 
zurückgekehrt, wurde Rucst 1939/40inter¬ 
niert. Was danach geschah, entzieht sich 
unserer Kenntnis. Bekannt ist, daß Ruest 
1943 in Carpentras/Vaucluse - wahrschein¬ 
lich an den Folgen der Internierung - im 
Krankenhaus gestorben ist. 

5) H. G. Helms: Die Ideologie der anonymen 
Gesellschaft, S.394L 

6 ) Gerhard Botz: “Der Arbeiterschriftsteller 
Carl Dopf (1883-1968) und die anarchi¬ 
stische Subkultur”, in: ders., Gerfried 
Brandstetter u. Michael Pollak: Im Schat¬ 
ten der Arbeiterbewegung. Zur Geschichte 
des Anarchismus in Österreich, Wien 1977, 
S.110. 

7) Zur Biographie und zum politischen Wir¬ 
ken von Ludwig Christian Hacusser siehe 
Ulrich Linse: Barfüßige Propheten. Erlöser 
der zwanziger Jahre. (Mit einem einleiten¬ 
den Essay von Harry Schulze: “Gescll- 
schaftskrise und Narrenparadics”), Berlin 
1983, bcs. S. 156-200. 

8 ) A. Maierbrugger: »Fesseln brechen nicht 
von selbst« , S.36. 

9) Martin Puder: “Marx und Engels als konser¬ 
vative Denker”, in: Unter dem Pflaster liegt 
der Strand, Berlin 1976, Bd. 3, S.172f. 

10 ) Ulrich Linse: Organisierter Anarchismus 
im Deutschen Kaiserreich von 1871 
(Beiträge zu einer historischen Struk¬ 
turanalyse Bayerns im Industriczeitalter, 
Bd.34), Berlin 1969, S.106f. 

11) Vgl. Andreas Müller: “Aufbruch in neue 
Zeilen. Anarchosyndikalisten und 
Nationalsozialisten in Mengede in der 
Frühphase der Weimarer Republik”, in: 
Bochumcr Archiv für die Geschichte des 
Widerstandes und der Arbeit, Nr. 8, Bochum 
1987, S.121-154. 

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7 4 


btr. Anarchismus heute- 
Rezension von Gregor Dill 
in SF-41 

Die Rezension, die Gregor Dil] (wahrschein¬ 
lich ein Pseudonym) über das Buch „Anar- 
chismus heute“ geschrieben hat, wird diktiert 
von seinen Vorurteilen, Aversionen und sei¬ 
ner daraus resultierenden Aufregung, die eine 
qualifizierte Auseinandersetzung nicht mehr 
zuläßt. 

Da er selbst gravierende Schwierigkeiten in 
der Beziehung Ich und Wir hat, darauf werde 
ich noch weiter eingehen, sucht er diese auf 
andere zu übertragen, wobei er dann solche 
Thesen aufstellt: „Timm glaubt felsenfest an 
einen natürlichen Gegenpol zwischen dem Ich 
und dem Wir, zwischen Individuum und Ge¬ 
sellschaft. Das eine ist das Feuer, das andere 
das Wasser...“ 

Das schreibt dieser gewisse Gregor Dill 
über einen Menschen, den Autor Uwe Timm, 
der in seiner langjährigen erfolgreichen Ge¬ 
werkschaftsarbeit, seinem Engagement als 
aktiver Betriebsrat, die Akzeptanz von weit 
mehr Menschen besitzt als der SF-Leser hat 
und haben wird. 

Damit sind kollektive Erfahrungen ver¬ 
bunden, worübergewisse sogenannte Anar¬ 
chisten mit Sicherheit nicht verfügen. 

Was Gregor Dill nicht begreift, wegen sei¬ 
ner Verwurzelung in einem Kollcktivbegriff, 
der ebenso reaktionär wie autoritär ist, ist ein 
anarchistisches Grundanliegen: Solidarität 
muß wie die Liebe ein Kind der Freiheit 
bleiben. 

Die Grunde ins tcllung, daß sich Individua¬ 
lität erst in einem Kollektiv zu entfalten ver¬ 
mag, es Individualität ohne Kollektiv nicht 
gäbe, war und ist eine These aller Autori¬ 
tären, insbesondere auch der Nationalsozia¬ 
listen. 

Daher sagte Adolf Hillen „Es ist einleuch¬ 
tend, daß der sozialistische Grundgedanke 
unserer Weltanschauung im Gemeinschafts- 
begriff wurzelt. Sozialismus bedeutet die aus 
dem Gemeinschaftsgeist geborene Kamerad¬ 
schaft, die »Jedem das Seine« gibt.. 

Die Nazis reduzierten ihren Sozialismus auf 
den deutschen Menschen, der Anarchist G re- 
gor Dill reduziert seinen Begriff von Anar¬ 
chismus auf „seinen Kollektivismus.” 

Die Nazis bekämpften alle Menschen, die 
als Individuen leben wollten, Gregor Dill 
haßt alle Menschen, die in der Beziehung 
Individuum und Gesellschaft die Freiheit 
der Entscheidung über das eigene Leben 
bewahren und beanspruchen. Das ist der 
psychologische und politische Hintergrund, 
wo Gregor Dill an fängt zu schreien, zu denun¬ 
zieren, sich aufzuregen und seine Adjektive 
anzubringen. Wer seinem Kollektivvcrständ- 
nis nicht zustimmt, wird dann entsprechend 
dem Grad seiner Aufregung „politisch einge¬ 
ordnet“. 

Zwar glaube ich nicht, daß man mit einem 
Müsli-Anarchismus oder mit Hilfe von anar¬ 
chistischen Sekten etwas bewirken kann, aber 


ich bin auch gegenüber diesen Gruppen tole¬ 
rant, weil ich weiß, diesem und jenem kann 
seine Sekte für sein politisches Glück etwas 
bedeuten. 

Gregor Dill besitzt diese Toleranz nicht. 
Daher kann er sich auch nicht ruhig und sach¬ 
lich mit einem Sachverhalt, mit Fakten und 
Problemen befassen, die über seinen Begriff 
von einem Kollektiv hinausgehen. Wer sei¬ 
nem Kollektiv-Anarchismus nicht akzeptiert, 
der läßt die Macht des Gehorsams außer Acht, 
und dann sieht der Uwe Timm nicht den Mut 
zur Eigeninitiative, die Kommunikationsstö¬ 
rungen etc. 

Da liegen aber heute gar nicht die Probleme 
z.B. in einem Betrieb. Die liegen ganz woan¬ 
ders. Auch das hat der kleine Gregor nicht 
mitbekommen, weil er nicht ruhig lesen und 
einen Satz durchdenken kann. Die ökono¬ 
mischen Belastungen, Ausbeutung der Gesell¬ 
schaft, all das wurde von mir beschrieben, aber 
wir, die arbeitenden Menschen können, frei 
nach Gregor Dill, davon ausgehen, das dies 
den Anarchisten um Dill völlig gleichgültig 
isL 

In einem Projekteteam befasse ich mich mit 
den Fragen von betrieblichen Strukturen, der 
Hierarchien. 

Großspurig regt sich Gregor Dill darüber 
auf, wenn sich Anarchisten ernsthaft mit die¬ 
ser Frage befassen sollten. Falls seine Anar¬ 
chisten mir im betrieblichen Alltag behilflich 
sein wollen, können, wäre es ja in der Tat sehr 
zu begrüßen, nur werden die Fragen immer 
schwieriger, je weiter man sich von seinem 
Müsli-Horizont entfernen muß. Mit bloßer 
Ablehnung von H crrschaft ist da nämlich nicht 
viel getan. 

Gregor hat zwar lesen können, aber nicht 
begreifen, daß sich Menschen für einen 
Wettbewerb oder für eine Kooperation 
entscheiden können, aber da er in seiner pa¬ 
nischen Angst vorder Freiheit Nervenzusam¬ 
menbrüche erleidet, sollte er sich und auch die 
Genossen vom SF (sie gaben ihrer Zeitschrift 
ja den Untertitel »Lust und Freiheit«, einem 
Slogan aus einem Hamburger Vergnügungs- 
viertcl, hinter die Ohren schreiben, was der 
Historiker des Anarchismus, Max Ncttlau 4 
schrieb: 

. .denn schließt Freiheit nicht Wettstreit, 
Sieg der höheren Fähigkeit und höheren Kul- 
t ur ein. A lies was (Jnif 9rmit ät he ißt ist unseren 
Forderungenfremd! " 

Nur wenn der liebe Gregor es lernt, ver¬ 
krustete Dcnkschematas aufzubrechen, viel¬ 
leicht etwas lustvoller und freier zu werden 
(gilt auch für den SF), könnten wir darauf 
hoffen, daß er eine Uniformität im Kopfe 
überwindet, die ein kreatives Denken unter¬ 
bindet. Aber, so hatte ich es gesagt: Zum 
Glück geht es der Freiheit entgegen! Die 
Kollektivsten, die das Individuum nicht gel¬ 
len lassen, die Staatssozialisten, die das eben¬ 
falls nicht laten, gehören der Vergangenheit 
an. 

In diesem Sinne war die Rezension von 
Gregor Dill ein guter Beitrag. Solange solche 


Menschen nur ihre Feindbilder verfolgen, sie 
nicht über die politische Macht verfügen, 
Andersdenkende physisch zu unterdrücken, 
können wir ruhig schlafen. 

Nachsatz von Uwe Timm, Zitat von Uwe 
Timm aus: Zur Sache Nr J t 1984 

»Zuweilen pflegen sich herrschaftssüchtige 
Ideologen zu entlarven. So findet sich im 
SchwanenFaden t NrJO t dieses psycho¬ 

logisch aufschlußreiche und hübsche Zitat: 

„In besonderer Weise lehnen wir aufgrund 
unseres gemeinschaftsbezogenen Menschen¬ 
bildes auch individualanarchistische und 
anarcho-Uberale Positionen etwa in der Art 

deramerikamschenlibenariamradiMab ..." 

Ohne sich um Fakten, Tatsachen und Argu¬ 
mente zu kümmern, behaupten irgendwelche 
Ideologen, sie besäßen ein „gemeinschaftsbe¬ 
zogenes Menschenbild“, wonach dann alle 
anderen natürlich kein ^emenufc^ 
genes Menschenbild“ besitzen. 

Wirkliche Gemeinschaft, menschliche Soli¬ 
darität, existiert nur dort, wo Menschen frei¬ 
willig Beziehungen eingehen und sich als 
gleichberechtigte Individuen gegenüber¬ 
stehen. .. Der konsequente Anarchist lehnt nicht 
nur die Herrschaft des Staates ab* sondern jede 
Herrschaft von Menschen über Menschen. In 
allen Beziehungen der Menschen* nickt nur in 
irgend welchen Teilbereichen, sieht der Anar¬ 
chist das Individuum, Mann, Frau, Kind als 
gleichberechtigtes, soziales Wesen.. 

Man sieht also, Dill und seine Genossen 
haben sich ihre Vorliebe für ein reaktionäres 
Denken und Handeln bewahrt... Undmntiger 
sind sie auch nicht geworden! 

Uwe Timm, 2153 Neu Wimstorf 
Alle Hervorhebungen stammen 


vom Autor des Leserbriefs. 









Antwort von 
Gregor Dill (Basel) 
auf Uwe Timm 


g 1C 11 cr st seit dem jüngsten Streit um den 
an' Ilra ^ ^ rno Maierbruggers zur 
nihilistischen Presse sowie um denje- 
c |^ Cn von wir zurTcxtsammlung „Anar- 
H ! 1S 7 US heute“ ist eines nicht von der 
rj an d zu weisen: DieanarchistischcThco- 

sich p 1C * nl ^ Cs ^ a ^ cn * n einen Teil, der 

1 ürdas Individuum cinzusclzcn vor- 
- )l und einen anderen Teil, der dasselbe 
lc lUn ^ür das Gemeinschaftlichebchaup- 
. ich exakt an der Anthropologie des 
1 eralismus orientierend, gehen beide 
Altungen davon aus, daß Individuum 
h Gruppe im Grunde genommen nicht 
^jCrcinbar seien: Die einen stehen ein für 
^ Ic reiheit des Einzelnen, die anderen 
? Fc Crn c * nc anarchistische Etliik, die den 
y.w T C ’ n ^ )ar SCi’lichcn Individualismus“ 
^gunsten der revolutionären Idee zum 
Schwinden bringen soll. 

( j. rc gclmäßigcn Abständen brechen 
^ beiden Standpunkte, die so vieles 
j-^uicinsam haben, ihren heimlich verein*- 
a nc n Waffenstillstand zugunsten des 
Jj? uralistischcn Anarchismusvcrständ- 
Sscs \ Sic hören auf, vereint das sch war- 
c Fähnchen zu schwingen und gehen 
j U c ' n andcr los. Was dann passiert, ist nur 
^ttwcilig; Anstatt in einer fruchtbaren 
. Untroverse die unterschiedlichen (oder 
^ntischcn!) Prämissen zu finden, hustet 
an s ‘ c 'b kurz aber heftig gegenseitig an, 
,m erneut dem folkloristisehcn Alltag zu 
Löhnen. 

Wenn nun jemand kommt und ver- 
Su cht, den scheinbaren Widerspruch zwi- 
Sc ben Individuum und Gesellschaft, der 
^ilHobbcsund Mcgcl die anarchistischen 
eister erfaßt, mittels eines anderen 
/ Hlbropologicansatzcs aufzulösen, so 


bon 

he 


]au er gleich unter die Räder jenes 
c ^gcn Streites: Er ist ein „Pseudonym“, 


( ‘hticrt von „Vorurteilen“ und „Aversio- 
icn , £ r schreit“, „denunziert“, kann 
N Wder denken noch lesen und ist „klein“ 
U * lc * ^großspurig“. Eingeengt in seinem 
bsli-Horizont“ vertritt er einen „Miisli- 

^rchismus“ der „ebenso reaktionär wie 

^äoritar ist.“ Etwa vergleichbar mit den 
, Cn der „Nazis“, insbesondere denen 
,° n »»Adolf Miller“. In seiner „panischen 
\ n g* s t vor der Freiheit“ erleidet er „Ncr- 
^^zusammcnbrüchc“ und trachtet da- 
aed h ^Andersdenkende physisch zu untcr- 
( pieken“. Darüberliinauswagtcrcs,einen 
“ Ul0r “ und „aktiven Betriebsrat“, der in 
'y ln gjährigcr erfolgreicher Betriebsarbeil“ 


als 


»arbeitender Mensch“ wertvolle 


„kollektive Erfahrungen“ gcsammcllhal, 
öffentlich zu kritisieren! Unvorstellbar! 
Ihn, den Anarchisten, der sich auf¬ 
opferungsvoll für uns die Frage stellt, 
wieviel Hierarchien wir brauchten, da „mit 
bloßer Ablehnung von Herrschaft (...) 
nicht viel getan“ sei. 

Ich bitte vielmals um Entschuldigung, 

bekenne mich der Häresie schuldig und 
werde von nun an jeden Abend für Sie 
beten, Herr Timm. 

Zurück zum Thema: Die Meinung, 
der Mensch sei des Menschen Wolf und 
zwar im tiefsten Innern seiner Natur, ist 
heute nicht weniger weit verbreitet als 
früher. Die Natur des Menschen ist der 
„natürliche Trieb“ „seine Mitmenschen 
in seinen Leistungen zu übertreffen 44 (ein 

von Timm verwendetes Ramus-Zitat). Die 

Natur der Gesellschaft ist demnach der 
Wettkampf. Um diese „natürliche“ Dyna¬ 
mik nicht in ein unziviliscrtcs Massaker 
ausufem zu lassen, schafft sich die mo¬ 
derne, humanistische Gesellschaft eine 
Kulturan. Das „Volk von Teufeln“ (Kant) 
wird mittels Moral und Gesetz institutio¬ 
nell gebunden an das „System der sitt¬ 
lichen Idee“ (Hegel): den Staat. 

Anläßl ich des Erdeipfcls von Rio stand 
im „St. GallcncrTagblatl“ vom 15.6.1992: 

Der Staat ist die moralische Instanz, die 
eine Gesellschaft sich gibt: im Wissen, 
daß sic sich im Wettkampf um Eigen¬ 
nützen selber zerstören würde. (...) Der 
Wille zum Politischen entspringt einer 

höchstproduktiven Doppelmoral: daß wir 

auf gemeinnützige Regeln drängen, die 
unseren eigennützigen Interessen entge- 
genlaufen. (...) Als Staatsbürger müssen 
wir eine Politik und Politiker wollen, die 
- gegen unsere Sondcrintcrcsscn - das 
Interesse der Menschheit wahren. (1) 

Zuweilen wird die angebliche Unver¬ 
einbarkeit von Individuum und Gesell¬ 
schaft derart bedauert, daß man sich der 
Hoffnung hingibt, „höchstens die Gen¬ 
manipulation könne in der Zukunft viel¬ 
leicht gerechte Bedingungen für alle schaf¬ 
fen, da die Ungleichheit der Menschen 
biologischer Natur sei.“ (2) 

Das Menschenbild, das sich hinter 
diesen Worten verbirgt, ist auch das 
Menschenbild eines Großteils der anar¬ 
chistischen Bewegung. Entweder du ent¬ 
scheidest dich für das Individuum oder 
für die Gruppe. Timm entschied sich für 
das Individuum und sicht sich selbst als 
Menschen, der „in der Beziehung Indivi¬ 
duum und Gesellschaft die Freiheit der 
Entscheidung über das eigene Leben 
bewahren“ will. Individuelle Entschei¬ 
dungsfreiheit in der Gruppe ist für ihn ein 
Paradox, denn „die Kollektivsten lassen 


das Individuum nicht gelten.“ 

Auf der anderen Seite ist die anarchi¬ 
stische Geschichte durchzogen von der 
Unterdrückung des Individuums zu¬ 
gunsten einer Kollcti vidcc, vorzugsweise 
dort, wo der Mensch al s Klassen- oder gar 
Masscn(mit)glicd gedacht und abgehan- 
dclt wird. 

Auszubrechen aus dieser verhängnis¬ 
vollen Denkenge, bedeutet, die Möglich¬ 
keit ins Auge zu fassen, daß sich das 
Verhältnis zwischen Individuum und 
Gemei nschaft auch anders verstehen läßt. 
Es heißt, der Frage nachzugehen, ob nicht 
erst die hicrarchicfrci strukturierte Zwi- 
schenmcnschlichkcitdcm Individuum die 
Voraussetzung abgibt, die ganze Palette 
seiner Bedürfnisse zu befriedigen, um frei 
zu sein. Genauso wie ein anarchistisches 
Kollektiv nur dann eines sein kann, wenn 
cs aus freien Individuen zusammenge¬ 
setzt ist. 


(1) Das „St. GallcncrTagblatl“ ist nicht bloß 
ein unbedeutendes Provinzblättchen. Es 
ist die Tageszeitung einer Stadt, in dersich 
die bedeutendste Universität der 
Nationalökonomie der Schweiz, befindet. 

(2) Heim, Christoph, Braucht die gesunde 
Demokratie ihre Kriege? über Francis 
Fukuyamas Buch „Das Ende der 
Geschichte“, eine konservative Eschato¬ 
logie und kapitalistische Apologie; in: 
Basler Zeitung vom 28.4.1992 










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München